Eingang zur Geburtskirche in Bethlehem (Ausschnitt). (Bild: Dennis G. Jarvis, CC BY-SA 2.0 via Wikimedia Commons)

Kommentar

Unbe­queme und ver­nach­läs­sigte Wahrheiten

Im Rah­men des Freundeskreis-​Treffens von «swiss​-cath​.ch» hielt Weih­bi­schof em. Marian Ele­ganti ein Refe­rat, des­sen ers­ter Teil das Thema «Unbe­queme und ver­nach­läs­sigte Wahr­hei­ten» zum Inhalt hatte. Wir geben ihn im Fol­gen­den unge­kürzt wieder.

Die Relativierung der Heilsmittlerschaft Jesu Christi ist auch innerhalb der Katholischen Kirche ein weit verbreitetes und besorgniserregendes Phänomen. Das «extra ecclesia nulla salus» (kein Heil ohne die Kirche) wurde in unserer Zeit sehr stark relativiert. Richtig ist, dass Gott unschuldig irrende Menschen (Gewissen) auf Wegen, die ihm allein bekannt sind, zum Heil führen kann. Gott macht jedem Menschen das Angebot des Heils und will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen. Die Menschen, die nie etwas von Christus gehört haben oder Ihn nicht wirklich kennen – aus welchen Gründen auch immer – bilden nicht einfach eine «massa damnata» (eine Masse von Menschen, die das ewige Heil nie erlangen werden). Zu denken ist auch an die unzähligen unschuldigen Kinder, die schon im Mutterschoss getötet werden. Alle diesbezüglichen, notwendigen Differenzierungen relativieren aber nicht die absolute Heilsnotwendigkeit der Mittlerschaft Jesu Christi und Seines Heilswerkzeuges par excellence: die Kirche bzw. die Taufe! Denn es ist den Menschen kein anderer Name gegeben, in dem sie das Heil erben sollen, ausser der Name Jesu, vor dem jedes Knie sich beugen wird (im Himmel, auf Erden und unter der Erde). Und die Kirche ist Seine Gründung und Sein Mittel in der Zeit, zu den Menschen zu kommen und durch die Geschichte zu gehen.

Der universale und inklusive Heilswille Gottes, jeden Menschen zu retten und zur Erkenntnis der Wahrheit zu führen, steht also auch in einem Zusammenhang mit dem unabdingbaren Missionsauftrag der Kirche. Die Kirche muss bei anderen Religionen nicht in die Schule gehen, sondern das lehren, was sie von Christus empfangen hat. Mit anderen Worten: Sie muss gemäss dem Missionsbefehl des Auferstandenen hinausgehen und alle Völker zu Seinen Jüngern machen und taufen. Das ist Wort Gottes! Die Kirche ist «Mater et Magistra» (Mutter und Lehrerin) der Völker. Sie bewahrt die von Gott ergangene Offenbarung in der Zeit und trägt sie unverfälscht zu allen Menschen. Ihre Sakramente sind die übernatürliche Lebensquelle, an welcher jeder Mensch gesunden soll. In der Heiligen Eucharistie schlägt uns die Liebe Christi direkt entgegen und empfangen wir das göttliche Leben. Was gibt es Grösseres als die eucharistische Vereinigung mit Ihm? Alternative Gottesdienstformen (Wortgottesdienste) können die Heilige Messe («Quelle und Höhepunkt des kirchlichen Lebens») nicht im Geringsten ersetzen. Wehe, wenn man es versucht, um etwa die Bedeutung der Laien in der Kirche zu unterstreichen. Die Klerikalisierung der Laien und die Entsakralisierung des Priesters sind sehr zum Schaden der Kirche. Das geschieht an vielen Orten. Der Verdrängungsprozess des Priesters durch Laien lässt sich vielerorts beobachten. Derjenige, der ursprünglich dem Priester assistieren sollte (der Pastoralassistent war die nachkonziliare Errungenschaft schlechthin der 70er-Jahre), will ihm nicht untergeordnet oder zugeordnet sein, sondern will ihn ersetzen. Es bleibt trotzdem wahr: Ohne den Priester wird es keine Kirche geben. Wo er verschwindet oder marginalisiert wird, liegt die Kirche in den letzten Zügen. Das hängt mit der Zentralität der Heiligen Eucharistie zusammen, die es ohne den Priester nicht gibt.

