Dichter, Filmemacher, Künstler, Intellektueller, katholischer Marxist, marxistischer Katholik, tiefgläubiger Atheist, offen Homosexueller, für den seine Homosexualität stets eine Sünde, ja ein Feind, blieb, wie er in einem Brief an Silvana Mauri schreibt. Die Kommunisten warfen ihn für seine «bourgeoisen Perversionen» aus der Partei. Kirchliche Kreise empörten sich jahrzehntelang über sein Leben und Werk, nur um später einen seiner Filme in die offizielle Filmliste des Vatikans aufzunehmen. «Der Skandal des Selbstwiderspruchs», lautet der Titel eines Sammelbandes zu Pasolini. Die Widersprüchlichkeit, die dennoch nicht in Formlosigkeit zerfällt, sondern personal gehalten ist und zu künstlerischem Ausdruck findet – ein Lebensthema von Pier Paolo Pasolini.
In gleicher Widersprüchlichkeit, die von einer geheimnisvollen inneren Einheit gehalten wird, umkreist Pasolinis künstlerisches Schaffen immer wieder das Heilige. Bereits seine frühesten Filme wie «Accatone» und «Mama Roma» sind von einer sakralen Bildsprache geprägt, die an christliche Künstler wie Masaccio[1] und Andrea Mantegna[2] erinnert. Seine Filme sind von Engeln, sprechenden Tieren, Fabelwesen, Aposteln und Christusgestalten bevölkert. Er verfilmt Stoffe aus dem Mittelalter und der Antike, beide auf ihre Weise gesättigt von Kultus, Mythos und Religion. Und mit «Teorema» schafft er einen Film, der expliziter theologisch nicht sein könnte.
Selbst sein politisches Denken besteht vielmehr in einer mystischen Verwandtschaft mit dem italienischen Subproletariat, denn in einer intellektuellen politischen Philosophie. Pasolini sucht ein Leben lang nach einer sakralen Kraft, die er in der rohen Direktheit der Jugendlichen in den öden Aussenquartieren Roms aufblitzen sieht. Er vertritt einen Kommunismus, der kaum etwas mit dem offiziellen Parteiprogramm der Kommunisten zu tun hat. Über das Subproletariat sagt er einmal: «Dieses Volk ist bewaffnet nur mit seinen Sinnen, seinem Glück und seiner tierischen Freude. Es ist umso heiliger je animalischer es ist.» Das ist kein aufklärerischer, wissenschaftlicher Kommunismus, sondern das Staunen über Menschen, in denen etwas Heiliges aufscheint.
Eine tief religiöse Ader
Pasolini, der transgressive Künstler oder der linkspolitische Kritiker von Staat und Kirche, werden gerade im deutschsprachigen Raum in der Rezeption oftmals stark betont. Doch entgegen seiner Selbstbezeichnung als Atheist und inmitten seiner manchmal beissenden Kritik an der Kirche, blieb das Religiöse, besonders das christlich-katholische, ein Leben lang zentral. Eine tiefreligiöse Ader durchzieht das gesamte Leben und Werk Pasolinis.
Schauen wir uns drei Filme an, die unter einem jeweils anderen Aspekt die Frage nach dem Heiligen stellen. Sie alle sind Verfilmungen von literarischen Vorlagen. «Medea» von 1969 basiert auf dem gleichnamigen Drama von Euripides von 431 v. Chr. und ist eine Tragödie. Die Episode aus dem «Decameron» von 1971 gehört zu der berühmten Geschichtensammlung von Giovanni Boccaccio aus dem 14. Jahrhundert. Sie ist eine Komödie. Und «Il Vangelo secondo Matteo» von 1964, ist, wie der Name schon sagt, die Verfilmung des Matthäusevangeliums, das im späten 1. Jahrhundert entstand. Drei literarische Gattungen aus verschiedenen Jahrhunderten und Kulturen, und in allen behandelt Pasolini eine der massgebenden Fragen seines Lebens und der Kultur schlechthin: die Frage nach dem Heiligen.
Die Tragödie ist eine uralte dichterische Form, die im Dyonisoskult wurzelt. Nach der berühmten Definition von Aristoteles ist die Tragödie die Darstellung einer Handlung, die Jammer (Ἔλεος) und Schaudern (Φόβος) auslöst. Euripides war für Aristoteles der Tragödiendichter schlechthin, da er die Handlung konsequent in das Tragische umschlagen lässt. Wir nehmen in der Tragödie also an einem Schicksal teil, das in die Katastrophe führt. «Medea» kann neben «Oedipus», der ebenfalls von Pasolini verfilmt wurde, als paradigmatischer Ausdruck der Tragödie gelten. Die Handlungen und Beziehungen der Menschen stehen unter dem bedrohlichen Schicksal ihrer Schuld, die unaufhaltsam Strafe einfordert. Am Ende liegt alles in Trümmern. Der letzte Ausspruch Medeas im Film benennt die Totalität dieser Katastrophe: «Jetzt ist nichts mehr möglich!» Im tragischen Dasein steht der handelnde Mensch und alle seine Ordnungsversuche der unerbittlichen und unabwendbaren Infragestellung durch das Schicksal gegenüber. Der Mensch zerschellt an seiner Existenz.
