Papst Leo XIV. hat das Dokument am 8. Dezember 2025 publiziert, dem «Hochfest der Unbefleckten Empfängnis der seligen Jungfrau Maria, im Heiligen Jahr 2025, dem ersten meines Pontifikats».
Der rote Faden, der sich durch alle 29 Artikel des Apostolischen Schreibens hindurchzieht und an welchem der Papst seine Reflexionen festmacht, ist der Begriff der Treue: Treue, verstanden als Bewahrung der Identität des Priestertums unter gleichzeitiger Bereitschaft, sich den Herausforderungen einer sich rasant verändernden Gesellschaft zu stellen. Im Wissen um den unverzichtbaren Dienst des Weiheamtes ruft der Papst dankbar das Zeugnis und den Einsatz der Priester in Erinnerung, die «überall auf der Welt ihr Leben hingeben, das Opfer Christi in der Eucharistie feiern, das Wort verkünden, von Sünden lossprechen und sich Tag für Tag grossherzig ihren Brüdern und Schwestern widmen, indem sie deren Gemeinschaft und Einheit dienen und sich insbesondere derer annehmen, die am meisten leiden und in Not leben» (4).
Berufung als Angebot eines Heils- und Freiheitsplanes
Mit Nachdruck betont der Papst, dass es der Herr ist, der in seine Nachfolge ruft. Die Berufung ins Weiheamt ist ein «freies und ungeschuldetes Geschenk Gottes», kein Zwang, sondern das «Angebot eines Heils- und Freiheitsplanes» (6). Das Ja zur Berufung ist seinerseits kein einmaliger, statischer Akt. Er darf weder in Stillstand noch Verschlossenheit münden, sondern beinhaltet vielmehr einen Weg der täglichen Umkehr. Dieser «Dynamik der Umkehr» wiederum ist laut Papst Leo konsequenterweise die Bereitschaft zur «kontinuierlichen, lebenslangen Weiterbildung» eigen (7).
In einer ganzheitlichen, umfassenden Aus- und Weiterbildung ortet der Papst zugleich ein probates Mittel, um auf die Missbrauchsvergehen der vergangenen Jahrzehnte in wirksamer Weise zu reagieren. An zukünftige Seminaristen ergeht seine Aufforderung, sich «innerlich mit ihren Beweggründen auseinanderzusetzen, wobei alle Aspekte des Lebens einzubeziehen sind» (12). Dergestalt menschlich und spirituell gefestigt kann dann auch die Verpflichtung zum Zölibat glaubwürdig auf sich genommen und in den Dienst für das ganze Volk Gottes gestellt werden.
Die der priesterlichen Berufung eigene Dynamik der Bewahrung und Entfaltung ist nie nur individuell, sondern ihrer inneren Natur nach «relational», sprich stets auch auf Beziehung und Gemeinschaft hin angelegt. Sie schützt vor Narzissmus und Selbstbezogenheit, folgt der Logik des Zuhörens und Dienens. Nur auf diese Weise kommt, so Papst Leo unter Bezugnahme auf seinen Vorgänger Papst Benedikt XVI., die ontologisch Christus gleichgestaltete Existenz des Priesters zur Geltung (13). Der Gemeinschaft treu zu sein, bedeutet, so der Papst weiter, «in erster Linie, der Versuchung des Individualismus zu widerstehen […] Das bedeutet, dass es einen von der Gemeinschaft mit Jesus Christus und seinem Leib, der Kirche, losgelösten Dienst, nicht geben kann» (15).
Die priesterliche Brüderlichkeit als «konstitutives Element» schliesst auch die Fürsorge für die alt und krank gewordenen, für die vereinsamten Priester mit ein. Ja, der Papst geht sogar so weit, sie auf die gleiche Stufe zu stellen wie die Sorge für das ganze Gottesvolk (16). Gleichzeitig warnt er jedoch davor, die priesterliche Gemeinschaft als Vereinheitlichung der je unterschiedlichen Charismen und Talente misszuverstehen (18).
