Immer wieder hört man von einem Bruch mit der Tradition: Die Lefebvrianer sehen das Zweite Vatikanische Konzil als Bruch und lehnen auch die «nachkonziliaren» Lehraussagen ab. Die Sedisvakantisten sehen die Kirche als komplett gefallen an. Beide vertreten eine starre, statische Sicht auf die Tradition.
Die Modernisten hingegen glauben, es gäbe eine neue Kirche, und legen keinen Wert auf eine Tradition.
Dazwischen stehen jene, die sich an der lebendigen Tradition orientieren durch die Hermeneutik der Kontinuität (Papst Benedikt XVI.).
Auf Modernismus und Liberalismus müssen wir nicht eingehen: Die Kirche hat diese klar als Sammelbecken aller Häresien verurteilt (Pius X., «Pascendi Dominici Gregis», 1907).
Aber ist die Tradition lebendig oder statisch?
Der heilige Vinzenz von Lérins lehrt, dass die Wahrheit nie dem Zeitgeist unterliegt, wohl aber in der Verkündigung wachsen und sich entfalten kann: «Quod ubique, quod semper, quod ab omnibus creditum est» (Was überall, was immer und was von allen geglaubt wurde, Commonitorium, 434).
Leider gibt es zweideutige Texte, die vor allem nach dem Konzil durch libertäre Kräfte modernistisch ausgelegt wurden. Papst Benedikt XVI. verurteilte dies, als er vom «Geist des Konzils» sprach. Mit Dokumenten wie «Dominus Iesus» wollte er dem Relativismus den Wind aus den Segeln nehmen.
Das gleiche Problem findet man bei der Liturgiereform. Vieles, was die Konzilsväter wollten, wurde leider nicht umgesetzt.
Es bleibt die Frage: Ist die Tradition statisch oder lebendig?
Die Katholische Kirche unterscheidet zwischen unveränderlichen Glaubenswahrheiten und veränderlichen Disziplinen. Die Glaubenswahrheiten gehören zum «depositum fidei» und können nicht geändert werden, während Riten, liturgische Bräuche oder Disziplinen angepasst werden können, ohne den Glauben selbst zu ändern.
Damit wird klar: Die Kirche hat das Recht, Disziplinen zu ordnen. Sie können aber nicht zum Glaubensabfall führen.
Leider wird dies in der Praxis oft übersehen. Auf Seite der Lefebvrianer bekommt man den Eindruck, die Kirche müsse ins Jahr 1965 zurück, alle müssten die Messe nach dem Missale von 1962 lesen und die Welt sei wieder in Ordnung. Man vergisst die 1968er-Revolution, man beachtet nicht, dass die Welt sich verändert hat. Deshalb finden Lefebvrianer es schon fast unmöglich, dass man in einer Pfarrei den Glauben bewahren kann. Sie schauen vor allem auf die leider nicht wenigen liturgischen Missbräuche im deutschsprachigen Raum und nehmen diese Messen als Massstab, obwohl man z. B. in Kroatien oder Polen solche Missbräuche nicht kennt.
Papst Benedikt XVI. wollte durch die Zulassung der sogenannten alten Messe eine Reform der Reform der Liturgie, damit sich beide Formen des römischen Ritus gegenseitig bereichern. Leider ist das heute noch keine Realität. Die Art, wie die Heilige Messe gefeiert wird, wird oft zum Politikum, die Rechtgläubigkeit schon fast daran gemessen.
Jedes Schisma und jede Trennung wurde oft mit dem Festhalten an der Tradition begründet. Die Orthodoxen empfanden es als No-Go, das Filioque einzuführen. Luther nannte seine Deformation eine Reformation, die Altkatholiken lehnten das Dogma der Unfehlbarkeit des Papstes ab, weil sie es mit ihrem Verständnis der Tradition nicht vereinbaren konnten. Wir sollen aber bedenken, dass Jesus uns verheissen hat: «Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt» (Mt 28,20)
Das heisst nicht, dass die Kirche nicht auch einmal schlechtere oder unvollkommenere Disziplinen einführt, die wieder geändert werden können. Und dennoch fällt deswegen die Kirche nicht – Jesus selbst hat das garantiert (vgl. Mt 16,18).
