Mariä Himmelfahrt von Francesco_Botticini, 1475/6, National Gallery, London. (Public domain via Wikimedia Commons)

Neuevangelisierung

Maria ging uns vor­aus – mit Leib und Seele

Die Katho­li­sche Kir­che fei­ert heute das Hoch­fest Mariä Auf­nahme in den Him­mel. Damit steht sie quer zum Zeit­geist, der den Gedan­ken an den Tod ver­drängt und auf ein lan­ges irdi­sches Leben abzielt. Mit der Auf­nahme Mari­ens in die Herr­lich­keit Got­tes fei­ert die Kir­che den Tod als Über­gang ins Ewige Leben, wo Leib und Seele wie­der ver­eint werden.

Vor 75 Jahren verkündigte Papst Pius XII. in seiner Apostolischen Konstitution «Munificentissimus Deus» das Dogma der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel. Nicht aufgrund eines spontanen Einfalls, einer persönlichen Vorliebe oder als Resultat einer theologischen Entdeckung: Der Gedanke an die leibliche Aufnahme Mariens war bereits den ersten Christinnen und Christen vertraut.

Apokryphe Schriften über die Entschlafung Mariens
«Sie alle verharrten dort einmütig im Gebet, zusammen mit den Frauen und Maria, der Mutter Jesu» (Apg 1,14). Die Heilige Schrift erwähnt Maria zum letzten Mal, als sie mit den Jüngern zusammen betend auf das Kommen des Heiligen Geistes wartet. Über das Ende ihres irdischen Lebens schweigen sich die Berichte aus.

Apokryphe Schriften von Christen erzählen hingegen von diesem Ereignis. Die unterschiedlichen Berichte enthalten immer folgende Elemente: Ein Engel verkündet Maria ihren Tod in drei Tagen. Die Apostel, die an den verschiedensten Orten das Wort Gottes verkünden, werden auf wundersame Weise von Engeln nach Jerusalem geleitet. Am dritten Tag zur dritten Stunde erscheint Christus mit Engeln. Maria bedankt sich bei ihrem Sohn und stirbt. Die Apostel feiern die Beerdigung Marias. Nachdem Maria drei Tage im Grab gelegen hat, erscheint Christus wieder an ihrem Grab und Engel bringen den Leib der Gottesmutter ins Paradies.

Ihr Leib konnte keine Verwesung erfahren
Durch seinen Tod und Auferstehung hat Christus die Sünde und den Tod überwunden. Durch die Taufe erhalten wir Anteil an diesem Sieg, doch seine volle Auswirkung wird uns erst am Ende der Zeiten zuteil. Deshalb verfällt unser Leib nach dem Tod und wird erst am Jüngsten Tag mit seiner verherrlichten Seele vereinigt. «Von diesem allgemein gültigen Gesetz wollte Gott die Allerseligste Jungfrau Maria ausgenommen wissen. Sie hat ja durch ein besonderes Gnadenprivileg, durch ihre Unbefleckte Empfängnis, die Sünde besiegt, war deshalb dem Gesetz der Verwesung des Grabes nicht unterworfen und brauchte auf die Erlösung ihres Leibes nicht bis zum Ende der Zeiten zu warten», so Papst Pius XII. in «Munificentissimus Deus»[1].

Die Lehre von der Himmelfahrt Mariens wurde bereits im 5. Jahrhundert gefeiert und um das Jahr 600 von Kaiser Mauritius im Osten eingeführt und auf den 15. August gelegt. Rund fünfzig Jahre später wurde das Fest in Rom gefeiert; Papst Sergius (687–701) fügte ihm eine Prozession hinzu. Später schrieb Leo IV. (847–855) eine Vigil und eine Oktav vor. Nikolaus I. (858–867) stellte es auf eine Stufe mit Weihnachten und Ostern. Bei der Kalenderreform von 1970 wurde «Mariä Aufnahme in den Himmel» in den Rang eines Hochfestes erhoben.

Pius XII. zitiert in «Munificentissimus Deus» mehrere Kirchenväter, Theologen und Kirchenlehrer, die an die Himmelfahrt Mariens glaubten, so z. B. Germanus von Konstantinopel, Amadeus von Lausanne, Antonius von Padua, Albertus Magnus, Thomas von Aquin, Bonaventura, Bernhardin von Siena, Robert Bellarmin oder Franz von Sales,

