Christoph Kardinal Schönborn (Wien, 19. Mai 2026) (Bild: Kathpress/Paul Wuthe)

Hintergrundbericht

Pfarrblatt-​Interview mit Kar­di­nal Schön­born: Da fehlt noch was

Im Zür­cher Pfarr­blatt «forum» blickt Kar­di­nal Chris­toph Schön­born auf seine bewegte Zeit als Stu­dent und Pro­fes­sor an der Uni­ver­si­tät Fri­bourg zurück: Ein gehalt­vol­les, auf­schluss­rei­ches Inter­view, das aller­dings der Ergän­zun­gen und Kor­rek­tu­ren bedarf.

Wortgewandt, kenntnisreich und persönlich überaus einnehmend lässt Christoph Kardinal Schönborn in einem Interview vom 03.05.2026 mit dem Zürcher Pfarrblatt forum sein Leben Revue passieren. Sein Blick gilt vornehmlich den Stürmen im Gefolge des II. Vatikanischen Konzils, die nicht nur ihn selbst, sondern auch die Kirche als Ganzes erschütterten. Es sind dies Erfahrungen einer Persönlichkeit, welche die Kirche weit über den deutschsprachigen Raum geprägt hat. Erwähnt seien die Professur für Dogmatik an der theologischen Fakultät der Universität Fribourg, die Tätigkeit als Sekretär der Redaktions-Kommission für den Weltkatechismus und sein Amt als Erzbischof der Wiener Kirchenprovinz.

Nachkonziliare Erschütterungen
Ausdrücklich schildert Kardinal Schönborn, wie er zu Beginn seines Theologiestudiums in Deutschland fassungslos und fast den Boden unter den Füssen verlierend über sich ergehen lassen musste, was da an den universitären Lehrstühlen nach dem Konzil doziert wurde. Der Begriff Jesus als Sohn Gottes wurde als zeitbedingtes, mystisches Konstrukt abgetan, die leibliche Auferstehung, das leere Grab, ebenso. Wichtig sei allein die «Sache Jesu». Dieses atheistische «Credo» Bultmanns wurde auch an der Hochschule der Dominikaner in Walberberg eifrig nachgebetet. Kardinal Schönborn wörtlich: «Für mich war das eine radikale Infragestellung dessen, was ich als junger Christ, als begeisterter Ministrant in meiner Pfarrei und von meinem persönlichen Glaubensweg her mitgebracht hatte».

Schliesslich hielt er es nicht mehr aus, bat seine Vorgesetzten um eine Versetzung und durfte zum Weiterstudium nach Frankreich. Doch hier erwartete ihn der nächste Schock: «Das Jahr 1968 – der grosse Umbruch. Ich habe erlebt, wie innerhalb von zwei oder drei Jahren praktisch alle Priesterseminare im Land geschlossen wurden. Es war radikal das, was ich in Deutschland bereits intellektuell mitbekommen hatte. In Frankreich habe ich es existenziell erlebt.» Ein orthodoxer Mönch aus Paris öffnete mit Gleichgesinnten seinen Blick auf die Kirchenväter und die grossen theologischen Meister Henri de Lubac, Yves Congar, Joseph Ratzinger und Hans Urs von Balthasar.

Es war, so Kardinal Schönborn, ein Eintauchen in einen veritablen Kosmos, die «Entdeckung einer durchaus nicht traditionalistischen, sondern sehr vitalen, sehr lebendigen, theologischen Welt, in der wir aufgeatmet haben».

Vom Regen in die Traufe
Es folgte das nächste Stück in Schönborns «Theodramatik». Der Ruf in die Schweiz nach Fribourg - 1975 zunächst als Gastprofessor, seit 1981 als Ordinarius für Dogmatik. Doch zu seinem Entsetzen landete Kardinal Schönborn in einem Haifischbecken: «Ich habe gedacht, das darf nicht wahr sein. Das haben wir doch in Deutschland schon vor zehn Jahren erlebt. Dann habe ich es vor einigen Jahren in Frankreich erlebt. Und jetzt kommt es in der Schweiz an, zeitverzögert.» Mit «es» sind die militanten Anfeindungen gemeint, die einer Theologie galten, welche das II. Vaticanum in die lebendige Tradition der Kirche einbettete und deshalb auf einer Hermeneutik der Kontinuität bestand und der protestantisch präformierten Theologie des Bruchs eine Absage erteilte. Kardinal Schönborn wörtlich: «Für einige der bestimmenden Köpfe in der Schweiz war ich dann der Schreckensmann: der von Balthasar, de Lubac und Ratzinger herkam – und eigentlich eine grosse Vision von Kirche und von Theologie hatte, von der ich glaubte, dass es die Vision des Konzils ist».

