Dragqueen (Brett Sayles/Pexels)

Kirche Schweiz

St. Gal­ler City­seel­sorge im Abseits

Am 18. Sep­tem­ber fin­det in St. Gal­len die Ver­an­stal­tung «Deep Drag. Hoff­nung und Erin­ne­rung» statt, «Ein Abend zwi­schen Per­for­mance, Gespräch und Begeg­nung». Das Ver­stö­rende daran: Orga­ni­siert wird der Anlass von der «City­seel­sorge der Katho­li­schen Kir­che im Lebens­raum St. Gallen».

«Deep Drag» verbinde die Kunstform Drag mit gesellschaftlichen, spirituellen und kulturellen Fragestellungen, so die Erklärung auf dem Flyer. Dabei entstehe ein offener Raum für Performance, Gespräch und gemeinsames Nachdenken über das, was Menschen unabhängig von Alter, Herkunft oder Lebensweise bewegt.

Die Kunstform Drag spielt mit den Geschlechtern. «Darin können Fragen sichtbar werden, die auch Religion und Theologie seit Jahrhunderten beschäftigen: Was macht einen Menschen aus? Was ist äussere Zuschreibung, was innere Identität? Welche Rollen übernehmen wir? Was bedeutet Verwandlung? Was sehen andere in mir – und wer bin ich vor Gott?», erklärt Ann-Katrin Gässlin, die für den Anlass verantwortlich zeichnet. Es sei den Verantwortlichen bewusst, dass solche Fragen gesellschaftlich und auch innerkirchlich kontrovers diskutiert werden. «Wir halten es jedoch nicht für die Aufgabe kirchlicher Kulturarbeit, nur diejenigen künstlerischen Ausdrucksformen zuzulassen, die sich unmittelbar als Illustration kirchlicher Lehrsätze verstehen lassen.»

Angesprochen auf das überholte Frauenbild, das Dragqueens oft vertreten (stark geschminkt, sexualisierte Kleidung, High Heels), erklärt Ann-Katrin Gässlein: «Man kann diese Ästhetik mögen, irritierend finden oder kritisch hinterfragen. Auch genau darüber kann gesprochen werden. Interessanter erscheint uns vielmehr die Frage, die Kunst immer stellen soll: Wie entstehen eigentlich unsere Vorstellungen von «weiblich» und «männlich»? Welche Bilder haben Kultur, Werbung, Gesellschaft und auch Religion über Jahrhunderte geprägt? Was davon ist hilfreich, was einengend und was vielleicht sogar befreiend?»

Was nicht passt, wird passend gemacht
Immer wieder betont Ann-Katrin Gässlein in ihren Antworten, dass es um eine Kulturveranstaltung ginge. Doch organisiert wird der Anlass von der «Cityseelsorge der Katholischen Kirche im Lebensraum St. Gallen». Was also hat das Ganze mit Seelsorge zu tun?

«‹Deep Drag› würden wir insbesondere im Bereich von Koinonia und Martyria (sic) verorten, mit Berührungspunkten zur Diakonia», so ihre Antwort. «Koinonia verstehen wir dabei als Auftrag, Räume wirklicher Begegnung zu schaffen zwischen Menschen mit unterschiedlichen Biografien, Lebensentwürfen, Überzeugungen und Zugängen zu Religion. Martyria, das Zeugnis des Glaubens, bedeutet für uns nicht ausschliesslich, fertige Antworten zu verkünden. Es geht auch darum, die grossen Fragen des Menschseins wachzuhalten und sie im Licht unserer Tradition zur Sprache zu bringen.»

Das klingt auf den ersten Blick überzeugend, nur: Koinonia steht für die Identität der christlichen Gemeinde, für die Kirche als Gemeinschaft der Gläubigen untereinander und mit Gott, verbunden durch den Heiligen Geist. Gerade der Ausdruck «unterschiedlichen … Zugängen zu Religion» ist bezeichnend: Es geht nicht um die eine Religion, die im katholischen Glauben ihren Ausdruck findet, sondern um die vage Idee von Religion. Und Martyria bedeutet keineswegs das Wachhalten grosser Fragen: «Nicht die Plausibilität philosophischer oder theologischer Argumentation, sondern das Erzählen und Erinnern dessen, ‹was geschah› und was wir deshalb im Horizont der Gottesherrschaft erwarten dürfen (und fürchten müssen), führt und hält eine christliche Gemeinde zusammen und drängt sie dazu, auch die Menschen in ihrem Umfeld – zuerst durch ihren Lebensstil und dann, auf Nachfrage hin, auch durch ihr Wort – auf den Grund ihrer Hoffnung aufmerksam zu machen (1 Petr 3,15)» (LTHK 6, Stichwort: Martyria).

