Die Christen in Syrien sind verzweifelt – viele hoffen nur noch auf Gott. (Bild: «Kirche in Not (ACN)»/Ismael Martin Sanchez)

Weltkirche

Open Doors ver­öf­fent­licht neuen Weltverfolgungsindex

Nach dem Sturz des Dik­ta­tors Baschar al-​Assad nahm die Gewalt gegen Chris­ten in Syrien deut­lich zu. Gewalt führt auch in Län­dern Subsahara-​Afrikas wie dem Sudan und Mali zu einem his­to­ri­schen Anstieg der Punkt­zahl auf dem Welt­ver­fol­gungs­in­dex 2026 des inter­na­tio­na­len Hilfs­werks für ver­folgte Chris­ten «Open Doors». Nige­ria bleibt das glo­bale Epi­zen­trum töd­li­cher Gewalt gegen Christen.

Gemäss dem Bericht «Religionsfreiheit weltweit 2025» des katholischen Hilfswerks «Kirche in Not» leben aktuell mehr als 5,4 Milliarden Menschen, also rund 65 Prozent der Weltbevölkerung, in einem Umfeld, das die freie Religionsausübung behindert oder massiv dagegen vorgeht. «Open Doors» untersucht für seinen Weltverfolgungsindex speziell die Situation der Christinnen und Christen.

Der Sturz des Diktators Baschar al-Assad hat die Lage der Christen in Syrien rückblickend nicht verbessert, sondern im Gegenteil entgegen mancher Erwartungen neue Ängste und Gewalt ausgelöst. Das verdeutlichen die Zahlen des neuen Weltverfolgungsindex aus dem Berichtszeitraum 1. Oktober 2024 bis 30. September 2025, den das internationale christliche Hilfswerk «Open Doors» am 14. Januar 2026 veröffentlicht hat. Daran wird deutlich, dass die Lage der Christinnen und Christen in Syrien sich stärker als irgendwo sonst verschlechtert hat. Als Folge davon rückt das Land im Vergleich zum Vorjahr von Platz 18 auf Platz 6 des Weltverfolgungsindex vor.

Insgesamt sind 388 Millionen Christinnen und Christen wegen ihres Glauben,s mindestens in hohem Masse Verfolgung und Diskriminierung ausgesetzt (Vorjahr: 380 Millionen). 4849 Christen weltweit wurden in Zusammenhang mit der Ausübung ihres Glaubens getötet (Vorjahr 4476). Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen. Von ihnen starben allein 3490 in Nigeria. Einem Höchstmass an Gewalt sind auch Christen im Sudan und in Mali ausgesetzt.

Die Zahl sexueller Übergriffe, Vergewaltigungen und Zwangsehen im Zusammenhang mit dem christlichen Glauben der Opfer stieg von 3944 auf 5202.

Zumindest ein kleiner Lichtblick erscheint im Bericht: Angriffe auf Kirchen oder kirchliche Einrichtungen gingen von 7679 auf 3632 markant zurück.

Christen in Syrien: Ende der Illusionen
Syriens Punktzahl stieg um 12 Punkte auf 90 – den höchsten je gemessenen Wert. Hauptgrund dafür war ein Anstieg der Gewaltbewertung um 9 Punkte von 7,0 auf 16,1 (maximal möglich: 16,7). «World Watch Research» hat bestätigt, dass im Berichtszeitraum mindestens 27 syrische Christen wegen ihres Glaubens getötet wurden, gegenüber null im Vorjahr. Bei einem Selbstmordanschlag auf die griechisch-orthodoxe Mar-Elias-Kirche in Damaskus im Juni 2025 wurden 22 Christinnen und Christen getötet und 63 weitere verletzt.

Die Gewalt ging über Morde hinaus: In Hama griffen nicht identifizierte Bewaffnete die griechisch-orthodoxe Erzdiözese an, zerstörten Kircheneigentum und religiöse Symbole und schändeten Gräber auf einem nahegelegenen christlichen Friedhof. Auch in anderen Regionen Syriens nahmen Angriffe auf Kirchengebäude dramatisch zu; christliche Schulen wurden vorübergehend geschlossen.

