Adam und Eva von Wladimir Dawidowitsch Baranow-Rossiné, Public domain via Wikimedia Commons.

Mit spitzer Feder

Sex and Crime

Seit es die Mensch­heit gibt, gehö­ren sie zu den Top-​Themen: Sex and Crime. In unse­rer ver­meint­lich sexu­ell befrei­ten Gesell­schaft trifft diese Fest­stel­lung ganz beson­ders zu. Vor­bei sind die Zei­ten, als die Schmud­del­presse à la Blick & Co. sozu­sa­gen ein Sex-​Monopol für sich in Anspruch neh­men konnte. Auch seriöse Medien müs­sen unter dem Dik­tat des alles beherr­schen­den Klickzahlen-​Primats die­sem lei­di­gen Dau­er­bren­ner ihren Tri­but zollen.

Relativ neueren Datums ist die auffällige Häufung von Exponenten der Chefetage von Politik und Wirtschaft, die, vom medialen Fleischwolf zermalmt, ihre Fehltritte mit gesellschaftlicher Ächtung bezahlen müssen.

Die Rede ist – nein, nicht von dem bereits aus den Schlagzeilen verschwundenen Fall «Pierin Vincenz versus Raiffeisen», obwohl dieser verblüffende Parallelen mit den hier zur Debatte stehenden Szenarien aufweist. Die Rede ist vielmehr von der causa Laurent Freixe und der causa Fritz Schiesser.

Zur causa Laurent Freixe: Der Nestlé-Boss wurde Knall auf Fall vor die Tür gesetzt. Das Portal «insideparadeplatz» weiss zu berichten, dass ihm Verwaltungsratspräsident Paul Bulcke am 1. September 2025 nicht nur seinen Rausschmiss mitteilte, sondern dabei gleich auch noch dessen Handy konfiszierte – Sperrung des Anteils an den Nestlé-Aktien inklusive. Was war geschehen?

Von der «offiziellen Geliebten» verpfiffen
Laurent Freixe, Chef von Nestlé, einem Koloss mit 270 000 Mitarbeitern, grösster Lebensmittelkonzern der Welt mit einem Jahresumsatz von 91 Milliarden Franken, verhedderte sich in einem Beziehungsschlamassel sondergleichen, den er, Freixe, dem Verwaltungsrat wohlweislich zu verheimlichen versucht hatte. Verpfiffen hat ihn, so «insideparadeplatz», seine Chef-Konkubine, welche ihn bei einem Schäferstündchen mit einer in der Firmenhierarchie eine Etage weiter unten angesiedelten, ihm direkt unterstellten Neben-Konkubine in flagranti ertappt hatte.

Die Sukzessiv-Polygamie gehört(e) offenbar zur DNA von Nestlé-Boss Freixe. Seine Jugendliebe hatte er zwar geheiratet und mit ihr zwei Kinder gezeugt. Die eheliche Verbindung hielt allerdings nicht allzu lange, bald einmal folgte die Scheidung. Zum Handkuss kam alsbald eine Griechin, gefolgt von einer Polin. In beiden Fällen waren es ihm unterstellte Frauen der gleichen Firma, deren Liebesdienste er mit beruflicher Vorzugsbehandlung entlöhnte. Betriebsinterne Turbulenzen waren jeweils programmiert.

Der aus Deutschland stammende Klaus Stöhlker macht es sich in seiner Kolumne auf «insideparadeplatz» entschieden zu einfach, wenn er die Eskapaden-Serie des Nestlé-Chefs als «firmeninterne Liebschaften» abtut, die auch in der Schweiz an der Tagesordnung seien und «friedlich» gelöst würden.

Auch wenn man sich über die Usanzen der «Hautevolée‎» gerade in internationalen Konzernen keinen Illusionen hingeben darf, ging das Gebaren des Laurent Freixe offensichtlich auch dem Nestlé-Verwaltungsrat zu weit. Dies, weil er – zusätzlich zum wirtschaftlichen Misserfolg – nicht nur mehrfach Verhältnisse mit ihm beruflich unterstellten Frauen einging, sondern seine Liebschaften der Konzernspitze auch verschwieg. Stöhlker wie die Mainstream-Medien insgesamt übergeht zudem geflissentlich die Tatsache, dass zwischenmenschliche Verwerfungen im Verbund mit Scheidungen wie im «Fall Freixe» oft auch psychische Verletzungen zur Folge haben, die gerade für die betroffenen Kinder traumatisch sein können.

