Das Logo der Apostolischen Reise von Papst Leo XIV. nach Frankreich.

Papst Leo XIII. besucht die älteste Toch­ter der Kirche

Heute star­tet Papst Leo XIV. seine Apos­to­li­sche Reise nach Frank­reich. Er trifft auf ein innen­po­li­tisch tief zer­strit­te­nes Land – und eine Katho­li­sche Kir­che auf der Suche nach Orientierung.

Papst Leo hat seine Frankreich-Reise so geplant, dass weder die bevorstehenden Wahlen im Mai 2027 noch innerkatholische Spannungen ins Zentrum rücken. Der Erzbischof von Paris hatte vor einer innenpolitischen Vereinnahmung des Papstbesuches in Frankreich gewarnt: «Der Papst kommt nicht, um die Stimmung im Vorfeld der Wahlen zu beruhigen oder zu heilen», erklärte Laurent Ulrich gegenüber dem Nachrichtendienst «Sir». Papst Leo kommt als Oberhaupt der Katholischen Kirche und nicht als Staatsmann. Deshalb gibt es auch kein Galadinner im Élysée-Palast.

Kirche mit langer Tradition
Die Katholische Kirche in Frankreich zählt zu den traditionsreichsten und geistesgeschichtlich wichtigsten in Europa. Sie schmückt sich gern mit der Bezeichnung «Älteste Tochter der Kirche», ein Ehrentitel, der auf die Taufe des Frankenkönigs Chlodwig I. im Jahre 496 Bezug nimmt. Marksteine ihrer reichen Geschichte sind etwa für das christliche Mittelalter die erwähnte Taufe von Frankenkönig Chlodwig, die Reichskirche Karls des Grossen («Charlemagne»), die grossen Ordensbewegungen wie z. B. die Zisterzienser und das «Zeitalter der Kathedralen»; weiter die Religionskriege des 16./17. Jahrhunderts, die nationalkirchliche Strömung des «Gallikanismus», die Aufklärung und die Französische Revolution.

Zu Frankreichs Kulturerbe gehören ungezählte Klöster und Kathedralen von Weltrang. Nur noch jeder zweite der etwa 68 Millionen Einwohner Frankreichs bezeichnet sich heute als katholisch. Selbst katholische Medien bezifferten die «Praktizierenden» zuletzt mit nur zwei Prozent der Bevölkerung, mit unterschiedlicher regionaler Ausprägung. Zuletzt verzeichnete Frankreich eine bemerkenswerte Zahl von Taufen unter Erwachsenen und Jugendlichen. 2025 wurden landesweit knapp 10 400 Erwachsene getauft; ein Anstieg von 45 Prozent gegenüber 2024. Hinzu kamen 7400 Jugendliche zwischen 11 und 17 Jahren.

Die Kirchen in Frankreich sind geprägt von der 1905 gesetzlich verankerten, kirchenfeindlichen und strikten Trennung vom Staat. Eine Ausnahme bilden die zwischenzeitlich zu Deutschland gehörenden Grenzregionen Elsass und Lothringen, wo das fortgeltende Konkordat von 1801 den damals ansässigen Religionsgemeinschaften – also nicht dem Islam – einen Sonderstatus sichert.

Seit der Verstaatlichung ihres Eigentums im Zuge der Französischen Revolution finanziert sich die katholische Kirche allein durch Spenden und Beiträge der Katholiken; Kirchensteuern gibt es nicht. Der Unterhalt von Kirchengebäuden, die vor 1905 errichtet wurden, obliegt dem Staat; Neubauten sind selbst zu finanzieren. Nach wie vor sehr aktiv ist die Kirche in Bildung und Medien. Viele Grund- und Oberschüler besuchen katholische Einrichtungen, auch und vor allem im ländlichen Raum.
 


Motto mit versteckter Botschaft?
Das biblische Motto der Reise lautet: «Damit die Welt das Leben habe.». Manche spekulieren deshalb, das Kirchenoberhaupt werde in Paris auch auf die unter Präsident Macron durchgesetzte lebensfeindliche Gesetzgebung in Sachen Abtreibung und Sterbehilfe eingehen, gegen die Frankreichs Bischöfe vergeblich die Stimme des Evangeliums erhoben haben.

Klar ist das Programm der Reise. Nach dem eher nüchternen Empfang beim Staatspräsidenten am Freitag im Élysée-Palast und einer Rede vor Politikern und Diplomaten steht als internationaler Höhepunkt ein Besuch am Sitz der Weltkulturbehörde UNESCO auf dem Programm.

Erster Papst in der renovierten Kathedrale
Mit einem Gottesdienst in der aus Feuer und Asche wiedererstandenen Kathedrale Notre-Dame und einer Gebetsvigil mit Jugendlichen im «Stade de France» folgen zwei kirchliche Highlights.

Die frühgotische Bischofskirche Notre-Dame ist ein Wahrzeichen von Paris. Vielen gilt sie als Inbegriff von Frankreichs Kathedralen. Die der Gottesmutter Maria geweihte Kirche liegt exponiert auf der Seine-Insel Île de la Cité im historischen Zentrum und wurde vor dem Grossbrand von 2019 jährlich von rund 12 bis 14 Millionen Menschen besucht. 2025 waren es infolge erschwerter Zugänge gut 11 Millionen.

