Links: Cover des Buches. Rechts: Kardinal Leo Scheffczyk (Bild: Manuel Castells, CC BY-SA 2.0 via Wikimedia Commons)

Neuerscheinungen Interview

Neu­auf­lage des theo­lo­gi­schen Werks von Leo Kar­di­nal Scheffczyk: Katho­li­zi­tät beim Wort genommen

«Die Bedeu­tung der Dog­ma­tik von Leo Kar­di­nal Scheffczyk». Unter die­sem Titel wurde am 16. Dezem­ber 2025 in der Hoch­schule Hei­li­gen­kreuz anläss­lich sei­nes 20. Todes­ta­ges (5. Dezem­ber 2005) der erste Band der Dog­ma­tik von Leo Scheffczyk und Anton Zie­genaus in durch­ge­se­he­ner Neu­auf­lage vorgestellt.

Im Interview mit «swiss-cath.ch» geben Pater Dr. Johannes Nebel FSO, Leiter des Leo-Scheffczyk-Zentrums in Bregenz, und Prof. Manfred Hauke, Theologische Fakultät von Lugano, Einblick in die Entstehungsgeschichte der Neuauflage, aber auch in das Werk des grossen Theologen selbst.

Am 16. Dezember wurde in der Hochschule Heiligenkreuz der erste Band der Dogmatik von Leo Scheffczyk und Anton Ziegenaus in durchgesehener Neuauflage vorgestellt. Wie kam es dazu?
Pater Johannes Nebel: Vor einigen Jahren kontaktierte eine Absolventin der Theologie in Heiligenkreuz das Kloster Thalbach in Bregenz (Österreich), wo sich das Leo-Scheffczyk-Zentrum und das Grab Kardinal Scheffczyks befinden und wo dessen gesamter Nachlass verwaltet wird. Das Anliegen der jungen Frau war die Frage, ob die Dogmatik von Kardinal Scheffczyk und Anton Ziegenaus, deren Bände vergriffen sind, wieder aufgelegt wird. Da ich als Verwalter des Leo-Scheffczyk-Zentrums immer wieder danach gefragt werde, war mir dies ein Anstoss, dieses Grossprojekt in Angriff zu nehmen. Weil Abt Dr. Maximilian Heim OCist von Heiligenkreuz sofort lebendiges Interesse an einer Neuauflage zeigte, wurde es in die Wege geleitet, dies mit dem Be-&-Be-Verlag von Heiligenkreuz umzusetzen (der Verlag der Erstauflage existiert nicht mehr). Für den kleinen Verlag von Heiligenkreuz entschieden wir uns auch wegen der dadurch gegebenen Nähe zu interessierten Studierenden.

Prof. Manfred Hauke: Die durchgesehene Neuauflage war möglich, weil bereits mit den acht Bänden der italienischen Ausgabe (2010–2020) eine umfangreiche Vorarbeit verbunden war, wobei auch neuere Literatur berücksichtigt wurde. Diese Vorarbeit durfte ich koordinieren. Die italienische Ausgabe erschien im Verlag der päpstlichen Lateranuniversität.

Die achtbändige Katholische Dogmatik von Leo Scheffczyk und Anton Ziegenaus gilt innerhalb der systematischen Theologie als Referenzwerk. Worin liegt die «Besonderheit» der Dogmatik?
Pater Johannes Nebel: Die Katholische Dogmatik von Kardinal Scheffczyk und Anton Ziegenaus steht in organischem Anschluss an die grosse kontinuierliche Lehr- und Denktradition der Katholischen Kirche und verbindet diese mit den wichtigsten modernen Fragestellungen. Gemäss den Weisungen des Zweiten Vatikanischen Konzils bietet das Handbuch eine heilsgeschichtliche Durchdringung der Glaubenswahrheiten und die Darstellung des Zusammenhangs zwischen ihnen. Zugleich wird auf Kompaktheit Wert gelegt. Die Lesbarkeit und Verständlichkeit werden von vielen Seiten anerkannt.

