Kardinal Sako in Ealing Abbey (GB) 2023. (Bild: © Mazur/cbcew.org.uk / Flickr, CC BY-NC-ND 2.0)

Weltkirche

Rück­tritt von Patri­arch Sako – Kir­che im Irak in ihrer Exis­tenz bedroht

Der ira­ki­scher Kar­di­nal Louis Raphael I. Sako wurde nicht müde, Miss­stände in sei­nem Land, aber auch in sei­ner eige­nen Gemein­schaft anzu­pran­gern. Nun tritt der Kar­di­nal, der sich uner­müd­lich für Demo­kra­tie und Gleich­be­rech­ti­gung ein­setzte, in den Ruhestand.

Seit 2013 leitete Louis Raphael I. Sako als Patriarch der chaldäisch-katholischen Kirche eine Ostkirche, die weit zurück in die Anfänge des Christentums reicht. Ihr Zentrum liegt im heutigen Irak; der Sitz des Patriarchats befindet sich in der Hauptstadt Bagdad. Hauptaufgabe des Patriarchen ist es, das Überleben der kleinen christlichen Schar im Irak zu sichern. Islamistischer Terror, eine instabile Sicherheitslage, wirtschaftliche Perspektivlosigkeit und Ressentiments in der muslimischen Mehrheitsgesellschaft machen den noch im Land verbliebenen Christinnen und Christen schwer zu schaffen.

Seit seinem 75. Geburtstag habe er darüber nachgedacht, zurückzutreten, doch der verstorbene Papst Franziskus ermutigte ihn, zu bleiben. Am 9. März 2026 war es so weit: Kardinal Sako reichte bei Papst Leo XIV. seinen Rücktritt ein, um sich «in Ruhe dem Gebet, dem Schreiben und einfachen Diensten» zu widmen, wie er in einer persönlichen Erklärung auf der Website des Patriarchats von Bagdad schreibt. «Um jegliche Fehlinterpretation zu vermeiden, bestätige ich, dass mich niemand dazu gezwungen hat, sondern dass ich aus eigenem Willen um meinen Rücktritt gebeten habe», bekräftigt der Kardinal, der immer wieder in Konflikt mit der Regierung gekommen ist.

Vielgereist und hochgebildet
Im nordirakischen Zakho an der Grenze zur Türkei geboren, studierte Louis Sako in Mossul am Theologischen Seminar des Dominikanerordens und wurde 1974 zum Priester geweiht. 1979 begann er weitere Studien am Päpstlichen Orientalischen Institut in Rom, wo er in orientalischer Patristik promovierte. Einen weiteren Doktorgrad erwarb er in Geschichte an der Pariser Sorbonne.

Von 1986 an wirkte Louis Sako in Mossul als Gemeindepfarrer. Zwischen 1997 und 2002 war er Rektor am Priesterseminar in Bagdad. 2002 wurde er, der neben Aramäisch, Arabisch, Französisch, Englisch und Italienisch auch Deutsch spricht, zum Erzbischof von Kirkuk gewählt und im Folgejahr geweiht.

Seit 2013 steht Louis Sako, der bei seiner Wahl zum Patriarchen den Namen Louis Raphael I. wählte, an der Spitze der Chaldäer und damit der grössten christlichen Kirche des Irak mit rund einer halben Million Mitgliedern. 2018 erhob ihn Papst Franziskus in den Kardinalsstand, in den höchsten Rang eines Kardinalbischofs, wie es für die Patriarchen der mit Rom verbundenen («unierten») Ostkirchen üblich ist. Seit 2022 ist Sako Mitglied des vatikanischen Wirtschaftsrates, der das wirtschaftliche Handeln des Vatikans überwacht.
 


Unermüdlicher Einsatz für Menschenwürde und Religionsfreiheit
Der Kampf gegen Missstände zieht sich wie ein roter Faden durch die Amtszeit des Patriarchen. Gegen Korruption, für Religionsfreiheit, gegen die Abwanderung von Christen aus ihrer Geburtsregion Nahost und für einen freien, demokratischen Irak mit gleichen Rechten für alle Bürgerinnen und Bürger erhob das Kirchenoberhaupt stets die Stimme. Ebenso forderte er eine Modernisierung des Islam.

