In der öffentlichen Wahrnehmung – und nicht selten auch in der innerkirchlichen Praxis – wird der römisch-katholische Priester heute primär als Funktionsträger oder Manager wahrgenommen: ein Allrounder im Dauerbetrieb. Zuständig für Liturgie, Verwaltung, Personalführung, Katechese, Jugendpastoral, Sterbebegleitung, Ökumene, Finanzen und vieles mehr. Die unausgesprochene Erwartung: ständige Verfügbarkeit und uneingeschränkte Loyalität. Doch das priesterliche Leben ist zutiefst beziehungsorientiert. Es lebt von geistlichem Austausch, vom Vertrauen, vom Mitleiden und Mitfreuen. Wenn diese Beziehungen durch Überforderung, Isolation oder mangelnde Wertschätzung ausgehöhlt werden, droht ein schleichendes Austrocknen – nach aussen kaum erkennbar, im Inneren jedoch zermürbend. Eine Woche Exerzitien und regelmässige Gespräche mit der Supervisorin oder einem Beichtvater reichen dann oft nicht mehr aus. Es braucht früheres und umfassenderes Hinschauen.
Die stille Not des Priesters
Unsere Gesellschaft begegnet Priestern vielfach mit Skepsis – manchmal sogar mit offener Ablehnung. Kirchliche Skandale, eine als rigide empfundene Sexualmoral oder der oft unverstandene zölibatäre Lebensstil werfen Schatten – mitunter verstärkt durch innerkirchliche Aussagen bis in die Leitungsebene hinein. Nicht selten steht der priesterliche Dienst unter einem pauschalen Generalverdacht. Und dennoch: Sonntag für Sonntag steht der Priester am Altar, spendet Trost, begleitet Sterbende, segnet Kinder und Jugendliche, hört geduldig zu – oft dort, wo andere schon längst weitergegangen sind. Doch wer hört dem Priester zu? Wer trägt seine Sorge mit?
Zeit für einen Perspektivenwechsel
In der Kirche wird mit Recht viel von der cura animarum, der Sorge um die Seele, gesprochen. Doch wer übernimmt die cura pastoris – die Sorge um den Hirten selbst? Diese Verantwortung kann nicht ausgelagert werden. So wertvoll psychologische Beratung oder geistliche Begleitung sind: cura pastoris ist keine Dienstleistung, sondern eine Haltung. Sie ist eine geistlich begründete Verpflichtung der gesamten Kirche, die sich aus dem Weiheversprechen ergibt: Bischöfe sind nicht primär Verwalter, sondern Väter ihrer Presbyter. Nähe, Hinhören und väterliche Fürsorge müssen mehr sein als wohlformulierte Hirtenbriefe oder digitale Grussworte zu Weihnachten und Ostern.
Gläubige sind keine religiösen Konsumenten, sondern Mitverantwortliche. Auch sie können ihre Priester stärken – durch Vertrauen, Verständnis, Dankbarkeit, Loyalität oder Unterstützung im Alltag.
Priester untereinander sind keine Konkurrenten, sondern Brüder. Geistliche Freundschaft, geschwisterliche Solidarität und gegenseitige Anerkennung stärken das gemeinsame Zeugnis. Und die Kirche als Ganzes muss sich fragen, ob ihre pastoralen Strukturen wirklich dem dienen, wozu sie da sind – oder ob sie nicht überfordern, wo sie eigentlich tragen sollten.
Ich kenne das innere Ringen des zu Beginn erwähnten Priesters nicht und masse mir kein Urteil an. Und doch stellt sein Heimgang Fragen, die uns alle betreffen: Wer trägt unsere Priester – geistlich, menschlich, strukturell? Wer sieht ihre Last – und hilft mitzutragen? Die Verantwortung für unsere Priester liegt nicht bei Einzelnen allein. Sie ist eine gemeinsame Aufgabe: der Bischöfe, der Mitbrüder, der Mitarbeitenden, der Gläubigen. Vielleicht lässt uns sein Heimgang neu fragen, wie ernst es uns mit der Sorge um unsere Priester ist: mit der Geduld gegenüber den Schwachen und dem Wissen darum, dass auch Priester Menschen sind.
Ich träume von einer Kirche, in der die cura pastoris nicht die Ausnahme ist, sondern Ausdruck eines gelebten Glaubens. Nicht eine Methode, sondern eine innere Haltung. Keine Reformidee, sondern eine geistliche Notwendigkeit. Sie gehört zu dem, was unsere Kirche glaubwürdig macht: die Sorge um jene, die sich Tag für Tag um andere sorgen. Es ist jene Liebe, mit der Christus die Menschen liebt.
Warten wir nicht auf Lösungen «von oben». Beginnen wir dort, wo wir stehen – mit Nähe, mit Respekt, mit einer einfachen, aber aufrichtigen Geste. Und vor allem: Gehen wir bei jedem Priester vom Guten aus – nicht aus Naivität, sondern aus christlicher Grundhaltung. Beten wir für unsere Hirten. Ihr Weg geht uns etwas an. Ihr Schicksal ist uns nicht gleichgültig.
Kommentare und Antworten
Bemerkungen :
Der Verweis auf Urlaubsregelungen oder das Gehalt von Priestern greift zu kurz. Hier geht es nicht um arbeitsrechtliche Fragen, sondern um geistliche, seelische und zwischenmenschliche Überforderung. Der priesterliche Dienst ist keine blosse Funktion, sondern eine Lebensform – geprägt von Beziehung, Einsamkeit, spiritueller Verantwortung und einem hohen Erwartungsdruck.
Besonders bedenkenswert finde ich den Vorschlag, Priester gemeinschaftlich in Seelsorgezentren leben und wirken zu lassen. Das könnte nicht nur strukturell entlasten, sondern auch geistlich stärken – und die Qualität priesterlicher Gemeinschaft fördern.
Die cura pastoris ist keine Reformidee, sondern ein kirchlicher Grundauftrag. Nicht bloss Mitleid, sondern echtes Mittragen ist gefragt.
Mein Dank gilt Dr. des. Mike Qerkini, dass er dieses wichtige Thema mit so viel Klarheit und pastoraler Tiefe zur Sprache gebracht hat.
Der Vergleich mit dem Pharao ist passend, aber ich finde ein anderes Bild noch viel besser: Harley-Davidson, Lederjacke und ausgestreckter Mittelfinger.
Des Kanton Zürich denke ich eher nicht das der Priester überfordert ist. 5 Wochen Ferien, 2 Wochen Weiterbildung und Exerzitien. Einmal im Monat ein freies Wochenende, der Lohn ist höher als bei 90% arbeitenden Familienväter. Und das Angebot der Sakramente ist je nach dem auch nicht rund um die Uhr da. Natürlich gibt es Ausnahmen
Aber natürlich verdient der tote Priester unser Mitgefühl. Er ist auch nicht der einzige, der diesen oder einen ähnlichen Schritt gegangen ist, so in Erinnerung an meine Jugendzeit einer der angesehensten Dorfseelsorger und Fernsehprediger, der freilich am Ende seines Lebens allerdings bereits krankgeschrieben und in psychiatrischer Behandlung war.