Die beiden Verfasser erklären im Blick auf das Gesamtwerk, es gehe «darum, das Dogma der Kirche, das vielfach in die moderne Subjektivität aufgehoben erscheint, in seinem angestammten und bleibenden Sinn zur Sprache zu bringen, freilich im Horizont des Gegenwartsbewusstseins. Als Lehrbuch gedacht, möchte es doch keine in Lehrsätzen und Thesen vorgehende Traktatentheologie bieten, sondern die Glaubenswahrheit organisch entfalten und in zusammenhängender, problemorientierter Gedankenführung zum Verständnis bringen. Dabei bildet die Heilsgeschichte das Einheitsband. Sie gelangte in Jesus Christus zu ihrem Höhepunkt.» [aus dem Vorwort des einst zuerst erschienenen Bandes 2]

Der erste Band bietet eine Einleitung in die Dogmatik. Nun könnte sich ein Laie fragen, warum es eine 450-seitige Einleitung braucht …
Pater Johannes Nebel: Die Einleitung in die Dogmatik klärt überhaupt die Fundamente des theologisch-wissenschaftlichen und speziell des dogmatischen Zugangs zur Wahrheit unseres Glaubens. Diese Fundamente liegen in der Heiligen Schrift, in der Tradition und im Lehramt der Kirche. Im Buch werden diese drei Säulen unserer Glaubenserkenntnis in ihrer Verbindung und gegenseitigen Verwiesenheit erschlossen. Ausserdem wird geklärt, von welcher Art theologische und dogmatische Wissenschaft im Horizont heutiger Wissenschaftlichkeit ist.

Prof. Manfred Hauke: Die Einleitung umfasst «nur» 350 Seiten, weil am Beginn eine von mir geschriebene «Einführung in das theologische Werk von Kardinal Leo Scheffczyk» steht. Es geht im ersten Band um die «Grundlagen des Dogmas», die allen folgenden Bänden von der Sache her vorausgehen. Würden die hier dargelegten Prinzipien der Theologie beachtet, dann könnte sich auch in der Kirche des deutschen Sprachraumes ein gesunder Fortschritt mit den von der göttlichen Offenbarung her bleibenden Fundamenten verbinden.

Leo Kardinal Scheffczyk legte Wert auf die bleibende Verbindlichkeit dogmatischer Aussagen, während wir aktuell allgemein – und nicht zuletzt auch in der Kirche – einen Hang zum Relativismus erleben. Welche Impulse kann sein Werk unserer Zeit geben?
Pater Johannes Nebel: Der Relativismus und der Subjektivismus von heute sind nur vordergründig verlockend in dem Sinne, dass jeder mit seinen privaten Meinungen in Ruhe gelassen wird. In Wirklichkeit zerstören diese Geisteshaltungen die Sicherheit des Glaubensfundaments – und damit auch die Möglichkeit, angesichts des Glaubensinhalts wirklich zum Vertrauen und zur lebendigen Gottesbeziehung zu gelangen, in der ich nicht nur leben, sondern dann auch einmal sterben kann. Bleibende Verbindlichkeit hat also einen entschiedenen Bezug zum Leben des Glaubens: Der Lebensbezug wird auch schon am Ende des ersten Bandes der Dogmatik eigens thematisiert. Ein wichtiger Impuls, den Leo Scheffczyk dabei insgesamt vermittelt, ist der Stellenwert der menschlichen Person, die durch Gottes Wort – vermittelt durch die Kirche – gerufen wird und so in die Position des Antwortgebens gestellt ist. So veranlasst der Glaube auch persönliche Verantwortung. Dies betrifft natürlich nochmals besonders die amtlichen Zeugen des Glaubens, also die Bischöfe und alle mit der Verkündigung Beauftragten, aber auch die Theologen.
 


