Pater Gottfried Egger OFM. (Bild: zVg)

Kommentar

Offe­ner Brief an Franz von Assisi

Am 3. Okto­ber 1226 starb der hei­lige Fran­zis­kus in der Portiuncula-​Kapelle unter­halb von Assisi. Die Kir­che begeht das 800-​Jahr-​Jubiläum mit einem Jubi­lä­ums­jahr, das am 10. Januar 2027 endet. Pater Gott­fried Egger OFM hat dem Ordens­grün­der einen per­sön­li­chen Brief geschrieben.

Lieber Bruder Franziskus

Am 3. Oktober 2026 feierst du den 800. Jahrestag deines Überganges aus dieser Welt ins ewige Leben.

Mir kommt dazu eine Episode aus den Fioretti in den Sinn. Da ist eines Tages Bruder Masseo zu dir gekommen und hat dich stürmisch gefragt: «Warum dir? Warum dir? Warum dir?» Er hat es dreimal gesagt, dreimal gefragt. Du warst ganz erstaunt, ja verunsichert, und fragtest nach, was er eigentlich damit sagen möchte. Bruder Masseo antwortete dir: «Alle Welt läuft dir nach. Alles will dich sehen, dich hören und alle wollen dir gehorchen. Dabei bist du doch gar nicht schön. Du bist nicht gelehrt. Du bist nicht adelig. Warum eilt dir die ganze Welt nach?»

Vielleicht können wir Bruder Masseo ein wenig verstehen. Es mag doch wirklich verwundern, dass dir Bruder Franziskus damals fast die ganze Welt nachgelaufen ist, obwohl dich noch kurz nach deiner Bekehrung die meisten Mitbürger in und um Assisi, einen Verrückten, einen Ausgeflippten nannten.

Die unterschiedlichsten und teilweise recht gegensätzlichen Deutungen von dir hängen zweifellos mit der Vielschichtigkeit deiner Person zusammen.

Die Kirche feiert dich als einer der bekanntesten Heiligen. Kaum ein Heiliger hat eine so breite Akzeptanz wie du. Die Umweltschützer erinnern sich an ihr Vorbild. Sozialreformer sehen in dir dem Poverello einen Prediger des Klassenkampfes. Aussteigern dient dein Vater-Sohn-Konflikt als Erklärung, als du aus der damaligen Gesellschaft ausbrachst. Viele verstehen dich als den unbeschwerten Spielmann Gottes und Wanderprediger, der sogar den Vögeln predigte und das Gespräch mit Bruder Wolf suchte.

Du bist für sehr viele Deutungen offen, darum bist du zu einer Identifikationsfigur so vieler Menschen geworden. Leser des «TIME»-Magazins haben dich 1998 sogar zum bedeutendsten Mann des vergangenen Jahrtausends gekürt. Warum wird dir wohl eine solche Beliebtheit nachgesagt?

Du hast in jeder Hinsicht ganz authentisch gelebt.

Für mich bist du ein Mensch der Seligpreisung Jesu (vgl. Mt 5,3–12): «Selig, die arm sind vor Gott …» Du bist auf deinem Weg wirklich ganz arm geworden. Als du dich nicht nur von deinem leiblichen Vater, vom Kaufladen, von den Ritterträumen, ja von allem lossagtest, um nicht nur ein wenig, sondern ganz radikal dem armen, gekreuzigten und auferstandenen Jesus zu folgen. Seinen Namen hast du stets in deinem Mund gehabt. Deshalb sagt dein erster Biograph und Mitbruder Thomas von Celano von dir:

«Immer war er mit Jesus beschäftigt. Jesus trug er stets im Herzen, Jesus im Mund, Jesus in den Ohren, Jesus in den Augen, Jesus in den Händen, Jesus in all seinen übrigen Gliedern …»[1]

Jesus entdecktest du als den Schatz im Acker (vgl. Mt 13,44), den du unbedingt erwerben wolltest und dafür alles verliessest.

«Selig die Barmherzigen …» Du hattest wahrlich ein Herz für die Menschen am Rand, die Aussätzigen, die du nicht nur umarmtest, sondern ihnen auch unermüdlich dientest.

