Die Erschaffung Adams von Michelangelo, Sixtinische Kapelle.

Kommentar

Unend­li­che oder unan­tast­bare Würde?

Das neu­este Doku­ment des Dikas­te­ri­ums für die Glau­bens­lehre lau­tet «Digni­tas infi­nita» und spricht dem Men­schen eine «unend­li­che Würde» zu. Ich ziehe den Begriff «unan­tast­bare Würde» vor. Die Kate­go­rie «unend­lich» soll­ten wir lie­ber Gott vor­be­hal­ten. Denn nur auf ihn trifft sie wirk­lich zu. Alles Geschöpf­li­che ist «end­lich» bzw. «kon­tin­gent». «Unend­li­che Würde» für den Men­schen klingt pathe­tisch und irgend­wie irra­tio­nal, was schon bei Johan­nes Paul II. erstaunte, der den Aus­druck in die­sem Kon­text zum ers­ten Mal benutzte. Wir wis­sen, was gemeint ist. Inso­fern kön­nen wir damit leben.

Im Buch Genesis wird die Todesstrafe damit begründet, dass der Mensch Ebenbild Gottes ist. Wenn jemand einen Mitmenschen tötet, verdient er nach dem ersten Buch der Heiligen Schrift den Tod. Warum: Weil er die Würde, Abbild Gottes zu sein, seines Nächsten verachtet und die mit ihr verbundene Unantastbarkeit nicht respektiert hat. Durch den Mord verwirkt er (latae sententiae) das eigene Lebensrecht. Er wird mit dem Tod bestraft. Die Todesstrafe wird hier also mit der Würde des Menschen als Abbild Gottes begründet, während sie im Dokument des «Dikasteriums für die Glaubenslehre» mit dem gleichen Argument abgelehnt wird. Das ist ein Widerspruch.

Papst Franziskus und sein Schützling und Ghostwriter Kardinal Fernández rücken mit ihrer Position von der Tradition ab und legen sich mit grossen katholischen Gelehrten an, die diesbezüglich anders gedacht und die traditionelle Lehre vom gerechten Krieg wie auch von der Todesstrafe mit Kriterien der Gerechtigkeit rational und offenbarungstheologisch begründet haben. Mit ihren Argumenten müsste man sich auseinandersetzen und dagegen bessere liefern. Aber darauf wartet man vergeblich.

Womit ist also die Selbstverteidigung der Ukraine noch zu begründen, wenn Kriegshandlungen bzw. Kriege in keinem Fall – also auch nicht zur Selbstverteidigung – gerechtfertigt werden können (vgl. die traditionelle Lehre vom gerechten Krieg). Dafür muss es objektive und rationale Kriterien geben. Die traditionelle Lehre der Kirche hat sie geliefert. Heute überschreibt man einfach den Katechismus. Ich bin kein Freund der Todesstrafe, und die Erfahrung, wie und von wem sie weltweit in Geschichte und Gegenwart praktiziert wurde bzw. wird, geben Anlass, sie in Frage zu stellen und sie in dieser Form abzulehnen. Wer sie aber als ultima ratio in jedem Fall ächtet, legt sich mit dem Wort Gottes und darauf basierend mit der Lehrtradition der Kirche an. Er geht davon aus, es heute besser zu wissen. Zweifel sind angebracht.

Zur Erinnerung (KKK 1997/2003):

«2267 Unter der Voraussetzung, dass die Identität und die Verantwortung des Schuldigen mit ganzer Sicherheit feststeht, schliesst die überlieferte Lehre der Kirche den Rückgriff auf die Todesstrafe nicht aus, wenn dies der einzig gangbare Weg wäre, um das Leben von Menschen wirksam gegen einen ungerechten Angreifer zu verteidigen. Wenn aber unblutige Mittel hinreichen, um die Sicherheit der Personen gegen den Angreifer zu verteidigen und zu schützen, hat sich die Autorität an diese Mittel zu halten, denn sie entsprechen besser den konkreten Bedingungen des Gemeinwohls und sind der Menschenwürde angemessener. Infolge der Möglichkeiten, über die der Staat verfügt, um das Verbrechen wirksam zu unterdrücken und den Täter unschädlich zu machen, ohne ihm endgültig die Möglichkeit der Besserung zu nehmen, sind jedoch heute die Fälle, in denen die Beseitigung des Schuldigen absolut notwendig ist, ‹schon sehr selten oder praktisch überhaupt nicht mehr gegeben› (EV 56).»