Leo Kardinal Scheffczyk hinterliess ein umfangreiches Gesamtwerk von rund 80 Büchern und 1200 wissenschaftlichen Beiträgen, das vom «Leo Scheffczyk Zentrum» in Bregenz verwaltet wird. Welches Werk oder welche Werke beeindrucken Sie besonders?
Pater Johannes Nebel: Das Archiv der Publikationen Kardinal Scheffczyks zählt gut 2120 Titel; wenn man Mehrfachpublikationen und Übersetzungen abzieht, gelangt man auf gut 1560 Titel, was eine ungeheure Lebensleistung ist. Mich bewegt, dass Kardinal Scheffczyk zu besonderen Themen eigene Monographien verfasst hat, so etwa über die Theologie des Wortes (Von der Heilsmacht des Wortes, München 1966), über die Auferstehung Jesu Christi (Auferstehung. Prinzip des christlichen Glaubens, Einsiedeln 1976; 21978), über die Schöpfung (Einführung in die Schöpfungslehre, Darmstadt 11975; 21982; 31987), über die Sünde (Wirklichkeit und Geheimnis der Sünde. Sünde – Erbsünde, Augsburg 1970), über die Eucharistie (Die Heilszeichen von Brot und Wein. Eucharistie als Mitte christlichen Lebens, München 1973). Wunderschön und auch für eine breitere Leserschaft zugänglich ist sein Buch über die Gottesmutter Maria (Maria. Mutter und Gefährtin Christi, Augsburg 2003). Um aber das hauptsächliche denkerische Anliegen Scheffczyks kennenzulernen, scheint mir sein klassisches Buch «Katholische Glaubenswelt. Wahrheit und Gestalt» (Aschaffenburg 11977) von zentraler Bedeutung. Wir haben dieses Buch daher 2008 im Schoeningh-Verlag neu aufgelegt, eingeleitet durch ein Interview mit Papst Benedikt XVI. über Kardinal Scheffczyk. In diesem Buch untersucht Scheffczyk das spezifisch Katholische (in Unterscheidung vor allem zum protestantischen, zum idealistischen und zum existentialistischen Standpunkt). Dabei geht er sowohl auf die Fundamente gläubigen Denkens ein als auch auf zentrale Lehrinhalte sowie Ausrichtungen des Lebens. Dieses Buch scheint mir ein einzigartiger und grosser Wurf. Es wurde mittlerweile auch in mehrere Sprachen übersetzt (Italienisch, Ungarisch, Spanisch).

Prof. Manfred Hauke: Auch meines Erachtens ist die «Katholische Glaubenswelt» das beste Werk von Scheffczyk, das ein Gespür gibt für den Reichtum und die Harmonie des katholischen Glaubens. Besonders wichtig für die Bedeutung der Theologie im universitären Bereich ist das Werk von Scheffczyk über «Die Theologie und die Wissenschaften», das ich in meiner Einleitung zum ersten Band der Dogmatik zusammenfasse (S. 57–69). Weitere wichtige Werke habe ich im Blick auf die verschiedenen Bereiche der Dogmatik kurz vorgestellt, von der Gotteslehre bis hin zu den «letzten Dingen» (Eschatologie) (S. 77–92).

Wie sieht der Zeitplan für die Veröffentlichung der weiteren Bände aus?
Pater Johannes Nebel: Einen Zeitplan traue ich mir nicht anzugeben, da die Besorgung der Neuauflage massgeblich in meinen Händen liegt und die Arbeit nur schubweise vorangehen kann. Ich habe aber meine Herausgeberarbeit für den zweiten Band (Gotteslehre) bereits abgeschlossen und bin derzeit mit dem dritten Band (Schöpfungslehre) beschäftigt. Sobald diese Arbeit beendet ist, muss von mir noch der sechste Band (Gnadenlehre) in Angriff genommen werden. Für die restlichen vier Bände, die von Anton Ziegenaus verfasst sind, nämlich Christologie, Mariologie, Ekklesiologie mit Sakramentenlehre und Eschatologie, muss noch eine bearbeitende Person gesucht werden.

