Martin Mosebach an der Frankfurter Buchmesse 2022. (Bild: Dtv Verlagsgesellschaft, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons)

Weltkirche

Mar­tin Mose­bach, der bril­lante Roman­cier und mes­ser­scharfe Ana­ly­ti­ker der Kir­chen­krise, wird 75 Jahre alt

Mar­tin Mose­bach schreibt mit «urwüch­si­ger Erzähl­freude» Romane, Essays und Gedichte. Aber auch bei sei­ner Zeit– und Kir­chen­kri­tik fin­det er treff­si­cher die rich­ti­gen Worte. Heute darf er sei­nen 75. Geburts­tag feiern.

Am 31. Juli wird der Schriftsteller und Büchner-Preisträger Martin Mosebach 75 Jahre alt. Aufgewachsen in Frankfurt am Main studierte Martin Mosebach zunächst Rechtswissenschaft. Als «Spätentwickler», wie er sich selbst bezeichnet, begann er zu schreiben. Seit er 1983 seinen Debütroman «Das Bett» veröffentlicht hat, schreibt er Romane, Erzählungen und Gedichte und Essays über Kunst, Literatur, Reisen sowie über religiöse und politische Themen. 2007 wurde er mit dem Georg-Büchner-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung ausgezeichnet, dem wichtigsten Preis für deutsche Literatur. Die Jury lobte die «stilistische Pracht mit urwüchsiger Erzählfreude» in Mosebachs vielfältigem Werk.

Martin Mosebach wird oft als «katholischer Erzähler» beschrieben. Doch das ist gemäss ihm selbst gar nicht möglich, da «die einfache Wahrheit, die dem Glauben innewohnt, mit der Ambiguität und Widersprüchlichkeit, die gute Literatur auszeichnet, nicht vereinbar ist»[1].

Nachdem er als Jugendlicher den Bezug zur Kirche verloren hatte, fand Martin Mosebach durch die Entdeckung des gregorianischen Chorals zum Glauben zurück. Doch die Katholische Kirche fühlt sich aktuell für Martin Mosebach defizitär an. Aus seiner Sicht hat sich die Kirche Ende der 1960er-Jahre mit ihrer Absage an die überlieferte Liturgie ihrer Substanz beraubt. Was Papst Paul VI. mit der Liturgiereform angestossen habe, habe «faktisch die Weitergabe des Glaubens der Kirche in einem erschreckenden Ausmass geschwächt oder gar zum Erliegen gebracht», so der Autor. Ihn stört vor allem die praktische Umsetzung der Liturgiereform: «Die wenigen Katholiken, die heute noch in die Sonntagsmesse gehen, haben die Kenntnis dessen, was das eucharistische Opfer ist, weitgehend verloren», ist er überzeugt. Die Kirche sei «durch die Liturgiereform in ihrem Erscheinungsbild und in ihrer Substanz schwer verwundet worden». Er vermisst auch die Schönheit der Liturgie: «Der Glanz der Zeremonien, der sich von der grauen Alltäglichkeit stark abhob, sollte ein ‹sursum corda› bewirken, eine Erhebung der Herzen zum Himmel», erklärte er in einem Vortrag. Diese Ästhetik sei kein Selbstzweck, sondern ein wesentliches Element, um die Gläubigen auf das Heilige und Transzendente auszurichten.

Seine Kritik der Liturgiereform veröffentlichte er 2002 in seinem Buch mit dem programmatischen Titel: «Häresie der Formlosigkeit. Die römische Liturgie und ihr Feind». Diese brillant geschriebene Streitschrift ist so etwas wie die Bibel der Kritiker der nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil übers Knie gebrochenen Liturgiereform. Sie hat bis heute nichts von ihrer Aktualität eingebüsst – im Gegenteil. Wie sehr die von Mosebach prägnant auf den Punkt gebrachte Thematik auch in der Gegenwart vielen Zeitgenossen unter den Nägeln brennt, belegt die Tatsache, dass in den letzten zwei Jahrzehnten in verschiedenen Verlagen insgesamt acht Neuauflagen erschienen sind, die letzte im September 2025 bei dtv. Das aus religiös-kirchlicher Sicht wohl berührendste Buch Mosebachs trägt den Titel «Die 21 – Eine Reise ins Land der koptischen Märtyrer». Er berichtet darin über die Erfahrungen seiner Ägyptenreise, die ihn 2017 zu den koptischen Familienangehörigen von 21 Wanderarbeitern führte, die zwei Jahre zuvor in Libyen von Repräsentanten des Islamischen Staates enthauptet worden waren. Auf dem Cover des Buches heisst es dazu: «Immer wieder wurde ihm, umgeben von Kindern, Ziegen, Kälbern, auf einem iPad das grausame Propagandavideo des IS vorgeführt; er staunte über den unbefangenen Umgang damit. Von Rache war nie die Rede, sondern vom Stolz, einen Martyrer in der Familie zu haben, einen Heiligen, der im Himmel ist.» Roman Bucheli hat das Buch in der «Neuen Zürcher Zeitung» vom 13. März 2018 ausführlich rezensiert. Darin zitiert er Mosebachs geradezu prophetische, an die satt gewordenen Christen des Westens gerichtete Worte: «Von den Kopten wäre zu lernen, wie das Christentum weiter bestehen kann, wenn die Mehrheitsgesellschaft und der Staat nicht mehr duldend und wohlwollend sind, sondern feindselig werden, und wenn den Christen die Teilnahme am öffentlichen Leben verweigert wird, weil sie sich der Zivilgesellschaft nicht unterwerfen wollen.»

