(Symbolbild: EdenMoon/Pixabay)

Kommentar

Ver­ges­sene Sorge: cura pastoris?

Die Nach­richt vom Tod eines jun­gen Pries­ters aus Ita­lien hat mich tief erschüt­tert. Ein lebens­fro­her Pries­ter – geschätzt von Kin­dern, Jugend­li­chen und Erwach­se­nen glei­cher­mas­sen – ist plötz­lich und uner­war­tet von uns gegan­gen. Für viele unbe­greif­lich. Für man­che ver­stö­rend. Für alle aber: ein Weck­ruf. Wer sorgt sich eigent­lich noch um unsere Priester?

In der öffentlichen Wahrnehmung – und nicht selten auch in der innerkirchlichen Praxis – wird der römisch-katholische Priester heute primär als Funktionsträger oder Manager wahrgenommen: ein Allrounder im Dauerbetrieb. Zuständig für Liturgie, Verwaltung, Personalführung, Katechese, Jugendpastoral, Sterbebegleitung, Ökumene, Finanzen und vieles mehr. Die unausgesprochene Erwartung: ständige Verfügbarkeit und uneingeschränkte Loyalität. Doch das priesterliche Leben ist zutiefst beziehungsorientiert. Es lebt von geistlichem Austausch, vom Vertrauen, vom Mitleiden und Mitfreuen. Wenn diese Beziehungen durch Überforderung, Isolation oder mangelnde Wertschätzung ausgehöhlt werden, droht ein schleichendes Austrocknen – nach aussen kaum erkennbar, im Inneren jedoch zermürbend. Eine Woche Exerzitien und regelmässige Gespräche mit der Supervisorin oder einem Beichtvater reichen dann oft nicht mehr aus. Es braucht früheres und umfassenderes Hinschauen.

Die stille Not des Priesters
Unsere Gesellschaft begegnet Priestern vielfach mit Skepsis – manchmal sogar mit offener Ablehnung. Kirchliche Skandale, eine als rigide empfundene Sexualmoral oder der oft unverstandene zölibatäre Lebensstil werfen Schatten – mitunter verstärkt durch innerkirchliche Aussagen bis in die Leitungsebene hinein. Nicht selten steht der priesterliche Dienst unter einem pauschalen Generalverdacht. Und dennoch: Sonntag für Sonntag steht der Priester am Altar, spendet Trost, begleitet Sterbende, segnet Kinder und Jugendliche, hört geduldig zu – oft dort, wo andere schon längst weitergegangen sind. Doch wer hört dem Priester zu? Wer trägt seine Sorge mit?

Zeit für einen Perspektivenwechsel
In der Kirche wird mit Recht viel von der cura animarum, der Sorge um die Seele, gesprochen. Doch wer übernimmt die cura pastoris – die Sorge um den Hirten selbst? Diese Verantwortung kann nicht ausgelagert werden. So wertvoll psychologische Beratung oder geistliche Begleitung sind: cura pastoris ist keine Dienstleistung, sondern eine Haltung. Sie ist eine geistlich begründete Verpflichtung der gesamten Kirche, die sich aus dem Weiheversprechen ergibt: Bischöfe sind nicht primär Verwalter, sondern Väter ihrer Presbyter. Nähe, Hinhören und väterliche Fürsorge müssen mehr sein als wohlformulierte Hirtenbriefe oder digitale Grussworte zu Weihnachten und Ostern.

Gläubige sind keine religiösen Konsumenten, sondern Mitverantwortliche. Auch sie können ihre Priester stärken – durch Vertrauen, Verständnis, Dankbarkeit, Loyalität oder Unterstützung im Alltag.

Priester untereinander sind keine Konkurrenten, sondern Brüder. Geistliche Freundschaft, geschwisterliche Solidarität und gegenseitige Anerkennung stärken das gemeinsame Zeugnis. Und die Kirche als Ganzes muss sich fragen, ob ihre pastoralen Strukturen wirklich dem dienen, wozu sie da sind – oder ob sie nicht überfordern, wo sie eigentlich tragen sollten.

