Pater Gerald Baumgartner mit Jugendlichen in Syrien. (Bild: «Kirche in Not (ACN)»)

Weltkirche

Pater Gerald in Syrien: Ein­satz dort, wo die Not am gröss­ten ist

Die Situa­tion in Syrien ist äus­serst schwie­rig; die Zahl der Chris­tin­nen und Chris­ten ver­rin­gerte sich in den letz­ten Jah­ren dra­ma­tisch. Wäh­rend sei­nes Besu­ches in der Schweiz als Gast von «Kir­che in Not» sprach Pater Gerald Baum­gart­ner, der in Syrien wirkt, mit «swiss​-cath​.ch» über die aktu­elle Lage und die Arbeit der Jesui­ten vor Ort.

Nach 55 Jahren Diktatur mit einem omnipräsenten Geheimdienstapparat und 15 Jahren Bürgerkrieg ist Syrien jetzt – eineinhalb Jahre nach dem Umsturz – im Prozess, sich neu zu finden, fasst Pater Gerald Baumgartner die aktuelle Situation kurz zusammen. Der Jesuit arbeitete von 2021 bis 2023 in Homs in der Jugendarbeit und kehrte nach seiner Priesterweihe 2025 nach Syrien zurück.

Die neue Regierung versucht, die Kontrolle über das Land zu gewinnen. Zurzeit ist eine Volksversammlung dabei, eine neue Verfassung auszuarbeiten. Unter den über 200 Abgeordneten sind nur sechs Christen. Doch Pater Gerald relativiert: «Bei der verschwindend geringen Zahl von Christinnen und Christen sind wir fast überrepräsentiert.» Seit dem Bürgerkrieg hat sich die Zahl der Christen Schätzungen zufolge von 1,5 Millionen auf etwa Dreihunderfünfzigtausend verkleinert. «Sechs Abgeordnete hört sich jetzt nicht nach viel an, aber die Christen sind zumindest vertreten und haben eine Stimme.»

Die Mehrheit bilden die Sunniten, doch auch diese sind keine homogene Masse. «Es gibt unter ihnen sehr westlich Gesinnte, sehr Liberale und sehr moderate religiöse Sunniten, aber natürlich gibt es auch Gruppen, die man als islamistisch bezeichnen muss, die dann teilweise militant werden.» Die Regierung versucht zunächst, sich zu finden.

Stabiler als vor einem Jahr
Noch ist vieles unsicher. «Im letzten Juli in Homs gab es jede Nacht Schüsse, mehrmals in der Woche kam es zu Rachemorden, meistens an den Alawiten, denen man kollektiv eine Verbindung mit der alten Regierung vorwarf», erinnert sich Pater Gerald. Es gab einen Anschlag auf eine Kirche, dann das Massaker an den Drusen, den gewalttätigen Konflikt mit den Kurden in Aleppo. Doch innerhalb des letzten Jahres gab es zunehmend mehr Stabilität. «Wenn ich die Situation in einem Satz zusammenfassen müsste, würde ich sagen: Das erste Mal in 55 Jahren gibt es jetzt tatsächlich eine Chance auf etwas Neues.» Ob es eine demokratische Regierung geben wird, in der alle Minderheiten gleichberechtigt sein werden, oder eine sunnitisch-islamisch geprägte Mehrheitsgesellschaft, in der Minderheiten geduldet oder gar verfolgt werden, kann zum heutigen Zeitpunkt niemand sagen.

Der Erzbischof von Homs, Jacques Mourad, riet unlängst seinen geflüchteten christlichen Landsleuten aufgrund der (noch) fehlenden Religionsfreiheit von einer baldigen Rückkehr ab. Aber nicht nur Christen erleben die Situation in Syrien als unsicher und als noch zu wenig stabil. Auch Drusen oder Alewiten sehen ihre Zukunft nicht in ihrem Heimatland. «Nach den Jahren der Diktatur und des Krieges sind einfach noch viele Wunden da. Es ist auch wirtschaftlich eine unglaublich herausfordernde Situation und das Bildungssystem liegt noch darnieder.» Syrien bietet aktuell keine Umgebung, in der man eine Familie gründen möchte. Deshalb entscheiden sich viele junge Menschen für den Wegzug aus Syrien.
 