Mit seiner kritischen Haltung gegenüber der Kirchenführung hielt er nicht hinter dem Berg. 2015 warf er Papst Franziskus Desinteresse an Theologie vor. Es überrascht nicht, dass Martin Mosebach klare Worte für das Motu proprio «Traditionis custodes» von Papst Franziskus fand. Er brachte es in einem Interview auf den Punkt: Franziskus «hat den Bischöfen das Recht gegeben, die alte Liturgie dort, wo sie gefeiert wird, zu verbieten. Er hat ihnen aber nicht das Recht gegeben, sie zuzulassen. Das hat er sich persönlich vorbehalten. Damit hat er die Entscheidungsgewalt der Bischöfe stark eingeschränkt, während er sonst viele Entscheidungen an die Bischöfe delegiert.»[2] Papst Franziskus habe nicht wirklich Papst sein wollen, so ein weiterer Vorwurf von Martin Mosebach. Denn als Papst sei er die letzte Instanz für die Bewahrung der Rechtgläubigkeit gegen die jeweilige Gegenwart. Doch genau das wollte Franziskus nicht tun.

Positive Einschätzungen über den 2025 verstorbenen Papst kann Martin Mosebach nicht nachvollziehen. Eine Theologin hatte Franziskus gelobt, weil er «neue Methoden der Entscheidungsfindung und des Austausches angestossen und etabliert» habe und man anders als bei Johannes Paul II. und Benedikt XVI. nun «wieder offen diskutieren» könne. «Ich weiss gar nicht, was da alles ‹offen diskutiert werden› soll», so der Autor. «Die Kirche ist kein Diskussionsclub, sondern der mystische Leib des Herrn, innerhalb dessen die göttliche Gegenwart erlebt und angebetet wird.»

Im aktuellen Interview mit KNA wird Martin Mosebach deutlich: «Ich hoffe dringend, dass Papst Leo mit den ‹neuen Methoden der Entscheidungsfindung› von Papst Franziskus bald aufräumen wird, vor allem mit ‹Synoden›, die mit der gesamten synodalen Tradition der Kirchengeschichte brechen.» Leo wolle allerdings wohl einen scharfen Bruch mit dem Pontifikat seines Vorgängers vermeiden und habe sich «offenbar entschlossen, zunächst den Status quo gleichsam einzufrieren».

Resignation wegen der aktuellen Situation in der Kirche kennt der Autor nicht. Dies hat er bereits in einem früheren Interview klargemacht: «Ich war von Jugend an darauf eingestellt, als Katholik auf verlorenem Posten zu stehen. Das hat mich nie irritiert. Der Katholizismus ist enttäuschungsresistent. Wer an die Erbsünde glaubt, erwartet von der Welt nicht, was die Welt nicht geben kann.»[3]

Es bleibt viel Stoff zum Nachdenken für einen katholischen Schriftsteller wie Martin Mosebach, der jetzt sagt: «Jedes Buch, das ich schreibe, ist für mich mein erstes.» Ein Lebensmotto habe er nicht, auch nicht mit 75 Jahren: «Dazu steht mir mein Leben nicht deutlich genug vor Augen.»

 


[1] www.die-tagespost.de/kultur/martin-mosebach-ist-der-herbstzeitlose-art-219981

[2] Interview in der NZZ vom 20. Juli 2023.

[3] Interview in «Welt am Sonntag» vom 1. Juni 2026.


