Auf dem Kapellenweg. (Bilder: Niklaus Herzog/swiss-cath.ch)

Kirche Schweiz

Leu­ker­bad – mehr als ein berühm­ter Badekurort

Leu­ker­bad ist ein Bade­kur­ort mit inter­na­tio­na­ler Aus­strah­lung. Weni­ger bekannt ist der Kapel­len­weg mit sei­ner fas­zi­nie­ren­den Sakral­kul­tur. Eine Spurensuche.

Wer sich für ein paar Tage oder gar Wochen in Leukerbad VS vom Alltagsstress erholen will, kommt an den riesigen Satellitenschüsseln oberhalb von Leuk-Stadt nicht vorbei. Ein idealer Standort, um hochsensible Daten aus aller Welt empfangen und gegebenenfalls weiterleiten zu können.

Jüngst machte die Meldung die Runde, dass das US-Raumfahrtunternehmen SpaceX von Elon Musk dort 40 Antennen bauen will. Konflikte mit der ortsansässigen Bevölkerung sind programmiert. Doch davon soll hier nicht die Rede sein. Auch nicht von dem berühmten, 51 Grad heissen Thermalwasser, der Visitenkarte und zugleich Existenzgrundlage von Leukerbad. Obwohl: Eine kurze Erwähnung hat es mehr als verdient. Sprudelt das Thermalwasser aus den Quellen, hat es bereits eine 40-jährige Reise hinter sich. Sie beginnt auf rund 2300 Metern, sickert dann bis auf eine Tiefe von 500 Meter unter den Meeresspiegel, um anschliessend dank geothermischer Erwärmung wieder ans Tageslicht zu gelangen. Auf dieser unterirdischen Reise hat sich das Thermalwasser mit Calcium und Sulfat angereichert. Zusammen mit Natrium, Strontium, Eisen und Flurid verschmilzt dieser Mineralien-Cocktail zu einem idealen Mix für alle, die sich inmitten eines prächtigen Alpenpanoramas einfach erholen wollen oder Linderung ihrer Gebresten, zumal rheumatischer Natur, erhoffen.

Wovon hier auch und vor allem die Rede sein soll: Leukerbad kann sich mit einem einzigartigen Juwel barocker Baukunst und Volkskultur schmücken: dem Kapellenweg. Neun Kapellen sind sein Markenzeichen, Orte wie geschaffen zur Meditation und zum Gebet oder einfach zum Verweilen. Ebenso zur Bewunderung unserer Vorfahren, die es verstanden, an diesen Orten auch für heutige Zeitgenossen Kirchengeschichte auf höchst anschauliche Weise erfahrbar zu machen.
 


Ich beginne meine «Seelenwanderung» auf dem Römerweg. Den Römern verdanken wir nicht nur die Grundlagen des Rechts. Sie waren auch Meister der Baukunst, die sie vorzugsweise in den Dienst einer hochstehenden Badekultur stellten. So verwundert es nicht, dass sie auch der gesundheitsfördernden, Geist und Körper wohltuenden Wirkung, der Leukerbadner Thermalquellen auf die Spur kamen. Wobei: Just an diesen Thermalquellen führte ein schon von den Kelten genutzter Säumerweg vorbei – hin zur Gemmi und weiter ins Berner Oberland und damit in die Alpennordseite. Wer schon einmal diesen Weg unter die Füsse genommen hat, kann die Mühsal erahnen, welche dieser Säumerpfad für Mensch und Tier bedeutete. Da müssen die heissen Quellen buchstäblich wie ein Himmelsgeschenk empfunden worden sein.

Kardinal Schiner als Wegbereiter
Kein Wunder, dass sich der Renaissance-Potentat Kardinal Matthäus Schiner von den Römern inspirieren liess. Im Jahr 1501 kaufte er die Rechte an den Leukerbadner Thermalquellen, liess einen prächtigen Gasthof errichten und legte zugleich den Grundstein für den modernen Bädertourismus. Von seinem Schloss in Leuk ritt Kardinal Schiner gern zu den wohltuenden Quellen hinauf, um sich dort zusammen mit der politischen und kirchlichen Prominenz aus ganz Europa die angenehmen Seiten des Lebens angedeihen zu lassen.

Zurück zum Römerweg: Meine erste Station ist die Antoniuskapelle Birchen. Das Altarbild ist reich an Symbolik. Über dem Haupt des aus Lissabon stammenden Antonius von Padua schwebt eine Taube, die ihn mit einem Lorbeer krönt, dem Zeichen des Sieges. Antonius von Padua gilt als der weltweit populärste Heilige der Katholischen Kirche. Diese Zuschreibung bestätige sich vor Ort: In keiner der von mir besuchten Kapellen brannten so viele Kerzen wie in der Kapelle dieses Heiligen.

