(Symbolbild: Ismael Paramo/Unsplash)

Hintergrundbericht

Stu­die über­rascht: Jeder sechste junge Erwach­sene in Deutsch­land offen für Kircheneintritt

INSA-​Erhebung zeigt wach­sende Reli­gio­si­tät bei unter 30-​Jährigen – War­nung vor kirch­li­chen Sonderwegen.

Eine neue Religionsstudie, die von INSA-Consulere, einem der führenden demoskopischen Institute Deutschlands, im Auftrag der «Initiative Neuer Anfang» und der katholischen Wochenzeitung «Die Tagespost» erarbeitet wurde, hat die «Initiative Neuer Anfang» am 5. Januar 2026 in Rom vorgestellt. Partner bei der Vorstellung der Studie sind neben der «Tagespost» auch die unabhängige Evangelische Nachrichtenagentur IDEA.

Es handelt sich um eine neue, ökumenisch angelegte Studie. Diese bleibt nicht an der soziologischen Oberfläche: Sie erkundet Milieus und geht in die Tiefe von Einstellungen und spirituellen Transformationen. Sie versucht, die neuesten Entwicklungen in religiösen Fragen auszuloten. Strukturen zerbrechen schneller als gedacht, Konventionen lösen sich auf. Im Gegenzug definieren sich jüngere Menschen zunehmend als gläubig. In Frankreich wurde im vergangenen Jahr eine bis dato nicht für möglich gehaltene Anzahl junger Erwachsener getauft. In anderen europäischen Ländern zeigen sich ähnliche Tendenzen. Die Studie geht – bezogen auf Deutschland – den entscheidenden Fragen nach. Warum gehen Sie auf die Kirche zu? Was glauben Sie? Was suchen Sie? Was ist Ihnen wichtig?

Wichtigste Ergebnisse der Studie
Für die INSA-Studie wurden über 2000 Menschen in Deutschland befragt.

24 Prozent der Katholikinnen und Katholiken geben an, dass sie in den nächsten zwei Jahren aus der Kirche austreten wollen; bei den Mitgliedern der Evangelischen-Landeskirchen sind es 21 Prozent, bei den Freikirchen 16 Prozent. Umgekehrt können sich 8 Prozent vorstellen, (wieder) in eine christliche Kirche einzutreten. Bei den 18- bis 29-Jährigen sind es 16 Prozent, also jeder Sechste. Nicht überraschend: 65 Prozent der Katholiken sind für die Abschaffung der Kirchensteuer.

Insgesamt glauben 42 Prozent aller Befragten an einen Gott, 45 Prozent hingegen nicht. Bei den unter 30-Jährigen glauben 53 Prozent an Gott. Von den Kirchenmitgliedern geben nur gerade 47 Prozent an, gläubige Christen zu sein. Fast jeder Fünfte (18 Prozent), der sich selbst als Christ bezeichnet, glaubt nicht an Gott.

Auf die Frage: «Meinen Sie, dass man Ihnen anmerkt, dass Sie Christ sind?» antworteten 64 Prozent der unter 30-Jährigen mit Ja, bei den über 70-Jährigen waren es lediglich 26 Prozent. 55 Prozent der Befragten erachten die Bibel und die Tradition als verbindlich, 21 Prozent erkennen nur die Bibel als verbindlich an. 48 Prozent der Befragten beten regelmässig. 84 Prozent haben die Erfahrung gemacht, dass ihre Gebete wirken.

Interessant auch, was die Befragten unter «Christentum» verstehen: 28 Prozent nennen «Gottes- und Nächstenliebe», es folgt die «Orientierung an den Zehn Geboten» mit 24 Prozent, der «Glaube an die Dreieinigkeit» steht mit 22 Prozent an dritter Stelle. «Das Christentum wird also primär als Liebesreligion wahrgenommen, erst danach als Offenbarungsreligion», kommentiert Thomas Philipp Reiter das Ergebnis auf der Webseite der «Initiative Neuer Anfang».

Jeder Sechste findet den «Synodalen Weg» der Katholischen Kirche in Deutschland richtig, knapp jeder Fünfte findet ihn falsch. Bei den Katholiken selbst findet nur jeder Fünfte den «Synodalen Weg» richtig. Bemerkenswert: 39 Prozent der Befragten haben noch nie davon gehört.