KNA/Redaktion


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    Martin Meier-Schnüriger 01.08.2026 um 11:23
    Martin Mosebach "vergisst", dass "Traditionis custodes" nicht nur Papst Franziskus geschuldet ist, sondern von vielen Traditionalisten, darunter auch Mosebach selbst, geradezu provoziert wurde. Denn sie interpretierten Papst Benedikts brillantes Schreiben "Summorum Pontificum" fälschlicherweise als Kampfansage gegen den ordentlichen Ritus, wohingegen Papst Benedikt mit S.P. den Frieden zwischen den beiden Formen des einen römischen Ritus, bzw. deren Anhänger, herstellen wollte.
  • user
    Meier Pirmin 01.08.2026 um 10:25
    Ich danke der Redaktion für diesen bedeutenden Aufwand, mit dem der mehr als nur bemerkenswerte Mosebach nicht einfach als "katholischer Autor" eingemeindet wird. Sehr aregend finde ich den Hinweis auf seine Reise zu den koptischen Christen und sein Buch darüber, das mir bis anhin entgangen ist und mich zur neuen Beschäftigung mit diesem Autor anregt.

    Als Romanschriftsteller vermochte mich dieser Autor bis anhin umso weniger zu überzeugen, als für mich ein Meister unter den neueren katholisch orientierten Autoren der ebenfalls Büchner-Preisträger (dieser Preis wird indes seit Jahren überschätzt und neuerdings vielfach an "politische korrekte" Autoren verliehen) Arnold Stadler bleibt, u.a. mit dem Jesus-Roman "Salvatrice" und seinen autobiografischen Auseinandersetzungen mit dem ländlicben Katholizismus seiner baden-württembergischen Heimat, wo er statt den Schwerpunkt auf die Liturgiereform zu legen zum Beispiel auf die Friedhofkultur, den Totenkult und den nicht zu unterschätzenden Niedergang des quasi "volkskundlichen Katholizismus" legt in Richtung auch religiös geprägter Demontage in Richtung "Heimat wird immer weniger". Überdies setzt er sich so mit der Sexualität so auseinander, dass er nicht nur mehr als andere über dekadente Entwicklungen im päpstlichen Rom seiner Studienzeit in seinem Werk kundgibt, sondern sich bewusst ist, dass in diesen Fragen jeder von uns, ich spreche hier bewusst auch als Mann, persönlich mitbeschlagen ist, und dies bei einer tiefen, unaufgebbaren Religiösität.

    Der wohl bemerkenswerteste Roman eines katholischen Autors in der Schweiz, "Der Forstmeister" von Josef Vital Kopp, als Systemkritik nicht zuletzt des bürokratisch entarteten landeskirchlichen Systems mit aber übergreifender Ziviliationskritik am Beispiel des Forstes wurde vor kurzem vom Direktor des Dichtermuseums Liestal, dem Historiker Stefan Hess, wieder neu und authentischer denn je herausgegeben, natürlich ohne das Aufsehen, das Mosebach vor ein paar Jahren mit einem mittelmässigen Zauberberg-Verschnitt noch einigermassen erreicht hat.

    Obwohl in Teilen problematisch und für Einsiedelns Zeitschrift "Salve" nicht rezipierbar, bleibt Hürlimanns Internat-Roman "Der Rote Diamant" ein bedeutender Abgesang auf eine einstige katholische Schul-Kultur, die über Ärgernisse hinaus mit der eindrücklichsten Darstellung einer Gymnasiallektion Griechisch zum Thema "Zeitwandel" und das "Ende der Orakel" endet mit einer Hommage an den fiktiven hochkreativen "Pater Erlebald", der mit einer einzigen grossartigen Schulstunde eine Lektion demonstriert, wie sie noch nie an einer weltlichen Kantonsschule stattfand. Überdies entpuppt sich der Problematiker Hürlimann als ein ähnlich hartnäckiger Marienverehrer wie es Einsiedelns Leutpriester Zwingli Reformation hin oder her immer geblieben ist. Mit diesen Autoren, die echt mehr riskierten als er, können meines Erachtens Mosebach und erst recht der rechte Kirchenkritiker Matussek nicht mithalten, wiewohl ich ihnen kirchenpolitisch in vielem recht zu geben vermag.
  • user
    Josef Köchle 31.07.2026 um 13:52
    Wenn in der Literatur Ambiguität und Widersprüchlichkeit vorkommt, beschreibt sie einfach das praktische Leben. Das kann man auf sehr katholische Art machen.
  • user
    Schwyzerin 31.07.2026 um 10:24
    Ja, so ist es. Ich graduliere Martin Mosebach zum 75. Geburtstag herzlichst und wünsche Ihm gottesreichen Segen. Möge seine Bücher in aller Welt gelesen werden.