Konzilsväter 1962. (Bild: Peter Geymayer, Public domain via Wikimedia Commons)

Weltkirche

Noch viel zu früh für ein Drit­tes Vati­ka­ni­sches Konzil

Vor 60 Jah­ren, am 8. Dezem­ber 1965, endete das Zweite Vati­ka­ni­sche Kon­zil. Dem Auf­bruch folgte spä­ter auch eine Zeit der Expe­ri­mente und Ver­un­si­che­run­gen. Bis heute wird um den «Geist des Kon­zils» gerungen.

Papst Johannes XXIII. (1958–1963) kündigte das Konzil 1959 kurz nach seiner Wahl an. Es begann am 11. Oktober 1962 und endete nach vier Sitzungsperioden am 8. Dezember 1965 unter Papst Paul VI. (1963–1978). In dieser Zeit erarbeiteten die insgesamt rund 2800 Konzilsväter 16 Dokumente: 4 Konstitutionen, 9 Dekrete und 3 Erklärungen. Das erste Konzil seit fast einem Jahrhundert verabschiedete aber kein Dogma; es verstand sich als ein Pastoral-, kein Lehrkonzil, und hatte dennoch tiefgreifende Veränderungen zur Folge.

Das Zweite Vatikanum war das 21. ökumenische Konzil der Katholischen Kirche. Erstmals nahmen an den Sitzungen auch mehr als 100 Beobachter nichtkatholischer Kirchen und Gemeinschaften teil. Und es war auch das erste Mal, dass es Fernsehbilder von einer grossen Kirchenversammlung gab: Katholikinnen und Katholiken sahen Bischöfe aus fernen und fernsten Ländern und erlebten so eine «Weltkirche» hautnah mit. Doch die Medienpräsenz hatte auch ihre Schattenseiten: Der Konzilsteilnehmer Joseph Ratzinger unterschied später als Papst Benedikt XVI. zwischen dem «wahren Konzil» und einem «Konzil der Medien».

Auf die Euphorie folgte Verunsicherung
Johannes XXIII. ging es um eine «Verheutigung» (Aggiornamento) der kirchlichen Lehre und nicht um neue Dogmen. Ein kurzer Überblick über die wichtigsten Texte.

«Lumen gentium» definiert Kirche als Gemeinschaft der Gläubigen, als «Volk Gottes» auf dem Weg durch die Zeit. In dieser immer wieder zu reformierenden Kirche wird ein «gemeinsames Priestertum» aller Gläubigen betont, ohne dabei ausser Acht zu lassen, dass sich Letzteres vom Weihepriestertum nicht nur graduell, sondern dem Wesen nach unterscheidet. Das Bischofskollegium wird aufgewertet. Es leitet, wie eine ergänzende Erklärung von Papst Paul VI. feststellt, die Kirche «mit und unter Petrus».

«Gaudium et spes» versuchte eine umfassende Positionsbestimmung der «Kirche in der Welt von heute». Wichtige Themen waren das Verhältnis von Rüstung, Angriffskrieg und Selbstverteidigung, eine Verurteilung des kommunistischen Atheismus sowie eine Verbindung von wissenschaftlichem und wirtschaftlichem Fortschritt mit gelebter Solidarität.

Das Ökumene-Dekret «Unitatis redintegratio» begründete den Dialog mit den christlichen Konfessionen mit dem Ziel der Einheit der Kirchen. In der Erklärung «Dignitatis humanae» bekannten sich die Konzilsväter zu Religionsfreiheit und in der Erklärung «Nostra aetate» öffnete sich die Kirche dem Dialog mit den nichtchristlichen Religionen.

Die Konstitution «Dei verbum» bahnte mit der Zulassung der historisch-kritischen Auslegung einem neuen wissenschaftlichen Umgang mit der Bibel den Weg, der später immer wieder zu Konflikten führte. Das Dokument versuchte, ein ausgewogenes Verhältnis von Heiliger Schrift, kirchlicher Tradition und kirchlichem Lehramt zu schaffen.

Die Liturgie-Konstitution «Sacrosanctum concilium» (1963) führte zur Liturgiereform und zum neuen römischen Messbuch von 1969/1970. Die jeweilige Landessprache verdrängte das Latein im Gottesdienst, die Reform stärkte die Kirchenmusik und erhöhte die Zahl der Lesungen im Gottesdienst. Zahlreiche Traditionen und Riten wie etwa Kanzelpredigt oder «Stille Messen» fielen der Reform zum Opfer.

Der Euphorie des Konzils folgten ein Aufbruch, aber auch eine Zeit der Verunsicherung, eine oft übers Ziel hinausschiessende, eigentliche Experimentiersucht im Gottesdienst und ein regelrechter Bildersturm bei Kircheneinrichtungen und liturgischen Kunstschätzen.

