In den letzten Tagen bin ich immer wieder gefragt worden: Was denkst du über die Piusbruderschaft? Was denkst du über die Bischofsweihen? Was denkst du über die Exkommunikation?
Meine erste Reaktion war ehrlich. Ich habe gesagt: «Es interessiert mich nicht.»
Heute muss ich sagen: Das war falsch. Es war vielleicht menschlich verständlich, weil man manchmal müde wird von innerkirchlichen Debatten, von Lagerkämpfen, von Halbwahrheiten, von jener schnellen Empörung, die heute überall auflodert und morgen schon wieder ein neues Thema sucht. Aber es war trotzdem falsch. Denn hier geht es nicht einfach um eine Randfrage. Es geht um eine Wunde am Leib Christi.
Und wenn der Leib verwundet ist, darf ein Priester nicht sagen: Es interessiert mich nicht.
Ich schreibe diese Zeilen nicht, weil ich ein Lager bedienen möchte. Ich schreibe sie nicht aus Freude an Sanktionen. Jede Exkommunikation ist zuerst ein Grund zur Trauer. Sie ist keine Trophäe für die einen und keine Höllenproklamation über die anderen. Sie ist eine schwere kirchliche Beugestrafe. Sie soll nicht vernichten, sondern zur Umkehr rufen. Sie will die Wunde sichtbar machen, damit sie nicht unsichtbar weiter eitert.
Vielleicht ist genau das unsere Schwierigkeit: Wir reagieren sofort. Wir kommentieren sofort. Wir stellen uns sofort auf eine Seite. Aber eine Wunde muss zuerst betrachtet werden – nicht neugierig und auch nicht triumphierend. Sondern so, wie man eine offene Wunde am eigenen Leib anschaut: mit Schmerz, mit Ernst und mit der Frage, was jetzt der Heilung dient.
Das nahtlose Gewand Christi
Im Johannesevangelium wird beim Kreuzestod Jesu ein Detail erwähnt, das leicht überlesen wird: «Das Untergewand war aber ohne Naht von oben ganz durchgewoben» (Joh 19,23). Die Soldaten wollten es nicht zerteilen. Die Tradition hat in diesem nahtlosen Gewand immer wieder ein Bild der Einheit der Kirche gesehen.
Das ist kein harmloses Andachtsbild. Es steht unter dem Kreuz. Es gehört in jene Stunde, in der der Leib des Herrn misshandelt, entblösst und durchbohrt wird. Die Einheit der Kirche ist nicht ein kirchenpolitisches Programm. Sie ist in das Leiden Christi hineingeschrieben.
Jesus stirbt nicht für fromme Einzelgänger. Er stirbt, «um die versprengten Kinder Gottes wieder zu sammeln» (Joh 11,52). Und im Abendmahlssaal betet er: «Heiliger Vater, bewahre sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, damit sie eins sind wie wir» (Joh 17,11). Später wird dieses Gebet noch weiter und noch drängender: «Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast» (Joh 17,21).
Diese Einheit ist nicht Dekoration. An ihr soll die Welt erkennen, wer Christus ist. Wenn diese Einheit zerbricht, verliert nicht einfach Rom an Autorität. Dann wird das Zeugnis Christi verdunkelt.
Es geht nicht zuerst um die alte Messe
Man muss hier sehr sauber unterscheiden. Die Krise mit der Piusbruderschaft ist nicht einfach eine Krise um die alte Messe.
Ich sage das bewusst als jemand, der in der überlieferten Form der Liturgie viel Schönheit erfahren durfte. Gerade in Wien, während meiner Ausbildung zum Priester, durfte ich diese Form der heiligen Messe oft miterleben. Ich verstehe, dass Menschen dort Stille, Ehrfurcht, sakrale Dichte und eine geistliche Heimat finden.
Aber ich habe auch anderes erlebt. Ich habe erlebt, dass Priester in der überlieferten Liturgie die Heilige Messe in fünfzehn Minuten gefeiert hatten. Nicht einmal. Mehrfach. Hastig, trocken, beinahe mechanisch. Und ich habe in der ordentlichen Form erlebt, dass Dinge ausgelassen, verwässert oder unwürdig gefeiert wurden.
Deshalb ist die Sache nicht so einfach, wie manche sie darstellen. Es ist nicht einfach: alte Messe gut, neue Messe schlecht. Oder umgekehrt. Das wäre zu billig.