Die Sache mit dem Doppelpunkt
«Deep Drag» ist also weder ein Auftrag der Koinonia noch der Martyria. Der Anlass trägt nur zur Verwirrung bei, denn Dragqueens schlüpfen nicht einfach in eine weibliche Rolle wie Travestiekünstler, sondern wollen eine weibliche Identität mit eigenem «Drag-Namen» erschaffen und haben einen klaren Bezug zur LGBT-Szene.

Die Lehre der Katholischen Kirche besagt, dass Gott den Menschen als sein Abbild, als Mann und Frau, schuf (vgl. Gen 1,27). Da von Gott geschaffen, soll jeder Mensch, ob Mann oder Frau, «seine Geschlechtlichkeit anerkennen und annehmen» (KKK 2333).

«Über sich selbst verfügen zu wollen, wie es die Gender-Theorie vorschreibt, bedeutet ungeachtet dieser grundlegenden Wahrheit des menschlichen Lebens als Gabe nichts anderes, als der uralten Versuchung des Menschen nachzugeben, sich selbst zu Gott zu machen und in Konkurrenz zu dem wahren Gott der Liebe zu treten, den uns das Evangelium offenbart», so «Dignitas infinita» 57.

Auf dem Flyer der Veranstaltung wird der sogenannte Gender-Doppelpunkt verwendet, der suggeriert, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt. Auf die Frage, wie Sie resp. die Pfarrei zur Lehre der Kirche betreffend Geschlechter steht, weicht Ann-Katrin Gässlein aus. «Der Gender-Doppelpunkt ist für uns zunächst eine sprachliche Form, mit der Menschen angesprochen werden sollen, die sich von einer rein männlichen Form nicht angesprochen fühlen. Aus einer typografischen Konvention würden wir keine umfassende theologische oder lehramtliche Aussage über die Anthropologie des Menschen ableiten.
Unabhängig von unterschiedlichen Positionen in der gegenwärtigen Debatte ist für unsere pastorale Arbeit entscheidend: Menschen begegnen uns in sehr unterschiedlichen Lebensgeschichten und mit unterschiedlichen Erfahrungen von Körper, Geschlecht und Identität. Als Kirche wollen wir ihnen zunächst als Menschen begegnen und sie in ihrer Würde und ihrer konkreten Lebenswirklichkeit ernst nehmen.»

Das ist aber keine Antwort auf unsere Frage. Da Ann-Katrin Gässlein die Frage bewusst nicht beantworten will, darf man davon ausgehen, dass sie die Lehre der Kirche nicht teilt. Das zeigt sich auch daran, dass der Gender-Doppelpunkt verwendet wird. Da die Kirche getreu dem Bibelwort «Als Mann und Frau erschuf er sie» nur zwei Geschlechter kennt, dürfen Christen ehrlicherweise Menschen nicht mit einem anderen Geschlecht ansprechen – damit schaffen sie eine Wirklichkeit, die es (aus Sicht der Katholischen Kirche) eben nicht gibt.

Selbstverständlich soll in der Pastoral allen Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht, sozialen Status usw. begegnet werden, denn alle Menschen haben die gleiche Würde. Das erklärt aber nicht, warum die «Cityseelsorge der Katholischen Kirche im Lebensraum St. Gallen» einen «Deep Drag» veranstaltet. Möchte Sie über «Hoffnung und Erinnerung» mit den Menschen ins Gespräch kommen, wäre ein Abend über Jesus Christus angebracht, der unsere wahre Hoffnung ist.

