Kardinal Theodolfo Mertel. (Bild: Leo Gesellschaft Wien, Public domain via Wikimedia Commons)

Weltkirche

Teo­dolfo Mer­tel – der letzte Kar­di­nal ohne Priesterweihe

Nur weni­gen ist bekannt, dass es unter den Kar­di­nä­len auch sol­che gab, die keine Pries­ter waren. Der letzte Pur­pur­trä­ger mit Dia­ko­nen­weihe war Teo­dolfo Mer­tel, der vor 125 Jah­ren, am 11. Juli 1899, starb.

Der Bäcker Isidor Mörtl (später Mertel) aus dem bayerischen Eglfing wanderte mit seiner Frau Maria Franziska, einer Vorarlbergerin, nach Italien aus. Seit 1803 wohnte das junge Paar in Allumiere, einer päpstlichen Bergwerkssiedlung im nördlichen Latium, 70 Kilometer nordwestlich von Rom. Dort kam am 6. Februar 1806 (nach anderen Angaben am 9. Februar) ihr erster Sohn Teodolfo Giovanni Antonio Mertel zur Welt

Bereits in der von Kapuzinern geleiteten Schule zeigte sich seine intellektuelle Begabung. So wurde ihm das Weiterstudium zunächst am Seminar in Montefiascone und danach an der Universität «Sapienzia» in Rom ermöglicht. Mit gerade einmal 22 Jahren promovierte er 1828 in «utroque iure», das heisst im weltlichen und kirchlichen Recht. Innert kurzer Zeit machte er sich einen guten Namen in Rom. Aufgrund seiner Fähigkeiten und seines sozialen Engagements wurde er Präfekt der «Congregazione di S. Ivo», die unentgeltlich die Verteidigung Mittelloser vor Gericht übernahm.

Ein Leben für die Kurie
Monsignore Giacomo Antonelli, der Unterstaatssekretär des Papstes und spätere Kardinalstaatssekretär, freundete sich mit Mertel an und förderte ihn; so kam Mertel 1831 als Jurist an die Römischen Kurie. 1843 wurde er zum Prälaten-Referendar der Apostolischen Signatur ernannt, ein Jahr später war er bereits stimmberechtigter Richter der Signatur und 1847 erfolgte die Berufung zum Richter der «Sacra Romana Rota» (Appellationsgerichtshof). Seine Fähigkeiten blieben Papst Pius IX. nicht verborgen und er berief ihn in die neu gegründete Kommission für die politischen Reformen.

Die Revolutionszeit von 1848 machte auch vor der Kirche nicht halt, Rufe nach einer Verfassung wurden laut. Pius IX. gab Teodolfo Mertel für ihre Ausarbeitung gerade einmal 36 Stunden Zeit. Doch Mertel schaffte das beinahe Unmögliche und legte einen 69 Artikel umfassenden Entwurf vor. Der Papst akzeptierte diesen ohne jede Änderung. Mertel wurde als besonderen Verdienst während seiner Amtszeit angerechnet, dass er in dieser schwierigen politischen Zeit stets für Frieden und Ausgleich sorgte.

Die Verfassung verhinderte nicht, dass der Papst vorübergehend ins Königreich Neapel flüchten musste. Nach seiner Rückkehr ernannte er Teodolfo Mertel zum Konsultor jener Kommission, die während seiner Abwesenheit mit der Regierung der Päpstlichen Territorien betraut war. Als Innen- und Justizminister (ab 1853) erwarb sich Mertel zusammen mit Monsignore François Xavier de Merode Verdienste um Verbesserung der Gerichtsverfahren und der Strafprozessordnung.

Kardinal wider Willen
Im Konsistorium vom 15. März 1858 berief ihn Papst Pius IX. gegen seinen ausdrücklichen Willen ins Kardinalskollegium und übertrug ihm die Diakonie des heiligen Eustachius – die Priesterweihe lehnte er aus Bescheidenheit ab. Die Diakonenweihe erfolgte erst zwei Monate nach der Kardinalserhebung, am 16. Mai – Teodolfo Mertel war zum Zeitpunkt seiner Ernennung zum Kardinal tatsächlich noch nicht geweiht. Er war der letzte Nichtpriester in der Geschichte, der zum Kardinal erhoben wurde.

