«Herr, mach mich zu einem guten Freund aller.» So beginnt das Gebet, das die ehrenamtlichen Helfer der Vinzenzkonferenz von Locarno seit 140 Jahren beten. Heute ist Freiwilligenarbeit normal, aber zu Beginn des 17. Jahrhunderts war karitative Tätigkeit von Laien eine Neuheit. Was der französische Priester und Heilige Vinzenz von Paul (1581-1660) getan hat, war revolutionär und hat die Welt nachhaltig verändert: die gemeinsam organisierte Sorge für körperlich und geistig Kranke, Verlassene und Arme.
Pfarrer Vinzenz setzte sich als Seelsorger für Galeerensträflinge für einen menschlicheren Umgang mit Sträflingen ein, sorgte für Obdachlose und Bettler, Findelkinder, Flüchtlinge, organisierte Suppenküchen, gründete Anstalten für Geisteskranke und Gefangene, Armenspitäler und Pilgerhäuser. Dafür bettelte er unermüdlich Geld zusammen und zog freiwillige Helferinnen und Helfer aus allen Gesellschaftsschichten in seine Projekte mit ein.
Heute gibt es unzählige karitative Werke, die sich von ihm inspirieren lassen. In der Tat ist die weltweite Vinzenzfamilie etwas unübersichtlich. Da gibt es etwa den Volksmissionsorden der «Lazaristen» oder die damals gemeinsam mit Louise de Marillac gegründeten «Barmherzigen Schwestern», auch «Vinzentinerinnen» genannt. Auch Mutter Teresa liess sich für ihren Orden der Missionarinnen der Nächstenliebe von Vinzenz von Paul inspirieren, und alle kennen das katholische Hilfswerk Caritas.
In Locarno sind es zwei Gruppen, die mitunter auch zusammenarbeiten: die ehrenamtlichen Frauen Volontarie Vincenziane und die etwas ältere Vinzenzkonferenz, die gestern Samstag mit einer öffentlichen Dankesmesse in der Stiftskirche St. Antonio in Locarno ihren 140. Geburtstag feierte. Das karitative Dutzend in Locarno besteht fast nur aus Männern, was ihr Präsident Giovanni Bonetti gerne ändern möchte, «weil sich in gewissen Situationen Frauen besser als Ansprechpartnerinnen für die Hilfesuchenden eignen.» Der pensionierte Banker aus Orselina hatte vor einigen Jahren nach dem Pilgern auf dem Jakobsweg den Wunsch, seine Wallfahrt und seinen Glauben im Alltag zuhause fortzusetzen. Durch einen Bekannten kam er auf die Vinzenzkonferenz und engagiert sich seither für Menschen in seiner Region.
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