Sie sind einer der führenden Mariologen. Wie kam es zu Ihrem Interesse an diesem Fachgebiet? Welche Aspekte faszinieren Sie besonders?
Mein Interesse an der Mariologie ist schon deutlich in meiner Doktorarbeit über das Priestertum der Frau, die der «Mutter des guten Rates» gewidmet ist (Mater boni consilii).[1] Als Assistent von Anton Ziegenaus in Augsburg (1987–1993), der damals Vorsitzender der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Mariologie (DAM) war, konnte ich intensiv an der mariologischen Forschung teilnehmen, die mit der Vorbereitung des sechsbändigen Marienlexikons verbunden war, dem grössten einschlägigen Forschungsprojekt in der Geschichte der Theologie.[2] Gleichzeitig begann eine regelmässige Teilnahme an deutschsprachigen und internationalen Tagungen. Als 2001 Leo Scheffczyk, mein Doktorvater und Mitherausgeber des Marienlexikons, vom heiligen Johannes Paul II. zum Kardinal ernannt worden war, wurde ich vom damaligen Rektor der Theologischen Fakultät Lugano eingeladen, eine Auswahl von mariologischen Schriften Scheffczyks ins Italienische zu übersetzen. Daraus wurde der erste Band der «Collana di Mariologia», die mittlerweile 20 Bände umfasst. Seit 2007 bin ich auch als Vorsitzender der deutschen Mariologen Herausgeber der im deutschen Pustet-Verlag erscheinenden «Mariologischen Studien». Im Auftrag des «Internationalen Mariologischen Institutes Kevelaer» (IMAK) gebe ich ausserdem schon seit Jahren gemeinsam mit Johannes Stöhr die Zeitschrift «Sedes Sapientiae. Mariologisches Jahrbuch» heraus.
Das wissenschaftliche Interesse ist freilich vorbereitet durch das spirituelle Leben. Im Paderborner Priesterseminar gehörte ich zu einer Gruppe von Seminaristen, die sich regelmässig in der Fatima-Kapelle des Mutterhauses der «Schwestern der Christlichen Liebe» zum Gebet des Rosenkranzes trafen. In Lourdes wurde ich 1976 (bei einem Einsatz von Seminaristen für bedürftige Pilger) mit der «Legion Mariens» bekannt, der vom Irländer Frank Duff 1921 gegründeten erfolgreichsten missionarischen Laienbewegung der Gegenwart, die ihr Apostolat eng mit der Lehre des heiligen Ludwig Maria Grignion de Montfort verbindet (dem «Goldenen Buch» der Marienverehrung). Die Theologie dieses Heiligen lässt sich zusammenfassen mit dem Wahlspruch «Per Mariam ad Jesum» (Durch Maria zu Jesus). Später entdeckte ich, dass mein Geburtstag (der 28. April) mit dem (fakultativen und in Deutschland wenig bekannten) Gedenktag dieses französischen Heiligen zusammenfällt. Wichtig ist dabei die Ganzhingabe an die Gottesmutter, deren Grundlage in der universalen geistlichen Mutterschaft Marias besteht, in ihrer mütterlichen Mittlerschaft in Christus. Kurz bevor die «Legio Mariae» gegründet wurde, genehmigte Papst Benedikt XV. für alle Bistümer und Ordensgemeinschaften, die dies wünschten, die marianische Messfeier und das Stundengebet unter dem Titel «Mittlerin aller Gnaden». Diese Bewegung ging damals von den belgischen Bischöfen aus unter der Führung von Kardinal Mercier (1851–1926). Als ich 2003 eingeladen wurde, in London einen Vortrag über die Mittlerschaft Mariens bei Kardinal Mercier zu halten, hatte ich Gelegenheit, die Anfänge der auch heute aktiven Bewegung für ein marianisches Dogma in diesem Bereich genau zu studieren. Ein formales Dogma wird es wohl so schnell nicht geben, aber die zugrunde liegende Lehre gehört bereits zum Glaubensschatz der Kirche. Wenn man diese Lehre definieren wollte, bräuchte man im Grunde nur die einschlägigen Fussnoten im marianischen Kapitel der dogmatischen Konstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils in den Haupttext eines kirchlichen Dokumentes zu stellen. Für die Erstellung dieser Fussnoten ist wichtig der Gründer der Internationalen Päpstlichen Marianischen Akademie (deren Mitglied ich seit 1992 bin), der kroatische Franziskanerpater Karlo Balić (1899-1977).
