Erinnerungsbild von Maurice Tornay vor seiner Abreise nach Tibet. (Bild: Association des Amis du Bienheureux Maurice Tornay)

Kirche Schweiz

Maurice Tornay: Zeugnis für Christus auf dem Dach der Welt

Am 11. August 1949 wurde der Walliser Maurice Tornay, Augustiner-Chorherr vom Grossen Sankt Bernhard, in China ermordet. 1993 wurde er von Papst Johannes Paul II. seliggesprochen. Nun leitete Bischof Jean-Marie Lovey auf Diözesanebene den kanonischen Prozess für seine Heiligsprechung ein.

Die Eröffnung des Heiligsprechungsprozesses am 23. März 2026 erfolgt auf Antrag der Kongregation der Chorherren der Heiligen Nikolaus und Bernhard von Montjoux, der «Stiftung des seligen Maurice Tornay» und der «Vereinigung der Freunde des seligen Maurice Tornay». Als Diözesanpostulator wirkt der ehemalige Walliser Staatsrat Maurice Tornay. Er ist nicht nur ein Namensvetter des Seligen, sondern auch entfernt mit ihm verwandt.

In einer kanonischen Untersuchung werden Zeugnisse, Dokumente und weitere Belege über das Leben, die Tugenden und das Glaubenszeugnis einer Person gesammelt. Diese Informationen werden anschliessend geprüft, um festzustellen, ob die Person offiziell als heilig anerkannt werden kann. Bischof Lovey ruft deshalb alle Gläubigen, Priester, Ordensleute auf, Unterlagen, Zeugenaussagen oder Informationen vorzulegen, die Aufschluss über das Leben des seligen Maurice Tornay geben können.

«Ich werde ein Märtyrer sein»
Maurice Tornay kam am 31. August 1910 in La Rosière VS zur Welt; er war das zweitjüngste von acht Kindern. Als Vierjähriger fragte er seine Mutter: «Mama, ist es besser, Priester zu werden oder Lehrer?» «Es ist besser, Priester zu werden», lautete ihre Antwort. Ob dies seine spätere Entscheidung beeinflusst hat, ist nicht klar. Seine Schwester Anna erzählte später von einer Begebenheit, die Licht auf das Kommende werfen sollte: Sie besass ein Bild der heiligen Agnes, einer Jungfrau und Märtyrerin. Auf die Frage, wie man Märtyrer werde, antwortete ihre Mutter, man müsse Gott über alles lieben und bereit sein zu sterben, anstatt ihn zu beleidigen. Maurice erklärte: «Das stimmt, du wirst sehen, ich werde ein Märtyrer sein.»

Er zeichnete sich in der Schule durch seine guten Leistungen aus, war fleissig und intelligent und bereits als Kind sehr selbstbewusst. Er trat mit fünfzehn Jahren ins Collège de Saint-Maurice ein. In ihm wuchs die Berufung zum geistlichen Leben und so trat er 1931 ins Noviziat des Hospizes des Grossen St. Bernhard ein. Sein Novizenmeister war niemand anderer als Pater Nestor Adam, der spätere Bischof von Sitten. Er begann sein Philosophie- und Theologiestudium; im September 1935 wurde er Regularkanoniker.

Missionar in Tibet
Bereits Papst Gregor XVI. (1831–1846) hatte die Missionstätigkeit der Kirche gefördert. In seiner Enzyklika «Rerum Ecclesiae» (1926) bekräftigte Pius XI. die Notwendigkeit, in allen Missionsbezirken einheimischen Klerus auszubilden. Die «Missions Etrangères de Paris», die seit 1846 im Tibet tätig waren, fragten aufgrund der topografischen und klimatischen Herausforderungen des Himalaya-Plateaus bei den Chorherren des Grossen St. Bernhard um Ordensleute nach. 1936 reisten Bruder Maurice Tornay, Bruder Nestor Rouiller und Pater Cyrille Lattion nach Yunnan im tibetanischen Grenzgebiet. Dort schlossen sie sich ihren Mitbrüdern an, die drei Jahre früher aufgebrochen waren.

Er half seinen Mitbrüdern bei der Errichtung eines Hospizes in Latsa. Die Herberge sollte wie das Hospiz des Grossen St. Bernhard unter anderem Durchreisende aufnehmen. Bruder Tornay lernte Chinesisch und Tibetisch und machte sich mit der Kultur der Menschen vertraut. Daneben setzte er sein Theologiestudium fort, welches er mit Bravour abschloss. Für die Diakonen- und Priesterweihe musste er nach Hanoi reisen, der französischen Kolonialhauptstadt Indochinas. Am 24. April 1938 empfing er das Weihesakrament.

Maurice Tornay kehrte nach Weisi zurück, wo er am 3. Juli 1938 seine erste Heilige Messe hielt. Am 15. August feierte er seine erste Heilige Messe auf Tibetisch, um das noch immer herrschende Misstrauen der einheimischen Bevölkerung gegenüber den Missionaren abzubauen.

Pater Tornay wurde die Leitung der Schule und des Knabenseminars übertragen, in dem der einheimische Priesternachwuchs ausgebildet werden soll, eine Aufgabe, die er mit Herzblut ausübte. Doch schon waren die ersten Auswirkungen des sich anbahnenden Zweiten Weltkrieges zu spüren; es kam wiederholt zu Nahrungsmittelengpässen, was zu einer Hungersnot führte.
 


