In der ihm noch verbleibenden Lebenszeit galt Newmans Hauptinteresse der Ekklesiologie sowie dem Verhältnis der Kirche zur modernen Welt. So sehr ihm die Annäherung bzw. Vereinigung mit der Anglikanischen Kirche ein Herzensanliegen war und blieb, so scharf grenzte er sich vom Protestantismus ab.
In seiner Würdigung der Anglikanischen Kirche schrieb er: «Ich anerkenne in der anglikanischen Kirche eine Quelle vielseitiger Vorteile für das Volk und bis zu einem gewissen Punkt eine Hüterin und Verkünderin der religiösen Wahrheit. Die englische Kirche war für die Vorsehung das Werkzeug, mir grosse Wohltaten mitzuteilen […] Wäre ich als Presbyterianer geboren worden, hätte ich vielleicht nie die Gottheit unseres Herrn und Heilandes erkannt; wäre ich nicht nach Oxford gekommen, dann hätte ich vielleicht nie von der sichtbaren Kirche, von der Tradition und andern katholischen Lehren gehört […] Solange die Katholiken in England so schwach sind, tut sie unser Werk. Ohne Zweifel war die Nationalkirche bisher ein tauglicher Wellenbrecher gegen Lehrirrtümer, die tiefer einschneiden als ihre eigenen. Wie lange dies in kommenden Jahren noch der Fall sein wird, ist unmöglich zu sagen, denn die Nation zieht die Kirche auf ihr eigenes Niveau herab.»
Dem Protestantismus wirft John Henry Newman vor, die Autorität der Kirche ausgeschaltet und die Schrift als einziges Glaubenskriterium anerkannt zu haben. Doch weil die Schrift oft mehrdeutig ist und der Interpretation bedarf, war eine Zersplitterung in unzählige protestantische Denominationen unvermeidlich. Dazu Newman: «Nicht über einen einzigen Punkt seiner Lehre kann er seine Ansicht fixieren. Bringt in Abzug seinen Rest an katholischer Theologie, und was bleibt? Polemik, Erläuterungen, Proteste.» Demgegenüber stellt Newman klar, dass Schrift und Tradition keine Gegensätze sind, sondern sich gegenseitig bedingen. Die Autorität der Kirche ist vielmehr Garant für die authentische Weitergabe der Glaubensinhalte des Evangeliums.
Dies bedeutet jedoch nicht, so Newman ausdrücklich, dass es ausserhalb der sichtbaren Kirche kein Heil gibt. Denn die Gnade Christi ist «gegenwärtig in jedem Menschenherzen, um wirklich für sein Endheil zu genügen». Dies gilt für all jene, die unfreiwillig unwissend sind. John Henry Newman weiss sich damit in Übereinstimmung mit der Lehre der Katholischen Kirche.
Den Zeitgeist durchschaut
Vor dem Hintergrund der aktuellen theologischen Debatten sind Newmans Ausführungen zum Verhältnis von Kirche und Welt von brennender Aktualität: «Die Menschen scheinen für dies Welt geschaffen; sie meinen, dass diese Welt die Welt ist, für welche sie zu arbeiten haben […] dass die beste Art der Religion sei, ihre ‹Pflicht in dieser Welt zu tun›, dass dies der wahre Gottesdienst sei; mit andern Worten, dass die Jagd nach Geld oder Ansehen oder Macht, die Befriedigung des Selbst und der Kult des Selbst seine Pflicht zu tun heisse.»
Sinn und Daseinszweck der Kirche ist es jedoch nicht, «die Welt zu zivilisieren, die Massregeln der bürgerlichen Regierung zu erleichtern, die Vernunft auszubilden um irgend eines grossen weltlichen Zieles willen». Mit Blick auf seine – und man möchte hinzufügen auf unsere – Welt konstatiert John Henry Newman: «Der Zustand grosser Städte ist heute nicht sonderlich verschieden von dem, was er im Altertum war […] Der Handel ist noch immer habsüchtig, nicht nur in der Neigung, sondern auch in der Tat, ob schon er das Evangelium gehört hat; die Naturwissenschaft ist noch immer skeptisch, wie sie in heidnischen Zeiten war; Juristen, Soldaten, Bauern, Politiker, Hofleute, ja – man sag es mit Beschämung – die Geistlichen verrät noch immer der alte Adam. Die Erkenntnis des Evangeliums hat also, soweit wir das zu beurteilen vermögen, bei der Masse der Menschheit nicht auf den Geist des Innern, auf das ‹Herz› gewirkt.» Doch, so Newman: «Das Evangelium hat auch nie verheissen, es werde dies leisten.» Vielmehr gilt das Wort des Evangelisten Johannes: «Nicht für die Welt bitte ich, sondern für jene, die du mir gegeben hast, denn sie sind dein» (vgl. Joh 17,9). Es geht nicht darum, «die ganze Erde in den Himmel zu verwandeln, sondern den Himmel auf die Erde zu bringen».
Von seltener, geradezu prophetischer Luzidität ist Newmans Blick in die Zukunft am Vorabend des Ersten Weltkrieges (für George F. Kennan die «Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts»): «Ich sehe nach meinem Leben die Zeit kommen, wo nur noch die Spitzen der Berge, Inseln gleich, in der Wasserwüste sein werden […] Der religiöse Skeptizismus greift schauerlich um sich, und das grosse Unglück ist, dass von vornherein ein allgemeines Übergewicht zum Unglauben hin gegeben ist, weil er vernünftiger und glaubhafter erscheint. Die Vorstellung gewinnt die Oberhand, dass grosse Umwälzungen kommen werden, so dass die Menschen an den Atheismus glauben, bevor sie die christliche Offenbarung entdeckt haben […] Was steht uns bevor? Ich schaue mit wehem Mitleid und ich möchte sagen, mit Schaudern auf die nächste Generation.» Die Parallelen zur Gegenwart sind nicht zu übersehen.
Newmans Befund gibt dennoch keinen Anlass für Pessimismus, denn eine wirksame Therapie setzt eine zutreffende Diagnose voraus – und die kann John Henry Newman gewiss für sich in Anspruch nehmen. Es gilt, sie zu beherzigen und daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Oder, um es mit den Worten von Papst Benedikt XVI. zu sagen: «Newman gehört zu den grossen Lehrern der Kirche, weil er zugleich unser Herz berührt und unser Denken erleuchtet.»
* Die in diesem Beitrag verwendeten Zitate sind dem Buch «John Henry Newman» von Walter Lipgens entnommen
Kommentare und Antworten
Bemerkungen :
Die Früchte des Konzils sind heute sichtbar: moderne Messen mit Gitarren, Schlagzeug, liturgischen Tänzen, Clown-Messen, Fasnachts-Messen, Beach-Messen im Badeanzug, Polit-Messen mit ideologischen Bannern, interreligiöse Feiern usw. Natürlich gibt es auch gute und fromme Priester – konservative und traditionelle –, doch sie sind Randerscheinungen. Tonangebend, wie schon beim Konzil, sind die Progressiven. Denken Sie wirklich, dass Newman in eine solche Kirche eintreten würde?
In der Katholischen Kirche dürfen Frauen sehr wohl die Kommunion austeilen (sofern zu wenig Priester anwesend sind) oder eine Beerdigung feiern (diese ist ja kein Sakrament). Ebenso dürfen Frauen in Wortgottesdiensten predigen. Es gilt, zwischen Sakrament und anderen Diensten zu unterscheiden.
Rosmarie Schärer