Der Fatalismus der Tragödie
Pasolini erzählt uns die Geschichte von Jason, der auszieht, um das Goldene Vlies, ein wundertätiges Widderfell, zu rauben. Medea, eine Zauberin und Hüterin des Goldenen Vlies, verliebt sich in Jason und hilft ihm beim Raub und verlässt mit ihm ihre Heimat. Entwurzelt in der Fremde verliert sie ihre Macht, ihre Beziehung zur Natur und den Göttern. Als sich Jason schliesslich von ihr abwendet, um eine Königstochter zu heiraten, beschliesst Medea, Rache zu nehmen. Sie treibt ihre Rivalin und deren Vater durch einen Fluch in den Tod, ermordet ihre eigenen Kinder und steckt die Stadt in Brand. Umgeben von Flammen, ihre toten Kinder an sich klammernd, schreit sie Jason ihren Hass entgegen.
Gewalt durchdringt den Film bis zum fatalen Ende. Die Welt Medeas lernen wir durch ein kultisches Menschenopfer kennen. Jason und seine Gefährten ziehen raubend und mordend durch die Lande. Medea tötet ihren eigenen Bruder, um mit Jason zu sein. Und die Handlung gipfelt im Kindermord. Pasolini zeigt uns eine gefallene, fatale, gewalttätige Welt, die jedoch auch eine rohe Tiefe und Aufrichtigkeit in sich trägt. Klage, Trauer, Hass, Verlust – das alles wird ungehemmt und radikal durchlebt. Pasolini beschwört eine Welt, die nicht gleichgültig und abgestumpft ist. Sie brennt vor Leidenschaft. Und er behandelt dabei explizit die Frage nach dem Heiligen und dessen Verlust. Der Film beginnt mit der Kindheit Jasons, die einen Schnelldurchlauf durch die Säkularisierung darstellt. Der Zentaur Cheiron führt den kleinen Jason in eine animistisch verzauberte Welt ein, wo überall Götter wohnen und alles heilig ist. Doch gleich darauf ist vom erlebten Heiligen nur noch ein vages pantheistisches Gefühl übriggeblieben. Die Unterweisung durch Cheiron, der sich mittlerweile in einen normalen Menschen verwandelt hat, endet mit der Feststellung: Es gibt keinen Gott. Und für Jason gibt es von nun an nur noch den Götzen seines eigenen Vorankommens. Dieser säkularisierte Individualismus trifft auf die kultische Welt Medeas und zerstört sie. Der Mythos verliert seine Kraft und reisst den Ritus mit sich. Und doch verschwindet das Sakrale nicht. Später im Film erscheint Cheiron erneut und mahnt Jason, dass der Mythos nie stirbt, nie ganz verschwindet, sondern in und durch die Rationalität hindurch weiterwirkt. Das Sakrale besteht fort in der Profanierung und nichts kann es davon abhalten, weiterhin wirksam zu sein. Die Katastrophe, erst die Erniedrigung Medeas und dann ihre Rache, ist also eine spirituelle Katastrophe. Es ist das Heilige in Mythos und Kult, das durch die Rationalität entmachtet wird und als Rachegeist zurückkommt. Doch das Heilige siegt nicht etwa durch diese Rache. Es gibt nur Verlierer in der Tragödie. Medeas Fruchtbarkeitskult hat sich in einen Todeskult verwandelt, in dem alles gemeinsam in den Abgrund gerissen wird. Die Welt ist ontologisch aus der Harmonie gefallen: «Jetzt ist nichts mehr möglich!»
Unser erstes Beispiel behandelt also das Heilige unter dem tragischen Aspekt. Der Mensch ist zum Leiden verdammt. Gewalt bedroht stets seine Existenz. In Mythos und Kult artikuliert sich seine Beziehung zum, aber auch sein Scheitern am Heiligen, das sich schliesslich zur Unheilsmacht wandelt und sich gegen den Menschen wendet.
Der Optimismus der Komödie
Ganz anders die nächste Geschichte, eine kleine Episode aus dem Decameron. Beim Versteckspiel hecken die verliebten Jugendlichen Caterina und Riccardo einen Plan aus, um die Nacht zusammen zu verbringen. Caterina bringt ihre Eltern dazu, sie wegen der Hitze auf dem Balkon schlafen zu lassen. Riccardo klettert heimlich zu ihr hoch und sie verbringen eine Liebesnacht zusammen. Am Morgen werden sie von Caterinas Vater ertappt, der jedoch keineswegs zornig ist. Er freut sich über die gute Partie, die seine Tochter gemacht hat. Mit ein bisschen gespielter Strenge fordert er die jungen Leute auf zu heiraten, wozu sie voller Freude einwilligen. Die Szene endet damit, dass sich die beiden nun Verlobten wieder hinlegen und sich im anbrechenden Tag aneinander kuscheln.
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