Ewige Profess von Bruder Laurentius im Kloster Disentis. (Bild: Stefan Schwenke/Kloster Disentis)

Kirche Schweiz

Mehr als ein Gegenentwurf zum Zeitgeist

Bruder Laurentius Sauterel hat am Sonntag, 10. August, im Benediktinerkloster Disentis seine ewige Profess gefeiert und wurde damit – begleitet von zahlreichen Weggefährten und Gästen – in der voll besetzten Klosterkirche St. Martin endgültig in die Mönchsgemeinschaft der Benediktinerabtei aufgenommen.

Was er heute bekenne, so Abt Vigeli Monn in seiner Predigt, sei ein Gegenentwurf zum Zeitgeist: «Die Welt ruft: ‹Behalte! Sichere dich ab! Stell dich ins Zentrum!› Aber du bekennst heute: ‹Ich lasse los. Ich gebe mich hin. Ich will demütig und gehorsam sein – um frei zu sein. Ich will mich leeren – damit Gott mich erfüllen kann.›»

Wo euer Schatz ist, da sei auch euer Herz, zitierte Abt Vigeli die Worte Jesu. «Diese Worte sind zugleich Warnung und Verheissung. Denn unser Herz geht dorthin, wo unser Schatz ist. Die feierliche Profess ist nichts weniger als eine Erklärung, wo dein Schatz ist. Du sagst heute mit deinem Versprechen fürs Leben: ‹Mein Schatz ist nicht Erfolg, nicht Besitz, nicht Anerkennung. Mein Schatz ist Christus.›»

Der Eintritt ins Kloster ist ein grosses Versprechen. «Aber du musst es nicht allein tragen. Du lebst in einer Gemeinschaft. Und mehr noch: Du bist gehalten vom Herrn, der dich heute ruft – und der dir die Gnade schenken wird, Tag für Tag in deiner Hingabe zu wachsen», gab Abt Vigeli Bruder Laurentius mit auf den Weg.
 

Im Interview mit «swiss-cath.ch» gibt Bruder Laurentius Auskunft über seine Berufung und seine Beziehung zu seinem Namenspatron, dem Märtyrer Laurentius von Rom.

Sie kamen vor einigen Jahren ins Kloster Disentis, um sich auf eine Prüfung vorzubereiten. Warum gerade Disentis und nicht etwa Mariastein, das näher bei Bern liegt?
Es war die Vorsehung, die mich nach Disentis brachte: Während des ersten Jahres meines Medizinstudiums im Jahr 2015 wurde mein Herz immer unruhiger, wie Augustinus im Prolog der Confessiones sagt: «Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in Dir». Es war ein Ruf, mein Leben Christus hinzugeben für das Heil der Seelen. Ich brauchte einen Ort, wo ich gleichzeitig meine Prüfungen vorbereiten und diesen Ruf verstehen konnte.

«Disentis/Mustér» bemerkte ich auf der Karte des Schweizer Eisenbahnnetzwerkes. Die Berge Graubündens zogen mich an, und ich dachte, Mustér muss doch Kloster heissen, darum erkundigte ich mich nach der Adresse und rief an der Pforte an. «Kloster Disentis, Bruder Urs» war der erste Kontakt. Ich fragte, ob ich ein Einzelzimmer für zwei Wochen ab Übermorgen buchen konnte, um mich auf meine Prüfungen vorzubereiten. «Ja, wir finden sicher eine Lösung», sagte er und verwies mich an Bruder Stefan, unseren Gastbruder. Leider war Bruder Stefan in einem Engpass, weil im Kloster alle Gästezimmer – in jener Zeit waren es nur etwa zehn – durch die Teilnehmenden der damals jährlichen Wanderwoche belegt waren.

Ich rief meinen geistlichen Begleiter an, Abbé Martial Python, der Jahre lang in Yverdon Pfarrer gewesen war und jetzt dank Gottes Fügung Spiritual im Priesterseminar Freiburg ist, wo ich Theologie studiere. P. Martial empfahl mir ein anderes Kloster. Ich sollte aber sagen, ich melde mich für Besinnungstage und nicht für Prüfungsvorbereitungen an. Als ich das hörte, rief ich Bruder Stefan nochmals an und erklärte ihm die ganze Geschichte. Ausnahmsweise durfte ich in einem Zimmer des Noviziats übernachten. In diesen ersten zwei Wochen im Kloster Disentis dachte ich gar nicht, dass ich für das Klosterleben berufen war. Erst in den darauffolgenden Monaten merkte ich es immer stärker, und als ich Ende 2015 wieder kam, um mich auf Prüfungen des zweiten Jahres Medizin vorzubereiten, und Bruder Urs, Bruder Franz und Bruder Martin und ihre so aufgeschlossene und zuvorkommende Art sah, realisierte ich, dass dieses Kloster der Ort meiner Ruhe ist (vgl. Ps 132,14).
 


