(Symbolbild. Erstellt mit Raphael AI)

Kommentar

Queer­beet ins Abseits

«Bibel queer lesen», so der Titel der aktu­el­len Aus­gabe von «Bibel und Kir­che». Gemäss Selbst­de­kla­ra­tion geht es um «sorg­fäl­tige her­me­neu­ti­sche Arbeit, his­to­ri­sche Kon­text­ua­li­sie­rung und die Frage, wie Bibel heute lebens­för­dernd gele­sen wer­den kann». Doch es geht mehr als um her­me­neu­ti­sche Fra­gen – es geht um das Wort Gottes.

Queere Workshops im Bibelzentrum auf Kirchen- und Katholikentagen seien überfüllt und deshalb sei es Zeit, sich dem Thema zu widmen. So die Erklärung des «Katholisches Bibelwerk Stuttgart» für das 80 Seiten umfassende Heft ihrer Zeitschrift «Bibel und Kirche». Die aktuelle Ausgabe soll erklären, was queere Bibelauslegung ist, wie es dazu kam und was sich hinter den verschiedenen Begrifflichkeiten verbirgt. «Vor allem zeigt sie, wie bereichernd es ist, Bibeltexte queersensibel zu lesen.»

Der Queer-Beauftragte der Deutschen Bischofskonferenz, Weihbischof Ludger Schepers, zum Heft: «Queere Menschen haben sich nicht erst heute in die Geschichten der Bibel eingeschrieben – sie waren immer Teil jener menschlichen Wirklichkeit, von der die Heilige Schrift erzählt. […] Wer die Bibel queeren Menschen öffnet, nimmt ihr nichts von ihrer Wahrheit – er erinnert sie an ihren universellen Anspruch.»

Was ist der Mensch?
Das Inhaltsverzeichnis lässt die Zumutungen erahnen, die auf die Leserschaft zukommen: Jakobs Kampf am Jabbok wird unter dem Titel «Zwischen Ringen und Umarmen. Genesis 32 que(e)r gelesen» abgehandelt. Oder: «Es fehlt die Braut – eine bewusste Leerstelle? Die Hochzeit zu Kana (Joh 2,1–12) queer gelesen».
Aus der Geschichte von Josef und seinen Brüdern könne man «eine geschlechtliche Uneindeutigkeit des Josef» oder eine «soziale Normierung von Männlichkeit» herauslesen.

Katrin Brockmöller, geschäftsführende Direktorin des Katholischen Bibelwerks und Schriftleiterin von «Bibel und Kirche» setzt sich mit Gen 1,27 auseinander.

Hiess es in der früheren Einheitsübersetzung noch: «Gott schuf also den Menschen als sein Abbild, als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie», heisst es in der Neuausgabe (2016): «Gott erschuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes erschuf er ihn. Männlich und weiblich erschuf er sie.» Damit kehrte die Übersetzung zum Wortlaut des hebräischen Textes zurück, der von «sachar» (männlich) und nekevah (weiblich) spricht.

«Adjektive benennen einzelne Eigenschaften, keine generellen Konzepte. Hier verweisen sie auf die sexuelle Differenzierung – ohne Wesensaussagen des Menschseins festzuschreiben», so Katrin Brockmöller.

(Zwischenbemerkung: Das Judentum, welches die Texte der Thora seit Jahrhunderten hütet und studiert, geht trotz der Adjektive «männlich» und «weiblich» klar von zwei Geschlechtern aus.)

Die Verse ab Gen 1,26f seien Teil eines poetischen Textes. Dabei werde «das Ganze durch die Nennung komplementärer Pole umschrieben». Wenn man das poetische Stilmittel (Merismus) ernst nehme, entstünden Leerstellen, die neu gefüllt werden können: So durch «die Vorstellung einer Menschheit, die von Anfang nicht einfach binär, sondern eben queer (im Sinne von ‹weiter als du denkst›) zu verstehen ist». Und weiter: «Die Menschheit als Ganze sichert dabei die Generationenfolge und die vielfältige Gegenwart Gottes – genau das wird eben nicht einzelnen Paaren zugeschrieben.»

