Prof. Dr. Manuel Schlögl von der Kölner Hochschule für Katholische Theologie trug zum ersten Vortrag stolz das T-Shirt mit dem Hinweis auf das 100-Jahr-Jubiläum der Heiligsprechung von Thérèse von Lisieux. (Bild: Rosmarie Schärer/swiss-cath.ch)

Kirche Schweiz

Thé­rèse von Lisieux: Auf den Spu­ren einer Frühvollendeten

Es ist zur schö­nen Tra­di­tion gewor­den: Jeweils am Wochen­ende vom Ers­ten Advent führt der Freun­des­kreis Hans Urs von Bal­tha­sar in Ein­sie­deln seine Advents­ein­kehr­tage durch. Die­ses Jahr refe­rierte Prof. Dr. Manuel Schlögl zum Thema: «Von der Hoff­nung ergrif­fen. Die Got­teser­fah­rung der hei­li­gen Thé­rèse von Lisieux und ihre Bot­schaft für heute.»

Die Adventseinkehrtage des Freundeskreis Hans Urs von Balthasar sind seit Jahren ein Geheimtipp: Gehaltvolle Vorträge, verbunden mit der Liturgie der Benediktinergemeinschaft von Einsiedeln und dem regen Austausch unter den Teilnehmenden, geben einen kraftvollen Impuls zu Beginn der Adventszeit.

Das Thema der diesjährigen Adventseinkehrtage passte nicht nur zum ausklingenden Heiligen Jahr mit seinem Motto «Pilger der Hoffnung», sondern auch zum Advent selbst, dessen Zeit unsere Hoffnung auf das (Wieder-)Kommen unseres Herrn stärkt. Zudem feiert die Kirche dieses Jahr das 100-Jahr-Jubiläum der Heiligsprechung von Thérèse von Lisieux (1873–1897.

In seinem ersten Vortrag beleuchtete Prof. Schlögl die Sendung der heiligen Thérèse in Kirche und Theologie. «Auch wenn Thérèse keine wissenschaftliche Theologie kannte oder betrieb, ist sie dennoch eine Theologin und Kirchenlehrerin», so der Referent. «Nicht auf dem Weg des Wissens, sondern auf dem Weg der Erfahrung, der konkreten Verwirklichung bestimmter Glaubensinhalte in ihrem Leben, und von da aus auch in ihren Schriften.» Daher sei nicht nur die intellektuelle Beschäftigung mit Thérèse durch Lesen und Diskutieren wichtig, sondern ebenso die spirituelle Verbindung mit ihr im Gebet.

Hans Urs von Balthasar hatte im Vorwort seines Buches «Schwestern im Geist»[1] darauf hingewiesen, dass wir Heiligkeit zunächst mit einer Person verbinden. Doch wir erkennen an ihr nicht nur ihre subjektiv-menschliche Heiligkeit, sondern auch «die Objektivität des Heilsmysteriums, die sich in ihren subjektiven und damit immer auch begrenzten Lebenswegen widerspiegelt». Der Heilige ist ein Mensch, der gerade nicht sich selbst zu verwirklichen sucht, sondern transparent geworden ist für etwas Grösseres: für die Liebe und den ihr entsprechenden Heilswillen Gottes. So paradox es in weltliche Ohren klingen mag: «Niemand wird so sehr er selbst wie der Heilige, der sich dem Plan Gottes einfügt und sein ganzes Sein, Leib, Seele und Geist, seinem Plan bereitstellt.»[2]

Der Referent zeichnete in fünf Etappen die Rezeption ihrer Botschaft nach: Von ihrem Verständnis der Gotteskindschaft, als einer persönlichen, vertrauensvollen Beziehung zu Gott als ihrem Vater, das in der von einem Gehorsams- und Autoritätsglauben geprägten Zeit etwas ungeheuer Befreiendes hatte, aber als Kindlichkeit und Unreife missverstanden werden konnte, über Thérèse als Lehrerin der göttlichen Barmherzigkeit bis zu Thérèse als Zeugin christlicher Hoffnung.