«2309 Die Bedingungen, unter denen es einem Volk gestattet ist, sich in Notwehr militärisch zu verteidigen, sind genau einzuhalten. Eine solche Entscheidung ist so schwerwiegend, dass sie nur unter den folgenden strengen Bedingungen, die gleichzeitig gegeben sein müssen, sittlich vertretbar ist:

  • Der Schaden, der der Nation oder der Völkergemeinschaft durch den Angreifer zugefügt wird, muss sicher feststehen, schwerwiegend und von Dauer sein.
  • Alle anderen Mittel, dem Schaden ein Ende zu machen, müssen sich als undurchführbar oder wirkungslos erwiesen haben.
  • Es muss ernsthafte Aussicht auf Erfolg bestehen.
  • Der Gebrauch von Waffen darf nicht Schäden und Wirren mit sich bringen, die schlimmer sind als das zu beseitigende Übel. Beim Urteil darüber, ob diese Bedingung erfüllt ist, ist sorgfältig auf die gewaltige Zerstörungskraft der modernen Waffen zu achten.»


Gastkommentare spiegeln die Auffassungen ihrer Autorinnen und Autoren wider.

 

«Dignitas infinita» zur Todesstrafe:
«Auch das Thema Todesstrafe muss hier erwähnt werden: Auch die letztere verletzt unter allen Umständen die unveräusserliche Würde eines jeden Menschen. Man muss im Gegenteil anerkennen: ‹Die entschiedene Ablehnung der Todesstrafe zeigt, wie weit wir die unveräusserliche Würde jedes Menschen anerkennen und akzeptieren können, dass auch er seinen Platz in dieser Welt hat. Denn wenn ich ihn nicht dem schlimmsten aller Kriminellen abstreite, werde ich ihn niemandem absprechen. Ich werde allen die Möglichkeit geben, diesen Planeten mit mir zu teilen, ungeachtet dessen, was uns trennen mag› (Franziskus, «Fratelli tutti », 269)».


Weihbischof em. Marian Eleganti


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    Daniel Ric 03.05.2024 um 06:25
    Persönlich habe ich bei den drei von Bischof Eleganti angesprochenen Punkten weniger Mühe. Von einer endlichen Würde eines Menschen zu reden widerspricht der allgemeinen Erfahrung, da fast alle Kulturen einen Totenkult kennen. Die meisten Menschen wünschen sich ein angemessenes Begräbnis und niemand redet ohne Gewissensbisse über Tote schlecht, da ihm bewusst ist, dass dies die Würde des Verstorbenen verletzt. Die Tatsache, dass wir Menschen die Würde des Menschen eben nicht als endlich, sondern als unendlich ansehen, beweist auch, dass wir einen Sinn dafür haben, dass mit unserem irdischen Leben die Existenz nicht endet. Daher finde ich den Ausdruck unendliche Würde viel passender als unantastbare Würde. Was den zweiten Punkt, die Todesstrafe, anbelangt, so glaube ich ebenfalls, dass sich diese mit naturrechtlichen Begründungen rechtfertigen lässt (wobei ich ein strikter Gegner der Todesstrafe bin). Mühe habe ich aber mit dem Argument, wonach die Todesstrafe im Buch Genesis verankert ist und die Aussagen von "Dignitas infinita" deswegen in einem Widerspruch zur Bibel stehen. Auch das Zinsverbot ist im alten Testament verankert, wobei die wenigsten katholischen Gelehrten heute ein solches einfordern. Ich möchte nicht das Alte Testament, das ich sehr schätze und das in der Öffentlichkeit oft brutaler dargestellt wird, als es tatsächlich ist, gegen das Neue Testament ausspielen. Aber als Christen sind wir aufgefordert, uns zu fragen, inwiefern Jesu Liebesgebot tatsächlich mit der Todesstrafe vereinbar ist. Auch wenn diese in der 2000-järigen Geschichte der Kirche durchgesetzt wurde (auch nicht immer mit der gleichen Intensität), so ist zu fragen, ob es heute nicht andere Möglichkeiten gibt, einen Straftäter unschädlich zu machen. Beim letzten Punkt, dem gerechten Krieg, muss darauf hingewiesen werden, dass der grösste Gegner der Theorie des gerechten Krieges nicht Papst Franziskus, sondern Johannes Paul II. war. Er lehnte den Nato-Einsatz im Kosovo und im Irak kategorisch ab. Auch wenn natürlich jedes Gemeinwesen das Recht hat, sich selbst zu verteidigen, so entsprachen die modernen Kriege der Neuzeit und vor allem der Moderne allesamt nicht den Voraussetzung eines gerechten Krieges, da die Zivilbevölkerung zu stark in Mitleidenschaft gezogen wurde. Unser idyllisches Kriegsbild von edlen Kämpfern, die sich für die gerechte Sache einsetzen, wird durch Medien geprägt. Die Wahrheit sieht meistens anders aus. Bei Kriegen gilt Blaise Pascals Ausspruch, wonach "was diesseits der Pyrenäen Wahrheit ist, jenseits Irrtum ist". Ich möchte damit nicht einem naiven Pazifismus das Wort reden, jedoch halte ich einen solchen meistens für intellektuell und moralischer redlicher als die noch naivere Vorstellung, man könne durch Waffengewalt langfristig Frieden und Stabilität schaffen. Ich bin äusserst stolz, dass die katholische Kirche (und nicht erst seit Papst Franziskus) die einzige glaubwürdige Stimme des Friedens auf dieser Welt ist, währenddem viele Denker und Politiker (vor allem die Grünen) all ihre Friedensideale dem Zeitgeist und dem Wunsch, ihre Macht aufrechtzuerhalten, aufgeopfert haben.
  • user
    Meier Pirmin 01.05.2024 um 07:35
    Der Ausdruck "unendliche Würde" ist sowohl logisch-anaytisch wie rechtsgeschichtlich, rechtspraktisch und juristisch Ausdruck von gummiger Ungenauigkeit. Dies gilt sowohl für die "Würde der Kreatur", über die ich laut Wikipedia für das Schweizer Verfassungsrecht gearbeitet habe, wie überhaupt für die "Würde" z.B. eines Engels, der wie Luzifer und Beelzebub ein Geschöpf Gottes ist. Dabei ist der Mensch Kreatur, aber gemäss Blaise Pascal weder Tier noch Engel.