Im Zuge von Renovierungsarbeiten brach am 15. April 2019 auf dem Dach von Notre-Dame ein Grossfeuer aus, das Dächer und Dachstuhl, Teile der Gewölbe sowie den Vierungsturm zerstörte. Präsident Emmanuel Macron hatte damals angekündigt, die Kirche binnen fünf Jahren wiederaufzubauen. Die feierliche Wiedereröffnung fand dann im Dezember 2024 statt. Mit Leo XIV. besucht jetzt zum ersten Mal ein Papst die renovierte Kathedrale. Um die geplanten modernistischen Glasfenster, welche die intakt gebliebenen sechs Kunstwerke aus dem 19. Jahrhundert ersetzen sollen, ist eine heftige Kontroverse entbrannt. Eine Petition zum Erhalt des klassischen Erbes wurde von Hunderttausenden Personen unterstützt – ein internationaler Rekord. Doch es wäre nicht das erste Mal, dass sich Präsident Macron um den Volkswillen foutieren würde.
 


In dem von Armut und religiöser Vielfalt – Muslime, Juden, Sikhs, Buddhisten und Christen – geprägten Département Seine-Saint-Denis könne die Gebetsvigil mit Jugendlichen im «Stade de France» zu einem Zeichen des Friedens werden, ist Bischof Étienne Guillet überzeugt. Sie haben deshalb an den 13 katholischen Gymnasien kleine Gruppen von ‹Papstbotschaftern› ausgebildet: Zwei katholische Jugendliche luden acht nicht-katholische Mitschüler ein. Sie bereiteten sich gemeinsam auf die Gebetswache mit dem Papst vor, werden jetzt daran teilnehmen und anschliessend das Erlebte in ihre Schulen weitertragen. Mit dieser möchte die Diözese zum Ausdruck bringen: Religionen sind nicht dazu da, Kriege zu schüren; sie haben den primären Auftrag, Frieden zu stiften.

Spannend wird es am Samstagmorgen, wenn der Papst die Synodalversammlung des Grossraums Paris trifft. Dort hat er Gelegenheit, die unerwartet vielen Erwachsenentaufen in Frankreich anzusprechen. Etliche der Neugetauften werden bei dem Treffen dabei sein.

Zum Freiluftgottesdienst auf der Place de la Concorde am Samstagnachmittag werden mehr als 600 000 Menschen erwartet.

Ein Handicap für den Papst mit dem französischen Familiennamen Prevost ist die Sprache seiner Vorfahren. Vor allem mit der Aussprache tut er sich nicht leicht. Dennoch will er überall in Frankreich seine Ansprachen auf Französisch halten.

Von Lourdes zur «Laterne Gottes»
An dritten Tag seiner Reise besucht Papst Leo XIV. den Marienwallfahrtsort Lourdes. Da an der Fassade der Rosenkranzbasilika Mosaiken von Marko Rupnik hängen, gab es im Vorfeld des Besuches Diskussionen. Gegen den Künstler läuft wegen Missbrauchsvorwürfen von Ordensfrauen im Vatikan ein Prozess. Der Ortsbischofs hatte schon 2025 angeordnet, einige Rupnik-Mosaiken zu abzudecken; die restlichen wurden jetzt ebenfalls verhüllt.

An seinem letzten Besuchstag feiert Leo XIV. in Metz einen Gottesdienst in der «Laterne Gottes». Die Kathedrale erhielt diesen Namen aufgrund ihrer gigantischen Fensterfläche. Die 800-jährige Bischofskirche von Metz hat nicht nur ein 42 Meter hohes Gewölbe – eines der höchsten des gotischen Kirchenbaus überhaupt – sondern auch mit 6500 Quadratmeter eine der grössten Kirchenfensterflächen der Welt. Im Chorumgang ist ein Meisterwerk des jüdischen Künstlers Marc Chagall (1887–1985) zu sehen: Farbenprächtige Szenen aus dem Buch Genesis zeigen unter anderem das Opfer Abrahams, Jakob im Kampf gegen den Engel, Jakobs Traum und Moses mit dem brennenden Dornbusch. Marc Chagall fertigte die Zeichnungen ohne Honorar; ein Geschenk für die Metzer zum Dank dafür, dass sie während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg Juden geschützt hatten.

In Metz liegt Robert Schuman begraben. Er war der erste Präsident des Europäischen Parlaments, das 1958 erstmals zusammentrat. Es hat ihm später den Ehrentitel «Vater Europas» verliehen. Zuletzt predigte in Metz 1988 Papst Johannes Paul II. – rund ein Jahr vor dem Fall der Berliner Mauer – über die Einheit des damals noch geteilten Europas. Daran wird Leo XIV. bei seiner Ansprache am interreligiösen Treffen im Robert-Schuman-Konferenzzentrum vermutlich anknüpfen – bevor er am späten Montagabend nach Rom zurückreist.


KNA/Redaktion


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