Die Adventseinkehrtage des Freundeskreis Hans Urs von Balthasar sind seit Jahren ein Geheimtipp: Gehaltvolle Vorträge, verbunden mit der Liturgie der Benediktinergemeinschaft von Einsiedeln und dem regen Austausch unter den Teilnehmenden, geben einen kraftvollen Impuls zu Beginn der Adventszeit.
Das Thema der diesjährigen Adventseinkehrtage passte nicht nur zum ausklingenden Heiligen Jahr mit seinem Motto «Pilger der Hoffnung», sondern auch zum Advent selbst, dessen Zeit unsere Hoffnung auf das (Wieder-)Kommen unseres Herrn stärkt. Zudem feiert die Kirche dieses Jahr das 100-Jahr-Jubiläum der Heiligsprechung von Thérèse von Lisieux (1873–1897.
In seinem ersten Vortrag beleuchtete Prof. Schlögl die Sendung der heiligen Thérèse in Kirche und Theologie. «Auch wenn Thérèse keine wissenschaftliche Theologie kannte oder betrieb, ist sie dennoch eine Theologin und Kirchenlehrerin», so der Referent. «Nicht auf dem Weg des Wissens, sondern auf dem Weg der Erfahrung, der konkreten Verwirklichung bestimmter Glaubensinhalte in ihrem Leben, und von da aus auch in ihren Schriften.» Daher sei nicht nur die intellektuelle Beschäftigung mit Thérèse durch Lesen und Diskutieren wichtig, sondern ebenso die spirituelle Verbindung mit ihr im Gebet.
Hans Urs von Balthasar hatte im Vorwort seines Buches «Schwestern im Geist»[1] darauf hingewiesen, dass wir Heiligkeit zunächst mit einer Person verbinden. Doch wir erkennen an ihr nicht nur ihre subjektiv-menschliche Heiligkeit, sondern auch «die Objektivität des Heilsmysteriums, die sich in ihren subjektiven und damit immer auch begrenzten Lebenswegen widerspiegelt». Der Heilige ist ein Mensch, der gerade nicht sich selbst zu verwirklichen sucht, sondern transparent geworden ist für etwas Grösseres: für die Liebe und den ihr entsprechenden Heilswillen Gottes. So paradox es in weltliche Ohren klingen mag: «Niemand wird so sehr er selbst wie der Heilige, der sich dem Plan Gottes einfügt und sein ganzes Sein, Leib, Seele und Geist, seinem Plan bereitstellt.»[2]
Der Referent zeichnete in fünf Etappen die Rezeption ihrer Botschaft nach: Von ihrem Verständnis der Gotteskindschaft, als einer persönlichen, vertrauensvollen Beziehung zu Gott als ihrem Vater, das in der von einem Gehorsams- und Autoritätsglauben geprägten Zeit etwas ungeheuer Befreiendes hatte, aber als Kindlichkeit und Unreife missverstanden werden konnte, über Thérèse als Lehrerin der göttlichen Barmherzigkeit bis zu Thérèse als Zeugin christlicher Hoffnung.
Gerechtigkeit und Barmherzigkeit: Wie geht das zusammen?
In seinem zweiten Vortrag ging Prof. Schlögl der Frage nach, wie die heilige Thérèse das jahrhundertealte theologische Problem vom Zusammenspiel von Gottes Gerechtigkeit und Barmherzigkeit lösen konnte, ohne selbst je Theologie studiert zu haben.
Der englische Benediktinerabt Anselm von Canterbury (um 1033–1109) verband in seiner Satisfaktionslehre die Überzeugung, dass der Mensch für sein Tun gerichtet wird, mit einer entsprechenden Erlösungslehre. In der Volksfrömmigkeit entstand daraus ein Leistungsdruck: «Um im Gericht bestehen zu können, müssen wir möglichst viele gute Werke vorweisen können. Weniger Gerechtigkeit als Strafe, weniger Vertrauen als Angst standen im Vordergrund und wurden in Familie, Schule und Pfarrgemeinde weitergegeben.»
Auch Thérèse wurde als Kind in diesem Glauben erzogen; jansenistisch geprägte Priester verstärkten in ihren ersten Ordensjahren die Angst, Gott nicht genügen zu können. Zum Glück fand sie beim Ordensvater Johannes vom Kreuz die Einsicht, dass gute Werke und Frömmigkeitsübungen allein noch nicht zu Gott führen. Es besteht gerade bei einem religiösen Menschen die Gefahr, dass er in seinem Tun letztlich immer nur sich selbst kreist und nicht mehr Gott sucht.
«Von Anfang an sieht die heilige Thérèse ihr Leben ins Licht des göttlichen Erbarmens eingetaucht, von ihm ins Dasein gerufen, von ihm erhalten und geführt», so Prof. Schlögl. Weil sich Thérèse vor Gott ganz klein weiss, fängt sie erst gar nicht an, ihre Werke zu zählen. Sie schreibt in ihrer Autobiografie: «Ich will mich also mit Deiner eigenen Gerechtigkeit bekleiden und von Deiner Liebe den ewigen Besitz Deiner selbst empfangen.» In diesem Satz zeigt sich die Akzentverschiebung, die Thérèse vornimmt: vom ambivalenten Begriff der göttlichen Gerechtigkeit hin zur Liebe als der Aneignung des Wesens Gottes selbst, so der Referent.
«Weil sich Gott in der Menschwerdung seines Sohnes als unbedingt für den Menschen entschiedene Liebe offenbart hat, muss auch seine Gerechtigkeit ‹in Abhängigkeit› von dieser Liebe, d. h. als Liebe gedacht werden. Die Gerechtigkeit Gottes wird durch die Liebe nicht relativiert, sondern bleibt eine objektive und im Gericht über das Leben eines Menschen wirksame Grösse. Aber als Liebe lädt sie dazu ein, sich ihr in der eigenen Schwäche ganz anzuvertrauen und gerade so, durch die Kraft des Sich-Anvertrauens, Gnade und Rechtfertigung zu erlangen.»
Thérèse stehen nicht so sehr die Opfer der Geschichte vor Augen – wichtig ist ihr, dass das Mittun des Menschen mit der Gnade Gottes nicht vergebens bleibt. «Es gibt, so interpretiert Balthasar, nach ihrer Auffassung eine Proportionalität ‹zwischen der Liebe, wie sie in Gott ist, und der Liebe, wie sie im Glaubenden ist, der die Liebe Gottes in der Gnade aufgenommen und bewahrt hat› – und die ‹Feststellung› dieser Proportionalität der menschlichen mit der göttlichen Liebe ‹ist die Gerechtigkeit›, die Gott am Menschen übt und mit der er ihm und seiner Lebensgeschichte wirklich gerecht wird.»[3]
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