Am 5. Mai 2026 veröffentlichte das vatikanische Synodensekretariat den Abschlussbericht der Synoden-Studiengruppe 9. Das 32-seitige Dokument trägt den Titel «Theologische und methodologische Kriterien der Synode für die gemeinsame Entscheidungsfindung in aufkommenden Fragen der Lehre, Seelsorge und Ethik».
Die Studiengruppe hat bewusst den Ausdruck «kontroverse Fragen» durch «aufkommende Fragen» ersetzt. Sie möchte, dass die Kirche einen Paradigmenwechsel vornimmt, der auf einer «Hermeneutik des Menschlichen» basiert. Sie fordert dazu auf, dass die Kirche basierend auf persönlichen Zeugnissen und dem sogenannten «Gespräch im Geist» Prozesse des Unterscheidens entwickelt – eine zeitlose Wahrheit in diesen «aufkommenden Fragen» gibt es gemäss dem Bericht nicht. Die Studiengruppe selbst wendet dies gleich an, indem sie ihrem Bericht Zeugnisse von zwei homosexuellen Männern beifügt, die zivil mit anderen Männern verheiratet sind. «Meine Sexualität ist keine Perversion, Störung oder Kreuz; sie ist ein Geschenk Gottes», wird einer der beiden Männer zitiert.
Radikale Abkehr von der katholischen Moraltheologie
Am 8. Mai 2026 reagierte Kardinal Gerhard Ludwig Müller mit einem Kommentar auf der Plattform «Per Mariam». Der Abschlussbericht der Studiengruppe 9 sei eine «häretische Relativierung der natürlichen und sakramentalen Ehe». Dies werde «als erster Schritt zur Anerkennung der LGBT-Ideologie dargestellt, die nichts anderes vertritt als eine materialistische Sicht des Menschen ohne Gott, den Schöpfer, Erlöser und Vollender der Menschheit».
Am 14. Mai 2026 äusserte auch der niederländische Kardinal Willem Eijk Kritik am Abschlussbericht. «Das Dokument präsentiert Aussagen von Personen mit homosexueller Neigung, ohne den moralischen Rahmen der Kirche zum Verständnis dieser Erfahrungen darzulegen», schrieb er in seinem Kommentar auf dem US-amerikanischen Internetportal «National Catholic Register». Indem der Bericht solche Erfahrungsberichte ohne dogmatischen Kommentar in den Vordergrund stellt, normalisiere er homosexuelle Beziehungen im kirchlichen Kontext. «Dies stellt einen eindeutigen Versuch dar, die Verkündigung der katholischen Morallehre zu schwächen.» Kardinal Eijk sieht das tiefer liegende Problem darin, dass der Bericht im Umgang mit kontroversen Themen einen synodalen Prozess vorschlage, der sich auf die Praktiken und Erfahrungen der Menschen konzentriere, statt unveränderliche Grundsätze anzuwenden. «Diese Sprache klingt pastoral und christozentrisch, verbirgt jedoch eine radikale Abkehr von der katholischen Moraltheologie.» Wahre Seelsorge suche jedoch keine Kompromisse mit der moralischen Wahrheit.
Der Heilige Geist offenbart keine neuen Wahrheiten
Nun hat sich auch die «John Paul II Academy for Human Life and the Family» (JAHLF) mit einem offenen Brief an Kardinal Mario Grech zu Wort gemeldet. Die JAHLF wurde von ehemaligen Mitgliedern der «Päpstlichen Akademie für das Leben» gegründet, die durch den von Papst Franziskus 2016 vorgenommenen radikalen Umbau der Akademie auf die Strasse gestellt worden waren (siehe unten).
