(Symbolbild: Guillermo Ferla/Unsplash)

Weltkirche

Pries­ter und Ordens­leute als Pio­niere der Astronomie

Als im April 2026 die «Arte­mis 2» den Mond umrun­dete, ver­folgte die ganze Welt das Gesche­hen. Das Welt­all fas­zi­niert – nicht erst seit heute. Seit Jahr­hun­der­ten beschäf­ti­gen sich Astro­no­men mit den Gestir­nen, dar­un­ter viele Priester.

Die Astronomie gilt als eine der ältesten Wissenschaften: Bereits dreitausend Jahre vor unserer Zeitrechnung beobachteten Astronomen die Phänomene am Himmel und versuchten, diese zu deuten.

Unter den Menschen, die sich mit dem Weltraum beschäftigten, waren auch viele Priester und Ordensleute. Sie haben nicht nur die Sterne erforscht, sondern auch deren Schöpfer für ihre Schönheit gepriesen. Manche gerieten durch ihre Forschungen in einen Konflikt mit der Kirche, doch mehrheitlich wurden sie von ihren Vorgesetzten unterstützt.

Bekannt ist zum Beispiel der Benediktinermönch Hermann von Reichenau (1013–1054), auch Hermann der Lahme genannt. Er war hochintelligent und zählt zu den bedeutendsten und vielseitigsten Gelehrten seiner Zeit. Aufgrund seiner Kenntnisse arabischer Quellen, die ihm in lateinischen Übersetzungen zugänglich waren, schrieb Hermann eine Konstruktionsbeschreibung des Astrolabium, eines scheibenförmigen Geräts zum Beobachten und Ausmessen des Sternenhimmels. Dadurch trug er wesentlich zu dessen Verbreitung bei: Ohne ihn wäre das Astrolabium wohl lange ein unverstandenes Messgerät geblieben. Mithilfe des Astrolabium erfand Hermann eine einfachere Methode zur Messung des Erdumfangs als jene des griechischen Mathematikers und Astronomen Eratosthenes. Daneben verfasste er unter anderem eine Lehrschrift über die Sonnen- und Mondfinsternisse. In einem seiner Bücher lieferte er auch eine Anleitung zum Bau einer tragbaren Sonnenuhr. In seiner Schrift «Regulae in computum», einer Zusammenfassung der kirchlichen Zeitrechnung, unterteilte Hermann erstmals die Stunde in 60 Minuten und revolutionierte damit unsere Zeitrechnung.

Das Weltbild auf den Kopf gestellt
Die moderne Wissenschaft der Astronomie beginnt mit Nikolaus Kopernikus (1473–1543), einem hochrangigen Kleriker: Er erkannte als einer der ersten seiner Zeit, dass sich die Erde um die Sonne dreht und nicht umgekehrt. Damit stellte er das bekannte Weltbild auf den Kopf. Die Kirche verbot sein Buch 1616; erst 1835 wurde das Verbot zurückgenommen.

In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts gründete Papst Gregor XIII. die Vatikanische Sternwarte. Er liess den «Turm der Winde» errichten, den er jesuitischen Astronomen und Mathematikern des Collegio Romano (heute Päpstliche Universität Gregoriana) zur Durchführung der gregorianischen Kalenderreform zur Verfügung stellte. Der aus Bamberg stammende Jesuit Christophorus Clavius (1537–1612) wurde erster Leiter der Sternwarte und fachlich verantwortlich für die Kalenderreform. Er entwarf astronomische Instrumente wie z. B. Sonnenuhren und veröffentlichte darüber Bücher.

Während Christophorus Clavius zu den frühen Unterstützern Galileo Galileis (1564–1641) gehörte, geriet sein Mitbruder Christoph Scheiner (1573–1650) in einen heftigen Streit mit Galilei. Der gebürtige Schwabe war Professor für Physik und Astronomie an der Universität Ingolstadt. Er baute als Erster ein sogenanntes Kepler-Fernrohr sowie verschiedene «Helioskope», Fernrohre für Sonnenbeobachtungen. Zusammen mit seinem Schüler und Mitbruder Johann Baptist Cysat konnte er 1611 Sonnenflecken beobachten. Scheiner bemerkte, dass Flecken nahe dem Äquator schneller rotieren als in höheren Breiten. Aus seinen Beobachtungen zog Scheiner den Schluss, dass der Himmel nicht aus festen kristallinen Sphären bestehen kann, wie es das ptolemäische System vorgibt: Der Himmel muss flüssig sein. Da die von ihnen beobachteten Flecken den herrschenden Vorstellungen von der Reinheit der Sonne widersprachen, empfahl der Ordensprovinzial den beiden Wissenschaftlern Stillschweigen. Ein Bekannter, mit dem Pater Scheiner korrespondierte, veröffentlichte jedoch 1612 drei dieser Briefe.