Der tiefe Fall eines Spitzenpolitikers
Tragisch, wirklich tragisch ist der «Fall Fritz Schiesser», über den die «NZZ am Sonntag» in ihren Ausgaben vom 31. August und 7. September 2025 ausführlich berichtete. FDP-Mann Schiesser gehörte zur Elite der Schweizer Politik, präsidierte von 2003 bis 2004 den Ständerat und amtete anschliessend als Präsident des ETH-Rates. In Bundesbern genoss er einen exzellenten Ruf.

Und nun dies: Am 3. Juni 2025 wird Schiesser in Glarus verhaftet und an die Justizbehörden des Kantons Waadt überstellt, wo er zwei Monate lang in Untersuchungshaft gesetzt wird. Zum Verhängnis wurde Schiesser eine Internet-Bekanntschaft. Die «NZZ am Sonntag» nennt diese Bekanntschaft «Mr. X». Diesem «Mr. X» war Anwalt Schiesser so verfallen, dass er ihm immer wieder exorbitante Summen überwies, bis er schliesslich sein ganzes Vermögen verloren hatte.

Doch damit nicht genug. Fritz Schiesser war bis 2002 Präsident der Sandoz-Familienstiftung, einer der reichsten Stiftungen der Schweiz. Ihr Vermögen wird auf mindestens acht Milliarden Franken geschätzt. Die enormen Summen, die Schiesser «Mr. X» überwiesen hatte, reichten Letzterem offenbar nicht. In einer kaum noch zu überbietenden Ruchlosigkeit soll er Schiesser gezwungen haben, von der Sandoz-Familienstiftung weitere Summen zu erpressen. Als Vehikel dienten «Mr. X» angeblich Tausende von Dokumenten, die er aus dem Büro von Fritz Schiesser entwendet hatte. Darin ging es um behauptete Probleme der Stiftung mit den französischen Steuerbehörden. In den Untersuchungen der Waadtländer Staatsanwaltschaft geht es nun gemäss «NZZ am Sonntag» unter anderem um die Frage, ob sich Fritz Schiesser in seiner grenzenlosen Hörigkeit von «Mr. X» als Mitstreiter in diesen erpresserischen Versuch einspannen liess.

Die Sandoz-Familienstiftung ist für das kulturelle Leben in der Westschweiz essentiell. Mit ihrem calvinistischen Background (Reichtum als Gunsterweis Gottes) kennt sie gerade in finanziellen Belangen keinen Spass. Wenig überraschend, dass sie gegen die Erpressungsversuche von «Mr. X» ohne Verzug die Waadtländer Strafverfolgungsbehörden in Marsch setzte.

Die 1964 gegründete Stiftung ist mittlerweile in die Jahre gekommen, immer zahlreichere Erben buhlen um das reichlich fliessende Manna (der 3-Prozent-Anteil an Novartis-Aktien soll ihr jährlich einen dreistelligen Millionenbetrag bescheren). Die «NZZ am Sonntag» hat in ihrer Ausgabe vom 7. September 2025 ein überaus plastisches Sittengemälde dieser weitverzweigten Sippe gezeichnet («Eine schrecklich nette Familie»).

Die causa Laurent Freixe, insbesondere aber der tragische Fall von Fritz Schiesser belegen einmal mehr das ambivalente Potential der Sexualität, die wie alles menschliche Tun und Lassen Teil der «gefallenen Schöpfung» bildet. Vor diesem Hintergrund nehmen sich die Auslassungen von Bischof Joseph Maria Bonnemain, der in einem Interview vom Dezember 2024 den Sex als «grösstes Geschenk Gottes an uns Menschen» bezeichnete, besonders grotesk und realitätsfremd aus.


Niklaus Herzog
swiss-cath.ch

E-Mail

Lic. iur. et theol. Niklaus Herzog studierte Theologie und Jurisprudenz in Freiburg i. Ü., Münster und Rom.