Weiter geht’s in Richtung Bodmen-Alp. Dort steht die heute der heiligen Thérèse von Lisieux geweihte Kapelle. Reizvoll ist der Kontrast zwischen dem im Nazarenerstil gebauten Altar mit der Heiligen in Grossformat und den modernen, von Bernd Kniel geschaffenen Glasfenstern. Ich werfe einen Blick auf das Messbuch auf dem Altar und stelle ebenso erstaunt wie erfreut fest: Es ist das Missale des klassischen, von Papst Pius X. reformierten und von Papst Benedikt XV. promulgierten Ritus.
 


Dem «Russengraben» entlang
Von hier führt der Weg steil abwärts nach Inden, dem Russengraben entlang. «Russengraben»: Waren hier etwa versprengte Soldaten der Suworow-Armee vorbeigezogen? Die Info-Tafel des Kulturweges klärt auf: Der Russengraben hat mit den Russen nichts zu tun. Er leitet sich aus dem Französischen ab, vom Wort «ruisseau» – der Bach. Auf das Französische waren die Oberwalliser nie besonders gut zu sprechen: «Lieber Russen als Welsche», ist man mit einer Portion Bösartigkeit versucht zu sagen.

Odyssee eines Priesters
Die nächste Station ist Inden. Die dortige Kapelle ist dem Mönchsvater Antonius dem Grossen geweiht und beeindruckt durch einen wunderschönen Barockaltar. Gleich nebenan befindet sich die Dorfkirche. Eine Gedenktafel zieht meinen Blick auf sich: Sie gilt Josef Pospiech. Seine Vita ist ebenso aussergewöhnlich wie berührend. Josef Pospiech wurde am 24. Dezember 1915 in Oberschlesien geboren. Kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurde er am 25. Juni 1939 in Kattowitz zum Priester geweiht. «Der glücklichste Tag meines Lebens», lautete Jahrzehnte später seine Bilanz. Nach dem Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion zog ihn die Wehrmacht in den Sanitätsdienst ein. In amerikanische Kriegsgefangenschaft geraten, setzte er sich so sehr für seine Mitgefangenen ein, dass er darob ernsthaft erkrankte. Die Ärzte empfahlen ihm nach seiner Entlassung einen Aufenthalt in den Schweizer Alpen zur Genesung. So wurde er Vikar in Arosa. 1963 ernannte ihn der Sittener Bischof Nestor Adam zum Pfarrer von Inden und gleichzeitig zum Seelsorger für die Rheumaklinik in Leukerbad.

Nach einem Herzinfarkt musste er 1971 seine Stelle als Pfarrer von Inden aufgeben. Er übernahm in der Folge verschiedene Seelsorgeaufgaben in der Diözese Sitten, so als Spitalpfarrer von Brig und Seelsorger in Altersheimen. Trotz seiner gesundheitlichen Probleme wurde Josef Pospiech alt, sehr alt. Im Dezember 2021 verstarb er im Alter von 106 Jahren und war damit der älteste Priester des ganzen Bistums. Im Juni 2019 konnte er sein 80-jähriges Priesterjubiläum feiern. Auch Papst Franziskus gehörte zu den Gratulanten. Als Seelsorger der Pfarrei Inden und Beichtvater im ganzen Oberwallis war Josef Pospiech sehr geschätzt. Die Einwohnerinnen und Einwohner von Inden und Leukerbad verliehen ihm das Burgerrecht. Ich verneige mich vor dieser grossen Priestergestalt, in dessen Leben sich das Schicksal einer ganzen Epoche spiegelt, und lasse meine Gedanken rund um die Zahl der 118 Seelen zählenden Einwohnerschaft von Inden kreisen – sie hatten das Privileg, während Jahrzehnten über einen eigenen Pfarrer zu verfügen. Tempi passati.
 


Mein nächstes Ziel ist die Kapelle Mariä Heimsuchung auf der gegenüberliegenden Bergseite in der Nähe von Albinen. Zuvor gilt es, die wild-romantische Dala-Schlucht zu überwinden – auch für geübte Wanderer eine kräftezehrende Herausforderung. Doch die Anstrengung lohnt sich. Die Aussicht auf die Walliser Berglandschaft ist grandios. Im Innern der Kapelle zeugen zahlreiche Votivgaben von der Bedeutung dieses Wallfahrtsortes und vom Vertrauen der Pilgerinnen und Pilger auf den Beistand der Mutter Gottes. Damit habe ich zwar erst vier der neun Markenzeichen des Leukerbadner Kapellenweges meine Referenz erwiesen, doch meine müde gewordenen Beine und eine innere Stimme lassen es mir ratsam erscheinen, die überwältigenden Eindrücke erst einmal auf mich wirken zu lassen und die zweite Hälfte nächstes Jahr unter die Füsse zu nehmen.


Niklaus Herzog
swiss-cath.ch

E-Mail

Lic. iur. et theol. Niklaus Herzog studierte Theologie und Jurisprudenz in Freiburg i. Ü., Münster und Rom.


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