Die Pater der Mission in Quinhon bei ihrer jährlichen Retraite 1951. Pater Amédée Benoit steht links oben. Der zweite von rechts in der untersten Reihe ist der Apostolischer Vikar Marcel Piquet. (Bild: © Institut de Recherche France-Asie/MEP)

Weltkirche

Pater Amédée Benoît: Der Beru­fung «ad gen­tes» gefolgt

Die «Société des mis­si­ons Etrangè­res de Paris» hat seit ihrer Grün­dung Mitte des 17. Jahr­hun­derts über 4500 Pries­ter nach Asien ent­sandt, um den Men­schen die Frohe Bot­schaft zu brin­gen; über 200 von ihnen wur­den dabei getö­tet. Einer die­ser Pries­ter war Amédée Benoît, der 1954 in Viet­nam sein Leben für Chris­tus gab.

«Er starb mit dem Rosenkranz in der Hand, so wie er gelebt hatte: als Missionar, der sich ganz hingegeben hatte», so fasst Pfarrer Benoît Campion im Gespräch mit «Fides» das Leben von Pater Amédée Benoît zusammen, einem Priester der «Missions Etrangères de Paris» (MEP), der 1954 im Alter von erst 40 Jahren in Vietnam ermordet wurde.

In Treue zur inneren Berufung
Amédée Charles Benoît wurde 1913, am Vorabend des Ersten Weltkriegs, in eine kinderreiche Familie geboren, die tief vom Glauben und vom Pfarreileben geprägt war. Die Familie betete gemeinsam, besuchte die Heilige Messe und praktizierte gelebte Nächstenliebe.

Nach seiner Priesterweihe 1937 war er zunächst acht Jahre in Saint-Didier-au-Mont-d'Or in der Diözese Lyon als Vikar tätig, doch nach und nach entwickelte sich in ihm eine neue Berufung: die der Mission «ad gentes». Amédée Benoît schloss sich der «Missions étrangères de Paris» an, jener geistlichen Gemeinschaft, die Hunderte von Priestern nach Asien entsandte. «Er suchte nicht das Abenteuer, sondern folgte in Treue einer ganz klaren inneren Berufung», so Pfarrer Benoît Campion.

Pater Amédée, der für die Mission in Quy Nhon in Zentralvietnam bestimmt war, verliess Frankreich 1946 und erlernte zunächst die Sprache und die Kultur dieses ostasiatischen Landes. Es war politisch eine schwierige Zeit: Der Versuch Frankreichs, nach dem Zweiten Weltkrieg das inzwischen unabhängige Nordvietnam wieder unter seine Kontrolle zu bringen, führte 1946 zum Ausbruch des Ersten Indochinakrieges. Dabei standen sich Frankreich und die «Liga für die Unabhängigkeit Vietnams» (kurz Vietminh) gegenüber. Letztere setzte sich aus nationalistischen und kommunistischen Gruppen unter der Führung von Hồ Chí Minh zusammen.

Im Februar 1949 begab sich Pater Amédée nach Trakieu, um als Lehrer und Ökonom am Kleinen Seminar zu wirken. Mit sich selbst war der kühl und zurückhaltend wirkende Priester streng, doch als Lehrer war er bei seinen Schülern sehr beliebt. Er besass gute Menschenkenntnisse und zu seinen intellektuellen Qualitäten gesellte sich eine grosse Herzensgüte.

Die eigene Angst überwunden, um andere zu ermutigen
Nach einem kurzen Aufenthalt im Süden kehrte er im Februar 1952 nach Trakieu zurück, jetzt als Pfarrer dieses grossen Bezirks. Das Gebiet war durch den Krieg in eine regelrechte Festung verwandelt worden und konnte viele Monate nur per Flugzeug versorgt werden. Pater Amédée war unermüdlich unterwegs, um die Messe zu feiern, Beichte zu hören, Religionsunterricht zu erteilen und Kranke zu besuchen; dabei nahm er sich auch der Soldaten des benachbarten Militärpostens an. Er war einer der wenigen, die es wagten, die verminte Strasse zu befahren. Eine Kampfpause nutzte er, um im angegriffenen Militärposten sterbenden Soldaten die letzte Ölung zu geben. Von den Menschen wurde er für seinen Mut bewundert: Beim Ertönen des Alarms suchten sie Zuflucht beim Pfarrhaus, wo sie sich in grösserer Sicherheit wähnten, denn allein die Anwesenheit ihres Pfarrers gab ihnen neues Vertrauen. Mitbrüdern gestand er, dass er sich von Zeit zu Zeit eine solche Heldentat erlaube, um seine eigene Angst zu überwinden und die ihm anvertrauten Menschen zu ermutigen.
 


Am Abend des 23. Juli 1954 spendete er wieder einem tödlich verwundeten Soldaten die Sterbesakramente. Er kehrte am nächsten Tag zunächst in die Pfarrei zurück und wollte danach die Leiche des Soldaten abholen, musste den Versuch aber aufgrund der Kämpfe abbrechen. Am Nachmittag brach er in Begleitung von vier Männern erneut auf. Es gelang ihnen, den Militärposten zu erreichen und die Leiche des Soldaten abzuholen. Auf dem Rückweg ertönten plötzlich Schüsse. Pater Amédée befahl seinen Begleitern, die Trage abzustellen und sich flach auf den Boden zu legen. Als sie die Vietminh näherkommen hörten, sagte er zu seinen Männern: «Fürchtet euch nicht, ich werde mit ihnen sprechen.» Doch die Vietminh liessen ihn gar nicht zu Wort kommen und schossen auf ihn. Mit dem Rosenkranz in seiner Hand brach er zusammen und starb unmittelbar darauf. Tragisch: Nur drei Tage vorher, am 21. Juli, war auf der Indochinakonferenz in Genf das Waffenstillstandsabkommen unterzeichnet worden. Ob die Vietminh das nicht wussten oder den Pater aus Rache für den Widerstand, den das Gebiet jahrelang geleistet hatte, töteten, ist unklar.

