Der Erzpriester von Locarno Don Carmelo Andreatta (links) und Giovanni Bonetti, Präsident der Vinzenzkonferenz von Locarno, vor der Antoniuskirche in Locarno (© Karin Benz)

Kirche Schweiz

Tes­sin: 140 Jahre vin­zen­ti­ni­sche Nächstenliebe

Mit einem Fest­got­tes­dienst im Bei­sein des Apos­to­li­schen Admi­nis­tra­tors Alain de Raemy fei­erte die kari­ta­tive Vin­zenz­kon­fe­renz von Locarno ges­tern Sams­tag ihren 140. Geburts­tag. Die vin­zen­ti­ni­schen Frei­wil­li­gen schen­ken Hil­fe­su­chen­den nicht nur prak­ti­sche Unter­stüt­zung, son­dern vor allem geschwis­ter­li­che Wertschätzung.

«Herr, mach mich zu einem guten Freund aller.» So beginnt das Gebet, das die ehrenamtlichen Helfer der Vinzenzkonferenz von Locarno seit 140 Jahren beten. Heute ist Freiwilligenarbeit normal, aber zu Beginn des 17. Jahrhunderts war karitative Tätigkeit von Laien eine Neuheit. Was der französische Priester und Heilige Vinzenz von Paul (1581-1660) getan hat, war revolutionär und hat die Welt nachhaltig verändert: die gemeinsam organisierte Sorge für körperlich und geistig Kranke, Verlassene und Arme.

Pfarrer Vinzenz setzte sich als Seelsorger für Galeerensträflinge für einen menschlicheren Umgang mit Sträflingen ein, sorgte für Obdachlose und Bettler, Findelkinder, Flüchtlinge, organisierte Suppenküchen, gründete Anstalten für Geisteskranke und Gefangene, Armenspitäler und Pilgerhäuser. Dafür bettelte er unermüdlich Geld zusammen und zog freiwillige Helferinnen und Helfer aus allen Gesellschaftsschichten in seine Projekte mit ein.

Heute gibt es unzählige karitative Werke, die sich von ihm inspirieren lassen. In der Tat ist die weltweite Vinzenzfamilie etwas unübersichtlich. Da gibt es etwa den Volksmissionsorden der «Lazaristen» oder die damals gemeinsam mit Louise de Marillac gegründeten «Barmherzigen Schwestern», auch «Vinzentinerinnen» genannt. Auch Mutter Teresa liess sich für ihren Orden der Missionarinnen der Nächstenliebe von Vinzenz von Paul inspirieren, und alle kennen das katholische Hilfswerk Caritas.

In Locarno sind es zwei Gruppen, die mitunter auch zusammenarbeiten: die ehrenamtlichen Frauen Volontarie Vincenziane und die etwas ältere Vinzenzkonferenz, die gestern Samstag mit einer öffentlichen Dankesmesse in der Stiftskirche St. Antonio in Locarno ihren 140. Geburtstag feierte. Das karitative Dutzend in Locarno besteht fast nur aus Männern, was ihr Präsident Giovanni Bonetti gerne ändern möchte, «weil sich in gewissen Situationen Frauen besser als Ansprechpartnerinnen für die Hilfesuchenden eignen.» Der pensionierte Banker aus Orselina hatte vor einigen Jahren nach dem Pilgern auf dem Jakobsweg den Wunsch, seine Wallfahrt und seinen Glauben im Alltag zuhause fortzusetzen. Durch einen Bekannten kam er auf die Vinzenzkonferenz und engagiert sich seither für Menschen in seiner Region.