Die oft mit einem falsch verstandenen Ökumenismus verbundene Theologie im deutschen Sprachraum hat die Bedeutung der Gottesmutter weithin ausgeblendet. Die künftigen Priester und Religionslehrer haben in aller Regel nicht einmal einen Einführungskurs in die Mariologie, trotz eines weithin unbekannten Dokumentes der Bildungskongregation aus dem Jahre 1988. Die Folge einer falschen Rezeption des Zweiten Vatikanischen Konzils ist ein Abbruch der geistigen Grundlagen des Glaubens, das Massnehmen an einem fehlgeleiteten Zeitgeist und ein Niedergang des Glaubenslebens mit gigantischen Ausmassen. Vergessen wird dabei, dass die Menschwerdung des ewigen Sohnes Gottes deshalb geschah, weil eine junge Frau (Maria) dazu ihr Jawort sagte und dadurch zum Urbild und zur Mutter der Kirche wurde. Marienheiligtümer können diese marianische Prägung des Glaubens fördern, die sich komplementär zum «petrinischen Prinzip» verhält (Hans Urs von Balthasar) und nicht als Konkurrenz zu Petrus. Echte Marienerscheinungen, wie Lourdes und Fatima, fördern den katholischen Glauben und nähren die Hoffnung auf einen Neuaufbruch auch für die verstaubte Glaubenslandschaft Europas. Die Entdeckung der Wundertaten Gottes, die durch Vermittlung Mariens geschehen, führt zu einer tiefen Dankbarkeit und zur Bereitschaft, den kostbaren Schatz des Evangeliums mit der ganzen Welt zu teilen.
An der Theologischen Fakultät in Lugano wurde kürzlich ein Institut für Mariologie gegründet. Die ersten Vorlesungen starteten diesen Frühling. Wie waren die ersten Reaktionen?
Die Reaktionen waren sehr positiv. Ich halte derzeit einen Kurs über Marienerscheinungen, der sehr gut besucht ist, aber auch die von zwei Kollegen angebotenen mariologischen Vorlesungen über Maria im 16. Jahrhundert (João Paulo de Mendonça Dantas) sowie die Teilhabe Marias, der Kirche und aller Gläubigen am Priestertum Christi (Serafino Lanzetta) erfreuen sich eines regen Interesses. Auch unser Professor für Neues Testament (Franco Manzi) ist Mariologe. Das Institut hat keine völlig neue Situation geschaffen, sondern macht eine Wirklichkeit sichtbarer, die schon seit einem Vierteljahrhundert praktiziert wird (wie das Erstellen von wissenschaftlichen Arbeiten über die Gottesmutter in ihrer Beziehung zu Christus und der Kirche). Dabei geht es nicht um eine isolierte Mariologie, sondern um eine Darstellung der Gottesmutter als Brennpunkt der Glaubenswahrheiten, die von der Gotteslehre bis zur Eschatologie (den Letzten Dingen) reichen. Maria führt inniger zu Christus und zum dreifaltigen Gott. Sie ist «Stern der Neuevangelisierung» (Benedikt XVI.).
Geplant ist, ein besonderes Studienzertifikat einzuführen (CAS = Certificate of Advanced Studies) für Mitarbeiter (Priester, Diakone, Ordensleute und Laien) an Marienheiligtümern. Dazu werden voraussichtlich der Grundkurs für Mariologie gehören, den ohnehin alle Studenten (für den Masterstudiengang) belegen, aber auch ein Kurs über Marienfrömmigkeit und ein weiterer Kurs über die Marienwallfahrtsorte im Blick auf die Neuevangelisierung, in Zusammenarbeit mit erfahrenen Leitern von Marienheiligtümern. Das neue «Institutum Marianum Luganense» wird der Öffentlichkeit vorgestellt bei der Übergabe einer Festschrift zu meinem 70. Geburtstag an der Universität Lugano am 2. Juni 2026 (mit einem Festakt, der um 17.30 Uhr beginnt). Die von vier meiner Schüler vorbereitete Festschrift trägt den Titel «Per Mariam ad Jesum». Dabei wird auch eine Marienikone überreicht, die vom christlichen Osten aus die geistige Mutterschaft Mariens bekundet.