Referenzpunkte des katholischen Glaubens
In ihrer Tradition hat die Kirche das Glaubensgut unverfälscht bewahrt und weitergegeben. Sie tut dies auch heute. Referenzpunkt bleibt der «Katechismus der Katholischen Kirche», der von den Bischöfen der Universalkirche in einem erstaunlichen Redaktionsprozess geschrieben und vom Papst (Johannes Paul II.) autorisiert wurde. Die Kirche braucht keine Ausleger, welche die Heilige Schrift mit Berufung auf «neue» Erkenntnisse der Humanwissenschaften umschreiben wollen, sogenannte wissenschaftliche Erkenntnisse, die schon morgen wieder obsolet sind. Die Offenbarung ist nicht falsifizierbar wie wissenschaftliche Erkenntnisse. Wenn heute selbst Stellungnahmen Jesu für zeitbedingt und korrekturbedürftig gehalten werden, ist die Schmerzgrenze definitiv erreicht.

Die Taufe bzw. der Glaube der Kirche sind heilsnotwendig. Durch sie werden wir ermächtigt, Kinder Gottes zu sein. Das bedeutet auch, dass wir es nicht ohne Weiteres und von Natur aus schon sind. Wie können jene, welche die Gottheit Jesu ausdrücklich ablehnen und bekämpfen, den Vater haben? Wie können sie «Kinder Gottes» sein im Vollsinn des Wortes, während sie Seine Selbstoffenbarung in Seinem Sohn bekämpfen? Nach den Worten Jesu hat den Vater nur, wer den Sohn hat und umgekehrt. Es führt also kein Weg zu Gott an Jesus vorbei. In Ihm und mit Ihm und durch Ihn sind wir Kinder Gottes. Durch Ihn und mit Ihm und in Ihm wenden wir uns an den Vater. Er hat uns die Macht gegeben, Kinder Gottes zu sein, wie Johannes im Prolog zu seinem Evangelium schreibt. Relativierungen sind hier nicht angebracht und lähmen den missionarischen Eifer der Kirche. Sie sind eine Irrlehre. Missionare wie der heilige Franz Xaver nahmen unglaubliche persönliche Opfer auf sich, um Menschen für das ewige Leben zu retten durch den Glauben und die Taufe. Sie waren nicht auf dem Holzweg, sondern wir sind es, wenn wir meinen, wir könnten daran Abstriche machen und darauf verzichten, da angeblich jeder auch durch seine eigene Religion selig werde. Warum ist Gott Mensch geworden? Warum hat Er Sich in Seinem Sohn offenbart und uns in Ihm die volle Wahrheit über Sich offenbart? Warum hat Er eine Kirche gegründet? Damit die Heiden bei ihrer herkömmlichen religiösen Sozialisation bleiben? Ist Jesus nicht eine absolute Singularität, weil Er der Mensch gewordene Sohn Gottes ist, den es nur einmal gibt und der alle Menschen angeht? Bringt Er etwa in Bezug auf Gott keinen Erkenntnisgewinn gegenüber anderen Religionen, wie immer sie heissen? «Philippus, wer Mich sieht, sieht den Vater!» (Joh 14,9).

Der Weg zum Himmel führt durch die enge Tür
Ja, Gott ist barmherzig, aber auch wahr und gerecht; davon spricht Jesus in vielen Gerichtsgleichnissen. Es gibt keinen Himmel, ohne durch die enge Tür zu schreiten. Wer den Test nicht besteht (wie am Flughafen bei den Metalldetektoren), wird zurückgewiesen. Er muss die Hindernisse, die ihn am Durchkommen hindern, ablegen bzw. loswerden. Ein Begriff für diese Realität ist in der kirchlichen Verkündigung das sogenannte «Fegfeuer», ein «Ort» der göttlichen Barmherzigkeit. Und dann gibt es nach dem Zeugnis der Heiligen Schrift auch jene, die ihr Heil verwirken. Auf jeden Fall spricht der Herr von einer Zweiteilung im Ausgang des Gerichts und fordert seine Jünger auf: «Bemüht euch mit aller Kraft, hineinzugelangen!» (Lk 13,24). Zu dieser Anstrengung gehört die Bemühung der Kirche, allen Menschen das Evangelium und die Sakramente des Heils zu bringen! Nichts anderes ist ihr prioritärer Auftrag, nicht Soziales, so sehr sie auch Letzteres immer getan hat. Die Sünde ist real, und ihre Folgen für unser Leben aus Gott sind hinderlich und spirituell tödlich. Werden sie nicht bereut, führen sie zum Verlust der Gnade und des ewigen Heils. Wir sollten wieder lernen, die Sünde zu verabscheuen. Auf keinen Fall sollten wir Sünden auf die leichte Schulter nehmen, auch wenn die Barmherzigkeit Gottes in jedem Fall grösser ist als die Sünde. Der Sünder muss sie einsehen und bereuen, um die Barmherzigkeit Gottes mit all ihren heilsamen Wirkungen aufnehmen zu können. Auch das meint Jesus mit der «Wiedergeburt» von oben aus dem Wasser und dem Geist (vgl. Joh 3,5).