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Bemerkungen :

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    Sabrina Wagner 11.09.2025 um 16:00
    Bischof Bonnemain will ausschliesslich zwei Kategorien von Menschen anstellen: 1) junge Frauen und 2) perfekte Männer.

    Diese perfekten Männer kann man bestaunen auf den leeren Gängen, in den leeren Wohnräumen, in den leeren Vorlesungsräumen seines Priesterseminars.
  • user
    Hans Meier 11.09.2025 um 15:16
    Ich danke dem Autor sehr für diesen Artikel, denn angesichts der gesamtgesellschaftlichen Probleme im Bereich Sexualität erscheint es grotesk und bizarr, wie Bischof Bonnemain seine Priester immer wieder öffentlich als Monster inszeniert. In Chur wurde vor einiger Zeit ein Film präsentiert, in dem Kinder eines katholischen Priesters auftreten und sich masslos über die Kirche und die Priester beschweren. Was aber überhaupt nicht zur Sprache kam, war, dass sich die Mütter dieser Menschen, damals allesamt junge Frauen, mit diesem Priester eingelassen hatten. Der junge Priester hatte zwar behauptet, diese jungen Frauen wären seine Cousinen etc., aber die jungen Frauen haben sich selbst dazu entschieden, sich mit dem jungen Priester einzulassen. Die Filmvorstellung wurde wieder zur Dämonisierung des Priesterstands gebraucht. "Der böse perverse Priester hat die jungen Frauen geschwängert, das sieht man es wieder." Wer auch nur einmal um die Ecke denkt, versteht, dass die Frauen nicht vergewaltigt wurden, im Gegenteil. Die wollten das ja selber. Wir brauchen eine ehrliche, offene gesamtgesellschaftliche Debatte über Sexualität. Priester können nicht als Projektionsfläche missbraucht werden im Sinne von "die sind die schlimmsten" oder "die halten sich ja selbst nicht dran". Es gibt einfach keine Menschen auf der Erde ohne Erbsünde, ohne Schwierigkeiten und das Spiel, den Priester entweder zu dämonisieren oder von ihm Perfektion in allen Belangen zu verlangen geht einfach nicht auf - es weist vielmehr darauf hin, dass wir gesamtgesellschaftlich unreif sind und es nicht schaffen, das Thema wirklich offen und ehrlich zu behandeln. Es braucht ehrliche Bewusstmachungsarbeit statt Projektion und scapegoating. Jesus hat ja selbst gesagt, "wer ohne Sünde ist werfe den ersten Stein." Er hat die Maria von Magdala nicht zur Steinigung freigegeben. Bonnemain spielt ein falsches Spiel!
    • user
      Steffi Zollner 11.09.2025 um 20:50
      Es liegt auf der Hand dass der Bischof Bonnemain mit der Stigmatisierung unserer Priester mehr Schaden anrichtet als Nutzen stiftet. Dämonisierung auf der einen Seite und völlig überzogene Ansprüche auf der anderen für nur dazu dass es keine Priester mehr gibt und die Kirche zu machen muss. Wenn es so weiter ginge wie mit Bonnemain, wäre die Kirche in ein bis zwei Generationen fertig. Es gibt ja keinen Nachwuchs mehr, seitdem er das Ruder übernommen hat.

      Ausserdem gehört es dazu dass schwache und fehlbare Menschen zum Dienst bestellt werden. Steht doch auch in der Bibel, Hebräerbrief. Auch der Priester ist von Schwäche umgeben und muss für seine eigenen Sünden opfern. Das gehört dazu. Wenn Bonnemain oder viele andere Leute nur perfekte Priester wollen dann haben sie den Willen Gottes nicht verstanden: wir müssen uns demütigen um in das Reich Gottes einzugehen und diese Demut verlangt dass wir uns den Priestern unterordnen die wir haben auch und gerade wenn sie nicht perfekt sind.