«Der Angriff in Damaskus veranlasste viele Christen, nicht mehr zur Kirche zu gehen», stellten die Forscher fest. Die Angst vor weiteren Angriffen und dem Aufstieg des islamischen Radikalismus hat die Gläubigen dazu veranlasst, christliche Symbole zu verstecken und öffentliche Bekundungen ihres Glaubens zu vermeiden.

«Als das Assad-Regime im Dezember 2024 fiel, gab es vorsichtigen Optimismus, dass die Christen in Syrien unter der neuen Führung von Hay'at Tahrir al-Sham eine Atempause finden könnten», erklärt Philippe Fonjallaz, Leiter von Open Doors Schweiz. «Nach Jahren relativer Ruhe nach der territorialen Niederlage des IS ist Syrien wieder in unsere Top 10 zurückgekehrt, wobei die Gewalt gegen Christen ein hohes Niveau erreicht hat. Der Anschlag im Juni in Damaskus, bei dem 22 Christen getötet wurden, zerstörte jede Illusion von Sicherheit. Diese harte Realität erfordert dringende Aufmerksamkeit: Wenn der Schutz durch den Staat zusammenbricht und extremistische Ideologien die Lücke füllen, zahlen religiöse Minderheiten den Preis dafür. Die Welt darf nicht wieder wegsehen.»

Nur noch 300 000 Christinnen und Christen leben derzeit in Syrien – Hunderttausende haben das Land verlassen. Eine ähnliche Entwicklung hat im Irak (Platz 18) bereits stattgefunden und ist derzeit im gesamten Nahen Osten zu beobachten.

Situation in Subsahara Afrika verschärft sich weiter
Doch im Blick auf die absolute Anzahl betroffener Christen weist eine andere Region ein noch deutlich höheres Mass an religiös motivierter Verfolgung auf: In den 14 Ländern Subsahara-Afrikas, die auf dem Weltverfolgungsindex stehen, leben mehr als 721 Millionen Menschen; fast die Hälfte davon sind Christen.
 


Nigeria bleibt das globale Epizentrum tödlicher Gewalt gegen Christen. Von den 4849 Christen, die weltweit während des Berichtszeitraums wegen ihres Glaubens getötet wurden, waren 3490 Nigerianer (Vorjahr 3100). Bei einem Vorfall im Juni 2025 griffen militante muslimische Fulani die christliche Bauerngemeinde Yelwata im Bundesstaat Benue vier Stunden lang an und erschossen oder verbrannten 258 Menschen, darunter vor allem Frauen und Kinder. Die Empörung, die US-Präsident Donald Trump im November 2025 über die beträchtliche Zahl nigerianischer Christen zum Ausdruck brachte, die jedes Jahr aufgrund ihres Glaubens getötet werden, stiess weltweit auf grosses Interesse, und die Medien bemühten sich, die Dynamik der Verfolgung in diesem Land zu thematisieren.

Der Konflikt in Nigeria ist komplex, aber das darf nicht von der Hauptstossrichtung ablenken. In aufgezeichneten Berichten von Opfern zitieren diese die militanten Fulani-Angreifer mit den Worten: «Wir werden alle Christen vernichten.» Entführte Christen berichten, dass ihre Entführer von Boko Haram zu ihnen gesagt hätten: «Wenn ihr Muslime wärt, würdet ihr nicht so gefoltert werden.»

Vor dem Bürgerkrieg im streng islamisch geprägten Sudan sind mittlerweile 9,6 Millionen Menschen geflohen. Beide Kriegsparteien – die Armee und die Rapid Support Forces – nehmen immer wieder die kleine christliche Minderheit ins Visier, um ihr das islamisches Profil aufzuzwingen. Dieses Muster setzt sich in der gesamten Region fort: Schwache Regierungen schaffen ein Machtvakuum, das von militanten Islamisten ausgefüllt wird. Sie operieren weitgehend ungehindert in Teilen von Burkina Faso (Platz 16), Mali (Platz 15), der Demokratischen Republik Kongo (Platz 29), der Zentralafrikanischen Republik (Platz 22), Somalia (Platz 2), Niger (Platz 26) und Mosambik (Platz 39).