1624 reiste Christoph Scheiner nach Rom. Dort entdeckte er das Buch «Il Saggiatore» von Galilei, in dem er des Plagiats beschuldigt wurde: Galileo Galilei hatte die Sonnenflecken  nach eigenen Angaben bereits 1610 entdeckt. Der Jesuit entgegnete ihm mit seinem Buch «Rosa Ursina sive Sol» (1630). Darin fasste er die Erkenntnisse seiner langjährigen Beschäftigung mit den Sonnenflecken zusammen und führte Zitate aus der Bibel und von Kirchenvätern an, um seine Anschauung des geozentrischen Systems zu beweisen. Galilei antwortete 1632 mit dem Buch «Dialog», in welchem er Vertreter der Geozentrik als dumm und konservativ hinstellte. Damit kam es zum Konflikt mit mehreren Professoren und der Kirche, was zum berühmten Prozess führte, in welchem er seiner Weltsicht abschwören musste. 1757 hob Papst Benedikt XIV. den Bann gegen Werke auf, die das heliozentrische Weltbild vertraten. Und erst am 2. November 1992 wurde Galileo Galilei von der Kirche formal rehabilitiert.

Da es zwischen 1645 und 1715 eine Periode stark verringerter Sonnenaktivität gab, konnten Christoph Scheiners Beobachtungen zuerst nicht überprüft werden. Seine Erkenntnisse setzten sich erst im 18. Jahrhundert durch.

Sein bereits erwähnter Schüler, der Luzerner Jesuit Johann Baptist Cysat (1586/7–1657), wäre eigentlich lieber als Missionar nach Indien gereist, doch seine Oberen hatten andere Pläne mit ihm. Nach seiner Rückkehr in die Schweiz wurde er Rektor des Jesuitenkollegiums Luzern. Er baute Fernrohre und entdeckte den Orionnebel. Er gehörte zu den wenigen, welche bei der Mondfinsternis von 1620 das völlige Verschwinden des Mondes beobachten konnten. Johann Baptist Cysat zählt zu den bedeutendsten Schweizer Physikern und Mathematikern des 17. Jahrhundert. Nach ihm ist der «Monticuli Cysati» benannt, ein Ringgebirge am Südpol des Mondes.

Es gab noch mehr Schweizer Jesuiten, die sich als Astronomen einen Namen gemacht haben, so z. B. Johann König (1639–1691) aus Solothurn, Carlo Francesco Gianella (1740–1810) aus Leontica (heute Acquarossa TI) oder Marc Dechevrens (1845–1923) aus Thônex GE.
 


Starke Präsenz der Jesuiten
In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurden 25 Prozent aller Observatorien in Europa von Jesuiten betrieben. Durch ihre Missionstätigkeit trugen sie weltweit zur Förderung der Astronomie bei, so z. B. in China, Indien und Südafrika.

Der bedeutendste jesuitische Astronom des 19. Jahrhunderts war der Italiener Angelo Secchi (1818–1878), seit 1850 Leiter der zum Collegio Romano gehörenden Vatikanischen Sternwarte. Er beschäftigte sich damit, das Licht von Sternen mithilfe von Prismen in ihr Farbspektrum zu zerlegen. Auf dieser Grundlage konnte er die chemische Zusammensetzung der verschiedenen Sonnen- und Sternatmosphären bestimmen und die Sterne unterschiedlichen Klassen zuordnen. Er führte auch Spektralbeobachtungen der Atmosphären von Mars, Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun durch. Bei der Sonnenfinsternis von 1860 gelang ihm die erste Fotografie der Sonnenkorona.