«Jedoch, auch wenn wir selbst oder ein Engel vom Himmel euch ein anderes Evangelium verkündeten als das, das wir verkündet haben – er sei verflucht» (Gal 1,8). Mit diesem Schriftwort beginnt der Offene Brief an Kardinal Mario Grech, Generalsekretär der Synode, mit dem die JAHLF «respektvoll» fordert, den Bericht der Studiengruppe 9 aus der Beratung zurückzuziehen. Kritisiert wird zunächst der im Bericht vorgeschlagene methodologische «Paradigmenwechsel». Die Katholische Kirche hat stets gelehrt, dass die öffentliche Offenbarung in Jesus Christus vollendet und mit dem Tod des letzten Apostels abgeschlossen ist. Jeder Hinweis darauf, dass der Heilige Geist lehrmässige oder moralische Antworten inspirieren könnte, die der beständigen Lehre der Kirche widersprechen, berge die Gefahr, Irrtümer wiederzubeleben, die historisch mit dem theologischen Modernismus verbunden sind und vom Lehramt wiederholt zurückgewiesen wurden. «Eine authentische Entwicklung der Lehre vertieft das Verständnis der geoffenbarten Wahrheit; sie hebt bereits endgültig gelehrte Wahrheiten nicht auf.»
Ebenso beunruhigend sei die Andeutung, dass die katholische Morallehre an die vorherrschenden kulturellen Sitten angepasst werden sollte. «Das Sittengesetz, das auf der göttlichen Offenbarung und dem Naturrecht gründet, kann nicht aufgrund gesellschaftlichen Drucks oder zeitgenössischer Empfindlichkeiten geändert werden.»
Barmherzigkeit ohne Wahrheit ist keine Barmherzigkeit
Wie bereits Kardinal Willem Eijk kritisieren auch die Mitglieder der JAHLF, dass der Bericht vorschlägt, die Seelsorge von der moralischen Verantwortung zu trennen. «Die christliche Nächstenliebe verlangt, dass jeder Mensch mit Würde und seelsorgerischer Fürsorge aufgenommen wird; eine authentische seelsorgerische Begleitung darf jedoch die von der Kirche festgestellten moralischen Gegebenheiten nicht ausser Acht lassen, insbesondere in Fällen, in denen es um öffentliches Verhalten geht, das objektiv im Widerspruch zur katholischen Lehre steht. Barmherzigkeit ohne Wahrheit ist keine Barmherzigkeit mehr.»
Pastorale Ansätze, die homosexuelle Beziehungen zu normalisieren oder zu segnen scheinen, «laufen Gefahr, unter den Gläubigen grosse Verwirrung zu stiften und das Zeugnis der Kirche sowohl für die Wahrheit als auch für die Nächstenliebe zu untergraben».
Ausdrücklich wird kritisiert, dass der Abschlussbericht der Studiengruppe 9 sich anmasst, die Frage der Adoption und Erziehung von Kindern in solchen Verbindungen, die auf perversen sexuellen Handlungen beruhen, positiv zu behandeln. Der Bericht spiegle nicht die Überzeugungen der Mehrheit der praktizierenden Katholiken weltweit wider, die weiterhin an der beständigen Morallehre der Kirche festhält, sondern gehe eindeutig aus kirchlichen Kreisen hervor, die seit Jahrzehnten eine grundlegende Revision der katholischen Lehre zu Sexualität und Familienleben anstreben.
Dass ausgerechnet die Zeugnisse enger Freunde vom Jesuitenpater James Martin – einem verbissenen Verfechter der LGBT-Bewegung – in den Bericht aufgenommen wurden, bestärke die Überzeugung, dass «der Abschlussbericht nicht das Ergebnis eines breiten kirchlichen Unterscheidungsprozesses ist, sondern eines ideologisch vorbestimmten Vorgehens».
Die im Bericht vorgebrachten Themen und Vorschläge weisen zudem eine auffällige Ähnlichkeit mit Standpunkten auf, die bereits zuvor vom Lehramt zurückgewiesen wurden.