Ich kenne das innere Ringen des zu Beginn erwähnten Priesters nicht und masse mir kein Urteil an. Und doch stellt sein Heimgang Fragen, die uns alle betreffen: Wer trägt unsere Priester – geistlich, menschlich, strukturell? Wer sieht ihre Last – und hilft mitzutragen? Die Verantwortung für unsere Priester liegt nicht bei Einzelnen allein. Sie ist eine gemeinsame Aufgabe: der Bischöfe, der Mitbrüder, der Mitarbeitenden, der Gläubigen. Vielleicht lässt uns sein Heimgang neu fragen, wie ernst es uns mit der Sorge um unsere Priester ist: mit der Geduld gegenüber den Schwachen und dem Wissen darum, dass auch Priester Menschen sind.

Ich träume von einer Kirche, in der die cura pastoris nicht die Ausnahme ist, sondern Ausdruck eines gelebten Glaubens. Nicht eine Methode, sondern eine innere Haltung. Keine Reformidee, sondern eine geistliche Notwendigkeit. Sie gehört zu dem, was unsere Kirche glaubwürdig macht: die Sorge um jene, die sich Tag für Tag um andere sorgen. Es ist jene Liebe, mit der Christus die Menschen liebt.

Warten wir nicht auf Lösungen «von oben». Beginnen wir dort, wo wir stehen – mit Nähe, mit Respekt, mit einer einfachen, aber aufrichtigen Geste. Und vor allem: Gehen wir bei jedem Priester vom Guten aus – nicht aus Naivität, sondern aus christlicher Grundhaltung. Beten wir für unsere Hirten. Ihr Weg geht uns etwas an. Ihr Schicksal ist uns nicht gleichgültig.


Dr. des. Mike Qerkini


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    John Henry 25.07.2025 um 21:32
    Ich versuche unseren Priester so gut wie möglich zu ehren und zu unterstützen. Das Versagen unserer Bischöfe tut besonders weh. Es ist mir ein Rätsel wie man Bischof, Theologe oder kirchlicher Mitarbeiter sein kann ohne rechtgläubig zu sein und für den Glauben zu kämpfen, der den Heiligen ein für alle Male anvertraut wurde (Jud 3).
  • user
    Priester im Kanton Zürich 21.07.2025 um 18:34
    Im Sinne des Lehramts gute und rechtgläubige Priester werden zwischen Bischöfen (die dem Zeitgeist huldigen und diese Priester verachten wie Bonnemain) und Laien (die sich über die Priester erheben wollen) erdrückt. Die Suizid Rate unter Priestern wird weiter steigen. Bischöfe, die die überlieferte Messe verfolgen und Oberlaien, die sich als Konkurrenz aufspielen - da kannst du als Priester nicht anders, als manchmal an Suizid zu denken.
  • user
    Meier Pirmin 20.07.2025 um 07:48
    Zum Abschluss dieser Debatte erinnere ich mich an ein bedenkenswertes und bedenkliches Wort des einzigartigen christlichen deutschen Schriftstellers Reinhold Schneider, eine bedeutsame Stimme des Gewissens zur Zeit des 2. Weltkrieges und danach: : "Wer weiss, welche inneren Finsternisse Kreuzesschild und Ordensgewand schon bedeckt haben?" Er nannte den Priester einen Fahnenträger, dem es oft zukomme, den inneren Schmerz für sich zu behalten. "Aus der Fahne kommt die Kraft", gemeint die Verkündigung. Dass diese Kraft, wenn eine letzte Begnadung fehlt, zur Erlösung nicht reicht, dessen war sich schon Meister Eckhart bewusst, der sich als Gläubigen die Selbstermahnung gab, für sich selbst auch die Möglichkeit des Absturzes in die Hölle nicht auszuschliessen. Auch in einem solchen Fall gelte es, den Willen Gottes anzunehmen.
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    Heinz Meier 19.07.2025 um 20:26
    Der „Zufall“ wollte es, dass ich ferienhalber zeitnah und nur ein paar km von Capalbio entfernt weilte: den Ort des tragischen Todes von Don Matteo Balzano. Die Trauerfeier war für mein Empfinden trostlos, weil ohne konkrete Selbstkritik des Bischofs. Ein bloss „allgemeines Schuldbekenntnis“ ist ein zu billiges Feigenblatt für die offensichtlichen Versäumnisse. Das ist leider die bittere Wahrheit, wie sie der Artikel hier andeutet: die Priester sind ohne bischöfliche Hirtensorge ihrem einsamen Schicksal überlassen. Fehlt es den Bischöfen an Zeit dafür? Oder an Aufmerksamkeit, Achtsamkeit, Empathie? Oder ist den Hirten das innere Wesen unseres Glaubens als „therapeutischer Religion“ (Eugen Biser) gar zu wenig vertraut oder - horribile dictum- ganz fremd? Manchmal wird mediale Dauerpräsenz unserer Kirchenführung höher bewertet als die konkrete „Seelsorge an den Seelsorgern“: ein schlechtes Alibi herhalten für den Mangel an Mitbrüderlichkeit dort, wo Priester in Krisen geraten. Der Fall des Don Matteo mag extrem erscheinen. Er ist gerade deswegen ein Symptom, an dem die catholica sich nicht achselzuckend abwenden sollte. Man lese dazu wieder einmal diesbezüglich die Konzilsdokumentr über den bischöflichen Dienst.
  • user
    Adelina Sommer 19.07.2025 um 16:19
    Die Reaktionen auf den Artikel machen deutlich, wie sensibel und vielschichtig das Thema ist. Dass ein möglicher Suizid nicht ausdrücklich erwähnt wird, ist keineswegs Ausdruck einer „institutionellen Lebenslüge“, sondern entspricht oft einer verantwortungsvollen seelsorglichen und publizistischen Zurückhaltung – aus Rücksicht auf die Angehörigen, aus Respekt vor der verstorbenen Person und im Bewusstsein um die Wirkung auf die Leserschaft.