Auch innerchristlich plädiert Kardinal Sako für Gleichberechtigung, etwa, dass Fragen wie Ehe, Scheidung, Sorgerecht oder Erbschaft für Männer und Frauen gerecht gelöst werden müssten. Die Christinnen und Christen mahnt er zur Rückkehr zu ihren Werten – und zur Einheit, ohne die das Christentum im Nahen Osten dem Untergang geweiht wäre.

«Ich habe die chaldäische Kirche unter äusserst schwierigen Umständen und inmitten grosser Herausforderungen geleitet. Ich habe die Einheit ihrer Institutionen bewahrt und keine Mühen gescheut, sie und die Rechte der Iraker und Christen zu verteidigen, indem ich sowohl innerhalb als auch ausserhalb des Landes Stellung bezogen und Präsenz gezeigt habe», erinnert er in seinem Abschiedsschreiben.

Im Juli 2023 zog sich Kardinal Sako für einige Monate nach Erbil zurück, in die Hauptstadt der Autonomen Region Kurdistan im Nordirak, nachdem ein Streit zwischen dem muslimisch-sunnitischen Präsidenten Abdul Latif Raschid und der chaldäischen Kirche eskaliert war. Raschid hatte ein Dekret widerrufen, in welchem er Kardinal Sakos Position als Patriarch der Chaldäer anerkannte und das dem Patriarchen weitreichende Befugnisse zur Verwaltung chaldäischer Stiftungsangelegenheiten einräumte. Kardinal Sako kehrte im April 2024 nach Bagdad zurück, nachdem er eine formelle Einladung des irakischen Premierministers Mohammed Shia al-Sudani erhalten hatte.

Dramatischer Rückgang der christlichen Bevölkerung
Kardinal Sako tritt in einer schwierigen Situation zurück. In einem Interview mit VaticanNews vor wenigen Tagen erinnerte er daran, dass im Irak die Schiiten fast 60 Prozent der Bevölkerung ausmachen. «Wir haben Angst, weil wir Nachbarn des Iran sind und viele Iraker Schiiten sind.» Er befürchtet, wenn die Ninive-Ebene angegriffen wird, wo aktuell rund 50 000 Christinnen und Christen leben, sie dieses Mal nicht mehr zurückkehren werden. Die Zahl der Christen im Irak wird heute auf nur noch 150 000 geschätzt, verglichen mit 1,5 Millionen im Jahr 2003. Schutz erhalten sie einzig durch die Kirchen, so Kardinal Sako.

Kardinal Sako hofft, dass in diesen schwierigen Zeiten die Führung der chaldäisch-katholischen Kirche einem Patriarchen anvertraut wird, der über eine solide theologische Bildung, Mut und Weisheit verfügt. An jemanden, der an Erneuerung, Offenheit und Dialog glaube und auch Sinn für Humor habe, so Kardinal Louis Raphael I. Sako in seinem persönlichen Abschiedsschreiben. «Ich bin zuversichtlich, dass Gott für seine Kirche sorgen wird.»
 

Die chaldäisch-katholische Kirche ist im 16. Jahrhundert aus der Assyrischen Kirche des Ostens hervorgegangen. Sie zählt heute weltweit rund 500 000 Mitglieder. Der Sitz des Patriarchen befindet sich im irakischen Bagdad; ein grosser Teil der Gläubigen lebt aber in den USA, Westeuropa und Australien. Im Nahen Osten gibt es bedeutende chaldäische Gemeinden im Irak, in Syrien, im Libanon und im Iran. In der chaldäischen Kirche wird der ostsyrische Ritus gefeiert. Liturgiesprache ist grundsätzlich Syrisch (Aramäisch), oft aber auch in Kombination mit Arabisch. Wegen der Union mit der römisch-katholischen Kirche haben auch lateinische Elemente Eingang in die Liturgie gefunden.
Auch für die Chaldäer war der Genozid im Osmanischen Reich (1915/18) eine Katastrophe. Zigtausende Gläubige wurden ermordet, noch mehr vertrieben. Bis heute steht die chaldäische Kirche für eine besonders leidgeprüfte Kirche. Die Kriege im Irak und in Syrien haben auch in den vergangenen Jahrzehnten Zehntausende Chaldäer zur Flucht gezwungen.


KNA/Redaktion


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