Es gibt eine Wahrheit. Sie wird manchmal die «harte Wahrheit» genannt, weil sie auf unsere Befindlichkeit keine Rücksicht nimmt. Sie gilt unabhängig davon. Auch bleibt sie als Wahrheit unveränderlich, unabhängig vom Kommen und Gehen der Generationen und ihren falschen Auffassungen. Unsere Zeit hat den Sinn für Objektivität verloren. Jeder erschafft sich seine eigene Welt, seine «Wahrheit», die nur für ihn «stimmt», aber von Gott nicht anerkannt wird. Wenn etwas wahr ist, bleibt es per definitionem wahr für alle, sonst ist es keine Wahrheit. Zu dieser offenbarten Wahrheit gehört, dass Gott den Menschen als Mann und Frau geschaffen hat und der Leib uns als solche definiert. Heute dominiert eine Art «Gefühlsreligion»: Wahr ist, was ich fühle. Weit gefehlt! Einheit wird emotional vorgetäuscht, existiert aber nicht in einer gemeinsam anerkannten Wahrheit.

Wahrheit polarisiert
Je mehr das Evangelium und der Glaube der Kirche uns herausfordern, unser eigenes Mindset zu übersteigen, umso besser. Mit dem Glauben der Kirche sind nicht persönliche Ansichten gemeint, die wir bei irgendwelchen Gelegenheiten äussern, sondern gemeint ist das, was die Kirche von Anfang an gelehrt hat und für alle Generationen bewahrt. Die Wahrheit bzw. die Worte Jesu sind unumstösslich und bleiben nach seinem eigenen Zeugnis in Ewigkeit. Die Härte der Wahrheit kommt nicht von jenen, welche die Wahrheit des Glaubens hochhalten und lehren. Die Härte kommt von der Verschlossenheit des Herzens, auf welche die Wahrheit trifft. Dasselbe gilt für die Scheidung der Geister um der Wahrheit willen. Jesus sprach in diesem Zusammenhang von einem Schwert, das um Seinetwillen auch Familien spalten wird. Dieser Aspekt darf in der Verkündigung nicht fehlen. Man kann die Wahrheit nicht weichspülen, ohne sie zu verfälschen. Jesus bleibt die anspruchsvolle und situativ unbequeme Wahrheit ohne Abstrich. Das gilt auch für den Glauben der Kirche. Es ist falsch zu meinen, wir könnten Polarisierung verhindern. Die Wahrheit polarisiert. Es zeigt sich, wie der Einzelne zu ihr steht. Mit anderen Worten: Sie scheidet die Geister. Auch der Papst kann nicht alle Geister auf einen Nenner bringen. Es gilt, für die Wahrheit einzustehen und sie zu verkünden, ob gelegen oder ungelegen. Die Kirche hat diese Wahrheit. Sie muss sie in existenziellen Fragen des Heils nicht in einem synodalen Prozess ständig neu suchen und definieren. Wie die runden Tische zum Ausdruck bringen, kreist die Kirche in diesem Prozess um sich selbst. Diese Tische hindern uns, hinauszugehen und von Christus zu reden.