Kinder kennen keinen Frieden
Pater Gerald zieht jetzt von Aleppo nach Homs, wo er vor allem in der Jugendarbeit tätig sein wird. Die Jesuiten sind an mehreren Orten in Syrien anzutreffen. Ihre Arbeit beruht auf drei Standbeinen. «Da ist zunächst die Pastoral, die fast ausschliesslich durch ‹Kirche in Not› finanziert wird. Hier arbeiten wir natürlich vorwiegend mit Christen zusammen.» Den Jesuiten ist es wichtig, die Kinder und Jugendlichen zu guten Menschen mit einem guten moralischen Kompass zu erziehen und dass sie Glaubenserfahrungen machen dürfen. In Homs nehmen rund 1600 Kinder und Jugendliche an den Angeboten der kirchlichen Jugendarbeit und Katechese teil. «Die Kinder kommen ab der ersten Klasse mit etwa 6 Jahren und bleiben bis zum Abschluss des Studiums mit etwa 25 Jahren.» 180 Katechetinnen und Katecheten engagieren sich in dieser Arbeit. Es gibt auch in Aleppo einen weiblichen und einen männlichen Pfadfinderstamm. Pater Gerald begleitet unter anderem die rund 150 Pfadfinderinnen und ihre 40 Leiterinnen. «Die Arbeit mit diesen jungen Leuten ist sehr schön», erklärt Pater Gerald und erinnert an ihre schwierige Situation: Die Jugendlichen, die jetzt maturiert haben, waren bei Beginn des Krieges drei Jahre alt. Sie haben keine Erinnerungen an das Syrien vor dem Krieg. Sie kennen keine andere Realität. «Das hinterlässt einfach ein Gefühl von Unsicherheit. Wir versuchen, einen stabilen, sicheren Rahmen zu setzen, in dem die Leute menschliche Erfahrungen machen können, in dem sie lernen, respektvoll miteinander umzugehen, wo es klare Regeln gibt.» Innerhalb dieses sicheren Rahmens finden Gebete und Glaubensangebote statt, durch die sie für sich eine Glaubenserfahrung machen können. Danach werden sie ausgesandt: «Alle ab der siebten Klasse müssen einmal im Jahr an irgendeiner Art von Sozialprojekt teilnehmen. Sie gehen ins Altersheim oder arbeiten mit beeinträchtigten Kindern usw.», erzählt Pater Gerald. Auch hier ist ein geschützter Rahmen wichtig. «Sie sollen nicht einfach nur konsumieren. Wir möchten sie zu verantwortungsvollen jungen Menschen erziehen.»

Interreligiöse Angebote als Versöhnungsarbeit
Das zweite Standbein sind interreligiöse Projekte. Es geht vor allem um Versöhnungsarbeit. Diese Projekte bestehen vor allem aus Kunstworkshops, Theater, Malerei, einem Leseklub oder auch einem Schachklub. Hier können Leute mit jedem Hintergrund und jeder Religion teilnehmen. «In Syrien begegnen sich aufgrund der Geschehnisse der letzten Jahrzehnte Leute aus verschiedenen Gruppen gar nicht mehr. Es gibt so viele Wunden, so viele Gräben zwischen Menschen oder Gruppen», erklärt Pater Gerald. «Wir versuchen einfach, einen Raum anzubieten, in dem sie sich auf einer menschlichen Ebene begegnen können.» So erleben sie, dass auch ein Alawit, ein Christ oder Sunnit auch nur ein Mensch sein kann, der wie man selbst in Sicherheit und Frieden leben möchte.