Der belgische Priester Georges Edouard Lemaître (1894–1966) gilt als Begründer der Urknalltheorie. Während seiner Professur an der Universität Löwen begann er, seine Ideen zur Expansion des Universums schriftlich festzuhalten; er veröffentlichte diese 1927 in einer wenig bekannten belgischen Fachzeitschrift. Zwei Jahre später veröffentlichte Edwin Hubble seine Forschungen zum gleichen Thema. Erst 1931 erschien der Aufsatz von Georges Lemaître auf Englisch. Dabei liess er jene Stellen weg, die seiner Meinung nach von Edwin Hubble 1929 bereits detaillierter dargelegt worden waren. Da der erste Aufsatz von Lemaître nur wenigen Personen bekannt war, galt Hubble als Entdecker und das entsprechende Gesetz wurde nach ihm benannt. Erst im Oktober 2018 sprach sich die «Internationale Astronomische Union» als weltgrösste Astronomenvereinigung dafür aus, die «Hubble-Relation», die den Zusammenhang zwischen Entfernung und Geschwindigkeit beschreibt, neu «Hubble-Lemaître-Relation» zu nennen.
Auf Grundlage der Expansion des Universums entwickelte Lemaître die Urknalltheorie. Er erklärte den Urknall als ein Uratom, das im Moment der Entstehung des Universums explodierte; in diesem Uratom soll die gesamte heute im Universum vorhandene Materie zusammengepresst gewesen sein. Seine Theorie wurde 1951 von der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften akzeptiert. In seinem abschliessenden Vortrag erklärte Papst Pius XII.:

«Es scheint tatsächlich, als sei es der heutigen Wissenschaft gelungen, Millionen von Jahrhunderten zurückreichend Zeuge jenes ursprünglichen ‹Fiat lux› zu werden, als aus dem Nichts zusammen mit der Materie ein Meer aus Licht und Strahlung hervorbrach, während sich die Teilchen der chemischen Elemente aufspalteten und zu Millionen von Galaxien vereinigten.» Dies sei aber noch kein Beweis, sondern bedürfe «noch weiterer und gründlicherer Untersuchungen, und die darauf basierenden Theorien benötigen neue Entwicklungen und Beweise, um eine sichere Grundlage für eine Argumentation zu bieten, die an sich ausserhalb des eigentlichen Bereichs der Naturwissenschaften liegt.»

Vatikanische Sternwarte
Um dem lange bestehenden Vorurteil zu begegnen, die Kirche sei der Wissenschaft gegenüber feindselig eingestellt, gründete Papst Leo XIII. 1891 die Vatikanische Sternwarte offiziell neu. Er verlegte ihren Standort vom Collegio Romano auf einen Hügel hinter den Petersdom. Betreut wurde sie von Mitgliedern verschiedener Orden; dazu gehörten Barnabiten, Oratorianer, Augustiner und Jesuiten.

Als der Himmel über Rom durch die Expansion der Ewigen Stadt zu hell wurde, um schwächere Sterne zu erkennen, wurde die Vatikanische Sternwarte nach Castel Gandolfo verlegt. Das neue Observatorium wurde ab den 1930er-Jahren den Jesuiten anvertraut. Doch auch hier wurde der Himmel mit der Zeit zu hell. Deshalb gründete die Sternwarte 1981 zum ersten Mal in ihrer Geschichte ein zweites Forschungszentrum in Arizona (Vereinigte Staaten). 1993 vollendete das Observatorium in Zusammenarbeit mit dem Steward Observatory den Bau des «Vatican Advanced Technology Telescope» (VATT) auf dem Mount Graham in Arizona.

Giovanni Riccioli SJ (1598–1671) erstellte mithilfe seiner Beobachtungen mit dem Teleskop eine Karte des Mondes. Er gab markanten Punkten auf dem Mond wie z. B. Kratern die Namen von berühmten Astronomen. Diese Idee wurde übernommen und bis heute werden Punkte nach Wissenschaftlern oder auch Philosophen benannt. Mehr als 30 Namen von berühmten Jesuiten sind auf der Mondkarte zu finden

Auch Asteroiden werden nach berühmten Persönlichkeiten benannt. Mit etwa 50 Personen führen die Jesuiten die Liste der mit Asteroiden geehrten Kirchenleute an. Aber auch die heilige Faustyna Kowalska oder die Gründerin der «Ursulinen vom Herzen Jesu im Todeskampf», die polnische Ordensfrau Ursula Ledóchowska wurden mit einem eigenen Asteroiden geehrt, ebenso mehrere Päpste.
 

Die in diesem Beitrag genannten Astronomen sind nur einzelne Beispiele für die vielen Priester und Ordensleute, die sich als Astronomen einen Namen gemacht haben.


Rosmarie Schärer
swiss-cath.ch

E-Mail

Rosmarie Schärer studierte Theologie und Latein in Freiburg i. Ü. Nach mehreren Jahren in der Pastoral absolvierte sie eine Ausbildung zur Journalistin.


Kommentare und Antworten

×

Name ist erforderlich!

Geben Sie einen gültigen Namen ein

Gültige E-Mail ist erforderlich!