Am zweitletzten Tag des Konzils, am 7. Dezember 1965, hoben Papst Paul VI. und der Patriarch von Konstantinopel, Athenagoras, die gegenseitige Exkommunikation auf, welche die Gesandten ihrer Vorgänger 1054 gegeneinander ausgesprochen hatten (Grosses Schisma).
 

Der deutsche Kurienkardinal Walter Brandmüller (96) ist Kirchenhistoriker. Gegenüber der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) äusserte er sich zum Zweiten Vatikanischen Konzil und dessen Folgen.

Herr Kardinal, Sie sind einer der letzten Zeitzeugen des 1965 zu Ende gegangenen Konzils und als Kirchenhistoriker ein Experte für die Geschichte der Konzilien. Wie reagierten Sie damals persönlich auf die Ankündigung des Zweiten Vatikanums?
Meine erste Reaktion war, dass ich als junger Kirchenhistoriker eine Vortragsreihe organisieren wollte, um zu erklären, was das überhaupt ist, ein Konzil. Das konnte ich aber damals nicht verwirklichen. Wenig später war ich dann im Rahmen meiner Promotionsstudien hier in Rom, während das Konzil im Gang war.

Ich erinnere mich, dass viele wie elektrisiert waren. Die Stadt war voll mit Bischöfen aus aller Herren Länder, überall war das Konzil Gesprächsthema. Auch mein damaliger Erzbischof Josef Schneider – ich gehörte ja zum Erzbistum Bamberg – war begeistert und voller Hoffnung auf eine Erneuerung der Kirche. Er nahm an allen vier Sessionen des Konzils teil. Doch schon wenige Jahre später war er tief enttäuscht, ja erlebte einen gesundheitlichen Zusammenbruch. Das Konzil brachte zunächst keineswegs die erhoffte neue Vitalität für die Kirche. Stattdessen ging es in den Jahren nach dem Konzil mit der Kirche in Deutschland und anderen Ländern bergab, die Zahl der Kirchenaustritte nahm bisher unvorstellbare Ausmasse an.

Das klingt pessimistisch. Ist also das Zweite Vatikanische Konzil schuld an der Kirchenkrise der Gegenwart?
Die Wahrheit ist komplizierter. Tatsache ist, dass nach dem Konzil sehr viel infrage gestellt wurde. Plötzlich schien nichts mehr Geltung zu haben. Und an den Theologischen Fakultäten wurde da und dort keine wirklich katholische Theologie mehr gelehrt. Und dann hat sich der Zeitgeist der Ergebnisse des Konzils bemächtigt und sie umgedeutet. Zitiert wurde meist nur noch «der Geist des Konzils» in einem Sinne, den die Texte gar nicht hergaben. Doch eigentlich hat das Konzil sehr gute Ergebnisse hervorgebracht.

Manche Traditionalisten meinen ja, dass die vom Konzil in Gang gesetzte Liturgiereform die Wurzel vieler Übel sei ...
Die vom Konzil beschlossenen Grundsätze einer Liturgiereform waren gut und richtig, auch Erzbischof Lefebvre hat diesem Text zugestimmt! Die sogenannte Tridentinische Messe ist ja keineswegs vollkommen, da gibt es manch Korrekturbedürftiges, und auch eine Reform des liturgischen Kalenders war sinnvoll. Was dann später zur Abspaltung der «Traditionalisten» führte, waren hingegen die Exzesse der Nachkonzils-Zeit, als man nicht die Beschlüsse von «Sacrosanctum Concilium» umsetzte, sondern eigene Dinge hinzuerfand und mancherorts die Liturgie - meist unbeanstandet – in Willkür und Chaos endete.

Heute scheint die alte Liturgie erstaunlicherweise wieder etliche Menschen zu faszinieren ...
Das ist auch eine Folge des missbräuchlichen Umgangs mit der ihrerseits reformbedürftigen Liturgiereform. Wäre sie korrekt umgesetzt worden, hätte es diese neue Sehnsucht nach der alten Form kaum gegeben.

Das Konzil hat noch viele andere Texte beschlossen, mit denen Traditionalisten nicht zufrieden sind. Gibt es da Schwachpunkte?
Die wirklich wichtigen Dokumente, also die Konstitutionen zur Liturgie, zur Kirche, zur Heiligen Schrift, haben Bestand, und sie stehen ganz im Strom der kirchlichen Überlieferung.

Und manche Dekrete, etwa zur Priesterausbildung, sind bis heute nicht wirklich umgesetzt worden.