Unter diesen Angeboten sind auch Kurse in Englisch, Grafikdesign, Business Administration oder Pädagogik. Dabei geht es nicht nur um den Inhalt selbst, sondern auch um den damit verbundenen ethischen Aspekt. «Ehrlicherweise muss man sagen, dass manche diese Fortbildungen aus eigennützigen Motiven beginnen», so Pater Gerald. «Doch sie bleiben, weil sie diese Atmosphäre schätzen und sich Beziehungen ergeben, die ausserhalb der Kurse nicht möglich sind.»

«Dafür bin ich Jesuit geworden – dorthin zu gehen, wo die Not am grössten ist. Syrien ist deshalb ein Ort, an dem ich meine Berufung konkret leben kann.» Pater Gerald Baumgartner

Menschen in Not beistehen
Das dritte Standbein in der Arbeit der Jesuiten bildet die Sozialarbeit. Sie gehen zu den Ärmsten der Armen. Der Jesuiten-Flüchtlingsdienst, der durch das Hilfswerk «Jesuiten weltweit» Zürich unterstützt wird, kümmert sich in Damaskus um Kinder, die davon leben, dass sie den Müll auf der Müllhalde trennen. Im Zentrum des Flüchtlingsdienstes erhalten sie eine Mahlzeit und Anteilnahme. So machen die Mitarbeitenden Spiele mit ihnen und geben ihnen elementaren Unterricht. «Wir haben die Hoffnung, dass wir die Kinder wieder ins Schulsystem integrieren können. Bei manchen gelingt es, andere konnten wir zumindest einige Zeit von der Strasse wegholen.» Die Jesuiten bieten soziale Hilfe, ohne auf die Religion zu schauen. «Unser Kriterium ist: ‹Wo ist die Not am grössten?› Gemäss der christlichen Nächstenliebe helfen wir dem, der in Not ist.»
 


Geld, Hoffnung, Sauerteig
Auf die Frage, was Syrien aktuell braucht, antwortet Pater Gerald: «Zweierlei: Das Land benötigt geordnete wirtschaftliche Hilfe für den Wiederaufbau. Natürlich mit Bedingungen. Und es braucht Hoffnung.» Als Priester und Jesuit sei er in erster Linie für die Hoffnung da. Natürlich seien auch die Sozial- und Bildungsarbeit der Jesuiten wichtig. «Wir wollen aber vor allem davon Zeugnis geben, dass es möglich ist, selbst unter den schwierigsten Bedingungen, so etwas wie eine Sendung, eine Berufung zu haben. Dass ich selbst unter Bedingungen, die nicht ideal sind, etwas zur Gesellschaft beisteuern kann.»

Und mit dem Augenmerk auf die Christen: «Wir versuchen, die Christen dazu zu erziehen, dass sie wirklich Sauerteig sind.» Das sei ein zentraler Punkt, warum sie ihre Gemeinschaften auch für andere Religionen öffnen. «Wenn wir Christen in die Versuchung geraten, uns abzuschotten, entfernen wir uns immer weiter von der Gesamtgesellschaft.»

Trotz der schwierigen Lage – zerstörte Gebäude und Spitäler, eingeschränkter Zugang zu Trinkwasser und Stromversorgung – gibt es auch zahlreiche Hoffnungszeichen: Dieses Jahr werden drei Syrer in den Jesuitenorden eintreten. Auch die Franziskaner haben mehrere Berufungen. Pater Gerald begleitet drei junge Frauen, die sich einen Ordenseintritt überlegen. «In anderen Ländern muss man sich bewusst entscheiden, wegzugehen. Hier in Syrien muss man sich heute bewusst dafür entscheiden, zu bleiben», gibt er zu bedenken. «Wenn man vor diese Entscheidung gestellt wird, dann ist die Frage nach der Berufung sehr nahe.» Als Jesuit ist es ihm ein Anliegen, Menschen in Freiheit zu begleiten. Er drängt niemanden, zu bleiben oder zu gehen. «Wir versuchen, den jungen Menschen zu helfen, ihren Weg im Gebet und im Austausch mit Gott zu finden, und sie auf ihrem Weg zu begleiten. Unabhängig davon, ob es eine Berufung in einen Orden oder zu einem konkreten Beruf ist.»