Am 7. Oktober 2025 veröffentlichte das Dikasterium für die Glaubenslehre «Mater populi fidelis. Lehrmässige Note zu einigen marianischen Titeln, die sich auf das Mitwirken Marias am Heilswerk beziehen». Wie schätzen Sie den Inhalt und die Wirkung der Note ein?
Die Note ist nicht zuletzt durch fragwürdige Forderungen veranlasst worden, die ihren Ausgang nehmen von nicht anerkannten (sogar von der Kirche abgelehnten) Marienerscheinungen in Amsterdam und ein Dogma fordern mit drei verschiedenen Marientiteln (Miterlöserin, Mittlerin aller Gnaden, Fürsprecherin). Diese Titel sind an sich nicht falsch, aber eine systematische Zusammenfassung, die für die Vorbereitung eines Dogmas geeignet ist, sollte sich auf einen Zentralbegriff konzentrieren, auf die geistige Mutterschaft oder die mütterliche Mittlerschaft in Christus oder den von Papst Franziskus stark geförderten Marientitel «Mutter der Kirche». Die Proklamation eines Dogmas ist erst dann sinnvoll, wenn in der Kirche ein Konsens dazu vorhanden ist (wie bei den letzten beiden Mariendogmen über die erbsündenfreie Empfängnis Marias und ihrer leiblichen Aufnahme in den Himmel). Das Dokument des Dikasteriums ist von vielen Seiten sehr stark kritisiert worden, weil es den Eindruck vermittelte, als seien manche in der Kirche seit langem übliche und sogar in offiziellen Lehrdokumenten verwandte Kernbegriffe zu vermeiden. Das gilt vor allem für den Begriff «Miterlöserin», obwohl die Note sehr wohl dessen auch vom Zweiten Vatikanum gelehrten Gehalt anerkennt, dass nämlich Maria auf einzigartige Weise an der Erlösung mitgewirkt hat. Kardinal Fernández hat inzwischen selbst (ähnlich wie zuvor bei dem von ihm verantworteten Dokument über diverse Segnungen, «Fiducia supplicans») in einem Interview (mit Diane Montagna) eine zu restriktive Deutung der Note zurückgewiesen. Der «Tsumani», der sich anlässlich der Note des Dikasteriums entfacht hat, hätte sich leicht vermeiden lassen, wenn das Dikasterium zuvor kompetente Mariologen konsultiert hätte. Zu «Mater populi fidelis» habe ich selbst einige Stellungnahmen veröffentlicht, die sich leicht auf meiner Internetseite wiederfinden (https://manfred-hauke.ch, unter «galleria»).
Ein weiterer Schwerpunkt Ihrer Forschung ist das Frauenpriestertum resp. der Frauendiakonat; für Letzteres waren Sie Mitglied der zweiten päpstlichen Studienkommission. Eigentlich hat bereits Papst Johannes Paul II. diese Diskussion für beendet erklärt. Glauben Sie, dass es in dieser Diskussion neue Erkenntnisse geben wird?
Die hierzu wichtigen Erkenntnisse wurden bereits im Jahre 2002 auf den Punkt gebracht, als die Internationale Theologische Kommission ihren ausführlichen und gründlichen Bericht zur Theologie des Diakonates publizierte. Der sakramentale Diakonat nimmt an dem einen Weihesakrament teil, das sich nicht auseinanderdividieren lässt. Die altkirchlichen Diakonissen gehören nicht zu diesem hierarchischen Amt, das sich auf die Einsetzung durch Jesus Christus zurückführt. Die weiblichen Charismen gehören in den Bereich des gemeinsamen Priestertums aller Getauften und Gefirmten, passen aber nicht in die Vertretung Christi als des Hauptes der Kirche im Weihesakrament. Eine Beteiligung der Frau in allen Bereichen des kirchlichen Lebens ist wichtig, aber zu vermeiden ist eine Trennung zwischen der Leitung der Kirche und dem sakramentalen Leben. Kompetente Kirchenrechtler erinnern hier zu Recht an die wichtigste Lehrentscheidung des Zweiten Vatikanums zum Bischofsamt: Es gibt keine Leitung der Kirche unabhängig von der Bischofsweihe, denn die «Bischofsweihe überträgt mit dem Amt der Heiligung auch die Ämter der Lehre und der Leitung …» («Lumen gentium» 21). Entsprechendes gilt auch für die Leitung der Pfarreien und für die römische Kurie.
