(Symbolbild, KI-generiert)

Hintergrundbericht Pro Life

Pau­lus Aka­de­mie: Seelsorge-​Fachtagung mit Fehlbesetzung

Am 4. Mai 2026 hat die Pau­lus Aka­de­mie eine Fach­ta­gung zum aktu­el­len Thema «Ster­be­wün­sche und assis­tier­ter Sui­zid: Seel­sorge zwi­schen Lebens­mut und Lebens­mü­dig­keit» durch­ge­führt. Der Bei­trag des Fun­da­men­tal­theo­lo­gen Prof. Magnus Striet aus Frei­burg im Breis­gau war – von sei­nem Theo­lo­gie– und Kir­chen­ba­shing abge­se­hen – theo­lo­gie­frei. Die Spi­tal– und Alters­heim­seel­sor­ger ver­hal­ten sich wohl mehr­heit­lich indif­fe­rent gegen­über der Absicht, mit assis­tier­tem Sui­zid aus dem Leben zu schei­den. Wie wer­den sie rea­gie­ren, wenn die Tötung auf Ver­lan­gen zuneh­mend salon­fä­hig wird?

Zuerst zum eher Positiven: André Böhning, Leiter der katholischen Seelsorge am KSW Kantonsspital Winterthur, erläuterte die Sterbewünsche aus der Praxis. Motive sind Lebensmüdigkeit (Mühseligkeit) und Lebenssattheit. Konflikte innerhalb einer Familie und Erben, die den Sterbewunsch unterstützen, können auch eine Rolle spielen.

Hinter den Aussagen der Art «So will ich nicht leben» verbergen sich meistens keine echten Sterbewünsche, sondern Hilferufe. Bei der Erläuterung der Diagnose (z. B. Krebs) kommen nur etwa 20 Prozent der Informationen bei den Patienten wirklich an. Es gibt zudem Fehleinschätzungen: «Sterbewünsche kommen und gehen.» Eindrücklich war das Beispiel eines Mannes, der am Vormittag eine Antibiotikabehandlung noch ablehnte, diesen Entscheid aber umgehend wieder änderte, als ihn seine Ehefrau am Nachmittag besuchte. Die Ursachen für Sterbewünsche sind vielfältig. Es gibt körperliche, psychische, soziale und spirituelle Gründe (vgl. WHO). In diesem Kontext müsse man von «Autonomie unter erschwerten Bedingungen» sprechen, so André Böhning.

Er erklärte, dass unter Berufskollegen viel Verständnis vorhanden sei, «wenn Menschen mit Exit gehen». Den Versuch, abzuraten und bei vorhandenem Exitwunsch einzugreifen, tat er als «Rettungssyndrom» ab.

Diese beiden Feststellungen muss man meines Erachtens kritisch sehen. Wenn gemäss André Böhning die Aufgabe der Seelsorger darin bestehen soll, in solchen Fällen «sich wertfrei, wertneutral einzulassen», stellt sich die Frage, ob André Böhning die Aufgabe eines christlichen Seelsorgers wirklich begriffen hat. Schliesslich gibt es einschlägige Stellen in den Evangelien, die uns motivieren sollten, Jesus als Retter und Heiland den Patienten näherzubringen (Mt 28,19–20; Mk 16,15; vgl. Apg 2,21). Es versteht sich von selbst, dass das auf abtastende und einfühlsame Weise geschehen soll. Haben wir Seelsorger in dieser Hinsicht nicht auch eine Verantwortung? Wenn wir Seelsorger das im jetzigen säkularen Umfeld nicht tun – wer dann?

Autonomie – Herausforderung für Kirche und Gesellschaft
Der zweite Referent präsentierte sich – das sei mir als freie Meinungsäusserung erlaubt – als völlige Fehlbesetzung der Tagung. Prof. Magnus Striet wartete zunächst mit der These auf: «Als normativer Kern aller modernen Moralphilosophien hat sich das ‹Recht auf individuelle Selbstbestimmung› (Axel Honneth) herausgebildet.» Der liberale Staat sichere dieses Recht auf Selbstbestimmung rechtlich ab. Seine Aussage, die Rede von der «Heiligkeit des Lebens» verhindere die Debatte und bringe nichts, liess einen an den Philosophen Peter Singer denken. Den Begriff Menschenwürde versuchte Magnus Striet mit dem Hinweis zu erledigen, das sei lediglich ein sogenannter Containerbegriff – «wo beginnt sie, wo endet sie?»

