Ambivalenzen von Sterbewünschen zwischen Autonomie und Angewiesenheit
Silke Winkler, Spital- und Klinikseelsorgerin der Katholischen Kirche des Kantons Zürich, wies auf die gleichzeitig auftretenden widersprüchlichen Gefühle, Wünsche und Haltungen bei Patienten hin. Ambivalenz gehöre zum Menschen. In existentiellen Situationen könne sich das zuspitzen. Entscheidungen entstehen in Beziehungen. Daher sprach sie von einer «sozial eingebetteten» oder «relationalen Autonomie». Das gipfelte im Satz eines Patienten: «Ich brauche niemanden – und hoffe doch, dass jemand da ist.»
Gerade am Ende seines Lebens ist der Mensch auf andere angewiesen. Das wird oft negativ wahrgenommen: Abhängigkeit, Kontrollverlust, «zur Last fallen». Sie zeigte das mit dem Fallbeispiel einer 18-jährigen Patientin mit einer rezidiven (Wiederauftreten nach einer Heilung) akuten Leukämie auf. Diese lehnte eine Stammzellentherapie ab. Die Familie war eher der Meinung, sie sollte alle Möglichkeiten ausschöpfen, und zugleich respektierte sie den Entscheid der Patientin. Das pflegende Team mit unterschiedlichen Perspektiven musste das aushalten und begleiten. Es war für das Team ein emotionaler Kampf.
Den Umgang mit Ambivalenz in der seelsorglichen Praxis fasste die Referentin wie folgt zusammen:
1. Grundhaltung | - Ambivalenz anerkennen, nicht vorschnell auflösen
- nicht Problem, sondern Bestandteil existenzieller Situationen
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2. Sprache finden | - «Ich höre, dass beides da ist …»
- «Ein Teil von Ihnen …, ein anderer …»
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3. Räume öffnen | - für Patienten, Angehörige und Teams
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4. Prozesse zulassen | - keine schnellen Entscheidungen erzwingen
- Veränderungen und Zwischentöne wahrnehmen
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5. Eigene Haltung reflektieren | - eigene Ambivalenzen erkennen
- Unsicherheit als Teil professionellen Handelns verstehen
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Sterben und Authentizität als kritische Komponenten im Blick auf Palliative Care
Zuerst präsentierte Nina Streek, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Zürich (Dozentin & Autorin[i]) einige Eindrücke von der Berichterstattung in den Medien. Über prominente Personen wird ausführlich berichtet, wie sie mit assistiertem Suizid aus dem Leben scheiden. Die Antifolterkommission stellt die Frage, ob es nötig sei, «weglaufende Demenzkranke einzusperren». Dann wird die Schwierigkeit thematisiert, bei einer Demenz den richtigen Zeitpunkt nicht zu verpassen, was in der Frage gipfelt: «Ist es nötig, dass man urteilsfähig ist?» Dazu zeigt sich angesichts der Vorgaben der Krankenkassen, dass Palliative Care nur zeitlich beschränkt zum Zuge kommt, und als Folge der Entlassung aus der Station deswegen «mit Exit gegangen wird». Andererseits läuft in den Niederlanden seit 20 Jahren eine Staffel «Sterben als Doku Soap», in der «schönes Sterben» geschildert wird (keine Euthanasie, kein assistierter Suizid).
Die Referentin verwies auf das «Sterbeideal der Sterbehilfeorganisationen», das etwa bei SRF, in der Sternstunde Philosophie oder im Magazin «Der Spiegel» als «selbstbestimmtes Sterben» präsentiert wird. Dazu kommt, dass es auch bei Palliative Care ein Sterbeideal gibt. Es gilt, mit Schmerzen und anderen Problemen körperlicher, psychosozialer und spiritueller Art umzugehen. Das zeigt sich im Zitat von Cicely Saunders: Der sterbenden Person helfen, «ihr maximales Potenzial auszuschöpfen, bis an die Grenzen ihrer körperlichen Aktivität und mentalen Fähigkeit». Aus der Praxis sei angemerkt: Wenn wir an die beschränkten Ressourcen in unseren Alters- und Pflegeheimen denken, lässt sich erahnen, wie unrealistisch dieses Ideal ist.
Im Mitgliedermagazin von Exit werden regelmässig Fallberichte präsentiert, welche die Authentizität demonstrieren sollen: ein populäres Sterbeideal, das so weit führt, dass Sterben – in der Form des assistierten Suizids und das Drumherum – zum erstrebenswerten Projekt verklärt wird.
Aufgrund der aufgezeigten Sterbeideale kommt Nina Streek zum Schluss, dass es eine paradoxe Entwicklung gibt: «Zwar wird das Ideal nach wie vor hochgehalten, doch führt es zu sozialen Strukturen, die genau das nicht erlauben.» Das führe zu neuen Formen von Fremdbestimmung und Paternalismus.
Am Schluss ihres Vortrages präsentierte Nina Streek ein Zitat aus einem Interview mit einer Patientin. Deren Sichtweise entsprach überhaupt nicht dem in unserer Gesellschaft beschworenen Ideal von Autonomie und Selbstbestimmung: «Selbstbestimmung bedeutet ja: man will selber gestalten. Aber die Frage ist, ob der Tod etwas ist, das man selber gestaltet. Überhaupt nicht, denn er kommt ja ungefragt. Er ist nicht selbstbestimmt, nie.»