Der «Vorteil» einer Klosterberufung liegt darin, dass man das Leben als Ordensmann während mehrerer Jahre «ausprobieren» kann, bevor man eine definitive Entscheidung fällt. Wie haben Sie die Zeit während Noviziat und zeitlicher Profess erlebt?
Es war eine Art Fortsetzung dessen, was ich bis dann als Gast erlebt hatte. Seit August 2015 kannte ich das Kloster. Ende 2015 kam ich zum Schluss, dass dieses Kloster der Ort meiner Berufung war. Ich hätte dann ziemlich bald eintreten können, merkte aber, dass es wichtig war, zuerst das Studium der Medizin zu absolvieren, weil dieses Studium an sich der Anfang meiner Berufung war. Bruder Martin lud mich zum Weltjugendtag nach Krakau ein, wo ich zahlreiche junge Christinnen und Christen aus der ganzen Schweiz kennenlernen durfte. Während des Studiums half mir die Freundschaft mit diesen jungen Menschen sehr. Ich entdeckte ein Netzwerk der katholischen Jugend, das sich durch die verschiedenen, in vierzehn Städten der Schweiz verteilten Adoray-Gebetsgruppen zieht. Dieses Netzwerk ist seit langem sehr mit unserem Kloster verbunden. Sie besuchen uns, und wir sind an ihren wichtigsten Jugendanlässen im Jahr auch dabei.

Manche Mitbrüder waren mir vor dem Klostereintritt schon sehr vertraut, was die Umstellung erleichterte, die mit dem Klostereintritt einherging. Die Gemeinschaft lernte ich schnell besser kennen und vor allem ihre Geschichte und die Regel des heiligen Benedikt. Die ersten Jahre im Kloster waren im geistlichen Leben vor allem durch eine Vertiefung der Heiligen Schrift geprägt, die mir einen neuen Zugang zu Christus erschloss. Wir hatten regelmässig Ausbildungen im Benediktinerinnenkloster Mariendonk am Niederrhein, das für eine lange Tradition in der Kirchenväterforschung bekannt ist. Schwester Theresia Heither, Äbtissin Christiana Reemts und Schwester Justina Metzdorf haben mir geholfen, Christus in der Heiligen Schrift kennenzulernen, Sein lebendiges Wort mit Hilfe der Auslegungen der Väter immer mehr zu verstehen und daraus eine wahre Stütze für mein Leben zu machen. Dank dem Vorbild dieser Schwestern konnte ich umso mehr verstehen, dass sowohl das Medizinstudium als auch die Neurobiologie und die Theologie Orte der Betrachtung der Grösse Gottes sind, Seiner Schöpfung und unserer Erlösung durch das Kreuz Christi.

Sie studieren Theologie in Fribourg und müssen dafür das Kloster verlassen. Wie bauen Sie die klösterliche Lebensweise in Ihren Studienalltag ein?
In Freiburg wohne ich im Priesterseminar, was mir ermöglicht, am Stundengebet teilzunehmen. Die grösste Herausforderung in den letzten drei Jahren in Freiburg bestand in einer Autoimmunerkrankung, an der ich leide. Diese Krankheit lernte ich im dritten Jahr meines Medizinstudiums kennen, nicht ahnend, dass ich ab 2019 selbst darunter leiden würde. Die Colitis Ulcerosa war immer wieder Quelle grossen Leidens und Schlafmangels. Zuerst machte ich einen Master in Neurobiologie, um am Gymnasium des Klosters zu unterrichten, und fing dann an mit dem Studium der Theologie. Während des Masters in Biologie konnte ich besser mit den Symptomen umgehen, weil die Präsenz in den Vorlesungen nicht nötig war und die Laborstunden verschiebbar waren. Im Theologiestudium war es wegen der Regelmässigkeit der Unterrichtsstunden schwieriger zu kompensieren.