Spenden für queere Menschen
Ebenso unverständlich ist, dass die Spenden (der Eintritt ist frei) an den Verein HAVEN99 gehen. Der Verein bietet WGs für queere junge Menschen an. Auf unsere entsprechende Frage antwortete Ann-Katrin Gässlein: «Umgekehrt gefragt: Warum sollte es nicht Aufgabe der Kirche sein, Menschen zu unterstützen, wenn sie Unterstützung, Gemeinschaft oder einen sicheren Ort benötigen?» Und weiter: «Queere Menschen gehören zu unserer Gesellschaft, zu unseren Familien, Freundeskreisen – und selbstverständlich auch zu unserer Kirche. Manche von ihnen haben Erfahrungen von Ausgrenzung, Ablehnung oder Verletzung gemacht, nicht zuletzt auch in kirchlichen Zusammenhängen. Ihnen mit Respekt zu begegnen und dort Unterstützung zu ermöglichen, wo sie benötigt wird, verstehen wir nicht als Gegensatz zu unserem kirchlichen Auftrag, sondern als Ausdruck davon.»

Auch das kommt auf den ersten Blick wieder sehr christlich daher. Doch wie bereits erwähnt, kennt die Katholische Kirche nur zwei (biologische) Geschlechter. Queer im Sinne eines dritten oder sozialen Geschlechts kennt sie nicht. Wenn sich jemand seinem genotypisch vorgegebenen Geschlecht nicht zugehörig fühlt, wird das als Persönlichkeitsstörung gedeutet. Ist es wirklich christlich, jemanden, der an einer Persönlichkeitsstörung leidet, darin zu unterstützen? Sich finanziell daran zu beteiligen, ihm einen sicheren Ort zu ermöglichen, wo er seine Persönlichkeitsstörung pflegen kann?

Finanziert mit Kirchensteuergeldern
Es soll nicht die letzte «Deep Drag»-Veranstaltung bleiben. «Weitere Veranstaltungen sind grundsätzlich denkbar bzw. vorgesehen. Dabei soll es jeweils um existenzielle, religiöse, kulturelle und spirituelle Themen gehen, die durch Performance und anschliessendes Gespräch erschlossen werden. Uns interessiert dabei die Verbindung von Kunst und Themen, die tief in der christlichen Tradition verwurzelt sind. Begriffe wie Erinnerung, Hoffnung oder Wandlung gehören zum Kernbestand christlichen Denkens und Glaubens. Zugleich sind es Menschheitsthemen, zu denen Menschen auch ausserhalb kirchlicher Räume Zugänge haben.»

Und wieder irritiert die Antwort: Dragqueens als «tief in der christlichen Tradition verwurzelt»?

Es ist fatal, dass die «Cityseelsorge der Katholischen Kirche im Lebensraum St. Gallen» die Kirchensteuern für einen Anlass zweckentfremdet, der faktisch wenig bis gar nichts mit dem christlichen Glauben zu tun hat und nichts zur Erneuerung der Kirche im Sinne einer Neu-Evangelisierung beiträgt. Durch die Zusammenarbeit mit Dragqueens vermittelt das Format «Deep Drag» im Gegenteil den Eindruck, die Katholische Kirche würde die Genderideologie teilen. Statt das Evangelium zu verkündigen, geschieht hier eine Anbiederung an den Zeitgeist.

Noch fataler ist jedoch, dass die Verantwortlichen der «Cityseelsorge der Katholischen Kirche im Lebensraum St. Gallen» die Lehre der Katholischen Kirche zurechtbiegen, bis sie ihrem eigenen, queeren Verständnis von Kirche entspricht.


Rosmarie Schärer
swiss-cath.ch

E-Mail

Rosmarie Schärer studierte Theologie und Latein in Freiburg i. Ü. Nach mehreren Jahren in der Pastoral absolvierte sie eine Ausbildung zur Journalistin.


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Bemerkungen :

  • user
    Joseph Laurentin 16.09.2026 um 15:51
    Papst Leo XIV. trägt auch hier letztlich Verantwortung. Er wusste, wen er im Mai 2025 als Bischof von St. Gallen bestätigte. Es ist kaum vorstellbar, dass Bischof Beat Grögli von einer öffentlich angekündigten Veranstaltung wie «Deep Drag» keine Kenntnis erhält. Ein korrigierendes Eingreifen erscheint jedoch wenig wahrscheinlich, da die Ausrichtung der Cityseelsorge seiner eigenen inklusionsorientierten Pastoral entspricht. Darin zeigt sich ein Fortschreiten des kirchlichen Kurswechsels: Nicht mehr die klare Orientierung an Schrift, Tradition und verbindlicher Lehre gibt den Ton an, sondern die Anpassung der Pastoral an gesellschaftliche Vorstellungen von Geschlecht und Sexualität.