Das religiöse Feld nicht anderen überlassen
Der «Neue Anfang» befand sich letzte Woche mit einer gut hundertköpfigen Pilgergruppe in Rom. Die Präsentation der Studie erfolgte anlässlich eines Podiumsgespräches am vergangenen Montagabend, an dem der Gründer und Geschäftsführer von INSA Consulere, Hermann Binkert, Franziska Harter, Chefredakteurin der «Tagespost», Helmut Matthies, ehemaliger Chefredakteur von IDEA, Christian Hümpfert und Martin Brüske, Theologe und Mitgründer der «Initiative Neuer Anfang» teilnahmen.

«Christen dürfen das Feld des Religiösen nicht den anderen überlassen», sagte Franziska Harter bei der Vorstellung der Studie. «Wenn in Deutschland jeder sechste junge Nicht-Christ und jeder siebte Muslim sich vorstellen kann, einer christlichen Kirche beizutreten, dann ist das ein klarer Auftrag.» Als entscheidende Frage bezeichnete es die Journalistin, ob es genug «hippe Missionare» gebe, die bereit seien, dort von ihrem Glauben Zeugnis zu geben, wo Menschen auf der Suche sind. «Sind die christlichen Gemeinschaften überhaupt darauf vorbereitet, mit offenen Armen zu empfangen, wer an die Türe klopft?», fragte Franziska Harter und begründete damit zugleich die Durchführung dieser Studie.

«Die Zahl der Getauften in Deutschland beträgt 73 Prozent», so Hermann Binkert. «Sie ist etwa 50 Prozent höher als die Zahl derjenigen, die noch den öffentlich-rechtlichen Körperschaften, der katholischen Kirche (23,7 Prozent) und den evangelischen Landeskirchen (21,5 Prozent), angehören.» Viele unter den getauften Nicht-Kirchenmitgliedern seien nach wie vor gläubig bzw. offen für den Glauben, stellt der Geschäftsführer von INSA fest. «In den nächsten zwei Jahren will jeder vierte deutsche Katholik aus der Kirche austreten. Mir ist wichtig, dass die Katholische Kirche diese grosse Gruppe der getauften Nicht-Kirchenmitglieder in Deutschland (28 Prozent), die grösste Gruppe überhaupt, in den Blick nimmt.»

Zwei Dinge findet der Theologe Martin Brüske besonders spannend: «Erstens: Noch zuletzt hat der Religionssoziologe Jörg Stolz aus Lausanne die durch viele Beobachtungen gestützte These wiederholt: ‹Jede Generation ist etwas weniger religiös als die vorhergehende.› Dieser scheinbar eiserne Trend ist in den neuen Daten durchbrochen. Das ist höchst aufregend! Zum Zweiten: Eine kirchenpolitisch motivierte Auswertung der letzten KMU suggerierte: Fast alle Katholiken wollen Reformen in der Art des Synodalen Wegs. Kritisch sei eine verschwindende Minderheit. Bei genauerer Nachfrage löst sich diese Suggestion auf, wie die neuen Daten zeigen. Auch dieses Ergebnis ist höchst bemerkenswert!»

«Insbesondere die jüngere Altersgruppe ist gläubig und offen für die Kirche», ergänzt Binkert. «Jeder Sechste (16 Prozent) unter 30-Jährige will eintreten. Sie und die vielen, die sich durch die Heilige Schrift und Tradition der Kirche angesprochen fühlen, das sind 55 Prozent, sollten nicht durch deutsche Sonderwege wie den sogenannten ‹Synodalen Weg› der Deutschen Bischofskonferenz abgeschreckt werden.»

Die vorgestellte Studie wurde unter anderem Papst Leo XIV. übergeben. In einer ausführlich kommentierten Version wird sie als Buch voraussichtlich im ersten Halbjahr 2026 erscheinen.
 

Der Neue Anfang ist eine freie Initiative von Katholiken, die ihre Kirche lieben. Aus der Wurzel des Arbeitskreises Christliche Anthropologie ist die Initiative in der Zeit des Synodalen Weges in Deutschland als theologisch-philosophisches Forum hervorgegangen. Der Neue Anfang sucht die Treue zum Evangelium, die Einheit mit der ganzen Kirche und ihre glaubwürdige Erneuerung. Es ist das Bestreben der Initiative, durch mutige Worte, gute Theologie, geistliche Tiefe und klare Positionen Orientierung zu geben.

Die Tagespost ist eine unabhängige Wochenzeitung für Politik, Gesellschaft und Kultur. Seit 1948 berichtet sie aus einer katholisch geprägten Perspektive und versteht sich als Stimme im öffentlichen Diskurs. Ihr Anspruch ist es, relevante Themen einzuordnen und Debatten über Kirche, Politik und Kultur hinaus in einen grösseren gesellschaftlichen Zusammenhang zu stellen. Die Tagespost richtet sich an Leserinnen und Leser, die eine fundierte Einordnung suchen – wertebasiert, meinungsstark und anschlussfähig für den säkularen Mediendiskurs.


