Im Interview mit «swiss-cath.ch» geben Pater Dr. Johannes Nebel FSO, Leiter des Leo-Scheffczyk-Zentrums in Bregenz, und Prof. Manfred Hauke, Theologische Fakultät von Lugano, Einblick in die Entstehungsgeschichte der Neuauflage, aber auch in das Werk des grossen Theologen selbst.
Am 16. Dezember wurde in der Hochschule Heiligenkreuz der erste Band der Dogmatik von Leo Scheffczyk und Anton Ziegenaus in durchgesehener Neuauflage vorgestellt. Wie kam es dazu?
Pater Johannes Nebel: Vor einigen Jahren kontaktierte eine Absolventin der Theologie in Heiligenkreuz das Kloster Thalbach in Bregenz (Österreich), wo sich das Leo-Scheffczyk-Zentrum und das Grab Kardinal Scheffczyks befinden und wo dessen gesamter Nachlass verwaltet wird. Das Anliegen der jungen Frau war die Frage, ob die Dogmatik von Kardinal Scheffczyk und Anton Ziegenaus, deren Bände vergriffen sind, wieder aufgelegt wird. Da ich als Verwalter des Leo-Scheffczyk-Zentrums immer wieder danach gefragt werde, war mir dies ein Anstoss, dieses Grossprojekt in Angriff zu nehmen. Weil Abt Dr. Maximilian Heim OCist von Heiligenkreuz sofort lebendiges Interesse an einer Neuauflage zeigte, wurde es in die Wege geleitet, dies mit dem Be-&-Be-Verlag von Heiligenkreuz umzusetzen (der Verlag der Erstauflage existiert nicht mehr). Für den kleinen Verlag von Heiligenkreuz entschieden wir uns auch wegen der dadurch gegebenen Nähe zu interessierten Studierenden.
Prof. Manfred Hauke: Die durchgesehene Neuauflage war möglich, weil bereits mit den acht Bänden der italienischen Ausgabe (2010–2020) eine umfangreiche Vorarbeit verbunden war, wobei auch neuere Literatur berücksichtigt wurde. Diese Vorarbeit durfte ich koordinieren. Die italienische Ausgabe erschien im Verlag der päpstlichen Lateranuniversität.
Die achtbändige Katholische Dogmatik von Leo Scheffczyk und Anton Ziegenaus gilt innerhalb der systematischen Theologie als Referenzwerk. Worin liegt die «Besonderheit» der Dogmatik?
Pater Johannes Nebel: Die Katholische Dogmatik von Kardinal Scheffczyk und Anton Ziegenaus steht in organischem Anschluss an die grosse kontinuierliche Lehr- und Denktradition der Katholischen Kirche und verbindet diese mit den wichtigsten modernen Fragestellungen. Gemäss den Weisungen des Zweiten Vatikanischen Konzils bietet das Handbuch eine heilsgeschichtliche Durchdringung der Glaubenswahrheiten und die Darstellung des Zusammenhangs zwischen ihnen. Zugleich wird auf Kompaktheit Wert gelegt. Die Lesbarkeit und Verständlichkeit werden von vielen Seiten anerkannt.
Die beiden Verfasser erklären im Blick auf das Gesamtwerk, es gehe «darum, das Dogma der Kirche, das vielfach in die moderne Subjektivität aufgehoben erscheint, in seinem angestammten und bleibenden Sinn zur Sprache zu bringen, freilich im Horizont des Gegenwartsbewusstseins. Als Lehrbuch gedacht, möchte es doch keine in Lehrsätzen und Thesen vorgehende Traktatentheologie bieten, sondern die Glaubenswahrheit organisch entfalten und in zusammenhängender, problemorientierter Gedankenführung zum Verständnis bringen. Dabei bildet die Heilsgeschichte das Einheitsband. Sie gelangte in Jesus Christus zu ihrem Höhepunkt.» [aus dem Vorwort des einst zuerst erschienenen Bandes 2]
Der erste Band bietet eine Einleitung in die Dogmatik. Nun könnte sich ein Laie fragen, warum es eine 450-seitige Einleitung braucht …
Pater Johannes Nebel: Die Einleitung in die Dogmatik klärt überhaupt die Fundamente des theologisch-wissenschaftlichen und speziell des dogmatischen Zugangs zur Wahrheit unseres Glaubens. Diese Fundamente liegen in der Heiligen Schrift, in der Tradition und im Lehramt der Kirche. Im Buch werden diese drei Säulen unserer Glaubenserkenntnis in ihrer Verbindung und gegenseitigen Verwiesenheit erschlossen. Ausserdem wird geklärt, von welcher Art theologische und dogmatische Wissenschaft im Horizont heutiger Wissenschaftlichkeit ist.
Prof. Manfred Hauke: Die Einleitung umfasst «nur» 350 Seiten, weil am Beginn eine von mir geschriebene «Einführung in das theologische Werk von Kardinal Leo Scheffczyk» steht. Es geht im ersten Band um die «Grundlagen des Dogmas», die allen folgenden Bänden von der Sache her vorausgehen. Würden die hier dargelegten Prinzipien der Theologie beachtet, dann könnte sich auch in der Kirche des deutschen Sprachraumes ein gesunder Fortschritt mit den von der göttlichen Offenbarung her bleibenden Fundamenten verbinden.
Leo Kardinal Scheffczyk legte Wert auf die bleibende Verbindlichkeit dogmatischer Aussagen, während wir aktuell allgemein – und nicht zuletzt auch in der Kirche – einen Hang zum Relativismus erleben. Welche Impulse kann sein Werk unserer Zeit geben?
Pater Johannes Nebel: Der Relativismus und der Subjektivismus von heute sind nur vordergründig verlockend in dem Sinne, dass jeder mit seinen privaten Meinungen in Ruhe gelassen wird. In Wirklichkeit zerstören diese Geisteshaltungen die Sicherheit des Glaubensfundaments – und damit auch die Möglichkeit, angesichts des Glaubensinhalts wirklich zum Vertrauen und zur lebendigen Gottesbeziehung zu gelangen, in der ich nicht nur leben, sondern dann auch einmal sterben kann. Bleibende Verbindlichkeit hat also einen entschiedenen Bezug zum Leben des Glaubens: Der Lebensbezug wird auch schon am Ende des ersten Bandes der Dogmatik eigens thematisiert. Ein wichtiger Impuls, den Leo Scheffczyk dabei insgesamt vermittelt, ist der Stellenwert der menschlichen Person, die durch Gottes Wort – vermittelt durch die Kirche – gerufen wird und so in die Position des Antwortgebens gestellt ist. So veranlasst der Glaube auch persönliche Verantwortung. Dies betrifft natürlich nochmals besonders die amtlichen Zeugen des Glaubens, also die Bischöfe und alle mit der Verkündigung Beauftragten, aber auch die Theologen.
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