Der heilige Johannes von Damaskus (650– vor 754) schrieb: «Es musste die, welche in der Geburt die Jungfrauschaft unversehrt bewahrt hatte, auch nach dem Tode ihren Leib von aller Verwesung frei bewahren. Es musste die, welche den Schöpfer als Kind in ihrem Schoss getragen hatte, in den Zelten Gottes weilen. Es musste die Braut, die sich der Vater angelobt hatte, in dem himmlischen Brautgemach Wohnung nehmen. Es musste die, welche ihren Sohn am Kreuz geschaut hatte und damals ihr Herz durchbohrt fühlte vom Schwert der Schmerzen, die sie bei der Geburt nicht erduldet hatte, ihn jetzt an der Seite des Vaters sitzen sehen. Es musste die Mutter Gottes besitzen, was ihrem Sohne gehört, und von jeglicher Kreatur als Mutter Gottes und seine Magd verehrt werden.»[2]

Und für den heiligen Petrus Canisius stand fest: Das Wort Aufnahme bedeutet nicht nur die Verherrlichung der Seele, sondern auch die des Leibes. Und er erklärt mit Nachdruck: «Diese Ansicht ist schon seit einigen Jahrhunderten in Kraft und Geltung; sie ist so im Geist der Gläubigen verankert und von der ganzen Kirche derart gutgeheissen, dass diejenigen, die leugnen, Maria sei dem Leibe nach in den Himmel aufgenommen, nicht einmal mit Geduld angehört, sondern als übermässig streitsüchtig, allzu verwegen und mehr von häretischem als katholischem Geist geleitet, allüberall verspottet werden».[3]
 


Im Laufe der Jahrhunderte entstanden nicht nur Schriften und Predigten zu diesem Thema, sondern auch zahllose Kirchen zu Ehren der Aufnahme Marias in den Himmel und Bilder mit diesem Motiv. Religiöse Gemeinschaften benannten sich nach diesem Geheimnis, Städte, Diözesen und Länder weihten sich der in den Himmel aufgenommenen Gottesmutter.

So war der Boden bereitet für die Verkündigung des Dogmas durch Papst Pius XII. am 1. November 1950. «Wir verkündigen, erklären und definieren […] Die unbefleckte, immerwährend jungfräuliche Gottesmutter Maria ist, nachdem sie ihren irdischen Lebenslauf vollendet hatte, mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen worden.»

Maria empfing als Erste die Herrlichkeit
Wir Christen feiern am 15. August nicht nur die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel, sondern auch die Gewissheit unserer Hoffnung auf die Auferstehung vom Tod.

«Wenn sich dieses Verwesliche mit Unverweslichkeit bekleidet und dieses Sterbliche mit Unsterblichkeit, dann erfüllt sich das Wort der Schrift: Verschlungen ist der Tod vom Sieg. Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel? Der Stachel des Todes aber ist die Sünde, die Kraft der Sünde ist das Gesetz. Gott aber sei Dank, der uns den Sieg geschenkt hat durch unseren Herrn Jesus Christus» (1 Kor 15,54–57, zweite Lesung der Messe am Vorabend).

Maria, die jungfräuliche Gottesmutter, empfing als Erste von Christus die Herrlichkeit und wurde deshalb zum Urbild der Kirche in ihrer ewigen Vollendung (vgl. Präfation vom Tag). Diese Herrlichkeit ist aber allen Getauften verheissen und so wird Maria für uns «ein untrügliches Zeichen der Hoffnung und eine Quelle des Trostes».

Wir müssen den Tod nicht fürchten: Er ist der Übergang ins Ewige Leben, in die unendliche Liebe des barmherzigen Vaters.
 

Die Ostkirchen feiern das Fest als «Hochfest des Entschlafens der allheiligen Gottesgebärerin». Dem Fest der Entschlafung Mariens geht ein zweiwöchiges Marienfasten voraus, in dem auf Fleisch, Fisch, Milchprodukte und in der Regel auch auf Wein und Öl verzichtet werden soll.

Mariä Aufnahme in den Himmel ist in den Kantonen Luzern, Nidwalden, Obwalden, Schwyz, Tessin, Uri, Wallis und Zug ein Feiertag, in den Appenzell Innerrhoden und Jura ein Ruhetag. In den Kantonen Aargau, Baselland, Freiburg, Graubünden und Solothurn ist das Hochfest in einzelnen Gemeinden ein Feiertag.

 


[1] Alle Zitate stammen, sofern nichts anderes angegeben, aus der Apostolischen Konstitution «Munificentissimus Deus» (1950).

[2] Johannes Damascenus, Encomium in Dormitionem Dei Genitricis.

[3] Petrus Canisius, De Maria Virgine incomparabili et Dei Genitrice sacrosancta libri quinque, lib. V, cap.5. David Sartorius, Ingolstadt 1577, 567.


Rosmarie Schärer
swiss-cath.ch

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Rosmarie Schärer studierte Theologie und Latein in Freiburg i. Ü. Nach mehreren Jahren in der Pastoral absolvierte sie eine Ausbildung zur Journalistin.


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