Gerechtigkeit und Barmherzigkeit: Wie geht das zusammen?
In seinem zweiten Vortrag ging Prof. Schlögl der Frage nach, wie die heilige Thérèse das jahrhundertealte theologische Problem vom Zusammenspiel von Gottes Gerechtigkeit und Barmherzigkeit lösen konnte, ohne selbst je Theologie studiert zu haben.

Der englische Benediktinerabt Anselm von Canterbury (um 1033–1109) verband in seiner Satisfaktionslehre die Überzeugung, dass der Mensch für sein Tun gerichtet wird, mit einer entsprechenden Erlösungslehre. In der Volksfrömmigkeit entstand daraus ein Leistungsdruck: «Um im Gericht bestehen zu können, müssen wir möglichst viele gute Werke vorweisen können. Weniger Gerechtigkeit als Strafe, weniger Vertrauen als Angst standen im Vordergrund und wurden in Familie, Schule und Pfarrgemeinde weitergegeben.»

Auch Thérèse wurde als Kind in diesem Glauben erzogen; jansenistisch geprägte Priester verstärkten in ihren ersten Ordensjahren die Angst, Gott nicht genügen zu können. Zum Glück fand sie beim Ordensvater Johannes vom Kreuz die Einsicht, dass gute Werke und Frömmigkeitsübungen allein noch nicht zu Gott führen. Es besteht gerade bei einem religiösen Menschen die Gefahr, dass er in seinem Tun letztlich immer nur sich selbst kreist und nicht mehr Gott sucht.

«Von Anfang an sieht die heilige Thérèse ihr Leben ins Licht des göttlichen Erbarmens eingetaucht, von ihm ins Dasein gerufen, von ihm erhalten und geführt», so Prof. Schlögl. Weil sich Thérèse vor Gott ganz klein weiss, fängt sie erst gar nicht an, ihre Werke zu zählen. Sie schreibt in ihrer Autobiografie: «Ich will mich also mit Deiner eigenen Gerechtigkeit bekleiden und von Deiner Liebe den ewigen Besitz Deiner selbst empfangen.» In diesem Satz zeigt sich die Akzentverschiebung, die Thérèse vornimmt: vom ambivalenten Begriff der göttlichen Gerechtigkeit hin zur Liebe als der Aneignung des Wesens Gottes selbst, so der Referent.

«Weil sich Gott in der Menschwerdung seines Sohnes als unbedingt für den Menschen entschiedene Liebe offenbart hat, muss auch seine Gerechtigkeit ‹in Abhängigkeit› von dieser Liebe, d. h. als Liebe gedacht werden. Die Gerechtigkeit Gottes wird durch die Liebe nicht relativiert, sondern bleibt eine objektive und im Gericht über das Leben eines Menschen wirksame Grösse. Aber als Liebe lädt sie dazu ein, sich ihr in der eigenen Schwäche ganz anzuvertrauen und gerade so, durch die Kraft des Sich-Anvertrauens, Gnade und Rechtfertigung zu erlangen.»

Thérèse stehen nicht so sehr die Opfer der Geschichte vor Augen – wichtig ist ihr, dass das Mittun des Menschen mit der Gnade Gottes nicht vergebens bleibt. «Es gibt, so interpretiert Balthasar, nach ihrer Auffassung eine Proportionalität ‹zwischen der Liebe, wie sie in Gott ist, und der Liebe, wie sie im Glaubenden ist, der die Liebe Gottes in der Gnade aufgenommen und bewahrt hat› – und die ‹Feststellung› dieser Proportionalität der menschlichen mit der göttlichen Liebe ‹ist die Gerechtigkeit›, die Gott am Menschen übt und mit der er ihm und seiner Lebensgeschichte wirklich gerecht wird.»[3]

 


Selbst in die Hölle würde sie gehen
Ihre Vorstellung von der Gerechtigkeit Gottes als Barmherzigkeit ändert ihr Verständnis von Himmel, Hölle und Fegefeuer. «Himmel» war für sie lange der Ort, wo sie mit allen vereint sein wird, die sie lieben, und Gott von Angesicht zu Angesicht schauen darf. In ihren letzten Lebensmonaten sagte sie, sie möchte ihren Himmel damit verbringen, auf Erden Gutes zu tun. «Das bedeutet auch, dass sie den Himmel nicht bloss als Ort ‹ewiger Ruhe› versteht, sondern als eine dynamische Wirklichkeit. Wenn Gott die Liebe ist, dann ist auch der Himmel als Liebe zu verstehen, und es ist der Liebe eigen, in Bewegung zu sein, nie genug zu haben, sich dem Geliebten immer mehr anzunähern, sich immer mehr mit ihm zu vereinen», so Prof. Schlögl. Das Glück der Heiligen kann nicht vollkommen sein, solange im Himmel noch «leere Plätze» sind. Und so schreibt Thérèse: «Ich möchte alle Sünder der Welt bekehren und alle Seelen des Fegfeuers erretten!»

