Das Wettinger Jesuskind. (Bild: Public domain via Wikimedia Commons)

Interview Kirche Schweiz

Vom Gross­brand ver­schont: Das Wet­tin­ger Gnadenbild

Im ehe­ma­li­gen Zis­ter­zi­en­ser­klos­ter Maris Stella in Wet­tin­gen AG befin­det sich das Gna­den­bild des Wet­tin­ger Jesus­kin­des. Die­ses über­lebte fast unbe­scha­det einen gros­sen Klos­ter­brand – die «Schä­den» laden ihrer­seits zum Betrach­ten des Jesus­kin­des ein. Mariana Bucko vom «Gebets­apos­to­lat Wet­tin­ger Jesus­kind» weiss Nähe­res zu berichten.

Das Zisterzienserkloster Wettingen (Maris Stella) wurde am 14. Oktober 1227 durch Mönche des Zisterzienserklosters Salem (Baden-Württemberg) gegründet. Die dafür notwendigen Mittel steuerte Freiherr Heinrich II. von Rapperswil dabei: Dieser hatte nach seiner wundersamen Rettung aus Seenot während eines Kreuzzuges seinen Besitz in Wettingen an das Kloster Salem vermacht. 1507 kam es zu einem Klosterbrand, dem die Abtei fast vollständig zum Opfer fiel. Sie wurde wieder aufgebaut und die Klosterkirche 1517 neu geweiht. 1529 trat der Konvent zum reformierten neuen Glauben über, wurde aber 1531–34 rekatholisiert. Unter Abt Peter Schmid (1594–1633) blühte das Kloster auf: Die Klostergebäude und die Kirche wurden restauriert, 1604 wurde eine philosophisch-theologische Schule gegründet.

Während des Zweiten Villmergerkriegs (1712) musste der Konvent für einige Zeit in die Innerschweiz flüchten. 1803 kam das Kloster an den neuen Kanton Aargau. Dessen Regierung sicherte den Weiterbestand der Klöster zu, stellte aber ab 1830 immer höhere Geldforderungen. Es folgten die staatliche Verwaltung, ein Novizenverbot, die Schliessung der Klosterschule und 1841 die Aufhebung des Klosters. Kurz darauf mussten die Mönche – darunter der Komponist des Schweizerpsalms, Alberich Zwyssig – das Kloster verlassen. Sie gründeten einige Jahre später das Kloster Mehrerau in Bregenz.

Im ehemaligen Kloster Wettingen befand sich zunächst das aargauische Lehrerseminar, ab 1976 die Kantonsschule.

Das Wettinger Jesuskind
Das berühmte Holzgemälde, das heute über dem Altar der Kreuzgangkapelle der ehemaligen Zisterzienserabtei hängt, zeigt das nackte Jesuskind auf einem roten Kissen inmitten einer grünen Wiese. Es hält ein Spruchband in seinen Händen und blickt lächelnd nach oben. Über die Herkunft des Bildes gibt es keine Aufzeichnungen. Aufgrund des Stils nimmt man an, dass es um 1450 in Baden, Basel oder im Kloster Wettingen selbst entstanden ist.

Das Gemälde überstand den grossen Klosterbrand vom 11. April, dem Weissen Sonntag, 1507 auf wundersame Weise. Durch das Feuer entstanden mehrere Glutlöcher in einer besonderen Anordnung; ein herzförmiges Glutloch auf der linken Seite des Jesuskindes wird als Heiligstes Herz Jesu interpretiert.

Der Kartäusermönch und Historiker Heinrich Murer beschrieb in seiner Chronik des Klosters Wettingen (1631) die Rettung des Bildes folgendermassen:

«Es wer noch zu Wettingen im Creutzgang vor dem Capitel[hus] ein Taffelen darin ein sitzettes kindlin Jesu gemalet gesehen[,] so wunderbarlicher weis von Gott in dieser brunst erhalten worden [ist], dan dise Taffel ettliche mahlzeichen [so in der brunst gewessen] hatt[.] Und als das feur und taffelin biß zu einem füesslin des kindlins [Jesu] gebrunnen, hatt das kindlin Jesu Miraculosé und aus Gottlicher krafft das eine feusslin an sich gezogen und unversertt verbliben.»[1]

Pater Dominicus Willi OCist ging in seinem Beitrag über das Kloster Wettingen-Mehrerau in der Zeitschrift «Cistercienser-Chronik» 1894 auf die seltsame Beinstellung des Jesuskinds ein: «Beim grossen Brande am 11. April 1507 wurde es vom Feuer ergriffen. Ringsum brannte die Holztafel lichterloh. Da soll das Jesuskind vor den Flammen die Füsse zurückgezogen haben. Die Figur blieb ganz unverletzt; die Lage der Füsse ist eine wirklich merkwürdige und macht einen Eindruck, welcher der frommen Legende einen hohen Grad von Wahrscheinlichkeit verleiht […] Der Konvent von Wettingen hielt das Bild hoch in Ehren.»[2]

1602 wurde das Gemälde mit zwei neu geschaffenen Flügelbildern zum jetzt noch erhaltenen Altarretabel zusammengefügt. Auf dem linken Flügel steht die lateinische Inschrift: «Das Kloster Maris Stella brannte am 11. April 1507 aus, wobei das Bildnis des Jesuskindes das Feuer unbeschadet überstand.»