Gib eine gültige E-Mail Adresse ein

Kommentar ist erforderlich!

Captcha Code Kann das Bild nicht gelesen werden? Klicken Sie hier, um zu aktualisieren

Captcha ist erforderlich!

Code stimmt nicht überein!

You have reached the limit for comments!

* Diese Felder sind erforderlich.

Bemerkungen :

  • user
    Paul Widmer 27.04.2026 um 16:31
    Das ist ein hervorragender und sehr löblicher Beitrag. Zu ergänzen wäre unbedingt der ragusanische Universalgelehrte, der Jesuit Rugjer Josip Bošković, der auch zur Astronomie bahnbrechende Beobachtungen und Berechungen gemacht hat. Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Rugjer_Josip_Bo%C5%A1kovi%C4%87

    Dieser Beitrag sollte gleichsam als ein Anstoss gelten, zu diesem Thema eine längere Abhandlung zu verfassen.
  • user
    Dr. theol. Emil Hobi, kath. Priester 27.04.2026 um 11:16
    Diese treffliche Darstellung verweist uns auf die Verdienste der katholischen Kirche in der wissenschaftlichen Erforschung des Kosmos. Dahinter steht für uns Christinnen und Christen die Erkenntnis, dass der allumfassende, ewige, allmächtige, allschöpferische und allliebende Gott in einer beständigen „creatio continua“ das Weltall erschuf und erschafft. Die ungeheuren raum-zeitlichen Ausmasse des Universums verweisen uns erst recht auf die Majestät und Grösse Gottes und seines Logos Jesus Christus. Interessant ist in diesem Kontext auch die alte Frage, ob es in den Weiten des Kosmos noch anderes biologisches Leben - oder sogar extraterrestrisch intelligentes Leben - auf extraterrestrischen Himmelskörpern gibt: Die „Bioastronomie“ oder „Astrobiologie“ widmet sich seit rd. 30 Jahren im Rahmen der Astrophysik dieser naturwissenschaftlich zu erforschenden Frage. Bei aller Vorsicht, denn es könnte ja durchaus sein, dass biologische Lebensformen durch Gottes emergente Schöpfermacht einzig auf unserer Erde zu finden sind oder extratrrestrisch nur im mikroskopischen Bereich existieren, hätte die katholischen Theologie damit kein Problem. Schon im Hochmittelalter beschäftigte den Kirchenlehrer Bonaventura (1217-1274) die Frage, ob Gott nicht auch andere Welten im Kosmos erschaffen könne; er kam als Möglichkeit zu einer positiven Bejahung. Franziskanertheologen an der Pariser Universität - Francis Mayron (1280-1327), William Vorilong (1390-1463) - und schliesslich auch Nikolaus v. Kues (1401-1464) rechneten beim Übergang in die Neuzeit mit extraterrestrischen intelligenten Lebensformen. Der Paulanermönch Marin Mersenne (1588-1648) - also ein Zeitgenosse Galileis - sah die Existenz von „Aliens“ in den unvorstellbaren Weiten des Kosmos als gegeben an, ebenso der neuscholastische Theologe und Physiker Angelo Seccchi SJ (1818-1879). Sein Schüler, der immer noch bekannte und exzellente Dogmatiker Joseph Pohle (1852-1922), schloss sich ihm an. Der Priester und Paläontologe Teilhard de Chardin (1881-1955), bei dem man allerdings infolge seiner eigenen Widersprüche und Doppeldeutigkeiten vorsichtig sein muss, rechnete mit mindestens einem von intelligenten Freiheits- und Willenswesen bewohnten Planeten pro Galaxie - 200-400 Milliarden Sonnen in unserer Galaxie - und über 100 Milliarden Galaxien. Karl Rahner (1904-1984) nahm dies, schliesslich sich vorsichtig äussernd, als Möglichkeit an. Diese naturwissenschaftliche Frage ist heute für unsere katholische Theologie insofern bedeutsam, weil sie diese zwar der Naturwissenschaft überlässt, dann aber vom Glauben her sehr gut begründend, Jesus Christus als Pantokrator und heilschaffenden Erlöser des gesamten Kosmos hervorhebt.
  • user
    Steffen Widmer 26.04.2026 um 22:41
    Ganz lieben Dank für den schönen Beitrag, habe das gerne gelesen. Bei uns ist der Himmel sehr klar und man sieht die Sterne scheinen nachts. "Die Himmel erzählen die Herrlichkeit Gottes" auch bei Nacht.