«Der liebe Gott hat es mit mir sehr gut gemeint, denn er hat mir eine wunderschöne Jugend gegeben. So schön und freudig, wie es wohl selten Kinder beschieden sein kann.» Dankbar blickte Pater Rupert Mayer anlässlich seines 40-jährigen Priesterjubiläums am 1. Mai 1939 zurück.
Hineingeboren wurde Rupert Mayer in eine katholische Kaufmannsfamilie. Sein Vater stammte aus dem Hochschwarzwald, die Mutter aus Pforzheim. In die württembergische, protestantisch geprägte Residenzstadt hatte es das Paar aus beruflichen Gründen verschlagen. Dort übernahmen die Mayers ein Haushaltswarengeschäft und bauten es erfolgreich aus. Rupert wuchs mit einem Bruder und vier Schwestern in einem religiösen und weltoffenen Elternhaus auf. Wurde er von seinen protestantischen Mitschülern gehänselt und verspottet, gab er keineswegs klein bei, sondern konnte schnell einmal handgreiflich werden, was ihm Respekt eintrug.
Früh war Rupert Ministrant. Das Lernen fiel dem Jungen nicht leicht, dennoch zeichnete ihn Fleiss aus. Zu seinen Hobbys gehörten Reiten und Schwimmen. Wie die Geschwister erlernte er ein Instrument, die Geige.
Nach dem Abitur studierte Rupert Mayer ab 1894 Theologie in Fribourg, München und Tübingen. Am 2. Mai 1899 folgte die Priesterweihe in Rottenburg. Seinem Wunsch, Jesuit zu werden, stand das aus der Bismarckzeit stammende Jesuitenverbot im Weg. Sein Noviziat begann er deshalb im Oktober 1900 in Vorarlberg.
Sein Orden schickte ihn zwölf Jahre später als Seelsorger nach München. Als «15. Nothelfer Münchens» setzte er sich für die Seelsorge und sozialen Belange der Menschen ein. «Bis zu 3000 Männer und Frauen strömten damals jeden Monat in die Grossstadt auf der Suche nach Arbeit – und waren Ausbeutung und Not ausgesetzt», erzählt sein Nachfolger im Amt des Präses der Marianischen Männerkongregation, Pater Karl Kern. Pater Rupert Mayer tat das Möglichste, damit Pfarreien und kirchliche Gruppen ihnen eine Heimat bieten konnten. Er selbst unterstützte die Arbeiterschaft mit Brotgutscheinen, Kohlenlieferungen und Arbeitsvermittlungen. Heute ist der selige Rupert Mayer der Patron der Münchner Caritas.
Feldseelsorger im Ersten Weltkrieg
Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, meldete sich der Jesuit freiwillig, um als Feldseelsorger den Soldaten zur Seite zu stehen. Eine Granate traf ihn so, dass sein linkes Bein amputiert werden musste. Hochdekoriert mit Orden kehrte er 1917 nach München zurück – und stand plötzlich mitten in den Revolutionswirren. Als Priester an der Kleidung erkennbar, besuchte der Jesuit bewusst Versammlungen von Kommunisten und Nationalsozialisten. Er war Patriot, doch seine Vaterlandsliebe war in ein universales katholisches Bewusstsein eingebettet, wie Pater Kern betont.
Der Ordensmann predigte unerschrocken gegen den Ungeist der Nationalsozialisten, auch als diese an die Macht gekommen waren. Ein deutscher Katholik könne niemals Nationalsozialist sein, war seine Überzeugung. Im April 1937 bekam er prompt ein Rede- und Predigtverbot, am 5. Juni folgte seine Verhaftung. Ein Sondergericht verurteilte den Pater, dennoch kam er im Juli wieder frei. Im Januar 1938 wurde er wegen seiner Predigttätigkeit erneut verhaftet und bis Mai in Landsberg am Lech inhaftiert. Die dritte Verhaftung geschah im November 1939, weil er sich weigerte, Auskunft über seine Seelsorgegespräche zu geben.
Die Nazis liessen den Jesuiten ins KZ Sachsenhausen bringen, wo sich sein Gesundheitszustand verschlechterte. Um aus ihm keinen Märtyrer zu machen, entschieden sie im August 1940, den Pater nach Ettal zu schicken, wo er weder die Messe lesen noch die Beichte hören durfte. Bei den Benediktinern hielt sich Pater Rupert Mayer bis Kriegsende auf, mit dem Gefühl, «lebend ein Toter zu sein». Als er nach Kriegsende im Mai 1945 nach München zurückkehren konnte, war er sofort wieder für die Menschen da. «Heute würde man ihn einen Workaholic nennen», sagt Pater Kern. Es sei bewundernswert, wie er immer neue Kraft gefunden habe und liebenswürdig geblieben sei. «Er hat die Würde jedes Menschen gesehen. Wenn man so will, hat er die katholische Klarheit mit einer grossen Weite der Zuwendung und Liebe verbunden.»
