Bereits Ende des 5. Jahrhunderts feierte die Ostkirche das Fest «Maria Geburt». Dies jeweils am Weihefest (8. September) der heutigen St. Anna-Kirche in Jerusalem, welche bei der Stelle errichtet wurde, wo das Geburtshaus von Maria gestanden haben soll. Papst Sergius I. übernahm das Fest im 7. Jahrhundert für die römische Kirche.
Unser heutiges Fest nimmt direkt auf das Fest «Maria Geburt» Bezug – genau neun Monate vor der Geburt feiert die Kirche die Empfängnis Marias durch ihre Mutter Anna. Das um das Jahr 700 entstandene byzantinische Fest «Empfängnis der heiligen Anna» gelangte über Italien nach England und Frankreich; dabei wechselte der Akzent: Das ohne Erbsünde Empfangenwerden Marias wurde jetzt hervorgehoben. Um 1100 führte es zunächst Anselm von Canterbury offiziell für seine Diözese ein. Auf dem Konzil von Basel (1431–1449) wurde das Fest 1439 für die gesamte Kirche verbindlich vorgeschrieben, durch Sixtus IV. 1476 bestätigt und 1708 durch die Bulle «Commissi nobis» von Papst Clemens XI. zu einem gebotenen Feiertag der Kirche erklärt. 1854 verkündete Papst Pius IX. das entsprechende Dogma, «dass die seligste Jungfrau Maria im ersten Augenblick ihrer Empfängnis durch ein einzigartiges Gnadenprivileg des allmächtigen Gottes im Hinblick auf die Verdienste Jesu Christi, des Erretters des Menschengeschlechtes, von jedem Makel der Erbsünde unversehrt bewahrt wurde».
Von Gott begnadet, um an der Erlösung mitzuwirken
Maria wurde auf natürliche Weise von ihrer Mutter Anna empfangen und geboren, aber von Gott vom ersten Augenblick ihres Daseins an vor der Macht der Sünde bewahrt und zur Mitwirkung an seinem Heilswirken durch Jesus Christus erwählt.
Die Bibel kennt auch andere Personen, die bereits im Mutterleib von Gott zu einem Dienst erwählt wurden: «Noch ehe ich dich im Mutterleib formte, habe ich dich ausersehen, noch ehe du aus dem Mutterschoss hervorkamst, habe ich dich geheiligt, zum Propheten für die Völker habe ich dich bestimmt», so spricht Gott zu Jeremias (Jer 1,5). Und der Gottesknecht verkündet: «Hört auf mich, ihr Inseln, merkt auf, ihr Völker in der Ferne! Der Herr hat mich schon im Mutterleib berufen; als ich noch im Schoss meiner Mutter war, hat er meinen Namen genannt» (Jes 49,1). Zu Zacharias sprach der Engel: «Deine Frau Elisabeth wird dir einen Sohn gebären; dem sollst du den Namen Johannes geben. […] Wein und berauschende Getränke wird er nicht trinken und schon vom Mutterleib an wird er vom Heiligen Geist erfüllt sein» (vgl. Lk 1,13–15).
Der Engel Gabriel spricht Maria als «Begnadete» an (Lk 1,28) und zeigt damit, dass sie von Gott zu einem einzigartigen Dienst auserwählt wurde: Sie soll die Mutter des Erlösers werden. Die Berufung für diesen Dienst und ihre Bereitschaft dazu sind geschenkte Gnade: Maria kann ihren Auftrag erfüllen, da Gott selbst ihr dies ermöglicht, indem er mit ihr ist.
Durch die Verdienste Christi ohne Erbsünde empfangen
Der Gedanke, dass die Mutter des Erlösers geheiligt und von jeder Sünde gereinigt werden musste, entstand schon früh und wurde von verschiedenen Kirchenlehrern und Theologen erwähnt, so auch von Sophronios von Jerusalem (560–638?): «Niemand wurde so begnadet wie du: niemand ausser dir so geheiligt, keiner so erhoben: allein du wurdest voraus gereinigt […] Auf dich Unbefleckte, wird der Heilige Geist herabkommen und dich mit noch grösserer Reinheit beschenken und dir die Kraft geben, die Frucht deines Leibes zu tragen» (or. II in annuntiationem 25; 43).
In den Akten des Dritten Konzils von Konstantinopel (680/681) wird Maria mindestens zweimal als «unbefleckt» bezeichnet.
Im Spätmittelalter kam es zu theologischen Diskussionen über die Frage: Wurde Maria von der Erbsünde gereinigt oder bereits ohne Erbsünde empfangen? Duns Scotus (1265–1308) brachte die theologische Lösung: Maria wurde von der Empfängnis an durch die Verdienste Jesu Christi im Voraus von der Erbsünde befreit. Als Papst Pius IX. 1854 das Dogma der Unbefleckten Empfängnis verkündete, formulierte er nichts Neues, sondern fasste das in Worte, was bereits seit langem geglaubt wurde. Kurz darauf erschien die Gottesmutter der jungen Bernadette Soubirous und offenbarte sich ihr mit den Worten: «Ich bin die Unbefleckte Empfängnis.»
Seit 1953 ist es Brauch, dass der Papst am Nachmittag des 8. Dezembers an der Säule der Unbefleckten Empfängnis auf der Piazza di Spagna zur heiligen Jungfrau Maria betet. Auch Papst Leo XIV. wird am Hochfest um 16 Uhr die Mutter Gottes ehren und am Fuss der Säule einen Blumenkranz niederlegen.
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