Sarah und Heiko Brunner. (Bild: zVg)

Kirche Schweiz

Von der Frei­kir­che zur Katho­li­schen Kirche

Am 18. April 2026 wur­den in der Kathe­drale in Chur 40 Men­schen in die Gemein­schaft der Katho­li­schen Kir­che auf­ge­nom­men. Unter ihnen auch Sarah und Heiko Brun­ner mit ihren bei­den Buben. Es war das Ende einer lan­gen, inten­si­ven und nicht immer leich­ten Suche.

Die junge Familie wohnt im Zürcher Oberland. Heiko arbeitet als Akkordmaurer und treibt in seiner Freizeit gerne Sport. Seine Frau Sarah, eine ausgebildete Primarlehrerin, kümmert sich um die beiden Buben, Jamie (5) und Devon (4). Wenn es die Zeit zulässt, widmet sie sich ihrer künstlerischen Seite.

Beide kommen aus einem christlichen Elternhaus. Heiko engagierte sich mit Herz und Blut in einer Freikirche. Schon als Jugendlicher half er in der Jungschar mit, und war im Erwachsenenalter als Ressortleiter für die ganze Kinder- und Jugendarbeit derselben Gemeinde zuständig.

Sarah kam in Kamerun zur Welt, wo ihre Eltern als Missionare für Helimission tätig waren. Kurz nach der Jahrtausendwende kehrte die Familie in die Schweiz zurück, um ihren Kindern den Schulbesuch in der Schweiz zu ermöglichen. Im Engadin wurden sie Mitglied einer örtlichen Freikirche. Da das Engadin ausserhalb des Tourismus keine grossen Arbeitsmöglichkeiten bot, zog Sarah schon früh in die Region Zürich. Durch ihre Beziehung zu Heiko engagierte sie sich in der gleichen Freikirche, half in der Sonntagsschule und in der Jugendarbeit mit.

2020 kam ihr erster Sohn zur Welt – es sollte ein schwieriger Start als Familie werden. Jamie, ein sonst kerngesunder Bub, schrie stundenlang. Er weinte überdurchschnittlich viel, schlief deutlich zu wenig und immer nur für kurze Zeit. Aus den angekündigten «schwierigen Wochen» wurden «schwierige Monate», niemand konnte helfen. Es war eine sehr herausfordernde Zeit, auch für das Glaubensleben von Sarah und Heiko. Viele Mitglieder der Freikirche boten an, für die Familie zu beten. Doch es stellte sich keine Besserung ein – im Gegenteil. Oft, wenn viele Menschen gleichzeitig gebetet haben, wurde es schlimmer. «Auch wenn wir selbst für unseren Sohn gebetet haben, brach buchstäblich die Hölle los», erzählt Heiko. War der Kleine eingeschlafen und sie beteten, dass er jetzt doch etwas zur Ruhe kommen könne, schlug er beim «Amen» die Augen auf und schrie die nächsten Stunden durch. Das Gebet erschien plötzlich nutzlos und diese scheinbare Ausweglosigkeit führte die Familie in empfundene Einsamkeit und Verzweiflung. Besonders Sarah setzte sich selbst unter Druck: Die Hoffnung, dass Leiden «weggebetet» werden kann, wurde immer wieder bitter enttäuscht.

Die belastende Situation führte dazu, dass sie aufhörten, zusammen zu beten. Heiko hörte sogar fast ganz mit Beten auf. Er bat Sarah, für ihn zu beten. «Ich hatte den Eindruck, dass Gott mich ignorierte. Doch auf Sarah hörte er, das war ein Trost für mich.»

Einer seiner Arbeitskollegen war Pastor in einer Freikirche. Heiko hatte ihn in seiner Jugend noch als Leiter der Jugendgruppe erlebt. Benj Keller hatte als Pastor das Arbeitspensum als Akkordmaurer reduziert. Jetzt arbeitete er wieder auf der Baustelle. Heiko fragte beiläufig nach, was denn los sei. Er sei 2024 zur Katholischen Kirche konvertiert, erzählte Benj Keller. Es ergab sich daraus ein gutes Gespräch. «Ich fand es einfach interessant, mehr nicht», erinnert sich Heiko. Benj Keller sollte später Heikos Firmgötti werden.

Als er am Abend nach Hause kam, erzählte er Sarah, dass Benj jetzt katholisch sei. «An diesem Abend hat mich meine Frau zum ersten Mal in unserer Beziehung angeschrien.» «Du wirst nicht katholisch!», machte ihm Sarah unmissverständlich klar.

«Wenn Heiko von etwas überzeugt ist, gibt er mehr als 100 Prozent, und wenn er eine Idee hat, von der er überzeugt ist, hat er ein Funkeln in den Augen. An diesem Abend hatte er ein solches Funkeln in den Augen», erklärt Sarah ihren emotionalen Ausbruch an diesem Abend. Vermutlich war ihr in diesem Moment schon unbewusst klar, was auf sie zukommen könnte. Die Römisch-katholische Kirche mit ihren Dogmen gilt bei vielen Freikirchen als Verfechterin eines verfälschten Evangeliums. In Freikirchen glaubt man ausschliesslich an das allgemeine Priestertum. Daher brauche es nach freikirchlichem Verständnis weder einen Papst noch Priester oder Beichte usw. – das Heil kommt allein von Jesus.

«Die ganzen Vorurteile gegenüber der Katholischen Kirche kamen hoch», erklärt Sarah im Rückblick. «Und was würden die Menschen in unserer Umgebung sagen?»

Heiko hatte zu diesem Zeitpunkt gar nicht vor, katholisch zu werden. Doch er erklärte seiner Frau: «Wenn Jesus will, dass ich katholisch werde, dann mache ich es auch. Und ich würde mir auch von dir diese Haltung wünschen, dass du den Weg mit Jesus gehst, den er wünscht, auch wenn dir der Weg nicht gefällt.»