Beten wir für die Einheit der Kirchen und versuchen wir nicht immer nur das Schlechte zu sehen, sondern auch das Gute. Eine Kirche, die im Süden blüht, die viele neue Taufen feiert, eine junge Generation, die wieder traditionell und konservativ ist – ihr gehört die Kirche. Die libertäre Generation wird aussterben. Mögen die Lefebvrianer die Weihen absagen und zum Dialog mit dem Heiligen Vater zurückfinden. So können sie ihren wertvollen Dienst in der Kirche tun. Eine Spaltung würde ihnen und der Kirche schaden.
Gastkommentare spiegeln die Auffassungen ihrer Autorinnen und Autoren wider.
Kommentare und Antworten
Bemerkungen :
Bitte halten Sie sich doch etwas zurück. Hier einige Klarstellungen:
"Lebendige Tradition" ist ein Begriff der Modernisten, um die ehrwürdige Tradition abzuqualifizieren und um ihre Irrtümer einzuführen. "Sie muss lebendig sein = wir müssen sie anpassen. "Sie muss auf den Radius unseres Horizontes zurecht gestutzt werden."
Sie haben gesagt:
"Die Glaubenswahrheiten gehören zum «depositum fidei» und können nicht geändert werden, während Riten, liturgische Bräuche oder Disziplinen angepasst werden können, ohne den Glauben selbst zu ändern.
Damit wird klar: Die Kirche hat das Recht, Disziplinen zu ordnen."
Das kann man so nicht sagen. Die Kirche hat nicht das Recht, liturgische Bräuche oder Disziplinen, die über viele viele Jahrhunderte Kultur gebildet haben, von heute auf morgen abzuschaffen.
Was die Kirchenväter approbiert haben, was viele Päpste über Jahrhunderte gut geheissen haben, was früheren Generationen heilig war, das bleibt auch uns heilig und keine Macht der Welt kann das verbieten.
"Was immer, was überall, was von allen geglaubt wurde" - bis zum letztn Iota darf das auch heute genau so beibehalten werden und kein Papst und kein Kaiser kann das abändern. Das ist die rechte katholische und orthdoxe Haltung.
Viel Freude beim Lernen und Gottes Segen
Hl. Vinzenz von Lérins († 450)
Er beschreibt das Wesen der lebendigen Tradition:
„Es muss also im eigentlichen Sinne ein Fortschritt im Glauben stattfinden, nicht aber eine Veränderung.“
(Commonitorium, 23)
Liturgie ist nicht das, aber auch das, was jeder Katholik hören und sehen kann. Dazu gehört dann, wie Pfr. Kurt Vogt an sich richtig sagt, auch die eine oder andere Sicht auf die jüngsten Päpste bzw. Vatikanspitzen. Aber welches geistige Bild geben sie denn ab, um Gottes Willen?
Dabei ist zuallererst mit Blick der FSSPX festzuhalten, dass sie gerade die gewählten Päpste während und nach dem Konzil als Amtsinhaber grundsätzlich akzeptiert, und zwar im Unterschied zu vielen traditionalistischen Splittergruppen, die immer wieder offen daran zweifeln. Als einem einfachen Feld- Wald- und Wiesenkirchgänger oder einfachen Priester ohne Ordens- und Interessengruppen um sich herum könnte die Anerkennung der Päpste manch einem rein spontan wesentlich schwererfallen als es der FSSPX gemäss deren Selbstbild fällt, und auch das Schweigen dazu kann das Gewissen sehr belasten. Ist es wirklich christlich, wenn auf dem Tabernakel eine Buddha-Statue steht und also ein Unvoreingenommener denken könnte, Christentum sei jetzt auch Selbsterlösung und in erster Linie menschliche Selbstfindung? Das mochte eine Art undurchdachter Fauxpas sein, er passierte im Jahr 1986, aber auch er war wohl nicht ganz folgenlos für die schwere Entscheidung der FSSPX von 1988, eigenmächtig Bischöfe zu weihen. Der betreffende Papst ist bekanntlich inzwischen ein Heiliger, aber man sollte nicht zögern, zu sagen, er ist es trotzdem.