Ausflug ins Poesiealbum
Geradezu ins Schwärmen gerät der Papst, wenn er auf das im Gefolge des Zweiten Vatikanischen Konzils eingeführte Amt des ständigen Diakonats zu sprechen kommt: «Die Schönheit einer Kirche, die aus Priestern und Diakonen besteht, die zusammenarbeiten, verbunden durch die gleiche Leidenschaft für das Evangelium und Aufmerksamkeit für die Ärmsten, wird zu einem leuchtenden Zeugnis der Gemeinschaft» (18).
Dieser «Ausflug ins Poesiealbum» ist allerdings von der pastoralen Realität zumindest hierzulande meilenweit entfernt. Tatsächlich müssen sich die Priester nur allzu oft mit der Rolle eines Lückenbüssers zufriedengeben; es wird ihnen der Eindruck vermittelt, das fünfte Rad am Wagen zu sein. Ausgenommen an kirchlichen Hochfesten, an welchen sich als Gemeindeleiter fungierende Diakone nicht selten mit Frau und Kind verabschieden und sich in einem Wellnesshotel von den Strapazen der Adventszeit erholen.
Das Thema «Treue und Synodalität» darf in diesem Kontext nicht fehlen, ist dem Papst selbstredend wichtig. Es gelte, so der Pontifex, die Beziehung der Priester zu den Laien im Lichte der «Ekklesiologie der Gemeinschaft» zu interpretieren. Dies bedeute unter anderem für die Priester, nicht alle Aufgaben selbst zu übernehmen, sondern «die vielfältigen Charismen der Laien, schlichte wie bedeutendere, mit Glaubenssinn aufzuspüren» (20, Presbyterorum ordinis 9). Eindringlich legt der Papst den Priestern ans Herz, sich mit den Leitlinien des Schlussdokumentes der XVI. Synodenversammlung vertraut zu machen. Generell gilt für Papst Leo: «Die Herausforderung der Synodalität – die Unterschiede nicht beseitigt, sondern zur Geltung bringt – bleibt eine der wichtigsten Chancen für die Priester der Zukunft» (22).
Mission untrennbar mit dem Weihepriestertum verbunden
Mit der Identität des Priesters untrennbar verbunden ist der Begriff der Mission. In einer von Hektik und Daueraktivismus geplagten Welt ist die Treue zur Mission von zweifacher Seite bedroht: durch eine durch Effizienz geprägte Mentalität einerseits (wodurch die wahre Hierarchie der geistlichen Identität auf den Kopf gestellt wird, 24) und andrerseits durch eine resignativ-defätistische Haltung all den sich überschlagenden Ereignissen gegenüber. Der Papst fordert dazu auf, dieser doppelten Gefahr mit einer Haltung des freudigen und leidenschaftlichen Dienstes entgegenzutreten, dem dezidierten Willen, «jeden Bereich unserer Gesellschaft zu evangelisieren, insbesondere Kultur, Wirtschaft und Politik, damit alles in Christus vereint wird» (24).
Papst Leo ruft ein Wort seines Vorgängers Johannes Paul II. in Erinnerung, demzufolge die pastorale Liebe das Prinzip ist, das das Leben des Priesters zusammenhält (24) – und fügt warnend hinzu: «Die Harmonie zwischen Kontemplation und Aktion ist nicht durch die eifrige Übernahme von Aktionsplänen […] zu erreichen, sondern indem man die österliche Dimension als Mittelpunkt des Dienstes betrachtet. Die vorbehaltlose Hingabe kann und darf in keinem Fall den Verzicht auf das Gebet, das Studium und die priesterliche Brüderlichkeit bedeuten, sondern wird im Gegenteil zum Horizont, in dem alles insofern enthalten ist, als es auf Jesus, den Herrn, ausgerichtet ist, der für das Heil der Welt gestorben und auferstanden ist» (25). Es ist, als hätte der Papst diese Worte eigens mit Blick auf die «Kirche Schweiz» geschrieben.