Christus wird in der Heiligen Messe gegenwärtig. Das hängt nicht von der persönlichen Innerlichkeit des Priesters ab. Und doch spüren die Gläubigen, ob das Herz des Priesters vor dem Mysterium kniet. Man merkt, ob einer nur korrekt vollzieht oder ob er aus Anbetung handelt. Man spürt, ob ein Priester innerlich vor dem Altar steht wie vor dem brennenden Dornbusch, oder ob er die heiligen Dinge behandelt, als wären sie ein Ablauf, der möglichst reibungslos erledigt werden muss.
Die Würde der Liturgie hängt deshalb nicht nur von der Form ab. Sie hängt auch vom Herzen ab. Vom Glauben. Von der Ehrfurcht. Vom Opfergeist. Von jener priesterlichen Innerlichkeit, die weiss: Ich verfüge nicht über Christus. Ich werde von ihm in Dienst genommen.
Es gab in der Kirchengeschichte schon immer verschiedene rechtmässige Liturgien, und es gibt sie bis heute. Diese Vielfalt ist kein Problem. Sie ist ein Reichtum, wenn sie aus dem einen Glauben und aus der einen kirchlichen Gemeinschaft lebt. Die Heilige Messe gehört nicht einer Bewegung. Sie ist das Opfer Christi, das der Kirche anvertraut ist.
Ja, es gibt liturgische Missstände. Es gibt Gegenden, in denen Gläubige schwer eine würdig gefeierte katholische Liturgie finden, auch in der ordentlichen Form. Es gibt eine banalisierte Pastoral, die Menschen geistlich heimatlos macht. Das darf man nicht kleinreden.
Aber daraus folgt nicht, dass man eine Parallelstruktur rechtfertigen darf. Ein Missbrauch in der Kirche rechtfertigt keinen Bruch mit der Kirche.
Der eigentliche Konflikt: das Konzil
Der tiefere Konflikt liegt nicht bei Latein, Choral oder Zelebrationsrichtung. Der eigentliche Konflikt liegt beim Zweiten Vatikanischen Konzil und bei der Frage, ob die Kirche nach 1962 noch in legitimer Weise lehren und sich entfalten konnte.
Die Piusbruderschaft kritisiert vor allem Religionsfreiheit, Ökumene, Kollegialität, das Verhältnis zu den nichtchristlichen Religionen, die Lehre von der lebendigen Tradition und die Liturgiereform. Damit sind wir beim Kern. Die Piusbruderschaft sieht nicht nur Missbräuche nach dem Konzil. Sie sieht im Konzil selbst einen Bruch.
Genau hier widerspricht Benedikt XVI. mit grosser Klarheit. Er hat nicht gelehrt, dass das Konzil eine neue Kirche gegründet habe. Er hat aber ebenso wenig zugelassen, dass man die Kirche im Jahr 1962 einschliesst. Seine grosse Linie war die Hermeneutik (Auslegekunst) der Reform in Kontinuität. Die Kirche wächst. Sie entfaltet sich. Sie bleibt dieselbe Kirche des Herrn, aber sie ist kein Museumsstück.
Vielleicht etwas zugespitzt gesagt: Tradition ist keine Konservenbüchse, die man 1962 verschlossen hat, um sie vor jeder weiteren Reifung zu bewahren. Tradition ist lebendige Weitergabe. Sie ist nicht Anpassung an den Zeitgeist, aber auch nicht Erstarrung aus Angst vor der Geschichte.
Jesus selbst sagt: «Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in die ganze Wahrheit führen» (Joh 16,13). Der Heilige Geist führt die Kirche nicht in eine andere Wahrheit. Aber er führt sie tiefer in die eine Wahrheit hinein. Die Kirche erfindet nicht ständig neu, was sie glaubt. Aber sie versteht im Laufe der Geschichte tiefer, was ihr von Anfang an anvertraut wurde.
Das Zweite Vatikanum kann man missbrauchen, und man hat es oft missbraucht. Man hat im Namen des Konzils Dinge getan, die das Konzil nie gelehrt hat. Aber daraus folgt nicht, dass das Konzil selbst verworfen werden darf. Es ist ein Konzil der Katholischen Kirche. Wer es pauschal als Bruch behandelt, stellt sich an eine gefährliche Stelle.
Kann man Pius X. gegen Petrus ausspielen?
Es ist bemerkenswert, dass sich die Bruderschaft auf den heiligen Pius X. beruft. Pius X. war ein grosser Papst, ein Heiliger, ein Verteidiger des Glaubens gegen den Modernismus. Aber gerade er kann nicht gegen die sichtbare Ordnung der Kirche ausgespielt werden.