Ins Fegefeuer gelangen nach der heiligen Thérèse jene Seelen, welche die barmherzige Liebe Gottes verkannt oder an ihr gezweifelt haben. «Das Purgatorium ist also kein jenseitiger Straf-Ort, sondern das Nachholen der auf Erden versäumten Begegnung mit der den Menschen reinigenden und umschmelzenden Gerechtigkeit Gottes als seiner Barmherzigkeit.» Thérèse ist bereit, ins Fegfeuer zu gehen, um dort «andere Seelen (zu) befreien, wenn ich an ihrer Stelle leiden könnte». Selbst in die Hölle würde sie gehen. Als sie über Gottes Liebe nachdenkt, fällt ihr «mit Schmerzen ein, dass er aus der Hölle nie einen einzigen Akt der Liebe empfangen könne; da sagte ich dem Lieben Gott, dass ich […] gerne bereit wäre, dorthin verstossen zu werden, damit er an diesem Ort des Fluches auf ewig geliebt werde.»

«Thérèse weiss, dass Gott die Demut des kleinen Herzens sieht und achtet und dass sie in der vollkommenen Hingabe an die ewige Liebe selbst teilhat an jener ‹Wahrheit›, die ‹die Dinge› – und so auch die Hölle – ‹in ihrem wahren Licht› zeigt: als einen Ort, an dem die Liebe fehlt, aber an dem Christus durch seinen Höllenabstieg die Liebe als Möglichkeit hinterlegt hat. Thérèse kann nur tun und mitvollziehen, was Christus schon vor ihr und aus Liebe zu ihr und allen Menschen durchlitten und erlösend bestanden hat. In ihrer Liebe stiege Christus selbst mit Thérèse an den Ort des Fluches hinab. Wo keiner ihn sucht, da würde sie ihn finden.»

Das Wort «Hoffnung» neu ausgelotet
Wie beim Verständnis von Gottes Gerechtigkeit und Barmherzigkeit veränderte sich auch Thérèses Verständnis der Hoffnung durch ihre Gotteserfahrung, die Betrachtung der Heiligen Schrift, die Treue im Gebet und die entschiedene Hingabe an den Willen Gottes. Davon handelte der dritte Vortrag.

In der ersten Phase ihres Lebens richtet sich Thérèses Hoffnung darauf, heilig zu werden. Sie schrieb: «Der liebe Gott kann aber keine unerfüllbaren Wünsche eingeben. Ich kann mir also trotz meiner Kleinheit Hoffnung auf Heiligkeit machen.»

Durch den frühen Verlust ihrer Mutter suchte Thérèse nach Sicherheit und setzte deshalb ihre Hoffnung auf den Himmel – die ewige, bleibende Heimat; darin ist auch eine gewisse Weltflucht enthalten.

«Das Eindrucksvolle an Thérèses Lebensweg ist, dass sie aus einer mehr anerzogenen als frei gewählten Frömmigkeit aus Konvention, aus einem leistungsorientierten und weltflüchtigen Glauben, der eine gewisse Unreife und kindliche Selbstbezogenheit nicht leugnen kann, von Gott selber herausgeführt wurde», hielt Prof. Schlögl fest. An Thérèse könne man den grossen Unterschied erkennen, der zwischen einer vom Menschen geformten «Religion» und dem «Glauben» der biblischen Offenbarung bestehe. Das Leben der heiligen Thérèse und ihre Lehre «ist wie ein einziger grosser Perspektivwechsel: von der Art und Weise, wie wir Menschen, auch wenn wir Christen sind, gewöhnlich die Welt sehen, hin zu der Weise, wie Gott uns die Welt sehen lässt.»