Für das Hilfswerk «Kirche in Not (ACN)» ist es von grosser Bedeutung, dass in einem der Ursprungsgebiete des Christentums auch heute eine lebendige christliche Präsenz erhalten bleibt. Deshalb werden gezielt Projekte gefördert, insbesondere auch für Kinder und Jugendliche. In Städten wie Homs, Aleppo oder Damaskus gibt es das Programm «a drop of milk» für Kleinkinder, bei dem Milchpulver bereitgestellt wird. Zudem werden Schul- und Studiengebühren für Schülerinnen, Schüler und Studierende übernommen. Auch Priester und Ordensleute erhalten Unterstützung, damit sie ihren Dienst weiterführen und den Menschen vor Ort beistehen können. Gerade in unsicheren Zeiten ist es für die Christen in Syrien ein wichtiges Zeichen, dass die Kirche in die Zukunft des Landes investiert. «Kirche in Not (ACN)» hat seit 2011 seine Unterstützung konstant hochgehalten; allein im Jahr 2024 wurden kirchliche Projekte im Umfang von 4,8 Millionen Franken finanziert.
 

Gerald Baumgartner wurde 1994 in Oberösterreich geboren. 2016 trat er in das Noviziat der Jesuiten in Nürnberg ein. Nach seinem Philosophiestudium in München lernte er im Libanon Arabisch und engagierte sich dort im Sozialbereich. Von 2021 bis 2023 lebte er in Homs und arbeitete in der Jugendarbeit. Anschliessend setzte er seine theologischen Studien in Innsbruck fort und empfing 2025 die Priesterweihe. Kurz darauf kehrte er nach Syrien zurück, diesmal nach Aleppo, wo er sich weiterhin in der Jugendpastoral sowie in der ökumenischen Arbeit einsetzt.
 

Pater Gerald Baumgartner ist noch bis Sonntag in der Schweiz:
21. August, 18 Uhr, St. Maria, Schaffhausen
22. August, 18 Uhr, Maria Lourdes, Zürich
23. August, 10 Uhr / 15 Uhr / 17 Uhr, Jesuitenkirche, Luzern

 

«Kirche in Not (ACN)» ist ein internationales katholisches Hilfswerk päpstlichen Rechts, das 1947 als «Ostpriesterhilfe» gegründet wurde. Es steht mit Hilfsaktionen, Informationstätigkeit und Gebet für bedrängte und Not leidende Christen in ca. 140 Ländern ein. Seine Projekte sind ausschliesslich privat finanziert. Das Hilfswerk wird von der Schweizer Bischofskonferenz für Spenden empfohlen. Link

Spenden mit dem Vermerk «Syrien» können gerichtet werden an:
Kirche in Not, Cysatstrasse 6, 6004 Luzern
Konto PC 60-17200-9; IBAN 55 0900 0000 6001 7200 9


Rosmarie Schärer
swiss-cath.ch

E-Mail

Rosmarie Schärer studierte Theologie und Latein in Freiburg i. Ü. Nach mehreren Jahren in der Pastoral absolvierte sie eine Ausbildung zur Journalistin.


Kommentare und Antworten

×

Name ist erforderlich!

Geben Sie einen gültigen Namen ein

Gültige E-Mail ist erforderlich!

Gib eine gültige E-Mail Adresse ein

Kommentar ist erforderlich!

Captcha Code Kann das Bild nicht gelesen werden? Klicken Sie hier, um zu aktualisieren

Captcha ist erforderlich!

Code stimmt nicht überein!

You have reached the limit for comments!

* Diese Felder sind erforderlich.

Sei der Erste, der kommentiert