      Es ist doch ein Riesenopfer was unsere Priester auf sich nehmen um für uns die heilige Messe feiern zu können. Da können wir nicht wegen jeder Kleinigkeit draufschlagen und sie behandeln wie Gestörte. Ich schäme mich für diese Kirchenleitung. Das sind sehr eingebildete Leute.
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      Elisabeth Keller 12.09.2025 um 11:33
      Ich wollte hinzufügen: Seit der Aufklärung tut die Gesellschaft so als gäbe es die Sünde nicht. Durch die Probleme kommt das Thema aber von selbst wieder hoch und die säkularen Leute sind schockiert, aber die Kirche hat es immer gesagt: Wir haben tiefsitzende Laster und brauchen Reue, Buße, Beichte und Vergebung - alle. Es ist falsch nur perfekte Menschen haben zu wollen. Die gibt es nicht. Bonnemain wird alleine in seinem Ordinariat sitzen und feststellen müssen, dass selbst er trotz Fitness-Center und jahrelange Psychotherapien nicht perfekt ist. Vielleicht glaubt er weil er durchtrainiert und hochgebildet ist dass er auf andere runterschauen kann
    • user
      Hansjörg 12.09.2025 um 15:06
      Bei dem Film geht es wohl um "Unser Vater" dessen Inhalt sich um den Priester Anton Ebnöther dreht.
      Seine 6 Kinder kritisieren nicht den Sex mit ihren 4 verschiedenen Müttern, aber sie klagen die Verleugnung und die nicht vorhandene Unterstützung der kath. Kirche an.
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        Peter Stephan 12.09.2025 um 22:53
        Ungeheuerlich diese Heuchelei. "Der Priester hat alle diese Frauen missbraucht - was für eine Bestie. Die reinen Jungfrauen trifft keine Schuld."

        Grotesk, ohne diese Geschichten wären diese Leute nicht am Leben.

        "Die Kirche muss sich entschuldigen, dass es euch gibt. Es sollte euch nicht geben. Euer Vater hätte euch nicht zeugen dürfen."

        Die armen Opfer, sie wurden missbraucht, ja. Jetzt muss "die Kirche" "Verantwortung übernehmen" - ihr seid doch alle nicht mehr richtig im Kopf!

        Hätten die Frauen halt gesagt, mit dem Priester lasse ich mich nicht ein! Warum soll denn da jetzt "die nicht vorhandene Unterstützung der kath. Kirche" ein Problem sein??

        Ihr seid alle nicht mehr ganz dicht!
        • user
          Verena Lehner 13.09.2025 um 21:24
          Das war kein Missbrauch, diese Frauen waren Erwachsene und haben sich wissentlich und willentlich mit dem Vikar eingelassen und waren sich voll bewusst wenn ich schwanger werde trage ich da das Risiko weil er bleibt bei der Kirche. Es gibt jede Menge uneheliche Kinder und alleinerziehende Mütter da schreit niemand Missbrauch. Erst den Vikar rumkriegen und dann soll die Pfarrei zahlen - Träume sind Schäume! 1945/46 hat die US Regierung in Deutschland auch gesagt, für Kinder von GIs mit deutschen Fräuleins zahlt die US Regierung nichts. Hat da schon mal eine Missbrauch geschrien?
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    Heinz Meier 11.09.2025 um 13:28
    Worin besteht das öffentliche Interesse an Sex and Crime? Nur auf Sexualität isolierte Beurteilung menschlichen Scheiterns ist eher peinlich. Schon Augustinus ist dieser „Vergiftung des Eros“ verfallen. Die Bibel verortet das Böse im menschlichen Herzen, nicht in einem isolierten Trieb. Das Leben (inkl. Sexualität) ist Geschenk, was daran besonders „gross“ ist, soll dem persönlichen Empfinden zugestanden werden. Aber der latente Spott über den „Fall des Gerechten“ ist kein biblisches Lob.
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    Stefan Fleischer 09.09.2025 um 19:23
    Mir wäre es lieber, wenn solche Artikel hier nicht erscheinen würden. Ich glaube, wir sollen nicht auch noch in den Chor jener einstimmen, die mit Sex and Crime Abozahlen machen wollen Dies einerseits. Andererseits ist sollte ein Bischof für uns auch dann noch eine geweihte Person sein, wenn wir mit seiner Amtsführung nicht ganz einverstanden sind. Und nicht zuletzt; Kritik ist m.E. nur dann christlich, wenn sie von der Liebe getragen ist.