Jesus Christus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Er ist Derselbe, gestern, heute und morgen (Hebr 13,8). In diesem Sinn kann es in der Kirche, die den Bräutigam kennt, keinen Paradigmen-Shift geben, keine neue Lehre, keine Erleuchtung, die alle bisherige Erkenntnis übersteigt oder in den Schatten stellt. Es gibt diesbezüglich keine revolutionären Erkenntnisse, die noch ausstehen oder jüngsten Datums sind. Es gibt auch keine neue, andere Kirche im Sinne von: «Das Frühere ist vergangen; Neues ist geworden: Synodalität!» Bis dato sprach man von der «Unterscheidung des Geistes», um den Willen Gottes zu erkennen. Was darüber hinausgeht, ist ein Code-Wort (Synodalität), um revisionistische Prozesse in Gang zu bringen und angestrebte Ziele zu erreichen: die Veränderung moralischer und dogmatischer Positionen im Sinne des Zeitgeistes und eine Demokratisierung der Leitung der Kirche durch egalitäre Gremien (Gremienkatholizismus). Kardinal Zen nannte am Konsistorium in seiner dreiminütigen Rede die ständige Berufung auf den Heiligen Geist lächerlich, ja blasphemisch, dort nämlich, wo man den eigenen Geist mit dem Heiligen Geist identifiziert. Die Tischrunden-Methode dient nach ihm der Lenkung des Prozesses in die gewünschte Richtung. Sie neutralisiert Voten, die von allen gehört werden müssten, aber mit dieser Methode nicht mehr von allen gehört werden können.

Wir kennen heute Jesus nicht besser als die Gläubigen vor uns. Wir haben heute nicht tiefere Einsichten in die übernatürliche Wahrheit als die Heiligen früherer Zeiten bzw. als die Kirche der Apostel. Technologischer Fortschritt hat uns moralisch nicht auf ein höheres Level gehievt. Philosophisch und moralisch gesehen sind wir früheren Generationen gegenüber sogar Tiefflieger und Ignoranten eigenen Zuschnitts. Der Glaube der Kirche ist jedenfalls nicht revisionsbedürftig. Wir sind es. Und das ist es, was das Konzil wollte: unsere allgemeine Berufung zur Heiligkeit!


Weihbischof em. Marian Eleganti


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Bemerkungen :

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    Joseph Laurentin 29.01.2026 um 07:28
    Der Artikel von Weihbischof Marian Eleganti verdient grosse Anerkennung. Sehr vieles ist darin klar katholisch, missionarisch und glaubensstark formuliert – genau das, was heute wieder kirchlicher Standard werden müsste. Die Betonung der Einzigkeit Christi, der Heilsnotwendigkeit von Glaube, Taufe und Kirche sowie der Zentralität von Priester und Eucharistie ist wohltuend und notwendig. Dennoch bleibt eine entscheidende Leerstelle: Die analysierten Fehlentwicklungen werden zutreffend beschrieben, ihre eigentlichen Ursachen jedoch kaum benannt. Erzbischof Marcel Lefebvre hat diese Entwicklungen bereits während und unmittelbar nach dem Konzil prophetisch vorausgesehen. Die nachkonziliare Relativierung von Mission, Priestertum, Liturgie und kirchlicher Autorität ist nicht bloss ein Missbrauch, sondern wurde durch problematische Mehrdeutigkeiten in zentralen Konzilstexten und Reformen begünstigt. Solange Nostra aetate, die Lehre von der Kollegialität und die neue Liturgie nicht offen und ungeschönt im Licht der beständigen Tradition korrigiert werden, bleibt jede Reform blosse Symptombekämpfung und kirchliches Flickwerk. Wer die Symptome bekämpft, ohne die Ursachen klar zu benennen, wird die Krise nicht überwinden.
    • user
      ser AD 29.01.2026 um 15:25
      Genau so ist es.

      Mein Kommentar zum nachfolgenden Referat hinsichtlich Auslassungen von WB Eleganti nimmt dies auf: die Krise liegt nicht im äusserlichen Ritus, sondern in den unterdrückten Wahrheiten.

      Der Priester sollte im dritten Gebet vor seiner Kommunion beten corpus quod sumpsi non mihi proveniat in iudicium et condemnationen. Damit ist nicht nur die aktuelle Kommunion gemeint, sondern sein ganzes Leben als Priester: die Verwaltung über die Kirche (als corpus) möge dem Priester nicht zur Verdammnis gereichen.

      Der Priester muss für sich selber beten (können), und das wird ihm in der neuen "Liturgie" versagt. Analoge Fälle gibt es zuhauf. WB konnte nicht auf alles eingehen. Auch die Ordnung des Kirchenjahres gehört zum Gebet.
  • user
    Claudio Tessari 28.01.2026 um 20:01
    Wiedermal prophetische Worte eins wahren Apostelnachfolger