Lieber Bruder Franziskus
Am 3. Oktober 2026 feierst du den 800. Jahrestag deines Überganges aus dieser Welt ins ewige Leben.
Mir kommt dazu eine Episode aus den Fioretti in den Sinn. Da ist eines Tages Bruder Masseo zu dir gekommen und hat dich stürmisch gefragt: «Warum dir? Warum dir? Warum dir?» Er hat es dreimal gesagt, dreimal gefragt. Du warst ganz erstaunt, ja verunsichert, und fragtest nach, was er eigentlich damit sagen möchte. Bruder Masseo antwortete dir: «Alle Welt läuft dir nach. Alles will dich sehen, dich hören und alle wollen dir gehorchen. Dabei bist du doch gar nicht schön. Du bist nicht gelehrt. Du bist nicht adelig. Warum eilt dir die ganze Welt nach?»
Vielleicht können wir Bruder Masseo ein wenig verstehen. Es mag doch wirklich verwundern, dass dir Bruder Franziskus damals fast die ganze Welt nachgelaufen ist, obwohl dich noch kurz nach deiner Bekehrung die meisten Mitbürger in und um Assisi, einen Verrückten, einen Ausgeflippten nannten.
Die unterschiedlichsten und teilweise recht gegensätzlichen Deutungen von dir hängen zweifellos mit der Vielschichtigkeit deiner Person zusammen.
Die Kirche feiert dich als einer der bekanntesten Heiligen. Kaum ein Heiliger hat eine so breite Akzeptanz wie du. Die Umweltschützer erinnern sich an ihr Vorbild. Sozialreformer sehen in dir dem Poverello einen Prediger des Klassenkampfes. Aussteigern dient dein Vater-Sohn-Konflikt als Erklärung, als du aus der damaligen Gesellschaft ausbrachst. Viele verstehen dich als den unbeschwerten Spielmann Gottes und Wanderprediger, der sogar den Vögeln predigte und das Gespräch mit Bruder Wolf suchte.
Du bist für sehr viele Deutungen offen, darum bist du zu einer Identifikationsfigur so vieler Menschen geworden. Leser des «TIME»-Magazins haben dich 1998 sogar zum bedeutendsten Mann des vergangenen Jahrtausends gekürt. Warum wird dir wohl eine solche Beliebtheit nachgesagt?
Du hast in jeder Hinsicht ganz authentisch gelebt.
Für mich bist du ein Mensch der Seligpreisung Jesu (vgl. Mt 5,3–12): «Selig, die arm sind vor Gott …» Du bist auf deinem Weg wirklich ganz arm geworden. Als du dich nicht nur von deinem leiblichen Vater, vom Kaufladen, von den Ritterträumen, ja von allem lossagtest, um nicht nur ein wenig, sondern ganz radikal dem armen, gekreuzigten und auferstandenen Jesus zu folgen. Seinen Namen hast du stets in deinem Mund gehabt. Deshalb sagt dein erster Biograph und Mitbruder Thomas von Celano von dir:
«Immer war er mit Jesus beschäftigt. Jesus trug er stets im Herzen, Jesus im Mund, Jesus in den Ohren, Jesus in den Augen, Jesus in den Händen, Jesus in all seinen übrigen Gliedern …»[1]
Jesus entdecktest du als den Schatz im Acker (vgl. Mt 13,44), den du unbedingt erwerben wolltest und dafür alles verliessest.
«Selig die Barmherzigen …» Du hattest wahrlich ein Herz für die Menschen am Rand, die Aussätzigen, die du nicht nur umarmtest, sondern ihnen auch unermüdlich dientest.
«Selig, die Frieden stiften …» Du versöhntest verschiedene zerstrittene Gruppen und Parteiungen, sogar den Bischof mit dem Bürgermeister von Assisi, die im Konflikt miteinander waren.
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