Prof. Manfred Hauke: Diese Suche ist bereits auf dem Weg. Die von Anton Ziegenaus (1936–2024) verfassten Lehrbücher können nicht von den Bänden der Dogmatik getrennt werden, die Scheffczyk geschrieben hat. Ziegenaus war Schüler von Scheffczyk, hat aber auch in Philosophie promoviert und leitete lange Jahre die Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Mariologie. Besonders intensiv hat er sich unter anderem mit der Bedeutung der persönlichen Beichte und der Krankensalbung beschäftigt.

Die meisten Leserinnen und Leser von swiss-cath.ch sind keine Theologen. Welches «Einstiegswerk» zur Theologie von Leo Scheffczyk würden Sie empfehlen?
Pater Johannes Nebel: Wer kein Theologe ist, muss ja nicht unbedingt einer werden. Daher muss die Empfehlung eines Buches zum «Einstieg» nicht notwendigerweise dieses Ziel vor Augen haben. Kardinal Scheffczyk war nicht nur wissenschaftlicher Theologe, sondern auch Priester und Seelsorger, der immer auch besorgt war um den Glauben der ‹einfachen› Menschen. Für deren Fragen und Anliegen war er zugänglich und hat den Glauben auch in vielen Predigten nahegebracht. Um dieser Dimension seines Wirkens gerecht zu werden, habe ich anlässlich seines 100. Geburtstags 2021 das im Fe-Medien-Verlag (Kisslegg-Immenried/Deutschland) erschienene Büchlein «Kern-Worte des Glaubens. Kardinal Scheffczyk in 500 Anregungen» veröffentlicht, das Kardinal Scheffczyk in kurzen und verständlichen Aussagen bzw. Texten nahebringt. Dieses Büchlein gelangte noch in die Hände von Papst em. Benedikt XVI., der sich darüber sehr erfreut zeigte und darin einen Weg erkannte, die leuchtende Gestalt von Kardinal Scheffczyk den Menschen näherzubringen.

Prof. Manfred Hauke: Die von Nicht-Theologen meistgelesenen Werke von Scheffczyk sind drei in Österreich veröffentlichte Hefte des Rosenkranz-Sühnekreuzzuges über Maria (biblische Grundlagen, Marienlehre und Marienfrömmigkeit). Sie sind eingegangen in das von Pater Nebel oben genannte Werk über die Gottesmutter. Ich selbst habe Radiovorträge über Scheffczyk für Radio Horeb gehalten: «Ganz und gar katholisch. Ein erster Einblick in das theologische Werk von Leo Cardinal Scheffczyk» (Buttenwiesen 2003). Der hierin vermittelte Gehalt findet sich freilich auch in meiner Einführung zum ersten Band der Dogmatik. Dieser Band ist der kürzeste und eignet sich (innerhalb der acht Bände) wohl am besten auch für interessierte Nicht-Theologen.
 

Leo Scheffczyk, Grundlagen des Dogmas. Einleitung in die Dogmatik (Katholische Dogmatik Band I). Be+Be-Verlag Heiligenkreuz 2025. 450 Seiten. ISBN: 978-3-903518-04-9 Link


Rosmarie Schärer
swiss-cath.ch

E-Mail

Rosmarie Schärer studierte Theologie und Latein in Freiburg i. Ü. Nach mehreren Jahren in der Pastoral absolvierte sie eine Ausbildung zur Journalistin.


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Bemerkungen :

  • user
    Dr. theol. Emil Hobi, kath. Priester 21.12.2025 um 18:08
    Die Dogmatik von Leo Kardinal Scheffczyk zählt wohl zu den besten Werken, um sich auch persönlich in der Hl. Glaubenslehre der Kirche als Theologiestudent oder Theologiestudentin zu vertiefen; sie erweist sich m. E. als umfassend und kohärent mit der offiziellen Glaubenslehre; ohne das Durcheinander persönlicher Ansichten und Empfindungen.