1954 wurde die Kreuzgangkapelle gemäss dem Zustand im 14. Jahrhundert rekonstruiert und der restaurierte Flügelaltar mit dem Wettinger Jesuskind über dem Altar angebracht.
 

 


Ein Segen für alle
Mariana Bucko gründete das «Gebetsapostolat Wettinger Jesuskind». Die Hauptaufgabe des Gebetsapostolats ist das verborgene Gebet. «Ich bitte das liebe Jesulein täglich um Seinen Segen für alle, die Ihn verehren wie auch für jene, die das Gebetsapostolat Wettinger Jesuskind ablehnen.» Als weitere Aufgabe macht das Gebetsapostolat durch das Andachtsbilder in unterschiedlichsten Formen auf das Gnadenbild aufmerksam. In den letzten 20 Jahren durften über 13 000 Andachtsbilder des Wettinger Jesuskindes verschenkt werden. Im Gespräch mit «swiss-cath.ch» erzählt Mariana Bucko, wie das Gebetsapostolat entstanden ist.

Wie haben Sie das Wettinger Jesuskind «entdeckt»?
Es begann mit dem Kreuz! Am 18. März 2003 hatte ich eine Operation, genau an meinem 30. Taufjubiläum. In der Folge waren Schmerzen mein täglicher Begleiter. Besonders stark waren sie im Herbst 2005. In dieser Situation erinnerte ich mich plötzlich an ein grosses, dunkles Kreuz im ehemaligen Zisterzienserkloster Maris Stella in Wettingen, das ich vermutlich um 1989 auf einer Klosterführung für Schüler gesehen hatte. Dieses Kreuz wollte ich besuchen. Es war wie ein zarter Ruf Jesu, des Gekreuzigten, an mich ganz persönlich. Am 8. Oktober 2005 machte ich eine private Wallfahrt ins nahegelegene Kloster Maris Stella, konnte das Kreuz jedoch nicht finden. Im Kreuzgang betrat ich auf meiner Suche einen kleinen, fensterlosen Raum mit einem Steinaltar und einem grossen Holzbild darüber. Im Herzen wusste ich sofort, dass ich für mich eine Darstellung des Jesuskindes «entdeckt» hatte. Die Überraschung meines Lebens! Von 1989 bis 1993 war ich Schülerin an der Kantonsschule Wettingen, die sich im Kloster Wettingen befindet, hatte diese Holztafel jedoch nie gesehen. Wo aber war das gesuchte Kreuz? Ich fand das dunkle Holzkreuz mit dem gekreuzigten Jesus am 3. April 2006, als ich den Mönchschor besichtigen durfte; er war am Montag vor Palmsonntag wegen Vorbereitungen des Chorkonzerts «Stabat Mater» geöffnet. An Karfreitag 2026 darf ich Jesus und Maria von Herzen danken für 20 wunderbare Jahre mit dem Wettinger Jesuskind im Kreuzgang und dem Kruzifix im Mönchschor!

Warum haben Sie das «Gebetsapostolat Wettinger Jesuskind» gegründet?
Das «Gebetsapostolat Wettinger Jesuskind» begann mit meiner ersten Begegnung mit dem Gnadenbild des Wettinger Jesuskindes am 8. Oktober 2005. Meine damaliger Geistlicher Begleiter Padre Giuseppe Caviglia OCD war Prior in Arenzano, Italien, wo sich die Basilika zu Ehren des Prager Jesuskindes befindet. Ich hatte ihn dank einer Wallfahrt zur Madonna del Sasso in Locarno durch die dortigen Unbeschuhten Karmelitinnen kennengelernt. Nach meiner «Entdeckung» schrieb ich sofort Padre Giuseppe, dass sich auch in Wettingen ein Jesuskind zur Verehrung befindet. Seine Reaktion? Ich sollte sofort einen Artikel über das Wettinger Jesuskind schreiben für den «Messaggero di Gesù Bambino di Praga», dessen Direktor er war. Dank Padre Giuseppe hatte ich in den folgenden Jahren, ja bis heute, den Mut und die Kraft, auf dieses einzigartige Gnadenbild aufmerksam zu machen und zum persönlichen Gebet einzuladen. Der Name «Gebetsapostolat Wettinger Jesuskind» fiel mir am 5. Juni 2019 wie ein Blitz ein während des Gebets vor dem Tabernakel in der Klosterkirche Wettingen. Ich hatte über meine Berufung nachgedacht, so wie wir von Papst Franziskus für den ausserordentlichen Monat der Weltmission Oktober 2019 eingeladen waren. Bischof Felix Gmür erteilte in seinem Empfehlungsschreiben vom 30. August 2019 seinen Segen für das «Gebetsapostolat Wettinger Jesuskind».