    Der Verweis auf Urlaubsregelungen oder das Gehalt von Priestern greift zu kurz. Hier geht es nicht um arbeitsrechtliche Fragen, sondern um geistliche, seelische und zwischenmenschliche Überforderung. Der priesterliche Dienst ist keine blosse Funktion, sondern eine Lebensform – geprägt von Beziehung, Einsamkeit, spiritueller Verantwortung und einem hohen Erwartungsdruck.

    Besonders bedenkenswert finde ich den Vorschlag, Priester gemeinschaftlich in Seelsorgezentren leben und wirken zu lassen. Das könnte nicht nur strukturell entlasten, sondern auch geistlich stärken – und die Qualität priesterlicher Gemeinschaft fördern.

    Die cura pastoris ist keine Reformidee, sondern ein kirchlicher Grundauftrag. Nicht bloss Mitleid, sondern echtes Mittragen ist gefragt.

    Mein Dank gilt Dr. des. Mike Qerkini, dass er dieses wichtige Thema mit so viel Klarheit und pastoraler Tiefe zur Sprache gebracht hat.
  • user
    Michel Stephany 19.07.2025 um 13:30
    Cura pastoris - Bischof Bonnemain ist da sicher kein Vorbild, er befördert eine Unkultur der Verweltlichung und kann am besten verglichen werden mit einem Pharao: Ramses I.
    • user
      Melanie Wese 19.07.2025 um 17:31
      Dass unter diesem Bischof im Bistum Chur scheinbar noch kein einziger Priester Suizid begangen hat, grenzt sicher an ein Wunder.

