Die Astronomie gilt als eine der ältesten Wissenschaften: Bereits dreitausend Jahre vor unserer Zeitrechnung beobachteten Astronomen die Phänomene am Himmel und versuchten, diese zu deuten.
Unter den Menschen, die sich mit dem Weltraum beschäftigten, waren auch viele Priester und Ordensleute. Sie haben nicht nur die Sterne erforscht, sondern auch deren Schöpfer für ihre Schönheit gepriesen. Manche gerieten durch ihre Forschungen in einen Konflikt mit der Kirche, doch mehrheitlich wurden sie von ihren Vorgesetzten unterstützt.
Bekannt ist zum Beispiel der Benediktinermönch Hermann von Reichenau (1013–1054), auch Hermann der Lahme genannt. Er war hochintelligent und zählt zu den bedeutendsten und vielseitigsten Gelehrten seiner Zeit. Aufgrund seiner Kenntnisse arabischer Quellen, die ihm in lateinischen Übersetzungen zugänglich waren, schrieb Hermann eine Konstruktionsbeschreibung des Astrolabium, eines scheibenförmigen Geräts zum Beobachten und Ausmessen des Sternenhimmels. Dadurch trug er wesentlich zu dessen Verbreitung bei: Ohne ihn wäre das Astrolabium wohl lange ein unverstandenes Messgerät geblieben. Mithilfe des Astrolabium erfand Hermann eine einfachere Methode zur Messung des Erdumfangs als jene des griechischen Mathematikers und Astronomen Eratosthenes. Daneben verfasste er unter anderem eine Lehrschrift über die Sonnen- und Mondfinsternisse. In einem seiner Bücher lieferte er auch eine Anleitung zum Bau einer tragbaren Sonnenuhr. In seiner Schrift «Regulae in computum», einer Zusammenfassung der kirchlichen Zeitrechnung, unterteilte Hermann erstmals die Stunde in 60 Minuten und revolutionierte damit unsere Zeitrechnung.
Das Weltbild auf den Kopf gestellt
Die moderne Wissenschaft der Astronomie beginnt mit Nikolaus Kopernikus (1473–1543), einem hochrangigen Kleriker: Er erkannte als einer der ersten seiner Zeit, dass sich die Erde um die Sonne dreht und nicht umgekehrt. Damit stellte er das bekannte Weltbild auf den Kopf. Die Kirche verbot sein Buch 1616; erst 1835 wurde das Verbot zurückgenommen.
In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts gründete Papst Gregor XIII. die Vatikanische Sternwarte. Er liess den «Turm der Winde» errichten, den er jesuitischen Astronomen und Mathematikern des Collegio Romano (heute Päpstliche Universität Gregoriana) zur Durchführung der gregorianischen Kalenderreform zur Verfügung stellte. Der aus Bamberg stammende Jesuit Christophorus Clavius (1537–1612) wurde erster Leiter der Sternwarte und fachlich verantwortlich für die Kalenderreform. Er entwarf astronomische Instrumente wie z. B. Sonnenuhren und veröffentlichte darüber Bücher.
Während Christophorus Clavius zu den frühen Unterstützern Galileo Galileis (1564–1641) gehörte, geriet sein Mitbruder Christoph Scheiner (1573–1650) in einen heftigen Streit mit Galilei. Der gebürtige Schwabe war Professor für Physik und Astronomie an der Universität Ingolstadt. Er baute als Erster ein sogenanntes Kepler-Fernrohr sowie verschiedene «Helioskope», Fernrohre für Sonnenbeobachtungen. Zusammen mit seinem Schüler und Mitbruder Johann Baptist Cysat konnte er 1611 Sonnenflecken beobachten. Scheiner bemerkte, dass Flecken nahe dem Äquator schneller rotieren als in höheren Breiten. Aus seinen Beobachtungen zog Scheiner den Schluss, dass der Himmel nicht aus festen kristallinen Sphären bestehen kann, wie es das ptolemäische System vorgibt: Der Himmel muss flüssig sein. Da die von ihnen beobachteten Flecken den herrschenden Vorstellungen von der Reinheit der Sonne widersprachen, empfahl der Ordensprovinzial den beiden Wissenschaftlern Stillschweigen. Ein Bekannter, mit dem Pater Scheiner korrespondierte, veröffentlichte jedoch 1612 drei dieser Briefe.
1624 reiste Christoph Scheiner nach Rom. Dort entdeckte er das Buch «Il Saggiatore» von Galilei, in dem er des Plagiats beschuldigt wurde: Galileo Galilei hatte die Sonnenflecken nach eigenen Angaben bereits 1610 entdeckt. Der Jesuit entgegnete ihm mit seinem Buch «Rosa Ursina sive Sol» (1630). Darin fasste er die Erkenntnisse seiner langjährigen Beschäftigung mit den Sonnenflecken zusammen und führte Zitate aus der Bibel und von Kirchenvätern an, um seine Anschauung des geozentrischen Systems zu beweisen. Galilei antwortete 1632 mit dem Buch «Dialog», in welchem er Vertreter der Geozentrik als dumm und konservativ hinstellte. Damit kam es zum Konflikt mit mehreren Professoren und der Kirche, was zum berühmten Prozess führte, in welchem er seiner Weltsicht abschwören musste. 1757 hob Papst Benedikt XIV. den Bann gegen Werke auf, die das heliozentrische Weltbild vertraten. Und erst am 2. November 1992 wurde Galileo Galilei von der Kirche formal rehabilitiert.
Da es zwischen 1645 und 1715 eine Periode stark verringerter Sonnenaktivität gab, konnten Christoph Scheiners Beobachtungen zuerst nicht überprüft werden. Seine Erkenntnisse setzten sich erst im 18. Jahrhundert durch.
Sein bereits erwähnter Schüler, der Luzerner Jesuit Johann Baptist Cysat (1586/7–1657), wäre eigentlich lieber als Missionar nach Indien gereist, doch seine Oberen hatten andere Pläne mit ihm. Nach seiner Rückkehr in die Schweiz wurde er Rektor des Jesuitenkollegiums Luzern. Er baute Fernrohre und entdeckte den Orionnebel. Er gehörte zu den wenigen, welche bei der Mondfinsternis von 1620 das völlige Verschwinden des Mondes beobachten konnten. Johann Baptist Cysat zählt zu den bedeutendsten Schweizer Physikern und Mathematikern des 17. Jahrhundert. Nach ihm ist der «Monticuli Cysati» benannt, ein Ringgebirge am Südpol des Mondes.
Es gab noch mehr Schweizer Jesuiten, die sich als Astronomen einen Namen gemacht haben, so z. B. Johann König (1639–1691) aus Solothurn, Carlo Francesco Gianella (1740–1810) aus Leontica (heute Acquarossa TI) oder Marc Dechevrens (1845–1923) aus Thônex GE.
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