An die Seelsorger appellierte sie abschliessend: «Seelsorge hat etwas zu bieten, was Palliative Care und Medizin nicht zu bieten haben.»
Fazit
Damit hat die Referentin Nina Streek etwas angesprochen, was trotz Workshops mit Fallbeispielen usw. meines Erachtens viel zu kurz kam. Die stoische Gelassenheit, mit der Seelsorger selbst sagen – «die Person ist mit Exit gegangen» ist ein Alarmsignal. Dass bei vielen Patienten inklusive Umfeld oft ein Reifeprozess feststellbar ist, wenn sie diesen Weg gerade nicht gehen, wurde nicht thematisiert. Ich sprach das in einem Workshop an. Dabei brachte ich auch ein Fallbeispiel ein. Ich fragte eine praktizierende gläubige Frau, die sich bereits bei Exit angemeldet hatte, ob sie das «Vaterunser» noch ehrlich beten könne: «... dein Wille geschehe ...». Die Frau entschied später, sich bei Exit wieder abzumelden, und starb Monate später eines natürlichen Todes. Wir Seelsorger haben nicht nur die Fähigkeit zuzuhören, die Situation der Patienten zu analysieren, sondern wir haben auch das Gebet, falls gewünscht die heilige Kommunion sowie (als Priester) die heilige Krankensalbung und die Beichte im Angebot. Und bei aller Reflexion der Situation, die wir antreffen, wäre auch ein Stossgebet um den Heiligen Geist angezeigt, damit wir die richtigen Worte finden oder allenfalls die Situation auch schweigend am Sterbebett durchtragen.
Eine Teilnehmerin der Fachtagung brachte es angesichts der herrschenden ökonomischen Zwänge auf den Punkt: «Man muss jetzt handeln, damit wir nicht kanadische Verhältnisse erhalten.» Damit spielte sie auf die Einführung des MAiD (Medical Assistance in Dying) im Jahr 2016 in Kanada an. In diesem Rahmen verabreichen Ärzte oder Pflegekräfte auf ausdrücklichen Wunsch einer Person ein tödliches Medikament. Das ist in der Regel nicht assistierter Suizid, sondern Tötung auf Verlangen, was laut Schweizer Strafrecht Art. 114 verboten ist. Im Jahr 2016 wurden in Kanada 1018 Fälle von MAiD registriert. 2024 waren es bereits 16 455 Fälle, d. h. für 5,1 Prozent aller Todesfälle ist MAiD verantwortlich. Von 2016 bis 2024 sind es insgesamt 76 475 Fälle.[ii] Man erwartet demnächst in Kanada die Überschreitung der 100 000er-Grenze.
Unlängst hat ein Bericht für Entsetzen gesorgt, wonach Pfarrer Larry Holland, ein 79-jähriger Priester aus Vancouver, im Spital angesichts einer Hüftfraktur trotz des Wissens, dass er gegen Euthanasie ist, zweimal durch das medizinische Personal angesprochen wurde, MAiD in Anspruch zu nehmen. MAiD wird übrigens bei automatischen Übersetzungsprogrammen in aller Regel als «Sterbehilfe» oder «assistierter Suizid» übersetzt, obwohl damit oft «Euthanasie» oder «Tötung auf Verlangen» gemeint ist.[iii]
Es ist bekannt, dass Sterbehilfeorganisationen wie Exit und Dignitas stets clever ausloten, wie weit sie mit ihren Forderungen im Hinblick auf die Ausweitung der Indikationen für assistierten Suizid bis hin zur Tötung auf Verlangen gerade gehen können. Letzteres wurde an Generalversammlungen von Exit schon mehrmals diskutiert. Die Gefahr besteht zweifellos, dass wir Seelsorger gerade auch unter dem Einfluss defizitärer Fachtagungen wie in der Paulus Akademie mit derselben unangebrachten stoischen Haltung den Patienten begegnen werden, wenn sie vorhaben, mit der letzten Spritze, welche der Arzt/Ärztin appliziert, «zu gehen». Dazu müssten wir theologisch aufrüsten.[iv] Die Abrissbirne gegen alle theologischen Argumente ist das falsche Werkzeug.
SBK, Seelsorge und assistierter Suizid: Eine Orientierungshilfe für die Seelsorge. 2019.
[i] Streek Nina, Jedem seinen eigenen Tod: Authentizität als ethisches Ideal am Lebensende. Campus Verlag Frankfurt a. M. 2020
[ii] Sixth Annual Report on Medical Assistance in Dying in Canada 2024.
[iii] MAiD raised with Vancouver priest during hospital care — twice. The B.C. Catholic. 21. April 2026; vgl. www.kath.net
[iv] Vgl. SBK, Seelsorge und assistierter Suizid: Eine Orientierungshilfe für die Seelsorge. 2019.
Kommentare und Antworten
Bemerkungen :
Die Art und Weise, wie heute (fast) alle Probleme angegangen werden, nämlich ohne Bezug zu Gott und seine heiligen Willen, ist eine glatte Katastrophe, nicht nur innerhalb unserer Kirche, sondern für die ganze Welt. Meines Erachtens mehr als einfach nur mitschuldig ist dabei die Befreiungstheologie, welche die heutige Selbsterlösungsmentalität hervorgebracht hat, indem sie den Menschen und sein irdisches Heil und Wohlergehen über Gott und das ewige Heil der unsterblichen Seelen gesetzt hat.