Ein neues Pfingsten der Berufungen
«Treue und Zukunft» lautet die Überschrift des letzten Abschnitts dieses Apostolischen Schreibens. Papst Leo hofft, dass die Feier des 60. Jahrestages der beiden konziliaren Priester-Dekrete zu einem «neuen Pfingsten der Berufungen in der Kirche führen möge, das zahlreiche heilige und beständige Berufungen zum Priesteramt hervorbringt, damit es nie an Arbeitern für die Ernte des Herrn mangelt. Möge in uns allen der Wille neu erwachen, alles für die Förderung der Berufungen zu tun und unablässig zum Herrn der Ernte zu beten» (27).
Vor dem Hintergrund des Priestermangels in einigen Teilen der Weltkirche appelliert der Papst an die Notwendigkeit, «in jedem Bereich der Seelsorge, insbesondere in der Jugend- und Familienpastoral, stets die Perspektive der Berufung im Blick zu behalten. Denken wir daran: Es gibt keine Zukunft ohne die Pflege aller Berufungen!» (28).
Das vorliegende Apostolische Schreiben ist das bis dato wichtigste Dokument in dem noch jungen Pontifikat von Leo XIV. Offensichtlich ist sein Bemühen um eine ausgewogene und adäquate Darstellung der kirchlichen Lehre zum Weihepriestertum. Sorgfältig ist der Papst darauf bedacht, seine Vorgänger im Petrusamt in sein Anliegen einer Revitalisierung der Berufungen zum Weihepriestertum einzubinden. Diskret, aber doch unverkennbar gibt er dabei seine Präferenzen zu erkennen: Sie gehören den Päpsten Johannes Paul II. und Benedikt XVI. Man kann dies guten Gewissens als einen vorsichtigen, aber deutlichen Richtungswechsel gegenüber dem Pontifikat seines unmittelbaren Vorgängers und dessen oft undifferenzierten Wortmeldungen interpretieren.
Apostolisches Schreiben «Eine Treue, die Zukunft schafft»
Kommentare und Antworten
Bemerkungen :
Lieber Max, Entschuldung, wenn ich Sie so direkt anspreche. Es ist schön zu lesen, dass Sie Interesse haben evtl. Priester zu werden und zu studieren. Priestersein ist eine schöne Berufung - auch wenn in der heutigen Zeit oftmals sehr ausgesetzt - und es geht ums Dienen am von Gott uns geschenktem Leben. Wichtig ist dabei der eigene Glaube und ein gutes Umfeld, das mitträgt - auch wenn Glaubenszweifel aufkommen. Meine Anregung an Sie wäre deshalb in Fribourg zu studieren, wo Sie - wenn Sie noch unschlüssig sind - ein breites Spektrum an Studienrichtungen haben und es einen Weitblick gibt, der schliesslich zur Entscheidung mitträgt. Alles Gute für Ihren Weg. Pfr. Kurt Vogt
Inhalt des Priestertums ist die göttliche Vaterschaft zu praktizieren. Wenn das jedermann unter Sterblichen selbst hätte, bräuchte es die Gnade (im Sakrament) nicht.
Der bemühte Satz aus dem Petrusbrief ist im Passiv gehalten, vos estis sacerdotium, hiereteuma auf griechisch: etwas Geheiligtes. Gemeint ist, dass der populus sacerdotalis die Frucht der Priester, heute konkret von Jesus Christus ist.
Wenn Laien Priester sein wollten - nach der Vorstellungen moderner Theologen - müsste der Grundlagentext heissen: vos estis sacerdotes, eine grammatikalisch aktive Nominalform von sacra dare.
Die Typusform des sakramentalen Priesters ist der Apostel Johannes. Und Maria schaute nur zu. Jesus handelte - gerade in Kana - allein.