Merkwürdig ist, dass die Traditionalisten gerade gegen die Texte Sturm laufen, die anders als die genannten Konstitutionen den geringsten Verbindlichkeitsgrad haben und lediglich «Deklarationen» sind. Ich spreche hier von «Nostra aetate» über die Elemente der Wahrheit in den anderen Religionen und über «Dignitatis humanae» zur Glaubens- und Gewissensfreiheit. Das sind zeitbedingte Erklärungen des Konzils, die mittlerweile überholt sind – man denke nur an die damaligen Aussagen über den Islam oder über die sozialen Kommunikationsmittel.

Bis ein Konzil in der Kirche umgesetzt wird und ein neues Konzil am Horizont erscheint, dauert es oft mehrere Generationen. Wo stehen wir da beim Zweiten Vatikanum?
Es dauert manchmal noch länger. Denken Sie an das Konzil von Trient, das 1563 endete. Einige zentrale Beschlüsse wurden erst 100 Jahre später, ab Mitte des 17. Jahrhunderts, allmählich umgesetzt. Und das nächste Konzil, das Erste Vatikanum, wurde dann erst nochmals gut 200 Jahre später, also 1869, einberufen. Konzilien kann man mit einem Wasserfall vergleichen: Da rauscht es auf einmal gewaltig, und da, wo der Wasserfall auftrifft, bildet sich erst ein Strudel und alles ist in Bewegung. Aber nach einer Weile fliesst der Bach und mündet dann ein in den grossen Strom. An diesem Punkt sind wir beim Zweiten Vatikanum noch nicht, es ist noch immer manches aufgewühlt. Und: Ein Konzil ist nicht Sackbahnhof oder Endstation, sondern Durchgangsbahnhof auf der Strecke zum Ziel.

Also kein Drittes Vatikanum in Sicht?
Dafür ist es viel zu früh. Und ausserdem weiss niemand, wie man heute eine Versammlung von mehr als 5000 Bischöfen der Weltkirche rein praktisch organisieren könnte. Schon damals beim Zweiten Vatikanum waren es viel zu viele, die teilnahmen. Wie soll da jeder wenigstens einmal zu Wort kommen? Eine Möglichkeit wäre, nur die Metropoliten einzuladen, das wären dann auch immerhin etwa tausend Teilnehmer. Aber noch stellen sich diese Fragen nicht, und nicht wir sind es, die sie zu beantworten haben.


KNA/Redaktion


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Bemerkungen :

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    Claudio Tessari 06.12.2025 um 12:08
    Kardinal Brandmüller war auch einer der Dubia Kardinäle, und ich bin dankbar für dieses Interview. Interessant ist auch seine Aussage, die Messe aller Zeiten, wie sie oft von den Tradis benannt wird, gab es nie.

    https://de.catholicnewsagency.com/news/9702/kardinal-brandmuller-die-messe-aller-zeiten-hat-es-nie-gegeben
    • user
      Joseph Laurentin 07.12.2025 um 10:28
      Brandmüller beklagt die Spaltung – doch sie entstand, weil man das überlieferte Erbe der Kirche abrupt aufgab. Eine Liturgie, die Heilige hervorgebracht hat, in wenigen Jahren umzuwälzen, bleibt ein beispielloser Bruch. Die erneuerte Liturgie bedeutet nicht lediglich eine äussere Veränderung des Ritus. Sie hat – schrittweise und oft unmerklich – den Glauben verändert und den Menschen in den Mittelpunkt gerückt, während Gott an den Rand zu treten scheint – sichtbar etwa dort, wo der Tabernakel nicht mehr im Mittelpunkt steht.
  • user
    T.L.D 06.12.2025 um 11:46
    Die Novus Ordo Missae ist NICHT die Liturgie des Konzils.

    "Schließlich sollen keine Neuerungen eingeführt werden, es sei denn, ein wirklicher und sicher zu erhoffender Nutzen der Kirche verlange es." Sacrosanctum Concilium §23

    Trotzdem hat man aber eine völlig neue Messordnung gemacht. Darum ja "*Novus* Ordo Missae". Das ist das erste Mal, dass man nicht einfach weiter von der gleichen Messordnung sprach, sondern als "neu" bezeichnete. Und da hatte der hl. Paul VI. auch recht, in der Praxis kann man die Ähnlichkeiten kaum erkennen.

    Man hätte das Missale von 1962 einfach auf Deutsch übersetzen sollen und den Kalender reformieren. (Natürlich gibt es auch gewisse Aspekte des neuen Kalenders welche nicht ideal sind, etwa das Fehlen der Vorfastenzeit)
  • user
    Manfred Baldauff 05.12.2025 um 19:25
    Der Geist des Konzils ist ein Friedhofsgeist und er weht jetzt auch auf den leeren Gängen des Priesterseminars St. Luzi in Chur.