Pfarrer in Yerkalo
Am 7. März 1945 wurde Pater Tornay zum Pfarrer von Yerkalo ernannt. Nicht, weil er darum gebeten hätte, sondern weil es eine Person mit Durchsetzungskraft brauchte, wie Pater Tornay schrieb. Dieser war vorübergehend als Pfarradministrator tätig, nachdem der frühere Pfarrer 1940 im Auftrag von Einheimischen ermordet worden und sein direkter Nachfolger 1945 an Typhus verstorben war. Mit dem Weggang von Pater Maurice Tornay muss das Knabenseminar geschlossen werden.

Pater Tornay erlebt einen freundlichen Empfang in seiner neuen Pfarrei: Sein Engagement für die Kinder und sein Bemühen um die einheimische Bevölkerung waren in Yerkalo bekannt. Doch nicht allen gefiel sein Wirken: Durch Pater Tornays Bemühen, sich dem Leben der Tibeter anzupassen, waren einige Tibeter katholisch geworden. Auch wenn es sich um Einzelfälle handelte, fürchteten die Tibeter einen Rückgang der Buddhisten. Dazu erklärte er, die Schule, die seit dem Tod des letzten Pfarrers geschlossen war, wieder zu öffnen und den Unterricht kostenlos anzubieten. Dies sahen viele Tibeter als Konkurrenz zu den eigenen, kostenpflichtigen Schulen.

Bereits am 2. Oktober 1945 wurde Pater Tornay aufgefordert, die Pfarrei zu verlassen, da Gun-Akhio (ein Lama) die Ländereien der Pfarrei gekauft habe. Doch er weigerte sich, zu gehen und informierte Monsignore Valentin in Lhasa über seine Lage. Auf die Initiative von Monsignore Valentin schrieben die Botschafter Frankreichs und Englands an den chinesischen Gouverneur von Sikang und konnten ihn davon überzeugen, die Mission von Yerkalo zu unterstützen. Dies führte dazu, dass man in Pater Maurice Tornay einen Verbündeten der Chinesen sah. Am 26. Januar 1946 wird er auf Befehl von Gun-Akhio von bewaffneten Männern an die chinesisch-tibetische Grenze eskortiert. Ein Versuch, von Pamé aus, dem letzten chinesischen Dorf vor der chinesisch-tibetischen Grenze, nach Yerkalo zurückzukehren, scheiterte.

Die letzten Jahre
Im Herbst 1947 bat Maurice Tornay seine Vorgesetzten, ihn nach Lhasa reisen zu lassen, um beim Dalai Lama das Recht auf Rückkehr nach Yerkalo einzufordern. Doch diese verweigerten die Zustimmung, da die Reise zu gefährlich wäre. Ein halbes Jahr später reiste er nach Shanghai, da sich dort angeblich der Dalai Lama aufhielt. Stattdessen traf er auf Monsignore Antonio Ribéri, den Apostolischen Internuntius in China. Dieser riet Pater Tornay, nach Lhasa zu reisen, und gab ihm Geld für die Reise. Zunächst verhinderten bewaffnete Konflikte die geplante Reise. Pater Tornay befürchtete zunehmend, dass bald keine Reisen mehr nach Lhasa möglich sein würden, und wandte sich erneut an seine Vorgesetzten. Jetzt erhielt er die Erlaubnis zur Reise und schloss sich Anfang Juni einer Handelskarawane nach Lhasa an. Auf der Reise kamen sie in seiner früheren Pfarrei Yerkalo vorbei, wo er die Morgenmesse feierte.

In Tibet rasierte sich Pater Tornay den Bart und zog sich tibetische Kleidung an, um unerkannt zu bleiben. Eine weitere Karawane stiess zu ihnen und auch die Männer dieser Gruppe versprachen, den Pater zu schützen. Trotz aller Vorsicht wurde Pater Maurice enttarnt, am 27. Juli 1949 verhaftet und an die Grenze zu China eskortiert. Dort wurde Pater Maurice Tornay zusammen mit seinem Diener Doci am 11. August 1949 von vier Männern getötet. Zwei chinesischen Dienern gelang die Flucht. Die Mitbrüder von Pater Tornay veranlassten die Bergung der Leiche. Am 17. August wurde Pater Maurice Tornay im Garten des Hauses von Atuntze beigesetzt. Sein Leichnam ruht derzeit in seiner ehemaligen Pfarrei in Yerkalo.

Einer der überlebenden Diener berichtete später, am letzten Abend hätte sie Pater Tornay gefragt, ob sie Angst hätten. Sie verneinten, obwohl sie in Wahrheit vor Angst kaum essen konnten. Er antwortete: «Ihr dürft keine Angst haben; wenn sie uns vier töten, kommen wir direkt ins Paradies. Wir werden für die Christen sterben.»

Bischof Jean-Marie Lovey schliesst die Mitteilung zur Eröffnung des Heiligsprechungsprozesses von Maurice Tornay mit den Worten: Möge dieses Vorgehen für unsere Diözese ein Zeichen lebendigen Glaubens und der Hoffnung auf die Heiligkeit sein und möge es ermöglichen, ein neues Vorbild der Heiligkeit anzuerkennen, wenn es Gottes Wille ist.»
 

Weitere Informationen zum Leben des seligen Maurice Tornay und seiner Verehrung finden sich hier


Rosmarie Schärer
swiss-cath.ch

E-Mail

Rosmarie Schärer studierte Theologie und Latein in Freiburg i. Ü. Nach mehreren Jahren in der Pastoral absolvierte sie eine Ausbildung zur Journalistin.


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