Selbst im Tod nicht umgefallen
Als der 69-Jährige an Allerheiligen 1945 in der Kreuzkapelle der Münchner Michaelskirche den Acht-Uhr-Gottesdienst feierte, sprach er die Worte: «Es ist der Herr.» Zweimal noch war leise «der Herr, der Herr» zu vernehmen, dann konnte Mayer nicht mehr. Ein Gehirnschlag hatte ihn ereilt, an dem er wenig später in einer Klinik starb. Seine Holzprothese hielt den Pater am Altar. Als sich in Windeseile die Todesnachricht in der Stadt verbreitete, machte in der Bevölkerung das Diktum die Runde: «Unser Pater Mayer ist niemals umgefallen – nicht einmal im Sterben.»
Seit bald 80 Jahren befindet sich das Grab des Ordensmannes, den Papst Johannes Paul II. 1987 seligsprach, in der Unterkirche des Münchner Bürgersaals. Hier finden sich immer wieder Menschen zum Gebet. Pater Karl Kern erzählt, dass von den Philippinen über Brasilien, aus den USA und Afrika Anfragen für Reliquien als Zeichen der Verehrung kommen. «Gerade in Ländern, die politischem Druck ausgesetzt sind, ist er ein leuchtendes Beispiel für seinen Mut, sich den Nationalsozialisten entgegengestellt zu haben.»
Pater Rupert Mayer war aufgrund seines Studiums in Fribourg Mitglied der Fribourger Sektion der Katholischen Studentenverbindung Teutonia. Diese stiftete ihm eine Gedenktafel, die sich in der Eingangshalle der Universität befindet: «Vir fidelis in tempore infideli» (Ein treuer Mann in treuloser Zeit).
Kommentare und Antworten
Bemerkungen :
Das Zeugnis von Pater Rupert Mayer ist sehr beeindruckend und hat, im Grunde, nichts an Aktualität eingebüsst. Bedauerlicherweise wird die Kirche gesellschaftlich oft stiefmütterlich wenn nicht gar boshaft behandelt, in Sachen Erinnerungskultur. Dabei zeigen Gedenkstätten wie Auschwitz eindrücklich auf, wie bewegt, mutig und hoffnungsvoll Gläubige gelebt haben, selbst im Dunkel dieses menschlichen Abgrundes: https://www.auschwitz.org/en/museum/news/religious-life-in-the-auschwitz-camp-new-online-lesson,1212.hmtl Dass dieses eindrückliche, bewegende Wissen erhalten bleibt, finde ich wichtig, denn nur so können wir Lehren daraus ziehen, für unsere Zukunft.
Bei Ihrem Hinweis in Rotschrift ist derjenige auf Pater Maximilian Kolbe von besonderer Bedeutung, was Sie wohl zu diesem "Tipp" mitveranlasst hat. Leider herrscht in Sachen Auschwitz aber ein jüdisch-katholisches bzw. jüdisch-ponisches Spannungsverhältnis. Hintergrund ist wohl (nur) zum Teil der alte katholische Antisemitismus, aber wohl doch auch die Neigung der jüdischen Seite, Auschwitz quasi für das Judentum zu monopolisieren, worauf auch das früher nicht geläufige hebräische Wort "Schoah" verweist. Kommt dazu, dass Debatten über Auschwitz nach wie vor sehr heikel sind und teilweise allzu schnell mit dem Schlagwort "Auschwitz-Leugner" ausgeteilt wird. Bedenkenswert bleibt, dass die Zahl der Opfer nach 1989 um mehrere Millionen offiziell herabgesetzt wurde. Es wird wohl noch Generationen dauern, bis zu dieser Thematik etwas weniger befangen und im Prinzip ergebnisoffen disktutiert werden kann. Selber durfte ich vor 40 Jahren im Studienheim Don Bosco mit der ehemaligen jüdischen "Auschwitz-Sekretärin" Jenny Spritzer, deren Memoiren im Rothenhäusler Verlag Stäfa erschienen sind, ein Gespräch vor Studierenden führen. Die Augenzeugin, die auf ihre Weise ihr Überleben teilweise einem "Schindler" mitverdankte, berichtete bei hoher Glaubwürdigkeit viel zurückhaltender als dies in herkömmlichen Versionen des unbestreitbaren Massenmordes mit fürwahr höllischen Dimensionen normalerweise der Fall ist.
Ich danke Ihnen, für die wervollen Ausführungen – und ich entschuldige mich, für die späte Antwort. Die Nachtschichten in der Pflege fliegen manchmal nur so dahin...
In der Tat, der Holocaust umfasste weit mehr als "nur" jüdisches Leid, welches in seiner Masse oftmals alleinig im Vordergrund steht. Ich teilte den Gedanken zu diesem Link genau aus dem Grund, weil diese Auschwitz-Lektion mehr umfasst: heimlich verstaute Hostien, Rosenkränze aus Brot. Eucharistiefeiern, wider dem Yule-Wahn der Nationalsozialisten. Nonnen, die selbst in Bedrängnis mutig lächelten. Die Bildgewalt all dieser Zeugnisse hat mich bis heute tief geprägt.
Ich danke zu ihren Ausführungen zu Frau Jenny Spritzer. Es lernt sich nie aus!
Gottes reichen Segen Ihnen.