In die Isolation getrieben
Jenseits physischer Gewalt dokumentiert der Weltverfolgungsindex 2026 von Open Doors eine weitere Entwicklung, die die Religionsfreiheit von Christen global bedroht: Kirchen werden durch Überwachung und strenge Regulierung in den Untergrund getrieben. Das gilt in Algerien (Platz 20), wo die Regierung mittlerweile verstärkt die Online-Aktivitäten christlicher Gemeinschaften einschränkt. 

Während die Gesamtpunktzahl von Algerien bei 77 Punkten blieb, verschob sich die Zusammensetzung dramatisch. Alle protestantischen Kirchen mussten bereits bis 2024 schliessen, was die aktuelle Gewaltpunktzahl senkte, aber die Christen in die Isolation trieb. Die Behörden schlossen eine christliche Facebook-Gruppe mit mehr als 50 000 Followern und blockierten kirchliche Aktivitäten. Mehr als 75 % der algerischen Christinnen und Christen haben den Kontakt zur Gemeinde verloren.

Eine ähnliche Dynamik ist in China (Platz 17) zu beobachten, wo ein Rekordwert von 79 Punkten ausschliesslich auf den erhöhten Druck im nationalen Leben zurückzuführen ist – nicht auf Gewalt. Die Vorschriften vom September 2025 zum Online-Verhalten von Geistlichen verbieten Bibel-Apps, Spendensammlungen und Jugendarbeit und verlangen von religiösen Führern, die Kommunistische Partei zu unterstützen. Unabhängige Hauskirchen, die sich einst in grossen Einkaufszentren trafen, haben sich in geheime Gruppen von 10 bis 20 Personen in Privathäusern aufgespalten.

Dieses Muster erstreckt sich auch auf Tunesien, Mauretanien und Vietnam, wo strengere bürokratische Kontrollen, Überwachung und diffuse Restriktionen Christen systematisch von der Gemeinschaft isolieren.

TOP 50 mit sehr hoher und extremer Verfolgung
In den 50 Ländern des Weltverfolgungsindex sind rund 315 Millionen Christen einem sehr hohen bis extremen Mass an Verfolgung und Diskriminierung ausgesetzt. Betrachtet man ausserdem die Länder mit einem hohen Mass an Verfolgung, so sind mehr als 388 Millionen Christen betroffen.

Die Top 10 im Weltverfolgungsindex 2026 (Rang im Vorjahr in Klammern):

  1. Nordkorea (1)
  2. Somalia (2)
  3. Jemen (3)
  4. Sudan (5)
  5. Eritrea (6)
  6. Syrien (18)
  7. Nigeria (7)
  8. Pakistan (8)
  9. Libyen (4)
  10. Iran (9)

Es folgen Afghanistan, Indien, Saudi-Arabien, Myanmar und Mali.
 

Open Doors setzt sich seit 1955 in über 70 Ländern durch Hilfsprojekte für verfolgte Christen ein und untersucht jedes Jahr das Ausmass an Gewalt, staatlicher Unterdrückung sowie gesellschaftlicher und behördlicher Feindseligkeit gegenüber Christen in rund 100 Ländern. Die Daten dafür liefern betroffene kirchliche Netzwerke, regionale Menschenrechtsanwälte, unabhängige Experten sowie Analysten von Open Doors International. Die Einhaltung der Methodik des Weltverfolgungsindex wird durch das Internationale Institut für Religionsfreiheit (IIRF) geprüft und zertifiziert. Alle Informationen zum Weltverfolgungsindex 2026 finden Sie unter https://www.opendoors.de/christenverfolgung/weltverfolgungsindex.


Redaktion


Kommentare und Antworten

×

Name ist erforderlich!

Geben Sie einen gültigen Namen ein

Gültige E-Mail ist erforderlich!

Gib eine gültige E-Mail Adresse ein

Kommentar ist erforderlich!

Captcha Code Kann das Bild nicht gelesen werden? Klicken Sie hier, um zu aktualisieren

Captcha ist erforderlich!

Code stimmt nicht überein!

You have reached the limit for comments!

* Diese Felder sind erforderlich.

Sei der Erste, der kommentiert