Fast jedes Konzil brachte Diskussionen mit sich – das ist an sich nicht aussergewöhnlich, liegt vielmehr in der Natur der Sache. So gab es auch nach dem Zweiten Vatikanum (1962–1965) eine Minderheit, welche Veränderungen kritisierte, besonders die Liturgiereform, die ökumenische Öffnung und die Erklärung zur Religionsfreiheit.
1969 gründet Erzbischof Marcel Lefebvre mit Genehmigung durch die Diözese Lausanne, Genf und Freiburg die «Confraternitas Pius X.», die an der traditionellen Doktrin und Liturgie festhalten wollte. Bereits zwei Jahre später bezeichnet er die durch das Konzil erfolgten Änderungen als das Ergebnis eines Komplotts liberaler und antichristlicher Mächte, als Häresie. Er weiht unerlaubt Priester, was zunächst die kirchenrechtliche Auflösung der «Confraternitas Pius X.» 1975 zur Folge hat, was er jedoch nicht anerkennt. Schliesslich suspendiert ihn Papst Paul VI. am 22. Juli 1976. Die Piusbruderschaft eröffnet in verschiedenen Staaten zusätzliche, kirchlich nicht genehmigte Priesterseminare und Kapellen und führt weiterhin unerlaubte (aber gültige) Priesterweihen durch. Durch die 1988 gegen päpstliches Verbot erfolgten Bischofsweihen ziehen sich alle Beteiligten die Exkommunikation zu.
1991 stirbt Marcel Lefebvre. Sein Nachfolger wird der Schweizer Bernard Fellay. Bischof Fellay bittet Ende 2008 im Namen der vier unerlaubt geweihten Bischöfe um die Rücknahme der Exkommunikation. Er sichert die Anerkennung des päpstlichen Primats und seiner Vorrechte sowie die Annahme der Lehren der Kirche zu. Im Januar 2009 hebt die «Kongregation für die Bischöfe» die Exkommunikation der vier Bischöfe auf. Doch es zeigt sich schnell, dass die Piusbruderschaft ihr Versprechen nicht einlöst. Immer wieder kommt es zu Gesprächen, die aber an der unnachgiebigen Haltung der Piusbruderschaft scheitern.
Unerlaubte Bischofsweihen trotz klarer Ansage durch Rom
Während sich Bernard Fellay mehrfach für eine Wiedervereinigung ausspricht, dreht sich mit der Wahl des Italieners Davide Pagliarani zum neuen Generaloberen 2018 der Wind definitiv. Im Februar 2026 kündigt er auf den 1. Juli Bischofsweihen an. Ein vom Vatikan angebotenes Gespräch bleibt erfolglos. Im Mai bekräftigt das «Dikasterium für die Glaubenslehre», dass die Weihen unerlaubt sind und die Exkommunikation der Beteiligten zur Folge hätte.
Am 24. Juni veröffentlicht die Piusbruderschaft in einem Offenen Brief an Papst Leo XIV. und die Kardinäle das «Katholische Glaubensbekenntnis der Priesterbruderschaft St. Pius X. zur Erleuchtung der Seelen angesichts der modernen Irrtümer». Wie bereits Marcel Lefebvre zuvor, betonen die Verantwortlichen ihr Festhalten am katholischen Glauben, erklären aber gleichzeitig, dass die Römisch-katholische Kirche nicht mehr den wahren katholischen Glauben verkünde. Aufgrund der dadurch entstandenen Krise reiche es «heute nicht mehr aus, die katholischen Wahrheiten nur allgemein zu bekräftigen, ohne gleichzeitig die Irrtümer anzuprangern, die versuchen, sie zu verfälschen».
Appell von Papst Leo XIV.
