(Symbolbild: Henry Becker/Unsplash)

Kirche Schweiz

Vigil gegen «Homo­bi­t­rans­pho­bie» schlägt hohe Wellen

Bei den Tes­si­ner Katho­li­ken gehen zur­zeit die Wel­len hoch, Pres­se­com­mu­ni­qués und Online-​Kommentare fol­gen Schlag auf Schlag – und die Kurie schweigt. Auf öffent­li­chen Pro­test hin haben die Orga­ni­sa­to­ren einer Gebets­vi­gil für die «Über­win­dung von Homo­bi­t­rans­pho­bie» ihren Anlass nun von einer katho­li­schen in eine refor­mierte Kir­che verlegt.

Die Gebetswache trägt den Titel: «Ökumenische Vigil für die Überwindung der Homobitransphobie». Damit wollte die Tessiner «Katholische Aktion» («Azione Cattolica») gemeinsam mit der Christkatholischen Kirche Schweiz, der Evangelisch-reformierten Kirche Tessin und jener des Sottoceneri am 21. Mai in der katholischen Basilika «Sacro Cuore» von Lugano eine in mehreren Diözesen Italiens bereits bekannte Initiative einführen. Doch auf Druck aus der Bevölkerung, nach einer Online-Petition und vielen öffentlichen Stellungnahmen in den Sozialen Medien wurde der Anlass nun in eine reformierte Kirche verlegt und um einen Tag verschoben. «swiss-cath.ch» hat mit den Beteiligten von katholischer Seite gesprochen.

Der Kommunikationsbeauftragte der Diözese Lugano erklärte auf Anfrage, dass sich Weihbischof Alain de Raemy, Apostolischer Administrator der Diözese, nicht öffentlich äussern werde, zumal die Vigil ja nun nicht mehr in der umstrittenen Location stattfinde. Hat sich das Problem damit also sozusagen von selbst erledigt? Die Medienstelle bestätigt, Bischof de Raemy sei von Anfang an durch die «Azione Cattolica» über die Gebetswache informiert worden und habe ausdrücklich darauf bestanden, dass der Gebetsanlass nicht zu Propagandazwecken benutzt oder ideologisiert werde. Der Administrator teile die Ansicht, dass es richtig sei, für und mit ausgegrenzten und diskriminierten Menschen zu beten, aber die Diözese Lugano habe nie zu den Promotoren oder den Organisatoren des Anlasses gehört.

Kritische Rückfragen aus der Basis
Auch wenn die Initianten nach eigenen Worten keine propagandistischen Absichten hegen, wurde der Anlass in den Medien sogleich politisch ausgeschlachtet. So titelte die Online-Zeitung Tio: «Gebetswache für LGBT+ in der Basilika von Lugano». Der Titel der Vigil lautet jedoch: «Gegen Homobitransphobie».
Zu diesem Begriff äusserte sich in einem Leserbrief ein ehemaliges Mitglied der «Azione Cattolica» folgendermassen: «Haben Sie sich jemals gefragt, warum Neologismen aufgetaucht sind, die darauf abzielen, den kritischen Blick auf die LGBTQIA+-Politik so darzustellen, als sei dieser kritische Blick eine Angst, eine ‹Phobie›, d. h. eine Krankheit, die sogar mit Umerziehungsprogrammen behandelt werden muss? Die heimtückische Suffix-Phobie dient nur dazu, die Debatte über die Gender-Ideologie zu ersticken, die es nach Ansicht ihrer Befürworter und Unterstützer nicht gibt. Wer mit politischen Massnahmen zur Förderung der LGBTQIA+-Sichtweise nicht einverstanden ist, wird prompt der Homobitransphobie bezichtigt, was oft verheerende Folgen hat.» Und der Chefredaktor der Lega-Sonntagszeitung «Mattino della domenica» und Nationalrat Lorenzo Quadri spottete im Netz: «LGBTQ-Propaganda in der Basilika: Jessesgott (das muss man wirklich sagen). Eine Gebetswache für die Gender-Ideologie hat uns gerade noch gefehlt. Ist der Woke-Trend jetzt auch in der Kirche angekommen? Sogar in der Basilika, der Grabstätte der Bischöfe: Es sind nicht gerade kleine Erschütterungen zu erwarten. Neben der Klimapolitik (siehe ‹Fasten für das Klima› anstelle der Fastenzeit) hält es nun jemand für eine ‹gute Idee›, die Kirche auch für LGBTQXYZ-Propaganda zu nutzen. Offensichtlich gibt es Leute, die glauben, sie könnten sich eine Religion nach Mass zusammen schustern. So funktioniert das aber nicht.»