Noch zu schweigen von dem, was alles zwischen 2013-2025 lehrmässig so alles im katholischen Namen kolportiert wurde und offensichtlich die Grundlage für die Regentschaft im Vatikan während dieser Zeit gebildet hat. Nehmen wir als schlagendes Beispiel das Stichwort religöser Pluralismus: in Wahrheit kein Begriff, der dem logischen Denken irgend eines Katholiken oder auch irgend eines vernünftigen menschlichen Wesens standhält, nur schon wenn man weiss, dass das II. Vatikanum im Dokument Nostra Aetate gesagt hat, dass der Massstab für unsere Achtung vor anderen Religionen die Dinge sind, die in ihnen "wahr" und "heilig" sind, und keineswegs die Vielfalt von - ihrerseits womöglich intoleranten - Religionen, die die Sicht auf den Glauben an Jesus ungeniert verstellen. Auch mit dem Schutz staatlicher Institutionen, die dabei ach gar so "neutral" zu sein üben.
Und dass ein Priester rein organisatorisch auch einmal über Bischöfen steht, ist wesentlich leichter zu erklären als die zunächst sehr helvetisch anmutende Analogie, dass neuerdings da und dort in Bistümern Laien im Generalvikariat dann und wann mit sehr gewichtiger Stimme mitentscheiden, wo ein Priester sein zukünftiges Wirkungsfeld hat. Und schliesslich ist es auch auf die Weltkirche ausdehnbar, wie neulich von Kardinal Ouellet und Dr. Grichting so anregend besprochen, swiss-cath.ch berichtete.
Faktisch geht es doch um sehr viel mehr, wenn die verschiedenen Stellungnahmen der Verantwortlichen der Piusbrüder beachtet werden:
a. Anerkennung des II. Vatikanums - oder Ablehnung dessen
b. Anerkennung der Päpste seit dem II. Vatikanum: Paul VI, Johannes Paul I, Johannes Paul II, Benedikt XVI, Franziskus, Leo XIV
Zu überlegen sind dann auch diese Punkte:
1. Wie kann es sein, dass es in einer Glaubensgemeinschaft 2 verschiedene Kirchenjahre gibt (z.B. die röm.kath. Kirche feiert das Fest Christkönig am Ende des Kirchenjahres vor dem 1. Advent; die Piusbrüder feiern es im Oktober.
2. Der Generalobere der Piusbrüder ist ein Priester. Ihm unterstellt sind die beiden Bischöfe. - In der röm.kath. Kirche steht zuoberst in der Leitung der Kirche der Papst, dann die Bischöfe, dann die Priester.
Es geht hier um weit mehr als "nur" um die Gestaltung der Liturgie.
Ein weiterer Hinweis auf die kirchliche Selbstverortung der Bruderschaft ist das Hochgebet der Messe: Dort wird ausdrücklich für den Papst und für den jeweiligen Diözesanbischof gebetet, nicht jedoch für die eigenen Bischöfe der Bruderschaft. Dies verdeutlicht, dass die FSSPX die Hierarchie der katholischen Kirche grundsätzlich anerkennt.
Auch hinsichtlich der Päpste seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil hat die Bruderschaft stets erklärt, dass sie deren Legitimität nicht bestreitet. Sie ist daher nicht sedisvakantistisch. Würde sie die Rechtmässigkeit der Päpste verneinen, wäre ein Bezug auf deren Autorität – etwa bei Fragen bischöflicher Weihen – nicht nachvollziehbar.
Die bestehenden Spannungen betreffen somit weniger die grundsätzliche Anerkennung des Papsttums, sondern vielmehr Fragen der Auslegung einzelner Konzilstexte sowie bestimmte Entwicklungen in Liturgie und Kirchenrecht. Diese Differenzen sind real, sollten jedoch sachlich benannt und nicht verkürzt dargestellt werden.
Sicherung der überlieferten Lehre mehr.
Hier ist das Problem: Die FSSPX leugnet indirekt die Indefektibilität der Kirche.
Ihre Argumentation ist, dass die Päpste seit dem Konzil eigentlich für die "Krise" zuständig sind. Wenn dem so ist, dann ist aber die Kirche GEFALLEN! Wenn die Liturgie welche die Päpste seit dem Konzil feiern, für eine Katholiken INAKZEPTABEL ist ( Lehre der FSSPX ), wenn man in einer normalen Pfarrei die Gnadenmittel für das Seelenheil nicht mehr finden kann, dann ist die Kirche gefallen. Hier sind die Sedisvakantisten wenigsten konsequent.