Sie sind seit über 30 Jahren akademisch tätig, seit 1993 als Professor an der Theologischen Fakultät in Lugano. Wie haben Sie in dieser Zeit die Veränderung der wissenschaftlichen Diskussion(en) erlebt?
Für dieses Thema bräuchte es ein eigenes Interview.
Am 8. Mai jährt sich die Wahl von Robert Prevost zum Papst Leo XIV. zum ersten Mal. Wie haben Sie ihn in diesem ersten Jahr wahrgenommen?
Leo XIV. hat schon bei seinem ersten Auftritt Zeichen gesetzt, die auf das zentrale Anliegen des Friedens in Christus weisen, und den Marienwallfahrtsort Pompeji erwähnt, dessen liturgisches Gedenken auf den 8. Mai fällt.[3] Am Samstag, dem 10. Mai, besuchte der Heilige Vater den Marienwallfahrtsort der «Mutter des Guten Rates» (der ich meine Doktorarbeit gewidmet habe) in Genazzano. Der 8. Mai ist ausserdem im Römischen Messbuch von 1962 vorgesehen für das fakultative liturgische Gedenken Marias als «Mittlerin aller Gnaden» (eines Titels übrigens, der selbst von Papst Franziskus und sinngemäss auch von Papst Benedikt XVI. gebraucht wurde, was vielleicht den Verfassern der oben erwähnten Note nicht bekannt war). Der neue Nachfolger des heiligen Petrus wird sicher nicht alle Erwartungen an ihn erfüllen können, aber es ist zweifellos in der Kirche eine entspanntere Atmosphäre eingekehrt, in der alle leichter mit Petrus und Maria zu Christus gelangen können.
Sie dürfen Ihren 70. Geburtstag feiern; andere Menschen geniessen in diesem Alter ihren Ruhestand. Für Sie dürfte vermutlich ein Rentnerdasein aber nicht infrage kommen. Was sind Ihre nächsten Pläne?
Mit dem laufenden Semester endet meine Zeit als «ordentlicher Professor» mit den dazugehörigen umfangreichen Lehrverpflichtungen. Da die Professur aber erst demnächst ausgeschrieben wird und mein Nachfolger voraussichtlich erst im September 2027 seinen Dienst antreten wird, helfe ich in der Zeit des Übergangs. Konzentrieren werde ich mich freilich auf die Leitung des neuen Instituts, die mir im vergangenen November für vier Jahre anvertraut wurde, und auf die Betreuung der zahlreichen Studentenarbeiten, die mir nach wie vor anvertraut sind (Bachelor, Master, Lizentiat, Doktorat, Habilitation). Engagiert bin ich auch bei vier wissenschaftlichen Zeitschriften und halte Ausschau nach jüngeren Kräften, die mich hier entlasten oder ersetzen können. Je nach meinen gesundheitlichen Möglichkeiten bin ich bereit, mich nach wie vor einzubringen, brauche aber natürlich mit zunehmendem Alter mehr Ruhe und mehr Unterstützung durch andere.
[1] Manfred Hauke, Die Problematik um das Frauenpriestertum vor dem Hintergrund der Schöpfungs- und Erlösungsordnung, Bonifatius Verlag 1982, 4. Aufl. 1995.
[2] Das Lexikon ist 1988 bis 1994 im Druck erschienen und jetzt auch online gratis zugänglich (https://marienlexikon.de)
[3] (vgl. mein Editorial in «Theologisches» 5-6/2025, Sp. 171–174).
Kommentare und Antworten
Bemerkungen :
Ich hatte das Vergnügen (und das war es tatsächlich für mich) etliche seiner Vorlesungen zu besuchen, die ich immer sehr gerne gehört habe weil sie Inhalt und Tiefgang hatten, ganz im Gegensatz zu dem was ich auf einer anderen Universität vorher gehört, bzw. eben nicht gehört habe.
Daß er nun emeritiert (vermutlich muß wegen Altersgrenze?) finde ich betrüblich...
Jedenfalls schließe ich mich den Glückwünschen gerne an und werde heute Abend seiner beim heiligen Meßopfer gedenken - und daß er noch lange recht aktiv bleiben und der theologischen Forschung und Lehre -auch als Emeritus!!- erhalten bleiben möge... Gott gebe es ihm und gebe es somit auch uns