Am Montag, 29. Juni, Hochfest der heiligen Petrus und Paulus, appellierte Papst Leo XIV. nochmals an die Piusbruderschaft. Die Kirche anerkenne die Liebe zur Liturgie, den Einsatz in der Priesterausbildung, den apostolischen Eifer und das Streben nach Treue zur Tradition, die viele Menschen und Gemeinschaften auszeichnen, die mit dieser Bruderschaft verbunden sind. Dies sei der Grund für die wohlwollende Haltung seiner Vorgänger gegenüber der Piusbruderschaft gewesen. «In diesem Geist und erfüllt von christlicher Zuneigung bitte ich euch und fordere ich euch von ganzem Herzen auf: Kehrt um! Ich ermahne euch, das geistliche Wohl der Gläubigen sorgfältig zu bedenken, weil der schismatische Akt, den ihr begehen würdet, sie des erlaubten und in manchen Fällen auch des gültigen Empfangs der Sakramente berauben würde, welche sie lieben und zu ihrer Heiligung suchen.» Der Pontifex schreibt weiter, die Kirche sei offen für einen Weg des Dialogs, den der Heilige Geist möglich und fruchtbar machen könne. Er bete für die Piusbrüder, «weil das Zerreissen des nahtlosen Gewandes Christi eine äusserst schwere Sünde ist». Papst Leo hofft, dass der Herr ihr Gewissen erleuchten und ihre Herzen aufrütteln könne. «Kraft der von Christus empfangenen Vollmacht fühle ich mich – mit betrübtem Herzen, doch noch immer voller Hoffnung – verpflichtet, euch aufzufordern, von eurem Vorhaben Abstand zu nehmen, und vertraue diese Anliegen dem Unbefleckten Herzen Mariens, der Mutter des Guten Rates, an.»
Die Einheit ist in der Piusbruderschaft
Mit den unerlaubten Bischofweihen wird, so der Papst, die Piusbruderschaft das «nahtlose Gewand Christi» zerreissen. Ein Beweggrund ist der Fortbestand der Piusbruderschaft: Ihre beiden Bischöfe sind 67 bzw. 69 Jahre alt. Als offiziellen Grund gibt sie an, «dass der objektive Zustand schwerer Not, in dem sich die Seelen befinden, eine solche Entscheidung erfordert». Diese Argumentation steht auf wackligen Füssen. Die Kirche hat schon schwerere (theologische) Krisen erlebt. Liturgische Missbräuche finden vor allem in Mitteleuropa statt, aber auch hier gibt es gute Priester, welche die Messe im Novus ordo würdig feiern.
Die Piusbrüder sehen sich als Märtyrer für den wahren Glauben und gegen den Modernismus, doch legen sie faktisch selbst fest, was der wahre Glauben beinhaltet. Sie unterwerfen sich nicht einer objektiven Wahrheit, sondern legen sich diese selbst zurecht. Der Münchner Dogmatik-Professor Michael Seewald sprach in diesem Zusammenhang von «dogmatischer Rosinenpickerei». Jan-Heiner Tück, Professor am Institut für Systematische Theologie und Ethik der Universität Wien, schrieb auf «Communio»: «Indem sich die Traditionalisten selbst autorisieren, wenn sie ohne Mandat des Papstes Bischöfe weihen, setzen sie einen Akt der Emanzipation, der paradoxerweise typisch modern ist.» Mit den Bischofsweihe machen Piusbrüder klar: Einheit kann es nur geben, wenn sich die Katholische Kirche die Sichtweise der Piusbruderschaft zu eigen macht.
Folge der unerlaubten Weihen wird in jedem Fall die Exkommunikation der Beteiligten sein. Unklar ist, ob der Vatikan noch weitere Schritte unternehmen wird. Möglich wäre, dass er die von Papst Franziskus genehmigte Erlaubnis der Beichte und kirchlichen Trauung zurücknehmen wird.
Das hält die Piusbruderschaft nicht davon ab, die Bischofsweihen mit einem viertägigen Fest in Écône zu feiern. Am Montag wurden fünf Priester geweiht, am Dienstag erfolgten die Primizmessen, am Mittwoch folgen die Bischofsweihen und am Donnerstag findet das Grossereignis seinen Abschluss. Von der Ankündigung des Vatikans zeigen sich die Piusbrüder nicht beeindruckt. Der deutsche Distriktobere der Piusbrüder erklärte bereits: «Von unserem Standpunkt aus gesehen wird eine Erklärung der Exkommunikation keine Gültigkeit haben.» Ob der «väterliche» Brief von Papst Leo XIV. einen Meinungsumschwung bewirkt, ist aufgrund der Geschichte der Piusbruderschaft und ihres Selbstverständnisses zu bezweifeln.
Bei all den vielen Wortmeldungen in den vergangenen Wochen wird oft übersehen, dass die vor allem in der Schweiz, Frankreich, Deutschland und den USA tätige Piusbruderschaft mit ihren rund 700 Priestern (0,18 Prozent aller Priester weltweit) und 800 000 Sympathisanten (0,06 Prozent aller Katholiken) nicht mehr als ein Tropfen im weiten Meer der Katholischen Kirche ist.