Je tiefer Thérèse Gottes Absichten versteht, desto klarer erkennt sie: Nicht nur der Mensch setzt seine Hoffnung auf Gott – auch Gott hofft auf uns!

Die letzten 18 Monate ihres kurzen Lebens (sie wurde nur 24 Jahre alt) erfährt Thérèse als Teilnahme am Heilswerk Christi, an seinem Leiden für die Sünder, als «Dunkle Nacht des Glaubens». Sie verliert das Gefühl der Geborgenheit bei Gott, Versuchungen bis hin zur Verzweiflung überkommen sie. «Thérèse fühlt sich wie in einem unterirdischen Gang, von Gott abgehalten wie durch eine Wand, die bis zum Himmel reicht.» Sie befürchtet, dass der Himmel und alle damit verbundenen Vorstellungen nichts als eine Illusion sind.

«Thérèse schaut in den Abgrund der eigenen Nichtigkeit – aber sie lässt sich nicht fallen, sondern wendet sich mit ihr erneut Gott zu.» Wie Paulus im Römerbrief schreibt, hofft sie wider alle Hoffnung (Röm 4,18). «Die Erfahrung des eigenen Nichts wird darin zur Kehrseite des Gottes, der alles ist», so der Referent. Sie ermutigt sich selbst mit den Worten: «Alles soll für ihn sein, alles! Und hätte ich ihm nichts anzubieten, so soll er eben dieses Nichts haben.»

Hans Urs von Balthasar wurde nicht zuletzt von Thérèse dazu inspiriert, die Universalität der christlichen Hoffnung darzulegen. Von konservativen Katholiken wurde er deshalb in seinen letzten Lebensjahren als angeblicher Vertreter der Häresie von der «Allversöhnung» kritisiert, doch Balthasar formuliert seine Überzeugung nicht als Feststellung, sondern bewusst als Frage: «Wenn Gott die Liebe ist, kann er dann den Geschöpfen, die ihn – aus welchen Gründen auch immer – nicht lieben, das letzte Wort lassen? Wäre eine Welt vollendet, aus der sich bestimmte Wesen aufgrund ihrer fehlgeleiteten Freiheit selbst ausschlössen?» fragte Prof. Schlögl mit Hans Urs von Balthasar. «Diese Frage offen zu halten, darauf verpflichtet uns, da war sich Balthasar mit Thérèse einig, die biblische Botschaft, die von einem Gott erzählt, der einem einzigen verlorenen Schaf so lange nachgeht, bis er es findet – wenn nötig, bis ans Ende der Welt.»

Die christliche Hoffnung ist durch die Vorwegnahme des Kommenden geprägt: «Glaubt, dass ihr das, worum ihr bittet, schon empfangen habt, und es wird euch zuteil werden» (Mk 11,24). «Das kleine Senfkorn, in Liebe angenommen und ausgesät, bereitet den Boden für eine neue Fruchtbarkeit des Glaubens. Und, wie wir gehört haben: Wenn wir heute darum bitten, dann haben wir es schon empfangen, denn im Verborgenen und Kleinen ist Gottes Liebe am wirksamsten», schloss Prof. Manuel Schlögl seinen beeindruckenden Vortragszyklus.
 

Die Vorträge von Prof. Manuel Schlögl werden in Kürze auf der Webseite des «Freundeskreis Hans Urs von Balthasar» aufgeschaltet.

Weiterführende Lektüre
Therese von Lisieux, Selbstbiographische Schriften, Freiburg/Einsiedeln 2023.
Therese von Lisieux/Hans Urs von Balthasar, Von der Hoffnung ergriffen. Hrsg. und eingeleitet von Manuel Schlögl, Freiburg/Einsiedeln 2025.

 


[1] Vgl. Hans Urs von Balthasar, Schwestern im Geist. Therese von Lisieux und Elisabeth von Dijon, Einsiedeln 1970, 41990, 15–35.

[2] Ebd. 17.

[3] Ebd. 255.


Rosmarie Schärer
swiss-cath.ch

E-Mail

Rosmarie Schärer studierte Theologie und Latein in Freiburg i. Ü. Nach mehreren Jahren in der Pastoral absolvierte sie eine Ausbildung zur Journalistin.


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