Er behauptete nicht nur, das «tradierte religiöse Normgefüge» sei fragwürdig, sondern provozierte mit der Aussage, «theologische Reflexion spiele keine Rolle». Ohne nähere Begründung verstieg er sich apodiktisch zu dem Satz: «Es gibt in der Debatte keine genuin theologischen Argumente.» Man kann das Verhalten dieses «Fundamentaltheologen» wie folgt vergleichen: Stellen Sie sich vor, ein Chemiker auf dem Lehrstuhl für Chemie redet ständig die Chemie schlecht und betreibt nur Physik. Man würde ihn zweifellos entlassen. Es bleibt ein Rätsel, weshalb Sebastian Muders als Leiter Fachbereich Umwelt- und Gesundheitsethik der Paulus Akademie diesen deutschen Provokateur, der verbal mit der Abrissbirne auf die Theologie generell und insbesondere auf die «alte Dogmatik» eindrischt, überhaupt eingeladen hat. Es gäbe hierzulande genügend fachkundige Theologen – z. B. einen Prof. Markus Zimmermann – die das Thema für die anwesenden Seelsorgerinnen und Seelsorger konstruktiv und kompetent hätten behandeln können.
 

Ambivalenzen von Sterbewünschen zwischen Autonomie und Angewiesenheit
Silke Winkler, Spital- und Klinikseelsorgerin der Katholischen Kirche des Kantons Zürich, wies auf die gleichzeitig auftretenden widersprüchlichen Gefühle, Wünsche und Haltungen bei Patienten hin. Ambivalenz gehöre zum Menschen. In existentiellen Situationen könne sich das zuspitzen. Entscheidungen entstehen in Beziehungen. Daher sprach sie von einer «sozial eingebetteten» oder «relationalen Autonomie». Das gipfelte im Satz eines Patienten: «Ich brauche niemanden – und hoffe doch, dass jemand da ist.»

Gerade am Ende seines Lebens ist der Mensch auf andere angewiesen. Das wird oft negativ wahrgenommen: Abhängigkeit, Kontrollverlust, «zur Last fallen». Sie zeigte das mit dem Fallbeispiel einer 18-jährigen Patientin mit einer rezidiven (Wiederauftreten nach einer Heilung) akuten Leukämie auf. Diese lehnte eine Stammzellentherapie ab. Die Familie war eher der Meinung, sie sollte alle Möglichkeiten ausschöpfen, und zugleich respektierte sie den Entscheid der Patientin. Das pflegende Team mit unterschiedlichen Perspektiven musste das aushalten und begleiten. Es war für das Team ein emotionaler Kampf.

Den Umgang mit Ambivalenz in der seelsorglichen Praxis fasste die Referentin wie folgt zusammen:

 

1. Grundhaltung

  • Ambivalenz anerkennen, nicht vorschnell auflösen
  • nicht Problem, sondern Bestandteil existenzieller Situationen

2. Sprache finden

  • «Ich höre, dass beides da ist …»
  • «Ein Teil von Ihnen …, ein anderer …»

3. Räume öffnen

  • für Patienten, Angehörige und Teams

4. Prozesse zulassen

  • keine schnellen Entscheidungen erzwingen
  • Veränderungen und Zwischentöne wahrnehmen

5. Eigene Haltung reflektieren

  • eigene Ambivalenzen erkennen
  • Unsicherheit als Teil professionellen Handelns verstehen

 

Sterben und Authentizität als kritische Komponenten im Blick auf Palliative Care
Zuerst präsentierte Nina Streek, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Zürich (Dozentin & Autorin[i]) einige Eindrücke von der Berichterstattung in den Medien. Über prominente Personen wird ausführlich berichtet, wie sie mit assistiertem Suizid aus dem Leben scheiden. Die Antifolterkommission stellt die Frage, ob es nötig sei, «weglaufende Demenzkranke einzusperren». Dann wird die Schwierigkeit thematisiert, bei einer Demenz den richtigen Zeitpunkt nicht zu verpassen, was in der Frage gipfelt: «Ist es nötig, dass man urteilsfähig ist?» Dazu zeigt sich angesichts der Vorgaben der Krankenkassen, dass Palliative Care nur zeitlich beschränkt zum Zuge kommt, und als Folge der Entlassung aus der Station deswegen «mit Exit gegangen wird». Andererseits läuft in den Niederlanden seit 20 Jahren eine Staffel «Sterben als Doku Soap», in der «schönes Sterben» geschildert wird (keine Euthanasie, kein assistierter Suizid).