Die Piusbruderschaft ist eine kirchlich nicht anerkannte Gemeinschaft. Ihre Bischöfe sind suspendiert (die Exkommunikation wurde aufgehoben, nicht aber die Suspendierung). Die durch sie erfolgten Priesterweihen sind unerlaubt, aber gültig. Da jedoch den Priestern eine gültige Inkardination fehlt, sind sie ebenfalls suspendiert und dürfen nicht als Priester tätig sein.
Kommentare und Antworten
Bemerkungen :
Nach dem Motu Proprio `Summorum Pontifikum` vom 7. Juli 2007 von Benedikt XVI. steht unter (ebd. Nr. 15) Wo immer eine Gruppe von Gläubigen um die Feier der ausserordentlichen Form bitten, ist der Pfarrer oder Kirchenrektor gehalten, dies zuzulassen und sich dabei "von seelsorgerischem Eifer und vom Geist grosszügiger Gastfreundschaft leiten zu lassen".
Von dieser Gastfreundschaft ist in den Ortskirchen nichts zu spüren, weil seeleneifrige Pfarrer vom Generalvikar abgesetzt werden, die diese römische Liturgie bewilligen. Wo keine Gastfreundschaft ist, da geht man nicht hin.
Und wie ich aus dem Artikel entnehme, wird die schwere Not nicht ernstgenommen. In der katholischen Kirche bezeichnet ein "Notstand" eine geistliche Ausnahmesituation. Traditionell wird damit argumentiert, dass das Seelenheil der Gläubigen in Gefehr ist und Priester daher legitimiert sind, abweichen vom normalen Kirchenrecht Sakramente zu spenden, um diesen Mangel auszugleichen.
Gemeint sind bestenfalls institutionell Abhängige. geistliche Leichen, die weder beichten noch fasten noch Busse tun und kaum das Vaterunser memorieren geschweige denn verstehen und auch nie im Katechismus unterrichtet worden sind, abtreiben oder Leute ausbeuten und auch sonst kein spirituelles Leben führen und nicht erklären könnten, was sie mit der Hostie in der Hand halten zählen mutmasslich so wenig wie diejenigen, die sich ihres eigenen Pharisäismus nicht bewusst sind, so wie die grosse Mehrheit der Maturanden, was ich wirklich genau weiss, auch rein vom Lehrplan des Religions- und Ethikunterrichtes her die Messe nicht erklären können. Natürlich ist es die Hauptsache, dass man ein sog. "guter Mensch" sei, was aber auch ohne Katholizismus möglich ist und vielleicht sogar weniger problematisch. Die Leute von Ecône, die ich in vielelm positiv als die Sakramente absolut ernst Nehmende kennenlernte, denen ich aber nie beitreten würde, so wenig für mich Papst Pius X "der grosse Anführer"ist. Sie stehen aber dafür ein, der Heiligen Messe in ihrer bisher höchsten erreichten westlichen Kulturform beim Überwintern zu helfen. Falls es eine Abspaltung innerhalb der heutigen sog. Oekumene ist, stehen sie uns sicher näher als andere Religionsgemeinschaften bis hin zu den sog. Regenbogenchristen und derjenigen, die sich für das Menschenrecht auf Abtreibung oder zum Kommunismus oder zum Nationalismus als höchstem Wert bekennen, welch letztere _Gefahr freilcih im Umfeld von Erzbischof Lefebvre leider gegeben war.
Da ich allein schon ein schlecht übersetztes Vaterunser kaum ertrage und noch weniger willkürliche Mess-Texte und Ausdrücke wie "Seelsorgende" und im Gottesdienst jede ideologische Sprach-Misshandlung, bin ich dankbar, dass Sakramentale Schätze auch der Sprache auf liturgische Weise aufbewahrt werden. Hätte es aber doch nicht so gemacht wie die zweifelsfrei in vielem verengten Katholiken von Ecône. Bruder Klaus hätte sich ihnen sicher nicht "angeschlossen".
Möge diese sich weit in unserer Kirche verbreiten, besonders in unserem zerstrittenen Sprachgebiet. Denn diese Sicht der Dinge ist wohl eine der wichtigsten für Friede und Einheit in unserer Kirche heute, in welcher die Heilige Eucharistie und auch die Gottesmutter - bewusst oder unbewusst bleibe dahin gestellt - nur allzu gerne in die hinteren Reihe unserer Prioritäten gestellt werden.
Rosmarie Schärer, Redaktorin