Pius X. verteidigte die Kirche als hierarchisch geordnete, sichtbare und von Christus gestiftete Wirklichkeit. Er wollte die Kirche nicht als lockeren Zusammenschluss religiöser Milieus verstehen, sondern als Leib mit Haupt, Ordnung und Sendung.
Man kann deshalb nicht im Namen von Pius X. einen Weg gehen, der faktisch gegen jene kirchliche Ordnung steht, die Pius X. selbst verteidigt hat.
Auch das Zweite Vatikanum sagt, dass die Bischöfe ihre Sendung nicht isoliert ausüben, sondern in hierarchischer Gemeinschaft mit dem Haupt und den Gliedern des Bischofskollegiums. Ein Bischof ist nicht ein geweihter Einzelkämpfer. Er ist Bischof in der communio (Gemeinschaft).
Und communio ist in der Katholischen Kirche nie ohne Petrus.
«Habt ihr das apostolische Mandat?»
Besonders schmerzhaft ist ein Detail, das über die Bischofsweihe in Écône berichtet wurde. Im Ritus steht die einfache Frage: «Habetis mandatum apostolicum?» (Habt ihr das apostolische Mandat?)
Nach der von der Piusbruderschaft selbst veröffentlichten Darstellung wurde an dieser Stelle keine einfache Antwort auf das Apostolische Mandat gegeben, sondern eine Erklärung verlesen, mit der die Weihen gerechtfertigt wurden. Es ist symbolisch.
Der Ritus stellt eine einfache Frage. Die Wahrheit verlangt eine einfache Antwort. Ja oder nein.
Wenn die Antwort lautet: Nein, wir haben kein apostolisches Mandat, dann steht die ganze Handlung im Licht dieses Nein. Wenn man aber an dieser Stelle eine erklärende Umgehung einfügt, spürt man: Hier wird nicht nur um Recht gestritten. Hier wird um Wahrhaftigkeit gerungen.
Gerade wer so stark auf den Ritus pocht, muss an der entscheidenden Stelle die Wahrheit des Ritus aushalten.
Der Heilige Geist ist der Geist der Wahrheit. Er führt nicht in fromme Nebel. Er braucht keine Ausflüchte. Er schützt die Kirche nicht durch eine Sprache, die verdeckt, sondern durch eine Wahrheit, die manchmal weh tut.
Kommentare und Antworten
Bemerkungen :
1. Die Konzilskirche hat sich in die falsche Richtung entwickelt.
2. Fehlentwicklungen zu korrigieren, ist die Aufgabe des Papstes.
3. Das Gebet hat eine grosse Kraft. Darum betet für den Papst, Bischöfe und die Priester.
Für den Papst können wir beten, dass der Heilige Vater Leo seine Aufgaben treu erfülle. Dazu eignet sich das Gebet nach Meinung des Heiligen Vaters, wie ich bereits in meinen Kommentaren empfohlen habe.
Als einfacher Laie gilt für mich auch in diesem Fall:
"nemo es judex in propria causa"
Ist es nicht ein Urteil in eigener Sache, wenn jemand, der sich eine Strafe eingehandelt hat, wenn er nun diese Strafe als ungerecht oder ungültig erklärt?
In unserem Fall kann diese Beugestrafe nicht ungerecht oder ungültig sein. Sie beruht nicht auf einem menschlichen Urteil, sondern der Betreffende zieht diese sich selbst zu, indem er den Tatbestand erfüllt. Das entsprechende Gesetz ist hier klar. Es kennt auch keine Ausnahme ausser dem streng geregelten Notfall, wenn nicht möglich ist, das entsprechende Gesuch zu stellen. Dass ein solcher Notfall hier nicht gegeben war, hat die Bruderschaft selbst bewiesen Deshalb kann sie nicht angefochten werden. Sie kann höchstens durch die zuständige höhere Instanz ganz oder teilweise aufgehoben werden. So bleibt dem Betroffenen nur die Möglichkeit dem Papst ein entsprechendes Gesuch zu stellen. Dieser aber wird einem solches nur entsprechen, wenn dadurch nicht ein für die ganze Kirche gefährlicher Präzedenzfall geschaffen wird.
https://fsspx.ch/de/news/habetis-mandatum-apostolicum-erklaerung-vor-den-bischofsweihen-verlesen-wurde-59936
Dieser Text dürfte für viele sehr hilfreich sein , welche mit der ganzen Problematik konfrontiert werden und selbst nicht in der Lage sind, Red und Antwort zu stehen.