Die Referentin verwies auf das «Sterbeideal der Sterbehilfeorganisationen», das etwa bei SRF, in der Sternstunde Philosophie oder im Magazin «Der Spiegel» als «selbstbestimmtes Sterben» präsentiert wird. Dazu kommt, dass es auch bei Palliative Care ein Sterbeideal gibt. Es gilt, mit Schmerzen und anderen Problemen körperlicher, psychosozialer und spiritueller Art umzugehen. Das zeigt sich im Zitat von Cicely Saunders: Der sterbenden Person helfen, «ihr maximales Potenzial auszuschöpfen, bis an die Grenzen ihrer körperlichen Aktivität und mentalen Fähigkeit». Aus der Praxis sei angemerkt: Wenn wir an die beschränkten Ressourcen in unseren Alters- und Pflegeheimen denken, lässt sich erahnen, wie unrealistisch dieses Ideal ist.

Im Mitgliedermagazin von Exit werden regelmässig Fallberichte präsentiert, welche die Authentizität demonstrieren sollen: ein populäres Sterbeideal, das so weit führt, dass Sterben – in der Form des assistierten Suizids und das Drumherum – zum erstrebenswerten Projekt verklärt wird.

Aufgrund der aufgezeigten Sterbeideale kommt Nina Streek zum Schluss, dass es eine paradoxe Entwicklung gibt: «Zwar wird das Ideal nach wie vor hochgehalten, doch führt es zu sozialen Strukturen, die genau das nicht erlauben.» Das führe zu neuen Formen von Fremdbestimmung und Paternalismus.

Am Schluss ihres Vortrages präsentierte Nina Streek ein Zitat aus einem Interview mit einer Patientin. Deren Sichtweise entsprach überhaupt nicht dem in unserer Gesellschaft beschworenen Ideal von Autonomie und Selbstbestimmung: «Selbstbestimmung bedeutet ja: man will selber gestalten. Aber die Frage ist, ob der Tod etwas ist, das man selber gestaltet. Überhaupt nicht, denn er kommt ja ungefragt. Er ist nicht selbstbestimmt, nie.»

An die Seelsorger appellierte sie abschliessend: «Seelsorge hat etwas zu bieten, was Palliative Care und Medizin nicht zu bieten haben.»

Fazit
Damit hat die Referentin Nina Streek etwas angesprochen, was trotz Workshops mit Fallbeispielen usw. meines Erachtens viel zu kurz kam. Die stoische Gelassenheit, mit der Seelsorger selbst sagen – «die Person ist mit Exit gegangen» ist ein Alarmsignal. Dass bei vielen Patienten inklusive Umfeld oft ein Reifeprozess feststellbar ist, wenn sie diesen Weg gerade nicht gehen, wurde nicht thematisiert. Ich sprach das in einem Workshop an. Dabei brachte ich auch ein Fallbeispiel ein. Ich fragte eine praktizierende gläubige Frau, die sich bereits bei Exit angemeldet hatte, ob sie das «Vaterunser» noch ehrlich beten könne: «... dein Wille geschehe ...». Die Frau entschied später, sich bei Exit wieder abzumelden, und starb Monate später eines natürlichen Todes. Wir Seelsorger haben nicht nur die Fähigkeit zuzuhören, die Situation der Patienten zu analysieren, sondern wir haben auch das Gebet, falls gewünscht die heilige Kommunion sowie (als Priester) die heilige Krankensalbung und die Beichte im Angebot. Und bei aller Reflexion der Situation, die wir antreffen, wäre auch ein Stossgebet um den Heiligen Geist angezeigt, damit wir die richtigen Worte finden oder allenfalls die Situation auch schweigend am Sterbebett durchtragen.

Eine Teilnehmerin der Fachtagung brachte es angesichts der herrschenden ökonomischen Zwänge auf den Punkt: «Man muss jetzt handeln, damit wir nicht kanadische Verhältnisse erhalten.» Damit spielte sie auf die Einführung des MAiD (Medical Assistance in Dying) im Jahr 2016 in Kanada an. In diesem Rahmen verabreichen Ärzte oder Pflegekräfte auf ausdrücklichen Wunsch einer Person ein tödliches Medikament. Das ist in der Regel nicht assistierter Suizid, sondern Tötung auf Verlangen, was laut Schweizer Strafrecht Art. 114 verboten ist. Im Jahr 2016 wurden in Kanada 1018 Fälle von MAiD registriert. 2024 waren es bereits 16 455 Fälle, d. h. für 5,1 Prozent aller Todesfälle ist MAiD verantwortlich. Von 2016 bis 2024 sind es insgesamt 76 475 Fälle.[ii] Man erwartet demnächst in Kanada die Überschreitung der 100 000er-Grenze.