Sie haben am Gedenktag ihres Namenspatrons die ewige Profess abgelegt. Was beeindruckt Sie am heiligen Laurentius? Wo unterscheiden Sie sich vielleicht von ihm?
Der heilige Laurentius gehört zu den ersten Märtyrern der Geschichte der Kirche. Er starb in der Mitte des dritten Jahrhunderts und gehört somit zur Epoche der Kirche, die mich am meisten begeistert. Während des Noviziats entdeckte ich die Schriften dieser ersten Christen: die sieben Briefe des heiligen Ignatius von Antiochien, den Brief des heiligen Polykarp und seine Märtyrerakten, die Schriften der heiligen Justinus und Irenäus von Lyon, allesamt Märtyrer, sowie die zahlreichen Auslegungen des Origenes. Diese authentischen historischen Texte gaben mir einen neuen Zugang zu dieser Epoche der Kirche, in der mein Namenspatron lebte. An all diesen erwähnten Vorbildern beeindruckt mich ihr tiefes Gottvertrauen sowie ihr unermüdlicher Eifer, sich voller Energie und Kraft für das Reich Gottes einzusetzen. Ich möchte diesen Eifer nachahmen, den man heute noch bei vielen Christen sieht, sowohl bei meinen Mitbrüdern als auch bei zahlreichen jungen Menschen der katholischen Jugend, die unter anderem in Adoray-Treffen zu finden sind.

Der Unterschied zur Epoche der ersten Christen ist, dass wir in unseren Ländern nicht mit blutiger Verfolgung konfrontiert sind, sondern mit Gleichgültigkeit. Die Verfolgung gibt Anlass, dass man mit Gottes Hilfe durch eine sie überragende Liebe darauf reagieren kann; aber die Gleichgültigkeit bis in die Kirche hinein ermöglicht keine Antwort. Menschen ignorieren, stellen Fragen, aber gehen nicht auf die Antworten ein. Selbst Christen sind sich manchmal zu schade, die Verantwortung eines Lebens in der Nachfolge Christi auf sich zu nehmen, obwohl es zur Identität jedes Getauften gehört.
Heute haben wir nicht mehr Gründe zu verzweifeln als zur Zeit des heiligen Laurentius, die Herausforderungen sind einfach andere. Unser Martyrium besteht nicht darin, für unseren Glauben auf dem Rost verbrannt zu werden, sondern trotz allen Enttäuschungen das Wort weiter zu verkünden. Wir sollen nicht müde werden, Menschen wachzurütteln, nicht aufgeben, Christen zu besseren Christen machen zu wollen. Die zahlreichen jungen Menschen, die Jahr für Jahr neu zur Kirche kommen, die Taufe verlangen und ein Leben in der Nachfolge Christi leben, sind genug Beispiele dafür, dass es sich lohnt, den Glauben zu verkünden. 
 

Laurent Sauterel wurde am 8. Dezember 1996 als älteres von zwei Geschwistern in Bern geboren. Nach dem Gymnasium in Yverdon und Frauenfeld, wo er die zweisprachige Matura gemacht hat, studierte er von 2014 bis 2020 zunächst in Neuenburg und dann in Lausanne Medizin. Er trat am 1. Januar 2021, seinem Tauftag, ins Kloster Disentis ein und nahm mit seinen zeitlichen Gelübden am 2. Juli 2022 den Ordensnamen Bruder Laurentius an. Im Kloster Disentis ist er vor allem in der Jugendarbeit aktiv. Deshalb feierte er am Nachmittag des Professtages mit den jugendlichen Gästen ein Adoray-Gebetstreffen in der Klosterkirche.


Redaktion


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Bemerkungen :

  • user
    T.L.D 16.08.2025 um 18:39
    Deo gratias! Ich hoffe, mit ihm einige Worte zu wechseln, da ich bald einen kurzen Kloster-Aufenthalt machen werde! Das Kloster Disentis ist ein wunderbares Kloster.
  • user
    Martin Meier-Schnüriger 16.08.2025 um 13:10
    Herzlichen Dank für den schönen und hoffnungsvollen Artikel! Schade, dass das Positive, das es kirchlicherseits immer wieder zu berichten gibt, meist unbeachtet bleibt, während das Negative an die grosse Glocke gehängt wird. A propos: So Gott will, wird es in etwa einem Jahr in Disentis eine weitere ewige Profess zu feiern geben ...