Aber, so das Fazit von Katrin Brockmöller, schlussendlich werde es irrelevant, ob Gen 1,27 auf biologisch-genetische, soziale, gewählte oder vorgefundene Konzepte von Geschlecht Bezug nehme, denn «vom Menschsein, so Genesis 1, kann man nur poetisch sprechen».
 


Aufgrund eines sprachlichen Gestaltungsmittels (Merismus) eine Anthropologie ableiten zu wollen, ist weder redlich noch wissenschaftlich. Liest man im Buch Genesis weiter, stösst man auf den Sündenfall, dessen Konsequenzen die beiden Menschen klar in ihren Rollen als Frau und Mann zu tragen haben. Und auch Jesus versteht Gen 1,27 eindeutig: «Da kamen Pharisäer zu ihm, um ihn zu versuchen, und fragten: Darf man seine Frau aus jedem beliebigen Grund aus der Ehe entlassen? Er antwortete: Habt ihr nicht gelesen, dass der Schöpfer sie am Anfang männlich und weiblich erschaffen hat und dass er gesagt hat: Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden und die zwei werden ein Fleisch sein?» (Mt 19,3–5).

Die Wissenschaft geht nebenbei bemerkt klar von zwei biologischen Geschlechtern aus. Auch intersexuelle Menschen haben die Merkmale beider Geschlechter, sind also kein drittes Geschlecht.[1]

Mentalitätswechsel herbeiführen
Im Artikel «G*tt ist Fan von Vielfalt» wird die Methode des queeren Bibellesens so erklärt: Es «versteht sich als kreatives Um- und Weiterschreiben gegen lehramtliche Engführungen, die Leben normieren, begrenzen oder ausschliessen.»

Das Dokument «Die Interpretation der Bibel in der Kirche» der Päpstlichen Bibelkommission aus dem Jahr 1993 erinnert daran, dass für die Kirche die Bibel nicht einfach eine Sammlung von geschichtlichen Dokumenten ihrer Ursprünge ist. «Sie empfängt die Bibel als Wort Gottes, das hier und heute an sie und an die ganze Welt ergeht. Diese Glaubensüberzeugung hat zur Folge, dass die biblische Botschaft aktualisiert und inkulturiert wird» (IV). Doch Aktualisierung heisst nicht Manipulation der Texte. «Es geht nicht darum, auf die biblischen Texte neue Meinungen oder Ideologien zu projizieren, sondern aufrichtig der Botschaft nachzuspüren, die sie für die heutige Zeit bereithalten» (IV,A,1). Tendenziöse Arten, die Bibel zu lesen, werden deshalb abgelehnt. «Dies gilt von jenen, die, anstatt sich am biblischen Text zu orientieren, ihn für beschränkte Ziele dienstbar machen» (IV,A,3).

Im Klartext: Bibelauslegung kann nur im Kontext der Kirche geschehen, sonst wird sie willkürlich. Ludger Schwienhorst-Schönberger dazu in seinem Beitrag auf «Communio»: «Wie gehen sie [Autoren] nun mit der ekklesiologischen Frage um? Ihre Antwort lautet, um das Wort eines im synodalen Prozess engagierten deutschen Bischofs aufzugreifen: Wir wollen anders katholisch sein! Wir wollen durch eine entsprechende Praxis (der Grenzüberschreitungen) einen Mentalitätswechsel herbeiführen, der durch regelmässiges Tun (‹Doing Gender› – Einfach machen!) zu einer Transformation des Bewusstseins führt, so dass die Bibel dann aus dieser veränderten Bewusstseinsstruktur heraus – gleichsam wie selbstverständlich – trans- und gendergerecht gelesen wird.» Heisst im Klartext: Tradition und kirchliches Lehramt sollen vor vollendete Tatsachen gestellt werden.