Tatsächlich liessen die Erschütterungen nicht auf sich warten. Laut einer Mitteilung der «Azione Cattolica» geht es den Organisatoren aber «einzig und allein darum, dafür zu beten, dass die Angst, die Ausgrenzung und die Diskriminierung von Menschen mit einer anderen sexuellen Orientierung im Tessin, in der Schweiz und in der Welt überwunden werde». Die «Azione Cattolica» unterstehe direkt der Diözese und bewege sich im Einklang mit dieser, und der Bischof habe sich nie gegen die Vigil ausgesprochen, zumal man seit Monaten an der Vorbereitung arbeite und auch öffentliche Vorträge organisiert habe. Das Projekt «Offene Tür – Räume der Inklusion» sei entstanden, weil «wir ein konkretes Bedürfnis einiger homosexueller Menschen und ihrer Familien festgestellt hatten, die […] aus ihrer Pfarrei und/oder Gemeinschaft ausgeschlossen worden waren. […] Mit diesem Projekt wollen wir ihnen die Möglichkeit geben, zu beten, sich zu bilden und ihren Glaubensweg zu vertiefen. […] Wir gehen an die Peripherien, wie Papst Franziskus gesagt hat. So wie wir es in der Vergangenheit zum Beispiel mit der Gruppe der Getrennten und Geschiedenen getan haben. Wir haben den Wert der kirchlichen Ehe nie in Frage gestellt.»

Gläubige bleiben skeptisch
Viele Gläubige sind allerdings skeptisch. Bei der Kurie wurden 186 Unterschriften einer Petition eingereicht mit der Bitte, die Basilika nicht zur Verfügung zu stellen, weil die Vigil «indirekt eine ideologische Sichtweise vermittelt, nämlich die LGBTQIA+, die mit der Lehre der katholischen Kirche und dem Evangelium unvereinbar ist». Weiter steht in der Petition: «Wenn das Gebet und die Instrumentalisierung des Wortes Gottes für ideologische Zwecke genutzt wird und Schuldgefühle bei jenen Brüdern und Schwestern, Laien und Geweihten, geschürt werden, die nach ihrem Gewissen die Visionen und Kategorien der Gender-Ideologie nicht teilen, weil sie mit dem Katechismus der Katholischen Kirche unvereinbar sind, so ist dies unserer Meinung nach weder barmherzig noch inklusiv.»

Dem Pfarrer der Basilika «Sacro Cuore», wo die Vigil hätte stattfinden sollen, wurde das Eisen am Ende zu heiss. Mit den Organisatoren einigte er sich «schweren Herzens» darauf, sein Gotteshaus nicht zur Verfügung zu stellen, um den Frieden in seiner Pfarrei nicht zu gefährden. In einer kurzen öffentlichen Note bedauerte er insbesondere, dass «der Apostolische Administrator den Anlass nicht öffentlich unterstützen wollte. […] Nach dem Protest der vergangenen Tage wäre eine solche Unterstützung jedoch vonnöten gewesen.» Auf Anfrage bestätigt er, dass er bis anhin von Seiten der Kurie nie Bedenken vernommen und daher seine Kirche im guten Glauben zur Verfügung gestellt habe, aber er wolle weitere Spaltungen vermeiden.

Das Gebet findet statt, aber nicht in einer katholischen Kirche. Und die Diskussionen werden weitergehen.


Kathrin Benz

Kathrin Benz, Jahrgang 1963, ist Schweizer Journalistin und Autorin und lebt im Tessin.


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Bemerkungen :

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    ser AD 18.05.2025 um 20:36
    Was soll das nun wieder sein: Homobitransphobie?

    Manchmal wären klare Begriffe eine geistliche Hilfe - sonst ist jeder Klamauk wertlos, weil die übernatürliche Gnade fehlt.