Da sich im Gebiet noch überall Vietminh aufhielten, getrauten sich die Gläubigen nicht, die beiden Leichen zu bergen, die von den Trägern auf dem Feld zurückgelassen worden waren. Es waren dann drei Ordensschwestern der «Amantes de la Croix», die mutig vorangingen und die Kämpfer aufforderten: «Wenn ihr uns nicht erlaubt, den Leichnam des Pfarrers zurückzubringen, dann erschiesst uns gleich hier auf der Stelle.» Die Vietminh gaben nach, und die Christen konnten den Leichnam ihres geliebten Pfarrers nach Hause bringen. Die Gläubigen waren sich bewusst, dass sie es Pater Amadée verdankten, dass ihr Dorf grösstenteils vom Krieg verschont geblieben war. Aus Dankbarkeit, dass er trotz der vielen Gefahren bei ihnen geblieben war, liessen sie viele Messen für ihn lesen und schmücken bis heute sein Grab.

Sein Vorbild wirkt weiter
Die Entscheidung von Pater Amédée, inmitten des vietnamesischen Volkes zu bleiben, das er liebte und dem er diente, wurde für seine Familie zu einer Quelle dauerhafter Inspiration. Seine Nichte Dominique erinnert sich: «Als Kind, zur Zeit meiner Erstkommunion, bat mich meine Mutter, Onkel Amédée zu schreiben, der seit vielen Jahren in Vietnam war. Ich erhielt seine handgeschriebene Antwort auf Luftpostpapier. Ich habe sie immer in Ehren gehalten.» Mit diesen wenigen Zeilen aus Asien wurde ein Band geknüpft, das über die Jahre nie abriss.

Für seine Familie war der Tod von Pater Amédée die Vollendung eines Lebens der Hingabe. Zur Erinnerung an Pater Amédée Benoît organisiert die Familie immer wieder Treffen, besonders seit er am 7. Mai 2000 von Papst Johannes Paul II. zum Glaubenszeugen erklärt worden ist. Im Mittelpunkt der Treffen stehen immer die Eucharistie, das gemeinsame Gebet und die Erinnerung an den Missionar und sein Lebenszeugnis. In einer von der Familie aufbewahrten Kiste befinden sich Zeugnisse dieser Geschichte, so das Brevier, das er zum Zeitpunkt seines Todes bei sich hatte. «Es ist für mich der wichtigste Gegenstand», erklärt seine Nichte Dominique. «Dieses Brevier war meiner Mutter in der Stunde ihres Todes eine grosse Stütze», fügt sie hinzu und verdeutlicht damit, wie sehr dieser Gegenstand zu einem Bindeglied zwischen den Generationen geworden ist. Im Museum der «Missions Etrangères de Paris» werden sein Messbuch und Fotos aufbewahrt. In einigen Pfarreien erinnern Gedenktafeln an Pater Amédée Benoît.

Dominique bekennt: «In schwierigen Zeiten spreche ich oft mit ihm: ‹Onkel Amédée, komm und hilf mir!› Und er hilft!» Seine Grossnichte Florence erzählte einer vietnamesischen Ordensschwester von ihrem Onkel Amédée. Diese antwortete, sie kenne ihn bereits und habe an seinem Grab gebetet: ein stilles Zeichen dafür, dass sein Andenken in dem Land weiterlebt, in dem er wirkte und sein Leben gab.

Das Leben von Pater Amédée Benoît trägt auch geistliche Früchte: Zwei Neffen wurden Priester, ein Grossneffe ist aktuell im Priesterseminar, ein weiterer Neffe, Pater Étienne Frécon, ist heute Generalvikar der Pariser Auslandsmissionen.

 

Quellen

https://irfa.paris/en/missionnaire/3738-benoit-amedee/

https://fides.org/fr/news/77841-Le_breviaire_ensanglante_et_les_autres_souvenirs_de_famille_du_pere_Amedee_Benoit


Rosmarie Schärer
swiss-cath.ch

E-Mail

Rosmarie Schärer studierte Theologie und Latein in Freiburg i. Ü. Nach mehreren Jahren in der Pastoral absolvierte sie eine Ausbildung zur Journalistin.


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Bemerkungen :

  • user
    Joeseph Laurentin 16.07.2026 um 18:25
    Der Artikel trägt den Titel «Pater Amédée Benoît: Der Berufung ad gentes (zu den Völkern) gefolgt». Umso mehr regt er zum Nachdenken darüber an, wie der Missionsauftrag heute verstanden wird. In der kirchlichen Praxis nach dem Konzilsdekret Ad Gentes (1965) entstand vielerorts der Eindruck, der interreligiöse Dialog sei an die Stelle der eigentlichen Mission getreten. Pater Amédée Benoît hingegen gab sein Leben für die Verkündigung Christi. Eine Mission, die sich auf den Dialog beschränkt und auf die ausdrückliche Verkündigung Jesu Christi verzichtet, hätte er vermutlich nicht als ausreichende Erfüllung seiner Berufung ad gentes verstanden.
    • user
      Stefan Fleischer 16.07.2026 um 18:49
      Eine Mission, welche sich mehr um das irdische Heil des Menschen kümmert, als um sein ewiges. auch nicht.