Am vergangenen Sonntag ist der italienischsprachige Bündner Schriftsteller Massimo Lardi im Alter von 89 Jahren in seiner geliebten Heimat Poschiavo gestorben. Er hinterlässt eine Frau, zwei Kinder und ein Enkelkind. Und er hinterlässt wertvolle Zeugnisse einer Ecke der Schweiz, die manche vielleicht aus ihren Ferien kennen und schätzen: das Puschlav.
Während man Massimo Lardi im deutschen Sprachraum kaum kennt, ist er in der italienischen Grenzregion durchaus eine Grösse, weil er auch über grenzübergreifende Themen schrieb und von Schmugglern und Auswanderern erzählte, welche die Geschichte der Region mitgeprägt haben. Dabei hat er die Menschen vor die wichtigen Lebensfragen nach Freiheit und Identität gestellt. Von Lardi sind neben einer zweisprachigen Publikation über seinen Bruder Bernardo Lardi («Leben und Werk») zwei Romane auf Deutsch erschienen: «Baron de Bassus und die Illuminaten», ein Roman über das gleichnamige Puschlaver Patriziergeschlecht und die Erschütterung der alten Ordnung im 18. Jahrhundert, und sein erster Roman von 2002: «Export zwei, eine Schmuggler-Geschichte aus dem Puschlav».
Massimo Lardi kam 1936 in Le Prese als ältestes von zwölf Geschwistern zur Welt. Sein Zwillingsbruder Bernardo sollte später als Vertreter der CVP (heute Mitte) den Einzug in die Bündner Regierung schaffen. Seine Muttersprache war Italienisch und ganz besonders der Puschlaver Dialekt. In der Grossfamilie sei ihm nie langweilig geworden, erzählte er in einem Fernsehinterview. Als älteste Geschwister hätten er und sein Zwillingsbruder den Vorteil gehabt, dass sie neue Kleider erhielten, während die jüngeren diese nachtragen mussten. Bei Bedarf wurde ein Schneider oder ein Schumacher nach Hause bestellt, der reihenweise die Masse genommen habe. Am Tisch sei es jeweils sehr laut gewesen, bis der Vater «Ruhe» gerufen habe. Den Sommer verbrachte man mit Arbeiten auf der Alp, wo immer etwas los gewesen sei.
Schon in der Schule schrieb er gerne Aufsätze, aber zu Hause musste man anpacken, da gab es keine Musse für das Schreiben. Damals sei es halt noch so gewesen, dass nur die Buben schulisch gefördert wurden, erzählte er weiter. Auch er wurde ins Kollegium nach Altdorf geschickt, wo er Deutsch lernte und die Matura machte. Erst bei seinem Philologie-Studium in Zürich, das er mit einer Doktorarbeit über den italienischen Schriftsteller und Partisanen Beppe Fenoglio abschloss, und seiner Tätigkeit als Italienisch- und Französisch-Lehrer in Chur konnte er sich seinem Hobby widmen.
Zunächst verfasste er Hörspiele für das Tessiner Radio und Theaterstücke, besonders über geschichtliche Themen und lokale Ereignisse aus seiner Heimat. Er sammelte intensiv Material über seine Themen, bis er spürte: «Plötzlich muss ich schreiben», wie er 2017 gegenüber der «Südostschweiz» sagte. Lardi leitete auch jahrelang den Almanch von Italienischbünden und die «Quaderni grigionitaliani».
Freiheit durch Verwurzelung
In seinen Geschichten thematisierte Lardi die bewegte Vergangenheit der Grenzregion Puschlav, die Auswanderung, die geprägt war durch eine anhaltende Heimatverbundenheit der Gemeinschaften im fernen Ausland, und die sprachlichen, politischen, wirtschaftlichen und konfessionellen Wirren und Traumata seines Kantons. Er erzählte auch von Künstlern aus dem Misox, die in Bayern am Hof aktiv waren, oder von Puschlaver Kolonien in Rom, die keine der berühmten Zuckerbäcker waren, sondern Händler, und die teilweise sogar zu Wohlstand fanden. Lardi entdeckte aber auch die Hinterlassenschaft eines Puschlaver Pfarrers im Kirchenarchiv und übersetzte eigenhändig dessen 15 000 Verse aus dem Lateinischen.
Der rote Faden, der seine Werke durchzieht, ist die Freiheit. Seine Figuren sind frei, weil sie tief verwurzelt sind, weil sie ihre Sprache, ihre Kultur und ihre Geschichte bewahren können und wissen, woher sie kommen. Aber Freiheit ist nie selbstverständlich. Sie verlangt Erinnerung, Bildung und die Bereitschaft, Verantwortung für die Gemeinschaft zu übernehmen. Es geht um die Freiheit des Denkens, die politische Freiheit, die wirtschaftliche Selbstbestimmung und die kulturelle Identität. Dabei verbindet er stets das Schicksal des Einzelnen mit den grossen Bewegungen der europäischen Geschichte. Freiheit entsteht für ihn nicht durch grenzenlosen Individualismus, sondern durch das Zusammenspiel von persönlicher Verantwortung, historischer Erinnerung und Respekt vor der Würde jedes Menschen. Die Aktualität seines Schaffens liegt darin, dass er aufzeigt, dass die Freiheit nie endgültig errungen wurde, sondern immer wieder neu verstanden, verteidigt und verantwortungsvoll gelebt werden muss.
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