Das Trojanische Pferd. Milet Jacques (Autor), um 1450, Paris. (Bild: CC0 via Wikimedia Commons)

Kommentar

Nur natür­li­che Intel­li­genz kann künst­li­che Intel­li­genz übertreffen

Gast­kom­men­tar von Ser­gio Mori­soli, Öko­nom, Gross­rat Tes­sin (SVP) und Grün­der des Think Tank AreaLiberale.

Als Eugenio Montale 1962 das Gedicht «Il viaggio» (Die Reise) schrieb, wusste er nicht, dass er prophetisch war. Er nimmt darin etwas vorweg, das sich mit der Vorherrschaft der künstlichen Intelligenz bewahrheitet. Das Gedicht erzählt von einem Mann, der eine Reise bis ins kleinste Detail plant. Er stellt sich jeden Schritt vor und macht eine endlose Liste mit Vorbereitungen, wie und was zu tun ist. Er strebt nach maximaler Sicherheit, sein Gehirn arbeitet darauf hin, dass alles, aber auch wirklich alles reibungslos verläuft.

Wer würde das nicht wollen? Aber dann, an einem bestimmten Punkt, kommt das Gehirn zum Stillstand. Es versteht oder ahnt, dass diese Art, die Reise zu planen, unmenschlich, teuflisch ist: Sie lässt keinen Raum für Freiheit, keinen Raum für Unvorhersehbares. Der perfekte Reiseplan ist hundertprozentig sicher und wird zu einem Käfig, zu einem Gefängnis. Die natürliche Intelligenz lässt den Dichter aufschrecken, der uns zusammenfassend sagt: Bei so viel Vorbestimmung kann uns nur etwas Unvorhergesehenes retten (vor uns selbst), etwas, das den «perfekten Plan» durchbricht. Und was soll das sein?

Das natürliche Gehirn begreift, dass die maximale Gewissheit, die maximale Sicherheit, die maximale Planung, die uns das Leben erleichtern sollte, sich in ein Monster verwandelt, das uns die Freiheit raubt.

Die Konsequenzen des Drucks, um jeden Preis erfolgreich zu sein, nichts falsch zu machen, alles hier und jetzt tun zu können, gleichzeitig hier und woanders zu sein, ohne andere auszukommen, sind die Verheissung der Künstlichen Intelligenz. Man kann alles an sie delegieren.

Anstrengung tut gut
Die Beseitigung der Anstrengung, nicht mehr nur der körperlichen, sondern auch des Denkens, des Nachdenkens, der inneren Arbeit des Geistes und des Herzens, das verheisst die Künstliche Intelligenz (KI). Sie erleichtert uns scheinbar das Leben – deswegen ist sie so attraktiv. Der Kern des «Kampfes» zwischen künstlicher und natürlicher Intelligenz liegt in der Frage: Will sich der Mensch noch anstrengen?

Der Mensch ist von Natur aus bequem. Wir spekulieren immer, suchen den einfachsten Weg. Selbst in letzter Minute aus dem Haus zu laufen, um den Bus zu erwischen, ist eine Spekulation. Das hat uns Fortschritt gebracht. Der Nährboden für KI ist also unsere spekulative DNA. Indem sie millionenfach Daten sammelt und sie mit mathematischen Formeln mischt, macht uns die KI ein grosses Geschenk: Wir müssen nicht mehr spekulieren und Risiken eingehen. Alles wird einfach: eine Reise buchen, eine fremde Sprache verstehen usw.

Das Problem ist jedoch, dass die KI nicht nur ein nützliches Werkzeug ist, sondern zu einem Reiseführer wird, der unsere Planung übernimmt und das Unvorhergesehene eliminiert, alles, was uns überraschen und verändern könnte. Wir merken es nicht, weil es bequem ist. Aber auf diese Weise schaffen wir uns selbst ab. Wir sollten den Wert der Anstrengung neu entdecken, nicht in einem stumpfsinnigen, moralistischen, opferbereiten Sinne, sondern durch die Wiederaufwertung des Begriffs «Verdienst».

Die KI kann besiegt werden, wenn die natürliche Intelligenz wieder das Binom «Anstrengung – Verdienst» fördert, d. h., die künstliche Vorstellung zerstört, dass man auch ohne Anstrengung alles haben und verdienen kann, was man sich wünscht. Das ist eine enorme Herausforderung, weil das Wort «Anstrengung» ideologisch stark belastet ist. So werden im Tessin immer wieder politische Vorstösse eingebracht, um in der Schule die Noten abzuschaffen, weil sie Ausdruck von Verdienst und damit von Anstrengung sind, die von einigen unternommen wird und von anderen nicht. In der ganzen Schweiz wurden im Jugendfussball die Ranglisten abgeschafft: Es darf keine Gewinner und Verlierer geben.

Der Anspruch ist auch, Geld zu erhalten, ohne arbeiten zu müssen, oder dass Rechte ohne Pflichten existieren. Egalitarismus und die Demokratisierung der Mühelosigkeit sind das Trojanische Pferd, aus dem die Macht der KI hervorgeht. Eine Gesellschaft mit einem Bildungssystem und einem politischen System, die mittlerweile die Gleichheit am Ziel (alle müssen es schaffen, Recht auf Erfolg) vor die Gleichheit am Start (alle können teilnehmen, Pflicht zum Engagement) stellt, ist eine Gesellschaft, die sich in die Arme der KI und derer, die sie leiten, wirft.

Wenn die Politik noch eine aktive Rolle spielen soll, um den Schaden einer technisch-bürokratischen Vorherrschaft zu minimieren, dann muss sie die gefährlichen Auswüchse der KI, die in alle Bereiche vordringt, regulieren und uns der enormen und missbräuchlichen Macht der Tech-Unternehmen entreissen. Aber die echte Herausforderung für Politik und Gesellschaft besteht darin, etwas zu finden, zu fördern und zu stärken, das attraktiver ist als das, was uns die KI bietet. Einen Weg zu finden, uns dazu anzuregen, die Freiheit, das Unbekannte, das Risiko, die Kreativität und die Verantwortung mehr zu lieben als die Gewissheit der sicheren und vergoldeten Käfige der KI. Der Widerstand beginnt bei der Bildung, aber auch bei der Gesetzgebung, die wieder Konzepte wie Anstrengung und Verdienst wertschätzen sollte. Ohne Anstrengung und ohne Verdienst wird es nicht gelingen, die Herausforderungen der KI und ihrer inhärenten Gefahren zu meistern.
 

Gastkommentare spiegeln die Auffassungen ihrer Autorinnen und Autoren wider.


Sergio Morisoli


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