    Bei der Scholastik, deren gewaltige Verdienste für die Logik nach I.M. Bochenski (Freiburg), dem seinerzeit bedeutendsten in der Schweiz wirkenden Professor für die logisch-analytischen Grundlagen der Philosophie dokumentiert wurden. Der Scholastik verdanken wir, gemäss dem Standardwerk "Einführung in die Logik" von Bochenski-Schüler Albert Menne, Errungenschaften feinster Begriffsunterscheidung, welche in ihrerTragweite zum Teil erst bei der elektronischen Datenverarbeitung auch praktisch umgesetzt werden konnten. Zuvor sprach man von "scholastischer Spitzfindigkeit" im Zusammenhang mit der keineswegs dummen Frage, wieviele Engel auf einer Stecknadelspitze Platz fänden und dergleichen, womit der Anfänger auf die totale Andersartigkeit der geistigen Welt hingewiesen wurde.

    Dabei war schon die Frage falsch gestellt, wie der Logiklehrer gesagt hätte; gilt auch für die Frage, ob man mit dem "Leib Christi" Fleisch esse, was zur Zeit der Reformation intensiv diskutiert wurde. Warum? Weil damals, wie die Kirchenhistoriker nicht müde wurden zu betonen, die Scholastik in einem dramatischen Niedergang waren; ehrlich gesagt hat deswegen keiner der Reformatoren und nicht mal der Arzt und Theologe der Ernährung, Paracelsus, das Dogma der Transsubstantiation verstanden, also schon mehr oder weniger der Wissensstand im heutigen Religonsunterricht, wenn es diesen überhaupt noch gibt. Der Niedergang der Scholastik setzte aber schon bei den Professoren ganz oben an, ehrlich gesagt damals bei Franziskanern und Dominikanern, den Eliteorden wie später bei den Jesuiten, zu denen auch unser Heiliger Vater angehörte. Bei hohem Respekt vor ihm, würdigte in der Luzerner Zeitung auch schon seinen nicht zu bestreitenden katholischen Humor, besteht der Verdacht, dass der Heilige Vater, leider auch die ihn gelegentlich kritisierenden Schweizer Jesuiten der Gegenwart, es in der Geschichte dieses Ordens nicht zu den hundert gründlichsten Denkern schaffen. SJ hiess früher, wenn auch mehr humoristisch, "Schlaue Jungen".