Kardinal Mertel war weiterhin in der Kurie tätig. Unter anderem trug er die Verantwortung für die Einrichtungen für Taubstumme und Behinderte. Von 1863 bis 1871 war er zudem Präfekt des Staatsrates und ab 1877 stand er der Apostolischen Signatur vor.

Teodolfo Mertel nahm 1869/70 auch am Ersten Vatikanischen Konzil teil, das am 20. Oktober 1870 abgebrochen wurde, nachdem italienische Einigungstruppen Rom besetzt und den Kirchenstaat annektiert hatten. Er verfasste das Schreiben, mit dem Pius IX. gegen die völkerrechtswidrige Liquidierung des Kirchenstaates protestierte.

Papst Pius IX starb am 7. Februar 1878, als sein Nachfolger wurde Papst Leo XIII. (Gioacchino Pecci) gewählt. Da der Kardinalprotodiakon Prospero Caterini erkrankt war, fiel Kardinal Mertel – einem Diakon – die hohe Ehre zu, den Papst mit der dreifachen Papstkrone, der Tiara, zu krönen.

Papst Leo XIII. ernannte Mertel 1884 zum Vizekanzler der Heiligen Römischen Kirche; ein Amt, das er bis zu seinem Tod innehatte. Zu dieser Zeit liess er seinen Titel in den der Basilika San Lorenzo in Damaso ändern, die traditionsgemäss dem Vizekanzler zustand. Da Kardinal Mertel kein geweihter Priester war, wurde der Kardinal-Priestertitel von San Lorenzo in Damaso als Diakonat pro illa vice (für jenes eine Mal) behandelt.

Zu Kardinal Mertels Aufgaben gehörte unter anderem die Öffnung der Kirche für  Kultur, Technik und Wissenschaft sowie die Knüpfung vieler diplomatischer Beziehungen mit den Nachbarstaaten.

Breit gefächertes Interesse
Als Ausgleich zu seiner anstrengenden Arbeit widmete sich Teodolfo Mertel in seiner Freizeit mit grossem Interesse der Geologie; er besass eine Mineraliensammlung von hohem Wert. Ebenso verfolgte er mit Begeisterung die archäologischen Ausgrabungen in den römischen Katakomben. Er interessierte sich aber auch für historische Studien und verfasste unter anderem anonym zwei grundlegende Werke über seine Heimatstadt. Mit Allumiere fühlte er sich sein Leben lang verbunden und unterstützte grosszügig die dortige Armenfürsorge. Er besass eine ausgeprägte soziale Ader und hatte unter anderem vielen mittellosen Priesteramtskandidaten das Studium ermöglicht.

1889 zog sich Kardinal Mertel im Alter von 83 Jahren allmählich in den wohlverdienten Ruhestand nach Allumiere zurück, wo er am 11. Juli 1899, fast völlig erblindet, verstarb. Der in der Bevölkerung hochgeachtete Kardinal wurde in der Familiengruft bei der Wallfahrtskirche «Madonna delle Grazie al Monte» beigesetzt.

Trotz seines enormen Arbeitspensums hatte Kardinal Mertel stets Kontakt zu seinem Heimatort Eglfing gehalten, dem Ortspfarrer Sauter lateinische Briefe geschrieben und sich nach seiner Verwandtschaft erkundigt. Die Gemeinden Allumiere und Eglfing gingen 2000 eine Städtepartnerschaft ein. In Eglfing und Rom sind Strassen nach Teodolfo Mertel benannt.

Mit Kardinal Teodolfo Mertel starb der letzte Purpurträger, der keine höhere Weihe empfangen hatte als die eines Diakons. Achtzehn Jahre nach Mertels Tod verfügte Papst Benedikt XV. im «Codex Iuris Canonici 1917», dass alle Kardinäle zu Priestern geweiht sein müssen (Can. 232).


Rosmarie Schärer
swiss-cath.ch

E-Mail

Rosmarie Schärer studierte Theologie und Latein in Freiburg i. Ü. Nach mehreren Jahren in der Pastoral absolvierte sie eine Ausbildung zur Journalistin und arbeitete für die Schweizerische Kirchenzeitung SKZ.


Kommentare und Antworten

×

Name ist erforderlich!

Geben Sie einen gültigen Namen ein

Gültige E-Mail ist erforderlich!

Gib eine gültige E-Mail Adresse ein

Kommentar ist erforderlich!

You have reached the limit for comments!

* Diese Felder sind erforderlich.

Sei der Erste, der kommentiert