Der Bericht wurde von der «Beobachtungsstelle für Religionsfreiheit in Afrika» ORFA (Observatory of Religious Freedom in Africa) erstellt, und erstreckt sich über einen Zeitraum von sechs Jahren von Oktober 2019 bis September 2025. ORFA ist ein Forschungsinstitut aus den Niederlanden, das Verstösse gegen die Religionsfreiheit in Afrika dokumentiert. Es stützt sich bei seinen Schlussfolgerungen sowohl auf primäre Daten seiner Forschungspartner als auch auf Sekundärdaten von ACLED (Armed Conflict Location and Event Data Project) und anderen Sekundärquellen.
Christen: Mit Abstand am meisten Todesopfer und Entführte
Die Beobachtungsstelle hat in dieser Zeit 79 323 Todesopfer dokumentiert. Davon sind 42 033 Zivilisten. Unter den zivilen Opfern waren 22 835 Christinnen und Christen. Diese Zahl steht in keinem Verhältnis zu dem prozentualen Anteil, den sie an der Bevölkerung in den betroffenen Regionen ausmachen. Ausserdem wurden in diesem Zeitraum 34 917 Menschen entführt. Davon waren 15 932 Christinnen und Christen, also fast die Hälfte.
Steven Kefas, leitender Forschungsanalyst bei ORFA, argumentiert in einem Artikel, dass es bei der Behandlung von Geiseln durch die Fulani-Milizen im Norden Nigerias eine unterschiedliche Behandlung gibt, die auf Religion und ethnischer Zugehörigkeit beruht. So hatten die Terroristen eine Regel, die besagt, dass Fulani nicht entführt werden dürfen, weil sie ihre «Brüder» seien. Christen und bestimmte Nicht-Muslime seien dagegen «Freiwild». Was als Nächstes geschah, hing ganz davon ab, in welche Kategorie man fiel.
Muslimische Gefangene werden, wie mehrere Überlebende berichten, mit einer gewissen Zurückhaltung behandelt. Sie sind in der Regel nicht der körperlichen und sexuellen Gewalt ausgesetzt, die christliche Gefangene routinemässig erdulden müssen. Auch erhalten sie ausreichende Verpflegung. Christliche Gefangene hingegen erleben eine ganz andere Realität. Männer werden systematisch geschlagen. Frauen erleben sexuelle Gewalt. Es sei ein Umfeld, in dem Misshandlungen allgegenwärtig waren, in dem Gefangene ihren Entführern völlig ausgeliefert waren und in dem psychische Qualen ebenso gezielt eingesetzt wurden wie körperliche Gewalt. Zitiert wird der ehemalige Gefangene Sunday Cletus, der am 28. Februar 2026 im Bundesstaat Kaduna entführt wurde.
Mehr als nur ein politischer Konflikt
In einem weiteren Artikel zeigt Steven Kefas auf, dass es sich bei der Gewalt im Nordwesten und im Middle Belt Nigerias nicht nur um gewöhnliches Banditentum oder Konflikte zwischen Bauern und Viehzüchtern handelt, sondern um organisierte ethnisch-religiöse Gewalt, die grösstenteils von bewaffneten Fulani-Gruppen ausgeübt wird.
Dem Artikel zufolge agieren diese Gruppen strukturiert, verfügen über eine Logistik, die mehrere Bundesstaaten umfasst, und unterhalten in einigen Fällen Verbindungen zu dschihadistischen Netzwerken. In der Praxis bedeutet dies, dass nicht nur die ORFA-Kategorie «Fulani-Terrorgruppen» als mit den (Fulani-Milizen) in Verbindung stehend betrachtet werden kann, sondern zumindest zu einem grossen Teil auch die «nicht identifizierten Terrorgruppen».
Im Nordwesten und Nordosten des Landes wurden während dieser Zeit am meisten Menschen umgebracht und entführt. Betroffen sind oft ganze Dorfgemeinschaften. Die Staaten, in denen am meisten Christen sterben mussten, waren Kaduna (Nordwesten), Borno (Nordosten), Benue, Niger und Plateau (alle Zentraler Norden).
Knapp die Hälfte der Täter (49 Prozent) stammen aus nicht identifizierten Terrorgruppen, 43 Prozent sind Militante Fulani. Boko Haram und der Islamische Staat in der Provinz Westafrika (ISWAP) seien laut dem Bericht für einen deutlich geringeren Teil der zivilen Opfer verantwortlich.
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