Pater Gregor Schmidt auf einer Wanderung zu einer Kapelle. (Bild: «Kirche in Not (ACN)»)

Weltkirche

Sudan: Gre­gor Schmidt im Dienste eines geschun­de­nen Volkes

Die huma­ni­täre Misere im Süd­su­dan droht im Wind­schat­ten der Kriege zwi­schen den USA und dem Iran, zwi­schen Russ­land und der Ukraine in Ver­ges­sen­heit zu gera­ten. Das Hilfs­werk «Kir­che in Not» hat Comboni-​Missionar Gre­gor Schmidt in die Schweiz ein­ge­la­den, um aus ers­ter Hand über die Lage in die­sem von Bür­ger­krie­gen und Natur­ka­ta­stro­phen heim­ge­such­ten Land zu berichten.

Hierzulande dürfte Josefine Bakhita den wenigsten ein Begriff sein. In Italien ist sie unter dem Namen Madre Moreta, als schwarze Mutter, bekannt. Die 1869 im Sudan geborene Schwarzafrikanerin wird als Sklavin in den Norden des Landes verschleppt. Sie kann die Narben an ihrem Körper einzeln aufzählen. Narben, die von den «Markierungen» ihrer jeweiligen muslimischen «Besitzer» stammen. Man ritzt ihr Wunden auf die Brust, den Bauch und den rechten Arm, streut Salz hinein, um sie so buchstäblich lebenslänglich zu brandmarken.
Dem italienischen Konsul in Khartum gelingt es schliesslich, sie freizukaufen.

Josefine Bakhita findet Obhut bei den Canossianerinnen von Venedig, wo sie zum christlichen Glauben findet. Sie nimmt den Namen Giuseppina an und setzt sich für die Missionierung ihrer sudanesischen Heimat ein. Als sie 1947 stirbt, nehmen Tausende an ihrer Bestattung teil. Papst Johannes Paul II. hat sie im Jahre 2000 heiliggesprochen.

Die Zeiten, als Frauen und Kinder aus dem mehrheitlich naturreligiösen und christlichen Süden des Sudan in den arabisch-muslimischen Norden des Landes und dessen Nachbarländer verschleppt und versklavt wurden, sind – wenigstens als Massenphänomen – glücklicherweise vorbei.

Doch die Hoffnungen, dass sich die Verhältnisse im Südsudan nach dessen im Jahre 2011 erlangter staatlicher Unabhängigkeit zum Besseren wenden würden, haben sich nicht erfüllt. Hauptursachen sind die wiederkehrenden Naturkatastrophen, seien es Dürreperioden oder Überschwemmungen, sowie in Bürgerkriege ausartende Stammesrivalitäten zwischen den wichtigsten Ethnien, den Dinka und den Nuer, wobei der Kampf um die beträchtlichen Erdölreserven eine wichtige Rolle spielt. Der staatlichen Unabhängigkeit waren 2002 Verhandlungen auf dem Bürgenstock zwischen der Regierung in Khartum und der südsudanesischen Rebellenarmee SPLA vorausgegangen, die in einen Waffenstillstand mündeten.

Der Südsudan ist flächenmässig 15 Mal grösser als die Schweiz, zählt aber nur rund 11,5 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner. Zurzeit leben 1,8 Millionen Binnenflüchtlinge im Land, über 2 Millionen sind in die Nachbarländer geflohen. Hungersnöte und Unterernährung sind weit verbreitet, der Anteil an Analphabeten beträgt ca. 65 Prozent – weltweit ein Spitzenwert. Darüber hinaus leiden gemäss UNO-Angaben rund 30 Prozent der Bevölkerung an Unterernährung.
 


«Afrika durch Afrika retten»
Umso wichtiger und bewundernswerter ist es, dass trotz unüberwindlich scheinender politischer und gesellschaftlicher Hindernisse Menschen bereit sind, vor Ort das Los der leidenden Bevölkerung nachhaltig zu verbessern. Zu ihnen gehört Gregor Schmidt. Der 1973 im damaligen West-Berlin geborene Deutsche hat die Comboni-Missionare bei einem Seelsorge-Einsatz in Peru kennengelernt. Diese Gemeinschaft trägt den Namen ihres Gründers Daniele Comboni (1831–1881). Er gründete 1867 die Comboni-Missionare und fünf Jahre später die Comboni-Missionsschwestern. Sein visionärer Leitsatz lautet: «Afrika durch Afrika retten». Der heiliggesprochene Daniele Comboni wurde der erste katholische Bischof von Zentralafrika. Sein Fokus lag auf der Evangelisierung und der sozialen Entwicklung der ärmsten und am meisten vernachlässigten Völker, vor allem im Sudan.