Eine Vinzenzkonferenz ist eine Gruppe von Ehrenamtlichen, die Hilfesuchende aller Art unterstützen, sei es materiell oder geistig, und die ihnen vor allem freundschaftliche Zuneigung schenken. Der Heilige Vinzenz sah in jedem Armen die Gegenwart Jesu, und diese ehrfürchtige Einstellung zu seinem Gegenüber verändert auch heute noch die Art und Weise, wie man eine Person behandelt und respektiert. 150 Jahre nach dem Tod des heiligen Vinzenz von Paul stellte die industrielle Revolution Europa vor neue soziale Probleme, was den jungen Studenten und späteren Literaturprofessor, den seligen Frédéric Ozanam (1813-1853), in Paris dazu bewog, 1833 gemeinsam mit anderen Studenten die Conférences de Charité (Konferenzen der Nächstenliebe) zu gründen. Die Organisation wurde 1853 dem Patronat des Heiligen Vincenz von Paul unterstellt und unter dem Namen Vinzenzkonferenzen in ganz Europa bekannt.

Heute existieren sie in 154 Ländern und ist mit ihren Hunderttausenden von Mitgliedern (manche sprechen von bis zu zwei Millionen) das grösste karitative Freiwilligen-Netzwerk der Welt! In der Schweiz wurde die erste Konferenz 1846 in Genf gegründet. Mittlerweile gibt es landesweit über 100 Gruppen mit rund 1000 Mitgliedern, die zwar in der Schweizerischen Vinzenzgemeinschaft organisiert sind, aber eigenständig handeln, denn jede Gruppe antwortet unbürokratisch mit den lokalen Kräften auf spezifische Anliegen, die ihr zugetragen werden.

Die Freiwilligen in Locarno stammen aus verschiedenen Berufen und Altersklassen. Sie treffen sich zweimal im Monat in der Antoniuspfarrei, feiern regelmässig die Heilige Messe und werden von zwei Priestern seelsorgerisch unterstützt. Jede Sitzung beginnt mit dem traditionellen und weltweit gültigen Vinzen-Gebet, das die Locarneser durch einen Schlusssatz ergänzt haben: «Allmächtiger Gott, lass uns nicht nur von Liebe sprechen, sondern lass uns wahrlich lieben.» Das gilt sowohl für die Freiwilligen untereinander als auch für die Menschen, die sie unterstützen.

Wenn jemand um Hilfe bittet oder von einer Pfarrei oder sogar einer staatlichen Stelle geschickt wird, bespricht man sein Anliegen zuerst im vierköpfigen Komitee, um möglichst schnell und effizient reagieren zu können. Dann wird die betroffene Person von jemandem individuell begleitet. «Wir wollen nicht aufdringlich sein,» betont Bonetti. «Wir machen Vorschläge, und die Person entscheidet frei, ob und was sie annehmen möchte.» Wieviel Engagement ein Einsatz benötigt, lässt sich nicht quantifizieren. Oder besser, man will nicht, denn «es geht nicht um das wieviel, sondern um das wie!»

Da ist z.B. die alleinerziehende Mutter mit drei kleinen Kindern, deren Mann keinen Unterhalt zahlt. «Wir geben ihr nicht nur Migros-Gutscheine, sondern versuchen, ihr Gesellschaft zu leisten und ihr zu helfen,» erklärt Bonetti. «Wir hören ihr zu, sind für sie da, helfen ihr bei Behördengängen und vermitteln ihr, dass sie eine Würde hat.» Da sind aber auch junge Menschen, die keine Hoffnung auf eine Zukunft haben, und immer mehr Menschen leiden unter der sozialen Isolation. In Zeiten der globalisierten Einsamkeit und Gleichgültigkeit reagieren die Anhänger des heiligen Vinzenz von Paul mit einer Globalisierung der Solidarität. «Unser Engagement ist ein Projekt der Hoffnung und des Lebens!» betont Bonetti, denn - wie Vinzenz von Paul selbst sagte: «Als einen glücklichen Tag sollten wir den betrachten, an dem wir etwas Böses verhindert oder etwas Gutes getan haben.»


Kathrin Benz

Kathrin Benz, Jahrgang 1963, ist Schweizer Journalistin und Autorin und lebt im Tessin.


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