Hier ist eine erste Korrektur angezeigt. Denn die nachkonziliaren Erschütterungen erfassten zumindest die westlichen Länder gleichzeitig - die Schweiz inbegriffen. Bereits vor der Ankunft von Kardinal Schönborn in Fribourg hatte die «Affäre Pfürtner» ein Erdbeben in der katholischen Schweiz ausgelöst, besonders in der Freiburger Bevölkerung und der dortigen theologischen Fakultät. Stephan Pfürtner lehrte von 1966–1974 Moraltheologie an der Alma mater friburgensis und plädierte in einem auf grösstmögliche Wirkung zielenden öffentlichen Vortrag im Kursaal Bern u. a. für voreheliche Intimbeziehungen, womit er bewusst die kirchliche Hierarchie provozieren wollte. Trotz Verwarnungen drehte Pfürtner weiter an der Eskalationsspirale, indem er den Embryo nicht bereits als Menschen bezeichnete, sondern wie auch immer geartetes «Leben» - dies im Wissen, dass er damit als Lehrstuhlinhaber der katholischen Moraltheologie untragbar geworden war.

Im Jahre 1974 reichte er die Demission ein, trat aus dem Dominikanerorden aus und heiratete seine Geliebte Irmgard Bloos. Vorzuwerfen ist ihm nicht so sehr der Bruch seines Ordensgelübdes, sondern dass er – typisch deutsch – sich nicht einfach zu einer auch die Sexualität mitumfassenden Beziehung mit einer Frau bekannte, sondern eben diese Beziehung als Ergebnis einer hoch philosophischen Reflexion verkaufte, die mit zwingender Logik in ein «Recht auf Lust» mündete.

An den Grenzen eines Burnouts
Wenn Kardinal Schönborn im Interview festhält: «Ich behalte meinen damaligen Gegnern ein grosses Wohlwollen», so ist diese Aussage primär seiner Altersmilde und seiner Noblesse geschuldet - schliesslich stammt er aus einem angesehenen Geschlecht des deutsch-österreichischen Hochadels. Der Realität ungleich näher kommt eine andere Interview-Aussage. Unter Bezugnahme auf die rüden Anfeindungen von Teilen der Studentenschaft sagte er: «Das war sehr dramatisch für mich. Es hat mich an die Grenzen meiner Belastbarkeit gebracht. Heute würde man sagen: an die Grenzen eines Burnouts. Ich habe physische und psychische Probleme bekommen».

Leithammel der an Borniertheit und Anmassung kaum noch zu überbietenden Treibjagt-Clique war Odilo Noti. Kardinal Schönborn: «Odilo Noti war mein entschiedenster Gegner unter den Studierenden, wir haben uns intensiv auseinandergesetzt. Er hatte damals einen stark marxistischen Akzent und war geprägt von gewissen Strömungen der Befreiungstheologie.» Was im Interview nicht zur Sprache kommt: Eben dieser Noti war der willige Vollstrecker seines Mentors Hermann Venetz. Dieser war Professor für neutestamentliche Theologie und versuchte mit einer Verbissenheit sondergleichen, die Ernennung von Kardinal Schönborn zum ordentlichen Professor zu verhindern. Als die Fakultät seinen Machenschaften zum Trotz mehrheitlich die Ernennung beschloss, steuerte er gut unterrichteten Quellen zufolge auf den Dominikaner und Theologieprofessor Johannes Brantschen zu und schleuderte ihm die Worte entgegen: «Mit dir rede ich in Zukunft kein Wort mehr!».

Hermann Venetz fand zeitlebens nie aus seiner existentiellen Identitätskrise heraus. Nach seiner Emeritierung im Jahre 2003 stolzierte er mit Bomberjacke und Springerstiefel und weiblicher Begleitung am Arm durch Fribourgs Strassen. Der Frust, dass niemand von seinem vermeintlichen Protest-Outing Notiz nahm, stand ihm sichtlich ins Gesicht geschrieben. Venetz hatte nicht begriffen, dass Pfürtners Zeiten vorbei waren, die sexuelle 68-er Revolution schon längst auch in der Saanestadt zum courant normal gehörte.

Derselbe Venetz hatte sich zusammen mit dem Kapuziner Adrian Hoderegger und dem Jesuiten Pietro Selvatico im «Salesianum» einquartiert, dem Studentenheim zukünftiger Seelsorger vorab in der Deutschschweiz. Jedes Jahr bot sich das gleiche Bild: Jeweils im Herbst nahm eine frohgemute Schar von Seminaristen ihr Theologiestudium auf. Nur wenige Zeit später machten dieselben Studenten einen verunsicherten, desillusionierten Eindruck. Die Freude, sich hier das notwendige Rüstzeug für ihren zukünftigen Einsatz in der Kirche zu holen, war ihnen von den genannten Herren gründlich ausgetrieben worden. Um diesem destruktiven Agieren ein Ende zu setzen, blieb den Bischöfen nichts anderes übrig, als dieses «Trio infernale», so der Spitzname, aus dem Haus zu weisen.