Das Heft «Bibel queer lesen» geht nicht auf in diesem Kontext relevante Bibelstellen z. B. zur Homosexualität ein. Es möchte die Menschen zu einem neuen, sogenannt «offeneren» Denken führen. Doch damit machen es sich die Autoren entschieden zu leicht. Denn zusätzlich zur biblischen Debatte stellt sich die Frage: Wo sind die Grenzen von «männlich» und «weiblich»? Welche sexuellen Orientierungen sind erlaubt? Es geht nicht nur um die Frage von heterosexuell, homosexuell, transsexuell oder bisexuell. Was ist mit pansexuell oder polysexuell? Wie verhält es sich mit Sodomie (sexueller Umgang mit Tieren)? Wenn jede Form sexueller Orientierung erlaubt sein soll, träfe dies konsequenterweise im Extremfall auch auf Pädophilie zu.

Wenn die Bibel nicht mehr auf ihren Inhalt hin gelesen wird, sondern bewusst das herausgelesen wird, was man sich wünscht, wird die Heilige Schrift als Selbstmitteilung Gottes nicht mehr ernst genommen.

 


[1] Vgl. https://www.emma.de/artikel/viele-geschlechter-das-ist-unfug-339689


Rosmarie Schärer
swiss-cath.ch

E-Mail

Rosmarie Schärer studierte Theologie und Latein in Freiburg i. Ü. Nach mehreren Jahren in der Pastoral absolvierte sie eine Ausbildung zur Journalistin.


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Bemerkungen :

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    Wolfgang Ackerknecht 12.06.2026 um 14:08
    Vielen Dank für die klaren Argumente. Alle wir Schreibenden können dankbar sein, dass sich die queere Ideologie nicht durchsetzte...
  • user
    Meier Pirmini 11.06.2026 um 06:03
    An Redaktion und "Community" hier: Bin nachträglich dankbar, dass gestern ein von mir wieder gewiss zu langer und zu persönlicher Beitrag über die Sinngebung der Homosexualität nicht geschaltet wurde: bei Platon, in Andeutungen von Mönchsregeln und generell in der Kirchengeschichte und bei frühen Pionieren einer differenzierteren Sicht der gleichgeschlechtlichen Liebe. Das Thema ist für Kurzfutter viel zu komplex, und auch z.B. meine Analysen homoerotischer Motive bei Visionen und Träumen von Heiligen haben leider statt zur Klärung oft nur als Provokationen gewirkt, was so nicht gemeint war.. Immerhin liefen die Ausführungen auf eine klare, im Endeffekt unmissverständliche Rückweisung der "Queer"-Ideologie einschliesslich der absurden Uminterpretierung von allem, was die Bibel meines Erachtens auch naturrechtlich hochkompetent über die Heiligkeit der Ehe sagt sowohl im Alten als auch im Neuen Testament. Das Wichtigste wäre, im Hinblick auf eine vernünftige Diskussion, die biblischen Sprachen wieder zu lernen, wie es Erasmus vorgemacht hat, auch ausgezeichneter Platon-Kenner, und was auch die frühen Pioniere der unbestreitbaren Menschenwürde der homosexuell, bisexuell. polygam oder "polyamor" veranlagten Menschen noch gewusst und grundsätzlich anerkannt haben.
  • user
    Josef Köchle 09.06.2026 um 12:36
    Ein Mann kann nicht abstreiten, dass er männlich und eine Frau, dass sie weiblich geschaffen wurde, denn beim sexuellen Verkehr ragieren auch die queeren Menschen plötzlich wieder männlich und weiblich. Ohne sexuellen Verkehr käme ihre Neigung gar nicht zur Geltung und niemand nähme daran Anstoss.
  • user
    Stefan Fleischer 09.06.2026 um 09:20
    Ins Stammbuch solcher «Gelehrten»
    2.Petr 2,1
    Es gab aber auch falsche Propheten im Volk; so wird es auch bei euch falsche Lehrer geben. Sie werden verderbliche Irrlehren verbreiten und den Herrscher, der sie freigekauft hat, verleugnen; doch dadurch werden sie sich selbst bald ins Verderben stürzen.