Zehn Jahre nach ihrer Heiligsprechung gehört Mutter Teresa weiterhin zu den bekanntesten Gestalten der Katholischen Kirche. Für den Kirchenhistoriker Jörg Ernesti liegt das nicht nur an ihrem Einsatz für die Ärmsten der Armen, sondern auch daran, dass ihr Leben von einer aussergewöhnlichen geistlichen Tiefe geprägt war. «Sie ist bedingungslos dem Ruf Jesu gefolgt, den Armen zu helfen», sagt der Augsburger Theologe im Gespräch anlässlich des zehnten Jahrestags ihrer Heiligsprechung.
Am 4. September 2016 sprach Papst Franziskus die Friedensnobelpreisträgerin auf dem Petersplatz in Rom heilig. Bei strahlendem Sonnenschein versammelten sich rund 120 000 Menschen auf dem Petersplatz. Neben dem indischen Ministerpräsidenten Narendra Modi waren zwölf weitere Staats- und Regierungschefs anwesend.
Mutter Teresa sei eine «unermüdliche Arbeiterin der Barmherzigkeit» gewesen, würdigte Papst Franziskus damals die aus dem heutigen Mazedonien stammende Nonne. Sie wurde im indischen Kolkata (früher Kalkutta) als «Engel der Armen» durch ihre Hilfe für Waisenkinder und Obdachlose bekannt.
Zugleich machte der Papst deutlich, dass sie für viele Menschen weiterhin einfach «Mutter Teresa» bleiben werde. «Ihre Heiligkeit ist uns so nah, so zärtlich und fruchtbar, dass wir wohl spontan weiter ‹Mutter Teresa› sagen werden», erklärte der Papst in seiner Predigt.
Kirchenhistoriker Jörg Ernesti bewertet ihre Heiligsprechung 19 Jahre nach ihrem Tod am 5. September 1997 als schnell, jedoch nicht rekordverdächtig. «Sie war eine Frau von aussergewöhnlichem Charisma, die viele Menschen auf der ganzen Welt fasziniert hat.»
Zugleich weist der Historiker den Eindruck zurück, Heiligsprechungen könnten voreilige Entscheidungen sein. Das Verfahren folge im Grunde genommen immer noch der Ordnung, die Mitte des 18. Jahrhunderts von Papst Benedikt XIV. festgelegt wurde. Ein Kirchenanwalt, den man früher Advocatus Diaboli («Anwalt des Teufels») genannt hat, fällt dabei die Aufgabe zu, die Argumente gegen eine Heiligsprechung vorzubringen.
Den Ärmsten der Armen geholfen
Für ihre anhaltende Verehrung sieht der Historiker mehrere Gründe. So sei sie bedingungslos dem Ruf Jesu gefolgt. Sie habe dabei keinen festen Plan gehabt, sondern sich den Menschen zugewandt, die ihre Hilfe gerade am nötigsten brauchten: zuerst den Sterbenden an den Strassenrändern von Kolkata, dann ausgesetzten Kindern und Leprakranken.
Dabei habe sie sich auch nicht gescheut, unbequeme Positionen zu vertreten. Sie war eine entschiedene Gegnerin der Abtreibung und ist damit auch angeeckt, etwa mit ihrer Rede bei der Verleihung des Friedensnobelpreises 1979, betont Ernesti.
«Der grösste Zerstörer des Friedens ist heute der Schrei des unschuldigen, ungeborenen Kindes. […] Aber heute werden Millionen ungeborener Kinder getötet, und wir sagen nichts. […] Für mich sind die Nationen, die Abtreibung legalisiert haben, die ärmsten Länder. Sie fürchten die Kleinen, sie fürchten das ungeborene Kind. Und das Kind muss sterben, weil sie dies eine Kind nicht mehr haben wollen – nicht ein Kind mehr – und das Kind muss sterben. Und ich bitte Sie hier im Namen der Kleinen: Rettet das ungeborene Kind, erkennt die Gegenwart Jesu in ihm!» (Mutter Teresa bei der Verleihung des Friedensnobelpreises)
«Mir persönlich hat auch gefallen, wie diese kleine und bescheidene Frau den Mächtigen der Welt begegnet ist», erzählt der Kirchenhistoriker. Er empfindet die Bilder, wie der verstorbene US-Präsident Ronald Reagan und seine Frau Nancy Mutter Teresa im Garten des Weissen Hauses empfangen haben oder wie der polnische Papst Johannes Paul II. sie in den Arm nahm, als sehr beeindruckend.
Zwischen Selig- und Heiligsprechung erlebte die öffentliche Wahrnehmung Mutter Teresas eine überraschende Wende. Der Koordinator (Postulator) des Verfahrens veröffentlichte nämlich persönliche Briefe und Aufzeichnungen der Ordensfrau, die bereits zu Lebzeiten als Vorbild gelebter Nächstenliebe verehrt worden war.
Dunkle Nacht der Seele
Demnach habe sie jahrzehntelang Erschöpfungszustände, Depressionen und Glaubenszweifel gehabt, erklärt Jörg Ernesti. Er betont, dass das ihrem Wirken eine grosse Tiefe gegeben habe. «Sie war also wohl nicht nur die Heldin der Nächstenliebe, wie wir sie kennen. Sie war auch eine Mystikerin und eine Christin, die wie viele moderne Menschen um ihren Glauben ringen musste.»
