Marie-Thérèse Chappuis kommt am 16. Juni 1793, mitten während der Französischen Revolution, als siebtes von elf Kindern in Soyhières (heute Kanton Jura[1]) zur Welt. Ihr Vater, ein ehemaliger Soldat, betreibt zusammen mit seiner Frau einen Gasthof. Da das Kind bei der Geburt sehr schwach ist, will ihre Mutter es sofort taufen lassen, doch wegen der Revolution – jede katholische Religionsausübung ist verboten – gibt es in Soyhières keinen Priester. Ein Onkel, der Priester ist, lebt in einem Versteck, doch die Eltern getrauen sich nicht, ihn von dort holen zu lassen. Ein anderer Onkel bringt deshalb das neugeborene Kind in einem Korb ins Dorf Petit-Lucelle (Kleinlützel), das jenseits der Landesgrenze und somit ausserhalb der Zuständigkeit der revolutionären Truppen liegt und wo es einen Pfarrer gibt.
Die Eltern sind sehr fromm. Ihr Haus, das Gasthaus «Zum weissen Kreuz», ist ein Zufluchtsort für Priester, die im Untergrund leben müssen. In der Nacht feiern Priester in einem kleinen holzgetäfelten Raum, in dem sich die ganze Familie versammelt, die Messe. Das Ehepaar Chappuis hat elf Kinder, von denen drei früh sterben. Von den acht anderen Kindern treten sechs in einen Orden ein: drei Töchter in den Orden von der Heimsuchung Mariens (Visitandinnen), eine weitere wird Kapuzinerin im Kloster Montorge in Fribourg. Zwei Söhne treten in den Jesuitenorden ein: Pierre-Joseph-Sigismond wird langjähriger Prokurator am Kollegium von Fribourg, Charles-Louis-Henri Professor für Theologie und Direktor des Kollegs von Estavayer.
Mit vier Jahren erlebt Marie-Thérèse zum ersten Mal eine Heilige Messe. Bei der Elevation erfährt sie einen tiefgreifenden Moment: «Ich verstand alles», erzählt sie später. «Gott offenbarte sich mir, ich sah, dass es das Opfer des Erlösers war, und ich empfand einen Eindruck von Licht, der mir bis heute geblieben ist.» Schon als Kind liebt sie das Gebet.
Auf der Suche nach ihrer Berufung
Als sie vierzehn Jahre alt ist, wird sie als Internatsschülerin nach Fribourg in das Visitationskloster geschickt, wo ihre ältere Schwester Nonne ist. Während der fast drei Jahre, die sie bei den Heimsuchungsschwestern lebt, leidet sie unter starkem Heimweh und ist oft krank. Doch sie hat auch ein fröhliches Wesen und ist unter ihren Mitschülerinnen beliebt.
Sie kehrt nach dem Schulabschluss in ihr Heimatdorf zurück und hilft den Eltern im Gasthaus. Gleichzeitig ist sie auch in der Pfarrei tätig. In ihr wächst die Berufung zum Ordensleben und sie tritt bei den Visitandinnen ein. Zum Heimweh kommen jetzt noch Versuchungen und Ängste, sodass sie nach nur drei Monaten das Kloster wieder verlässt.
Zu Hause wird sie kühl empfangen: Die Eltern sind betrübt, die Geschwister tadeln ihre Wankelmütigkeit. Marie-Thérèse wohnt deshalb nicht bei ihrer Familie, sondern im Pfarrhaus bei ihrem Onkel. Sie zweifelt an ihrer Berufung. Drei Jahre dauert ihr innerer Kampf, bis sie endlich ihren inneren Frieden wieder findet und sie umso entschlossener zum zweiten Mal ins Kloster eintritt. «Es ist beschlossen: Ich bin für immer Ordensfrau!» Marie-Thérèse ist jetzt 21 Jahre alt.
Lebensaufgabe: Gründung einer Männergemeinschaft
Bei ihrer Einkleidung am 4. Juni 1815 erhält sie den Namen Marie Françoise de Sales: Namen, die sowohl ihre Verehrung der Muttergottes als auch ihre Liebe zum heiligen Franz von Sales, dem Gründer des Heimsuchungsordens, zum Ausdruck bringen.
Während ihres ersten Jahres im Kloster vertieft sich Sr. Marie-Françoise de Sales in die Spiritualität der Ordensgründer Franz von Sales und Johanna Franziska von Chantal. Sie wiederholt oft: «Alles gefällt mir an dem heiligen Franz von Sales.» Sie erlebt dabei aussergewöhnliche Visionen, in denen ihr Gott zu verstehen gibt, dass ihre Aufgabe darin besteht, eine Ordensgemeinschaft von Männern zu gründen, wie dies Franz von Sales vorhatte, aufgrund seines frühen Todes aber nicht mehr umsetzen konnte.
Nach ihrer Profess 1816 wird sie nach Metz (F) gesandt. Sie soll dort zusammen mit zwei weiteren Schwestern das Kloster, das während der Französischen Revolution geschlossen wurde, wieder errichten. Bereits 1819 muss sie aus gesundheitlichen Gründen wieder ins Mutterkloster in Fribourg zurückkehren und wirkt dort in den nächsten Jahren als Novizenmeisterin.
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