Pater Gregor Schmidt zu seinem Ordensgründer gegenüber «swiss-cath.ch»: «Das Christentum hat sich schon früh im Sudan ausgebreitet. Ich verweise in diesem Zusammenhang auf das 8. Kapitel der Apostelgeschichte. 1500 Jahre war es dort präsent, bis es vom Islam oft unter Gewalt verdrängt wurde. Unser Gründer Daniele Comboni war einer der Ersten, die sich diesem Verdrängungsprozess erfolgreich entgegensetzte.»

Seit 2009 ist Pater Georg Schmidt mit Leib und Seele im Südsudan im Einsatz. Zu Beginn war er in der Pfarrei Holy Trinity beim Volk der Nuer tätig. Schon bald wurden seine kirchlichen Vorgesetzten auf sein erfolgreiches Wirken aufmerksam. Anfang 2023 folgte seine Ernennung zum Provinzial der Comboni-Missionare im Südsudan. Vergangene Woche weilte Pater Gregor Schmidt auf Einladung des Hilfswerks «Kirche in Not» in der Schweiz, um über die existentiellen Nöte, aber auch die von gläubiger Zuversicht getragene Hoffnung der südsudanesischen Bevölkerung zu berichten.
 


Überlebenswichtige Präsenz der Kirche
Letzte Station seines Schweiz-Besuchs war die Pfarrei St. Laurentius in Winterthur. Besonders eindrücklich war sein Dia-Vortrag im Anschluss an die Eucharistiefeier. Die Präsenz der Kirche ist im Südsudan unter anderem deshalb so wichtig, weil so etwas wie staatliche Strukturen kaum existieren, sondern vielmehr stammesbezogene Willkür den Alltag des Volkes beherrscht. Die Unterstützung von «Kirche in Not» gilt in Zusammenarbeit mit dem Ortsklerus vorab der Finanzierung von Transportmitteln, um Hilfslieferungen auch in abgelegene Gebiete zu ermöglichen. Infolge chronischer Überschwemmungen sind die Verkehrswege in einem desolaten Zustand. Hinzu kommt die Lieferung von Geräten wie Pflügen, um den Bauern eine effizientere Bewirtschaftung ihrer Böden zu ermöglichen, sowie die Mitfinanzierung der Pastoral.

Im Jahre 2024 unterstützte «Kirche in Not» Projekte im Südsudan im Gesamtumfang von 660 000 Franken. Pater Georg Schmidt: «Ohne die Hilfe von ‹Kirche in Not› könnten wir Comboni-Missionare unsere vielfältigen Aufgaben nicht erfüllen.» Ein besonderes Augenmerk richtet Pater Schmidt auf die Verbesserung der Lage der Frauen – und dies heisst vor allem auch Einsatz für die Monogamie. Denn aufgrund tief verwurzelter Traditionen ist es immer noch das erstrebenswerteste, weil prestigeträchtigstes Ziel mancher Männer, möglichst viele Frauen und möglichst viele Rinder zu haben – als manifestes Symbol von Reichtum und Macht.

Pater Schmidt lässt sich von den offensichtlichen, zahllosen Schwierigkeiten und Hindernissen nicht entmutigen. Denn: «Trotz Gewalt und Entbehrung halten die Menschen an ihrem Glauben fest. Die Kirche hilft ihnen, nicht zu verzweifeln» und: «Im Südsudan ist das Christentum jung und voller Vitalität. Am Sonntag dauern die Gottesdienste drei Stunden, weil die Gläubigen das so wollen. Die Kirchen sind oft zu klein für die vielen Gläubigen.» Das dem so ist, ist nicht zuletzt das Verdienst von selbstlos die Nachfolge Christi lebenden Menschen wie Pater Gregor Schmidt.


Niklaus Herzog
swiss-cath.ch

E-Mail

Lic. iur. et theol. Niklaus Herzog studierte Theologie und Jurisprudenz in Freiburg i. Ü., Münster und Rom.


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