    Über die "Endlichkeit" der Menschenwürde hat sich mit leider höchst zutreffenden Argumenten der Lieblingsphilosoph des Humoristen Wilhelm Busch ausgelassen. Selber engagierte ich mich erfolgreich im AG Verfassungsrat für die "Würde der Kreatur", einen Begriff, der erstmals bei Karl Barth auftaucht. Diese ist, den Tierschutz betreffend, auch im biblischen Sinn klar begrenzt. So weit aber der Mensch Kreatur ist, nach Meister Eckhart näher der Mücke als Gott, kann theologisch auch nicht von einer "unendlichen Würde" gesprochen werden. Abgesehen davon, dass nicht nur für den Feminismus die Würde des Embryos im Rahmen einer Einsprüchen nicht zugelassenen unbegrenzt willkürlichen Entscheidungsmöglichkeit unter der Würde des Eisvogels oder der Weinbergschnecke oder des Wolfes anzusetzen ist. Dass freilich der Mensch dem Menschen ein Wolf sei (Thomas Hobbes), ist gemäss dem Logik-Lehrbuch meines einstigen Philosophielehrers P. Rafael Fäh als "metaphorische Analogie" zu verstehen. Als möglicherweise unendlich hat jedoch Albert Einstein die "menschliche Dummheit" eingeschätzt. Deren Unendlichkeit sei sogar wahrscheinlicher als diejenige des Weltalls.
  • user
    Michael 30.04.2024 um 23:43
    Die Artikel von S. E. Bischof Marian erwecken immer Hoffnung und Dankbarkeit.
    Der Inhalt des Katechismus kann von keinem Papst verändert werden und dazu sollte jeder Katholik stehen!
    Als Nächstes will es einem nicht so recht über die Lippen, weil gewisse schlaue Drahtzieher genau wissen, dass sie es mit irgendwelchen schwierigen Themen verknüpfen müssen. Da tut es richtig gut, wenn einer Klartext redet.
    • user
      Hansjörg 01.05.2024 um 11:30
      Der Inhalt des Katechismus wurde von Menschen zu irgendeiner Zeit erschaffen. Somit können Menschen der heutigen Zeit den Katechismus der heutigen Zeit anpassen.
      • user
        Meier Pirmin 01.05.2024 um 13:11
        @Hansjörg. Der Katechismus von Canisius und der von Bullinger hielten je fast 400 Jahre; nicht zu verwechseln mit dem Gehalt der dogmatischen Aussagen der frühen Konzilien, auf denen das Credo beruht, Anpassung war nie das Ziel von Katechismen, wenn schon Wiederherstellung der ursprünglichen Botschaft Jesu Christi. Diese war dank der Bereitstellung von Originaltext des Evangeliums aus griechischen Handschriften, die von aus Byzanz vom Sultan vertriebenen Gelehrten nach Venedig kamen, dort lesbar gedruckt wurden, dann von Erasmus in Basel 1516 lateinisch-deutsch wiedergegeben, die Grundlage der neuzeitlichen Rezeption des Evangeliums. Bullunger und Canisius hatten beide ihre scholastischen und humanistischen Grundlagen in Köln geholt, an der dortigen Montanterburse der Universität. H. Küng hat in "Christ sein" mit Recht darauf hingewiesen, dass aber die neuere Bibelforschung noch nicht angemessen bei der Glaubensverkündigung angekommen sein, ein Anliegen, dass durchaus auch das von J. Ratzinger war. Es war aber noch nie das Anliegen des Feminismus und der Buchstabenbewegung LGTBQ, ihre Weltanschauung der Selbstverwirklichung und der Abtreibung ohne Gewissensbisse als Lehre Jesu Christi und der Apostel zu verkaufen, selbst auf Platon beriefen sich nur die beiden Pioniere, die Marx-Engels der Schwulen, Heinrich Hössli und Karl Heinrich Ulrichs, die mit grösstem Mut für die gesellschaftliche Anerkennung der Homosexuellen kämpften, dabei interessanterweise der Protestant Hössli aus Glarus mit einem auf Zwinglis Humanismus sich berufenden aufgeklärte protestantischen Ansatz bei Heilighaltung der biblischen Ehe, aber Aufforderung an die Schwulen, er war selber Modefachmann, sich durch kreative Arbeit und politisches Engagement "geistige Kinder" zu schaffen.
        • user
          Hansjörg 02.05.2024 um 21:13
          Auch der lange Text ändert nichts an meiner Aussage: Von Menschen gemacht, somit können Menschen auch ändern.