«Selig, die Frieden stiften …» Du versöhntest verschiedene zerstrittene Gruppen und Parteiungen, sogar den Bischof mit dem Bürgermeister von Assisi, die im Konflikt miteinander waren.
 


Das alles konntest du mit einem freien Herzen tun, weil der Geist der Seligpreisungen Jesu dich dazu drängte. So sagst du in der 19. Ermahnung:

«Das, was der Mensch vor Gott ist, das ist er und nicht mehr!»

Damit sagtest du deinen Mitbrüdern, deinen Zeitgenossen und uns Heutigen, dass wir Menschen nichts ändern können mit Reichtum, Besitz, Ansehen und Macht und Intelligenz. Wir alle, jeder und jede, bleiben angewiesen auf das Leben, die Sonne, das Wasser, die Liebe unserer Mitmenschen, auf Gott, unseren Vater und Schöpfer, der uns diese Erde und Schöpfung anvertraut hat, und wir alle sie als Schwestern und Brüder pflegen und lieben sollen. Diesen Geist der Seligpreisungen hast du gelebt, weil du Jesus innig liebtest.

Lieber Bruder Franziskus, lehre uns, aus dem Geist der Seligpreisungen Jesu zu leben, geistig und materiell ärmer und einfacher zu werden, um uns vom liebenden Gott abhängig zu wissen. Lehre uns, barmherzig zu handeln, denn viele leiden heute oft in der herzlosen Gesellschaft. Zeige uns neue Wege, wie wir Werkzeuge des Friedens sein können in einer Welt, wo so viel Hass, Krieg und Unmenschlichkeiten den Ton angeben. Zeige uns, wie und wo wir Jesus, unseren Herrn, noch besser lieben und IHM dienen können.

Viele Schwestern und Brüder sind dir bis zum heutigen Tag gefolgt. Viele verehren wir als Heilige. Viele sind uns unbekannt, von denen keine Heiligenlegende und kein Geschichtsbuch berichtet, die aber wie du Menschen der Seligpreisungen waren. Wenn wir mit dir verbunden sind, sind wir es auch mit ihnen. Lass uns dich und sie alle nicht nur bewundern, sondern versuchen, deinem und ihrem Beispiel zu folgen. Mit Bruder Thomas von Celano, deinem ersten Biographen, möchte ich dich nun bitten:

«Heiliger Vater Franziskus, gedenke all deiner Töchter und Söhne, die von grossen Sorgen und Gefahren bedrängt sind. Du weisst, dass sie deinen Spuren nur von Ferne folgen. Gib ihnen Kraft zu widerstehen! Reinige sie, sodass sie leuchten! Gib ihnen Freude als Vorgeschmack der Seligkeit. Erlange, dass über sie ausgegossen werde der Geist der Gnade und des Gebetes, damit sie die wahre Demut haben, die du gehabt, damit sie die Armut beobachten, die du gehalten, damit sie die Liebe verdienen, mit der du immer Christus, den Gekreuzigten, geliebt hast.»[2]

Danke, lieber Bruder Franziskus, für dein wunderbares Beispiel! Danke für dein Fürbittgebet für uns alle!

Dein Bruder Gottfried OFM
 

Der Brief ist eine überarbeitete Fassung des Vorwortes zu seinem aktuellen Buch, das aus biographischen Texten, Gebeten und Bildern zum heiligen Franziskus besteht.
Pater Gottfried Egger und Christoph Hurnaus (Fotograf). Franz von Assisi: Worte von Glaube, Liebe und Hoffnung. fe-medienverlags GmbH 2026, 80 Seiten, ISBN‎ 978-3-863574-89-5, Euro 16,90. Link

 

[1] Franziskus-Quellen, Butzon & Bercker, 2009, 270 IX, 115 (1 Celano 115)
[2] Franziskus-Quellen, a.a.O., 421 (2 Celano 224)


P. Gottfried Egger OFM

Pater Gottfried Egger ist Mitglied der Kustodie der Schweizer Franziskaner. Aktuell lebt er im Kloster Brixen, wo er in der Schwesternseelsorge tätig ist und Exerzitienkurse gibt. Er ist Autor zahlreicher Bücher.


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