      Der Vergleich mit dem Pharao ist passend, aber ich finde ein anderes Bild noch viel besser: Harley-Davidson, Lederjacke und ausgestreckter Mittelfinger.
  • user
    Claudio 17.07.2025 um 18:27
    Also im dualen System
    Des Kanton Zürich denke ich eher nicht das der Priester überfordert ist. 5 Wochen Ferien, 2 Wochen Weiterbildung und Exerzitien. Einmal im Monat ein freies Wochenende, der Lohn ist höher als bei 90% arbeitenden Familienväter. Und das Angebot der Sakramente ist je nach dem auch nicht rund um die Uhr da. Natürlich gibt es Ausnahmen
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    Meier Pirmin 17.07.2025 um 13:37
    Es wird so geschrieben, dass wohl von einem Suizid auszugehen ist, doch wird dies mutmasslich, weil kirchenrechtlich und von der Tradition her ein Ärgernis, offenbar nicht offen eingestanden. Hier schwingt ein Stück institutioneller Lebenslüge mit, so wie man früher Missbrauchsvergehen bestenfalls andeutete, aber so gut wie nie öffentlich eingestanden hat.
    Aber natürlich verdient der tote Priester unser Mitgefühl. Er ist auch nicht der einzige, der diesen oder einen ähnlichen Schritt gegangen ist, so in Erinnerung an meine Jugendzeit einer der angesehensten Dorfseelsorger und Fernsehprediger, der freilich am Ende seines Lebens allerdings bereits krankgeschrieben und in psychiatrischer Behandlung war.
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      Meier Pirmin 17.07.2025 um 16:20
      PS. Natürlich nicht nur unser Mitgefühl verdient der Verstorbene, auch unser Gebet und unsere wenn möglich "aktive" Teilnahme.
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      Klaus Gasperi 18.07.2025 um 10:59
      Lieber Pirmin Meier, grundsätzlich haben Sie völlig recht, und warum Herr Querkini als Autor den Suizid von Don Matteo Balzano nicht offen anspricht, ist mir auch nicht nachvollziehbar, aber gerade in diesem Fall muss man doch sagen, dass von einer institutionellen Lüge wirklich keine Rede sein kann, sogar Bischöfe haben den Fall offen thematisiert, das Schicksal des Priesters von Cannobio hat weltweit für Aufsehen und grosse Anteilnahme gesorgt, alle relevanten katholischen Medien wie avvenire in Italien oder la Croix in Frankreich haben offen über diesen Selbstmord berichtet, sogar the Malaysian Herald. Und der Fall hat auch zu einer intensiven Debatte über die diversen Ansprüche an die Priester geführt.
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        Meier Pirmin 19.07.2025 um 11:59
        Danke, Herr Klaus Gasperi, für diese wichtigen Hintergrundinformationen. Sie erlauben eine differenziertere Beurteilung. Selber, für mich , war die Information über swiss-cath die erste überhaupt. Darum die etwas konsternierte Reaktion darauf.
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    Daniel Ric 17.07.2025 um 12:43
    Vielen Dank für diesen hervorragenden Text! Es ist die Aufgabe jedes Christen, sich für Priester einzusetzen - mit Worten und Gebet. Vor allem die Bischöfe haben hier eine grosse Pflicht, aber auch jeder Laie. Auch wenn ich ebenfalls glaube, dass wir selbständig nach Lösungen suchen müssen, um der Vereinsamung und Überforderung der Priester vorzubeugen, so gibt es schon auch strukturelle Dinge, die geändert werden sollten. Die heute vorherrschende Volkskirche mit dem Anspruch, dass flächendeckend in allen Pfarreien Seelsorge angeboten wird, führt zwangsläufig zur Vereinsamung und Überlastung der Priester, da grosse Seelsorgeeinheiten abgedeckt werden müssen, in denen oft nur ein Priester tätig ist (mit wenig Entscheidungsbefugnissen). Besser wäre es, wenn Priester gemeinsam in vom Bistum definierten Seelsorge-Zentren leben würden. Den Gläubigen darf zugemutet werden, diese Zentren aufzusuchen und dort die Sakramente zu empfangen (und andere Grundvollzüge der Kirche). In solchen Zentren könnte ein gesundes und wirklich christliches Miteinander gepflegt werden, das zur Neuevangelisierung und zu neuen Berufungen führt.