Warum ist Ihnen das Wettinger Jesuskind ans Herz gewachsen? Was hat es vielleicht auch anderen zu sagen?
Bei meiner ersten Begegnung mit dem Wettinger Jesuskind fielen mir dunkle Vertiefungen auf der Holztafel auf, für die ich keine Erklärung hatte. Zu Hause begann ich mit Nachforschungen. Ich bestellte mir Bücher über das Kloster Wettingen und kontaktierte verschiedenste Personen. So stellte ich mit Erstaunen fest, dass das Wettinger Jesuskind ein «Gnadenbild» ist, ein «wundertätiges Christusbild», das den verheerenden Klosterbrand am 11. April 1507 auf wundersame Weise überlebt hatte. Es war der Sonntag nach Ostern 1507, der Weisse Sonntag, der Barmherzigkeitssonntag. Die zahlreichen Vertiefungen sind Spuren des Brandes und werden auch als Glutlöcher bezeichnet. Die geheimnisvollste Brandstelle ist herzförmig und befindet sich auf der linken Brust des Jesuskindes, im Bereich des Herzens des Jesuskindes. Ich verehre seit meiner Kindheit das Heiligste Herz Jesu. Da wurde ich ganz still und bin bis heute sprachlos wegen der Einzigartigkeit dieses Gnadenbildes in Wettingen und wegen der Grösse Gottes, Ihm auf diese Weise begegnen zu dürfen. Ich habe viele Gnaden erhalten. Welch ein Mysterium! Welch eine Gnade, das Geschenk des Glaubens!

Die Darstellung des Wettinger Jesuskindes, verbunden mit der Geschichte des Klosterbrandes, erinnert mich immer wieder an Jesus im Garten Gethsemane: Dunkelheit, Einsamkeit, Angst. Und gleichzeitig das grösste Vertrauen in den Himmlischen Vater: «Mein Vater, wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber. Aber nicht wie ich will, sondern wie du willst» (Mt 26,39). Ich bin überzeugt, dass jeder Betrachter des Wettinger Jesuskindes diejenigen Gnaden erhält, die er genau im Augenblick der Begegnung benötigt. Die Darstellung des Jesuskindes in Wettingen ist so einfach. Die Geschichte des Jesuskindes in Wettingen ist so einfach. Schenken Sie einfach Ihr Herz dem Herzen des Jesuskindes. Dies ist, was Credo bedeutet: Cor do, ich gebe dem Herrn mein Herz. Dies ist, was Kommunion bedeutet: Communio, mit dem Herrn verbunden sein, eine Gemeinschaft bilden.
 

Das Flügelaltärchen mit dem Gnadenbild des Wettinger Jesuskindes befindet sich in der Kreuzgangkapelle des Klosters Wettingen und ist seit 2022 Teil des Museums Aargau auf der Klosterhalbinsel Wettingen. Es kann während der Öffnungszeiten des Museums sowie im Rahmen von Klosterführungen besichtigt werden. Die genauen Öffnungszeiten und weitere Hinweise finden sich auf der Website des Museums Aargau.

Anlässlich des grossen 800-Jahr-Jubiläums des Klosters Wettingen im Jahr 2027 verschenkt das «Gebetsapostolat Wettinger Jesuskind» Rosenkränze und Medaillen mit dem Bildchen des Wettinger Jesuskindes zum privaten Gebrauch an interessierte Gruppen und Einzelpersonen. Das kostenlose Angebot beginnt am 11. April 2026, am Gedenktag jenes Klosterbrandes, und gilt solange der Vorrat reicht.
Informationen zum «Gebetsapostolat Wettinger Jesuskind» sowie verschiedene Devotionalien finden sich auf der Webseite des Gebetsapostolats.

 


[1] Heinrich Murer: Chronik des Klosters Wettingen, Frauenfeld, Kantonsbibliothek Thurgau, Y 115, S. 27v; zitiert nach: https://de.wikipedia.org/wiki/Wettinger_Jesuskind

[2] P. Dominicus Willi OCist, Abt von Marienstatt: Baugeschichtliches über das Kloster Wettingen. 1894, Nr. 59–70; zitiert nach: https://de.wikipedia.org/wiki/Wettinger_Jesuskind


Rosmarie Schärer
swiss-cath.ch

E-Mail

Rosmarie Schärer studierte Theologie und Latein in Freiburg i. Ü. Nach mehreren Jahren in der Pastoral absolvierte sie eine Ausbildung zur Journalistin.


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Bemerkungen :

  • user
    Gebetsapostolat Wettinger Jesuskind 06.04.2026 um 13:13
    Herzliches Vergelt's Gott!
  • user
    Stefan Fleischer 06.04.2026 um 10:55
    Auch im Benediktinerinnenkloster St. Andreas in Sarnen wird ein Jesuskind verehrt. Auch von diesem werden viele Gebetserhörungen berichtet. Nähere Angaben:

    https://www.frauenkloster-sarnen.ch/sarner-jesuskind/