Gut 20 Jahre zuvor war jedoch das Kesseltreiben gegen den späteren Kardinal Schönborn angesagt. Als damaliger Assistent des Tessiner Professors Eugenio Corecco kann der Schreibende, der diese Hatz aus nächster Nähe nolens volens mitverfolgte, nur sagen: das heutige gängige Wort «Mobbing» ist dafür ein völlig unzulänglicher Begriff. Kardinal Schönborn war den destruktiven Manövern aufgrund seiner Herkunft und seines Selbstverständnisses hilflos ausgeliefert. Dessen war sich die Venetz-Seilschaft sehr wohl bewusst.

Machiavellismus pur
Es ist bezeichnend für den Machiavellismus der Venetz-Seilschaft, dass sie gegen Kardinal Schönborn anpöbelte und nicht gegen Professor Corecco. Letzterer hätte eigentlich die ideale Projektionsfläche für deren anti-römischen Ressentiments abgeben müssen. Denn der hochintelligente, weltweit anerkannte Kirchenrechtler – er war u. a. massgeblich an der Schlussredaktion des neuen kirchlichen Gesetzbuches beteiligt – war didaktisch wenig geschickt und verfügte als waschechter Tessiner Bergler nicht über die Sprachmächtigkeit seiner deutschen und italienischen Kollegen. Vor allem aber vertrat er eine «reaktionäre» Disziplin, das Kirchenrecht: das perfekte Feindbild also. Doch Venetz’ Satrapentruppe liess Professor Corecco tunlichst unbehelligt. Warum diese auf den ersten Blick erstaunliche Ladehemmung?

Corecco hatte in Fribourg die von Giussani gegründete Studentenbewegung «Comunione e Liberazione» aufgebaut. In einer angemieteten Villa an der Avenue de Gambach hatte er zusammen mit Studenten dieser kirchlichen Erneuerungsbewegung eine eigentliche Lebensgemeinschaft gegründet: Keine blutleere, kopflastige, auf Hirnzellenakrobatik reduzierte Katheder-Theologie von selbstverliebten Einzelmasken, sondern eine Körper, Geist und Seele integrierende Lebensschule als Vorbereitung für kommende Aufgaben in Kirche und Gesellschaft. Selbstredend hat dies auch das Zusammengehörigkeitsgefühl unter den Mitgliedern nicht zuletzt kulturell bedingt stark gefördert. Wäre nun Odilo Noti und seine Basisgruppe auf Professor Corecco losgegangen, hätte es Kleinholz abgesetzt. Zu diskutieren auf welcher Seite ist müssig.

Tempi passati
Nicht unerwähnt bleiben darf die Tatsache, dass an der französischsprachigen Abteilung der theologischen Fakultät ein ganz anderer Geist herrschte. Universitätsintern wurde von einer «théologie des deux mondes» (Theologie der zwei Welten) gesprochen.

Herausragende Persönlichkeiten von internationalem Rang vermittelten dort Theologie auf hohem Niveau. Es war, um es in den Worten von Kardinal Schönborn zusagen, «keine traditionalistische, aber sehr vitale und lebendige Welt». Ohne Anspruch auf Vollständigkeit seien die Namen genannt von Dominique Barthélemy, Servais Pinckaers, Adrian Schenker, Guy Bedouelle, Norbert Luyten und Arthur Utz.

Im Rückblick ist Kardinal Schönborn voll des Lobes auf seine Freiburger Zeit. Er denkt dabei insbesondere an die unvergleichliche gastronomische Infrastruktur der Zähringerstadt («Ich habe meine Lieblingslokale gehabt. Auch die Zweisprachigkeit fand ich sehr schön»). Da kann ihm unsereiner nur vorbehaltlos zustimmen. Allein – Gott sei’s geklagt – diese einst faszinierende Vielfalt an Bistros, Beizen und Restaurants (Künstler, Vagabunden und andere Stadt-Originale inklusive) existiert seit der Corona-Pandemie nicht mehr. Gilt auch für die Theologische Fakultät. Tempi passati.


Niklaus Herzog
swiss-cath.ch

E-Mail

Lic. iur. et theol. Niklaus Herzog studierte Theologie und Jurisprudenz in Freiburg i. Ü., Münster und Rom.


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Bemerkungen :

  • user
    Robert Wenger 23.05.2026 um 13:01
    Da versteht man immer besser, warum verschiedene kirchliche Kreise darin eine teuflische Abkehr der Kirche von der Wahrheit sahen (und noch immer sehen)!