Auch ihre Herkunft habe sie geprägt, sagt der Kirchenhistoriker. Geboren wurde Agnes Gonxha Bojaxhiu 1910 im multireligiösen Skopje, das damals noch zum Osmanischen Reich gehörte. Katholiken bildeten dort nur eine kleine Minderheit neben Orthodoxen und Muslimen. Schon früh habe sie deshalb gelernt, Menschen unterschiedlicher Religionen und Nationalitäten mit Respekt zu begegnen. Diese Erfahrung hat nach Einschätzung von Ernesti ihr späteres Wirken im religiös vielfältigen Indien erleichtert.
Anhaltende Bedeutung
Den entscheidenden Wendepunkt ihres Lebens erlebte sie 1946, erklärt Jörg Ernesti. Sie habe ein erfülltes Ordensleben geführt, bis sie eine Vision als Aufforderung Christi verstand, ihr bisheriges Leben zu verlassen und sich ganz den Ärmsten zuzuwenden. «Mich dürstet», das Wort des Gekreuzigten, wurde ihr fortan zum Leitbild. 1950 gründete sie den Orden der «Missionarinnen der Nächstenliebe» und eröffnete zwei Jahre später das erste Hospiz in Kalkutta, in dem Kranke, Arme und Sterbende gepflegt wurden.
Für Jörg Ernesti reicht die Bedeutung Mutter Teresas weit über ihre Zeit hinaus. «Vielleicht wird man in 500 Jahren einmal sagen: Der bedeutendste Heilige des 20. Jahrhunderts, ja vielleicht der Neuzeit, war kein Mann, sondern eine Frau.»
Der Orden der Missionarinnen der Nächstenliebe besteht heute aus rund 5000 Schwestern, die in 138 Ländern 754 Spitäler, Hospize usw. betreuen.
Kommentare und Antworten
Bemerkungen :
Ein echter Lichtstrahl des letzten Jahrhunderts, der bis in die ganze Welt hinaus Licht brachte, trotz (oder eher vielleicht genau deswegen?) ihrer sehr schmerzhaften "seelischen Dunkelheit".
Was oft den meisten Bewunderern/Verehrern dieser so charismatischen Heiligen - die meistens als Vorbild eines charitativen/aktiven/tätigen Christentums, betrachtet wird, im Gegensatz zu einem kontemplativen/"passiven" - nicht bekannt ist, ist zweierlei, und zwar:
- Dass sie selber später den kontemplativen Zweig der Schwestern (und Brüder) gründete, da sie selber einsah, dass eine so grosse und schwierige Mission nur möglich war, wenn kontemplative Schwestern den Aktiven im Gebet zur Seite stünden
- Dass die aktiven Schwestern anfänglich nur eine halbe Stunde tägliche eucharistische Anbetung hatten, bis sie selber realisierte, dass, um die nötige Kraft für ihre Mission zu schöpfen, eine ganze Stunde mit/vor dem eucharistischen Herrn nötig war.
Sie selber sprach immer wieder davon, wie wichtig die eucharistische Anbetung für ihren Orden, aber auch sonst für die ganze Kirche und die Welt usw sei.
Vielleicht wäre man versucht zu denken, dass solche Missionarinnen keine Zeit zu "verschwenden" hätten, da sie ja täglich so viele Arme und Bedürftige zu pflegen haben... jedoch ist gerade die, vor dem Herrn im Allerheilgsten Sakrament verschwendete Zeit, die ihre (und unser aller...) Tätigkeiten fruchtbarer und besser zu bewältigen macht.
Manchmal vergessen wir, dass wir ohne IHN nichts können... und bilden uns ein, wir müssten selber das und jenes tun...
Vielleicht war auch gerade diese ihre tiefe Verehrung und Anbetung der Eucharistie das wahre Geheimnis ihres "Erfolgs"?
Aus dem Englischen ein Zitat von ihr:
"To be able to live this life of vows, these four vows, we need our life to be woven with the Eucharist. That's why we begin our day with Jesus in the Holy Eucharist. With him, we go forward. And when we come back in the evening we have one hour of adoration before Jesus in the Blessed Sacrament, and at this you will be surprised, that we have not had to cut down our work for the poor. ("Um fähig zu sein, dieses Leben der Gelübden, der vier Gelübden, zu leben, brauchen wir ein Leben, das mit der Eucharistie "gewoben" ist. Das ist warum wir den Tag mit Jesus in der Eucharistie beginnen. Mit Ihm gehen wir vorwärts. Und wenn wir am Abend zurück kommen, halten wir eine Stunde Anbetung vor Jesus im Allerheiligsten Sakrament und da wirst du überrascht sein, dass wir es nicht nötig hatten, unsere Arbeit für die Armen zu kürzen").
Vielleicht sollten wir uns mehr von dieser grossen Heiligen, wie von vielen anderen auch, inspirieren lassen für unser christliches Leben? Und dann werden wir sehr wahrscheinlich auch selber staunen….