    Die Anmerkung von karl stadler zum Hehli-Artikel gilt auch formell hier: unsinniger (unnötiger) journalistischer Tamtam. Manchmal wäre schweigen besser.
  • user
    Claudio 17.05.2025 um 15:06
    Gut das die Gläubigen für das Gotteshaus und gegen die Götzen der LGBTQIA+ Lobby gekämpft haben.
  • user
    Hansjörg 17.05.2025 um 11:27
    Nur schon, dass die Idee aufkommt, dass eine Gebetswache notwendig ist, zeigt, wie weit verbreitet die Phobie gegen Homosexuelle und Lesbische innerhalb der kath. Kirche immer noch ist.
    • user
      Stefan Fleischer 17.05.2025 um 17:11
      Lieber Hansjörg
      Wenn ich eine Phobie habe, so gegenüber dem Begriff Phobie, bzw. gegenüber dem inflationären Gebrauch, welcher davon gemacht wird. Als Christ spüre ich keinerlei Hass gegenüber Menschen, welche glauben, die Lehre unserer Kirche nicht teilen zu können. Im Gegenteil, ich habe Mitleid mit ihnen. Was ich jedoch an einigen wenigen von ihnen gar nicht schätze ist die Aggressivität, mit welcher sie versuchen, meinen Glauben und meine Kirche schlecht zu machen und/oder mich (oder gar Kinder und Jugendliche) auf ihre Seite zu ziehen. Oftmals habe ich dabei den Eindruck, es würde Hass dahinter stecken. Vielleicht ist es aber auch nur der Versuch, ihre Lebensweise vor ihrem Gewissen (und vor Gott) zu rechtfertigen. Und meinerseits spielen hier wohl gewisse Vorkommnisse in meine Jugendzeit eine Rolle, welche ich – Dank sei Gott – mehr oder weniger unbeschadet überstanden habe.
  • user
    Stefan Fleischer 17.05.2025 um 09:30
    Wäre es nicht an der Zeit, dass die Kirche wieder klar und unmissverständlich lehren würde, dass es im Leben nicht primär darum geht, was die Menschen wollen, sondern um das, was Gott von will, damit uns der Herr nicht eines Tages auch sagen muss: «Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen! Denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen.» (Mk 8,33)
    • user
      Meier Pirmin 20.05.2025 um 18:46
      @Fleischer. "Den Satan spürt das Völkchen nie, und wenn er sie am Kragen hätte", formuliert Goethe im Faust, insofern müssen wir bei der Identifikation des Satanismus bei mit uns Andersdenkenden aufpassen. Aber natürlich haben Sie recht, dass das, was Gott von uns will, mit Programmen von Sekten wie auch der neuen Zivilreligion der LGBTQIA nichts zu tun hat, siehe die Basis der Homosexuellenbefreiung bei deren bedeutendstem Vertreter in der Schweiz, Heinrich Hössli, dem es primär um die Ethisierung der Homosexualität ging und der sich noch auf seine Weise als Zwinglianer verstanden, auch eine hervorragende Interpretation der platonischen Liebe geleistet. Vgl. auch Kierkegaard, der die bedeutendste Erbauung im Bewusstsein fand, "dass wir gegenüber Gott immer Unrecht haben", für ihn keineswegs ein Anlass zur Verzweiflung, sondern ähnlich wie bei Meister Eckhart der Trost des Mystikers. Dass der sexuelle Hedonismus mit Sicherheit keine Basis auch der christlichen Ehe ist und ohnehin keine langfristige Basis des Eheglücks, ergibt sich durchaus auch aus dem Studium des Alten Testamentes, auch wenn man nicht so weit gehen muss wie Tolstoi in seiner "Kreutzersonate". Die Aufgabe der Ethisierung der Homosexualität hat indes bis heute noch kein Theologe irgendeiner der christlichen Denominationen in einem angemessenen Standardwerk geleistet. Bis dann gilt es wohl, sich an einige Ratschläge des Völkerapostels Paulus zu halten. Bei ihm wie auch bei Augustinus standen freilich noch ganz andere Probleme als heute im Vordergrund, wenngleich nicht nur andere. Die mosaischen 10 Gebote zum Beispiel bleiben unbeschränkt gültig, so wie die Bitten des Herrengebetes. Der Ehebruch ist aber wohl nicht deshalb eine sehr schwere Sünde, weil damit ein vertraglicher und gesellschaftlicher Besitzanspruch innerhalb der ehelichen Partnerschaft verletzt wird.