Unlängst hat ein Bericht für Entsetzen gesorgt, wonach Pfarrer Larry Holland, ein 79-jähriger Priester aus Vancouver, im Spital angesichts einer Hüftfraktur trotz des Wissens, dass er gegen Euthanasie ist, zweimal durch das medizinische Personal angesprochen wurde, MAiD in Anspruch zu nehmen. MAiD wird übrigens bei automatischen Übersetzungsprogrammen in aller Regel als «Sterbehilfe» oder «assistierter Suizid» übersetzt, obwohl damit oft «Euthanasie» oder «Tötung auf Verlangen» gemeint ist.[iii]

Es ist bekannt, dass Sterbehilfeorganisationen wie Exit und Dignitas stets clever ausloten, wie weit sie mit ihren Forderungen im Hinblick auf die Ausweitung der Indikationen für assistierten Suizid bis hin zur Tötung auf Verlangen gerade gehen können. Letzteres wurde an Generalversammlungen von Exit schon mehrmals diskutiert. Die Gefahr besteht zweifellos, dass wir Seelsorger gerade auch unter dem Einfluss defizitärer Fachtagungen wie in der Paulus Akademie mit derselben unangebrachten stoischen Haltung den Patienten begegnen werden, wenn sie vorhaben, mit der letzten Spritze, welche der Arzt/Ärztin appliziert, «zu gehen». Dazu müssten wir theologisch aufrüsten.[iv] Die Abrissbirne gegen alle theologischen Argumente ist das falsche Werkzeug.
 

SBK, Seelsorge und assistierter Suizid: Eine Orientierungshilfe für die Seelsorge. 2019.

 


[i] Streek Nina, Jedem seinen eigenen Tod: Authentizität als ethisches Ideal am Lebensende. Campus Verlag Frankfurt a. M. 2020

[ii] Sixth Annual Report on Medical Assistance in Dying in Canada 2024.

[iii] MAiD raised with Vancouver priest during hospital care — twice. The B.C. Catholic. 21. April 2026; vgl. www.kath.net

[iv] Vgl. SBK, Seelsorge und assistierter Suizid: Eine Orientierungshilfe für die Seelsorge. 2019.

 


Roland Graf
swiss-cath.ch

E-Mail

Dr. Roland Graf ist Pfarrer in Unteriberg und Studen (SZ). Er hat an der Universität Augsburg in Moraltheologie promoviert und war vor seinem Theologiestudium als Chemiker HTL tätig.


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Bemerkungen :

  • user
    Peter Elisabeth 07.05.2026 um 12:16
    Die aktuelle gesundheitspolitische Haltung gegenüber alten und polymorbiden Menschen hat etwas Schizophrenes: Einerseits wird das Leben bis zum Letzten übertherapiert, künstlich verlängert und mit allen Mitteln der modernen Medizin am Laufen gehalten – oft gegen den natürlichen Verlauf und den Willen der Betroffenen. Andererseits wächst der gesellschaftliche und politische Druck, eben dieses Leben «selbstbestimmt» zu beenden, sobald es als nicht mehr lebenswert gilt. Wir haben in den letzten Jahrzehnten das Sterben verlernt. Richtig verstanden, wäre ja das ganze christliche Leben eine lebenslange Vorbereitung auf den Tod und die Begegnung mit dem auferstandenen Herrn. Statt Sterbenden in Würde und mit sakramentaler Begleitung beizustehen, diskutieren wir zunehmend über organisierte Suizidhilfe – auch in kirchlichen Räumen. Eine Seelsorge-Fachtagung, die diese Widersprüche nicht thematisiert, sondern möglicherweise durch eine Fehlbesetzung sogar verschleiert, verfehlt ihren eigentlichen Auftrag.
  • user
    Stefan Fleischer 07.05.2026 um 10:28
    Und was hat Gott in dieser Frage zu sagen?
    Die Art und Weise, wie heute (fast) alle Probleme angegangen werden, nämlich ohne Bezug zu Gott und seine heiligen Willen, ist eine glatte Katastrophe, nicht nur innerhalb unserer Kirche, sondern für die ganze Welt. Meines Erachtens mehr als einfach nur mitschuldig ist dabei die Befreiungstheologie, welche die heutige Selbsterlösungsmentalität hervorgebracht hat, indem sie den Menschen und sein irdisches Heil und Wohlergehen über Gott und das ewige Heil der unsterblichen Seelen gesetzt hat.