«Schliesslich müssen wir unsere tiefe Besorgnis hinsichtlich des Synodenprozesses im weiteren Sinne zum Ausdruck bringen, falls ‹gemeinsames Voranschreiten› dazu führt, dass man sich mit doktrinären Unklarheiten abfindet oder den ideologischen Strömungen der heutigen Zeit nachgibt. Synodalität kann nur dann Früchte tragen, wenn sie fest in der Treue zur Heiligen Schrift, zur Heiligen Tradition und zum beständigen Lehramt der Kirche verankert bleibt», schreiben die Unterzeichnenden am Ende des Offenen Briefes.
Zu den Mitgliedern der Studiengruppe 9 gehören unter anderem Kardinal Carlos Castillo Mattasoglio, Erzbischof von Lima und Mitglied der Päpstlichen Akademie für das Leben; Erzbischof Filippo Iannone OCarm, Präfekt des Dikasteriums für die Bischöfe; Maurizio Chiodi, Professor für Moraltheologie am Päpstliche Theologische Institut Johannes Paul II. für Ehe- und Familienwissenschaften in Rom.
Die «Päpstlichen Akademie für das Leben» wurde am 11. Februar 1994 von Papst Johannes Paul II. mit dem Motu proprio «Vitae mysterium» gegründet. 2016 entliess Papst Franziskus alle Mitglieder (obwohl auf Lebenszeit ernannt) und gab der Akademie eine neue Satzung, die sie zur engen Zusammenarbeit mit anderen Organisationen aus dem Bereich der Biowissenschaften aufruft, darunter ausdrücklich auch nichtkatholische und nichtchristliche Einrichtungen; zuvor waren die Mitglieder verpflichtet, bei ihrer Aufnahme einen Treueeid auf bestimmte geltende moralische Grundsätze der Katholischen Kirche zu unterschreiben. Einige ehemalige Mitglieder wurden wieder in die Akademie aufgenommen, jene hingegen, die eine klare Haltung für den Lebensschutz einnehmen, nicht. Unter den neu aufgenommenen Mitgliedern befinden sich solche, die sich positiv zur Abtreibung stellen.
«Homosexuell sind Beziehungen von Männern oder Frauen, die sich in geschlechtlicher Hinsicht ausschliesslich oder vorwiegend zu Menschen gleichen Geschlechtes hingezogen fühlen. Homosexualität tritt in verschiedenen Zeiten und Kulturen in sehr wechselhaften Formen auf. Ihre psychische Entstehung ist noch weitgehend ungeklärt. Gestützt auf die Heilige Schrift, die sie als schlimme Abirrung bezeichnet [Vgl. Gen 19,1–29; Röm 1,24-27; 1 Kor 6,10; 1 Tim 1,10.], hat die kirchliche Überlieferung stets erklärt, ‹dass die homosexuellen Handlungen in sich nicht in Ordnung sind› (‹Persona humana› 8). Sie verstossen gegen das natürliche Gesetz, denn die Weitergabe des Lebens bleibt beim Geschlechtsakt ausgeschlossen. Sie entspringen nicht einer wahren affektiven und geschlechtlichen Ergänzungsbedürftigkeit. Sie sind in keinem Fall zu billigen» (KKK 2357)
Kommentare und Antworten
Bemerkungen :
Vielmehr muss es Anstoss sein, die katholische Lehre über die Sexualität zu erklären und aufzuzeigen, dass eine Sexualität, die nur noch auf dem Lustprinzip basiert, den Menschen nicht erfüllen kann.
Ich halte es für viel angebrachter, das Verhalten der Schweizer Bischofskonferenz als perfide zu bezeichnen, die letzte Woche sich befürwortend zum Verbot von Konversionstherapien geäussert hat. Ohne dass es irgendwie notwendig gewesen wäre, sich zu dieser Thematik zu äussern, machen sich unsere Bischöfe für eine Vorlage stark, welche aus mehreren Gründen (freiheitlichen und religiösen) problematisch ist. Das nenne ich perfide.