Redaktion


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Bemerkungen :

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    Stefan Fleischer 12.01.2026 um 16:42
    Schön und gut. Doch worauf mag diese Bewegung zurückzuführen sein, in einer Zeit, wo der Glaubensgehorsam immer mehr schwindet? «Ein harmloser Gott ergibt eine harmlose Kirche.» schrieb jüngst ein Aphoristiker. Für mich liegt nahe, dass es diese neue, harmlose Kirche ist, dieser neue, harmlose Gott, was besonders die Jugend anzusprechen vermag. Das aber ist eine Verkürzung der Schrift. «Wie ein Vater sich seiner Kinder erbarmt, / so erbarmt sich der Herr über alle, die ihn fürchten.» (Ps 103,13) Dieses «die ihn fürchten» kommt dort 22 Mal vor. In Lk 9,23 wiederum steht z.B.: «Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach.» Und Johannes präzisiert: «Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt; wer mich aber liebt, wird von meinem Vater geliebt werden und auch ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren.» (Joh 14,21) Das war die Botschaft in meinem Religionsunterricht vor über 70 Jahren. Damit aber glaubt man heute niemanden mehr für den Glauben, genauer gesagt für die Institution Kirche, gewinnen zu können.
    • user
      Daniel Ric 15.01.2026 um 14:26
      Ich finde es nicht fair, diesen jungen Menschen zu unterstellen, sie fühlen sich nur deshalb angezogen von der Kirche, da man ihnen eine "light"-Version anbietet. Zu behaupten, vor 70 Jahren hätten die Gläubigen sich strikter an Gottes Gebote gehalten, stellt auch ein Narrativ dar, das bei genauerer Überprüfung wohl nicht standhält. Damals gehörte es einfach dazu, Christ zu sein, und viele waren dies wohl ohne innere Überzeugung. Sehr lesenswert ist dabei der Vortrag von Joseph Ratzinger "Die neuen Heiden und die Kirche", den er bereits 1958 hielt.
      Ich finde es sehr beeindruckend und ein Zeichen für Gottes Existenz und Liebe zu uns Menschen, dass es in unseren säkularisierten Zeiten immer noch viele junge Menschen gibt, die Christus suchen. Nehmen wir dies als Zeichen der Ermutigung.
  • user
    Hansjörg 12.01.2026 um 13:13
    Die Statistik belegt dennoch einen Rückgang kirchlicher Trauungen in der Schweiz. So finden nur noch etwa 9,2 % der Eheschliessungen kirchlich statt.
    Die daraus folgende Logik: die Kinder dieser Eheleute werden wohl auch nicht sehr begeisterte Kirchengänger sein und die Landeskirchen werden weiterhin Mitglieder verlieren.
  • user
    Dr. theol. Emil Hobi, kath. Priester 12.01.2026 um 12:05
    Bei einer Rückkehr zu einer der christlichen Gemeinschaften, aus der man ausgetreten ist, würde ich aus katholischer Sicht empfehlen ernsthaft die direkte Heimkehr zur katholischen Mutterkirche in Erwägung zu ziehen. Seit den Tagen der Apostel existierte diese Kirche, als die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche (Konzil v. Nizäa 325 n. Chr.); ausgehend von der Jüngerschaftsgemeinde in Jerusalem, dem petrinischen Amt und den von eben dieser Kirche kanonisierten Evangelien, als Primärquelle unseres Glaubens. Trotz des Versagens der Apostel und auch von uns Katholiken und Katholikinnen dürfen wir durch die Gnade Gottes im Vollsinne Kirche Christi sein. Das Neue Testament haben wir ja auch nur durch die Kanonisierungsprozesse durch eben diese Kirche - apostolische Tradition, Kanon Muratori der röm. Kirche, Synoden und Konzilien - vom ersten bis ins vierte Jahrhundert. Würde ich behaupten, die vom Herrn gegründete ursprüngliche Kirche, sei irgendwann nicht mehr Kirche Christi geworden, schiene es mir als ob ich den Heiland selbst zum Lügner erklärte. Der Gottmensch hat seiner Kirche verheissen, dass die Pforten der Hölle sie nicht überwältigen werden (vgl. Mt 16,13-20). Der dreieinige Gott hält seine Verheissungen durch alle menschlichen Irrungen und Wirrungen hindurch ein.