Kurz darauf stellte sich an einer Ressortsitzung der Freikirche die Frage, wer am Abendmahl teilnehmen darf. Heiko erklärte, dass seiner Meinung nach die Taufe eine Voraussetzung für den Empfang des Abendmahls sei. Doch mit dieser Meinung war er allein auf weiter Flur. Die Taufe ist in der Freikirche zwar wichtig, aber nur symbolisch. Da allein Jesus rettet, kann die Taufe nicht heilsnotwendig sein. Dementsprechend kann sie auch nicht als Voraussetzung für das Abendmahl (wird im freikirchlichen Glauben ebenfalls weitgehend symbolisch verstanden) gesetzt werden. «Das ging nach meinem biblischen Verständnis nicht auf.» Und da sie ja sicher nicht die Ersten in 2000 Jahren Christentum waren, die sich diese Frage stellten, machte er sich auf Spurensuche. Er begann mit den Reformatoren. Doch er musste entdecken, dass Luther mit seinem Verständnis von Taufe, Abendmahl und Reue nicht dem ihm bekannten freikirchlichen Evangelium entsprach. Auch bei Calvin blieben viele Fragen offen. Als er sich mit dem Abendmahlstreit zwischen Luther und Zwingli beschäftigte, realisierte Heiko, dass es bei diesem Disput auch um einen Streit um die Auslegung der Worte Jesu «Dies ist mein Leib» geht. Es ging also auch um die Frage des «sola scriptura». Heiko meint dazu: «Man kann die Bibel nicht ohne eine Auslegung verstehen, dies zieht die Frage nach der Autorität der Hermeneutik nach sich.»
 


Viele Freikirchen orientieren sich an den ersten Christen; über deren Leben bietet die Bibel aber nur wenige Anhaltspunkte. Also begann Heiko Schriften aus den ersten Jahrhunderten zu lesen: Irenäus von Lyon, Klemensbrief, Didache und Ignatius von Antiochia. «Seine sieben Briefe fand ich sehr stark.» Irgendwann versuchte er es auch mit der Künstlichen Intelligenz. Er stellte die Frage: «Welche Eigenschaften muss die von Jesus selbst gegründete Kirche gemäss der Bibel haben?». KI nannte ihm acht Punkte, darunter kontinuierlich, gnadenvermittelnd, missionarisch und Leitungsamt. Und er stellte die nächste Frage: «Welche Denominationen, die wir heute haben, erfüllen alle Kriterien?» Und KI informierte ihn: «Heute erfüllt nur eine einzige diese Kriterien: die Römisch-katholische Kirche». Fairerweise muss gesagt werden, dass die Orthodoxe Kirche sieben von acht Punkten erfüllt. Sie unterscheidet sich jedoch in der Ablehnung der päpstlichen Autorität. Das war ein harter Brocken für Heiko. «Das bedeutete ja, dass ich als Freikirchler bisher etwas Falsches geglaubt und dass ich die Taufe, das Abendmahl usw. bisher nicht gänzlich verstanden habe.» Und er fragte sich: «Bewege ich mich noch im Zentrum der rettenden Wahrheit?»

Sarah begleitete seine Suche, blieb aber zunächst auf Distanz. Die Familie begann, ab und zu in die Heilige Messe zu gehen. Der Vikar empfahl ihnen das Buch «Unser Weg nach Rom» von Scott und Kimberly Hahn.[1]

Einschub: Scott Hahn war presbyterianischer Pastor, seine Frau Kimberly Tochter eines Pastors. Aufgrund des reformierten «sola scriptura», das er so in der Bibel nicht bestätigt fand, machte er sich auf die Suche nach dem wahren Glauben und fand ihn in der Katholischen Kirche. Seine Frau war geschockt, hatte sie doch einen presbyterianischen Pastor geheiratet. Sie akzeptierte seine Entscheidung, erzog auch die Kinder im katholischen Glauben, konnte selbst aber erst nach langem Ringen den Weg in die Katholische Kirche gehen.

Sarah ist heute sehr dankbar, dass sie im Laufe ihres Lebens immer wieder von anderen Menschen, die schwierige Situationen zu bewältigen hatten und diese durchgestanden haben, lernen durfte. Sie und Heiko begannen, das Buch zu lesen, und sie konnte die Gefühle von Kimberly Hahn gut nachvollziehen. Gleichzeitig wurde ihr klar, dass es für das Ehepaar Hahn deshalb schwierig war, weil sich Kimberly so stark gegen eine Konversion gewehrt hatte. «Hätte sie dem Ruf früher nachgeben können, wäre der Leidensweg kürzer gewesen. Das konnte ich von ihr lernen.»

Sie entschied sich, zur Freude von Heiko, die Frage nach dem Glauben zusammen mit ihrem Mann zu ergründen. Wenn es ihr zu viel wurde, sagte sie es. So ging sie ihren Weg in kleinen Schritten.

Es war nicht einfach für Sarah und Heiko. Oft sagte das Herz Ja, aber der Kopf Nein. Und es war auch immer eine Angst da: Was ist, wenn ich mich irre?

Und schliesslich kam die Frage nach Maria. «Maria ist quasi der finale Gegner der Freikirchlicher», erklärt Heiko. Doch ihm erging es wie Scott Hahn mit seiner Aussage: «Herr, die Katholische Kirche hat von 100 Malen 99-mal Recht gehabt. Das einzige grössere Hindernis, das bleibt, ist Maria.»

Ihre beiden Kinder wollten sonntags plötzlich zur Messe statt in den Gottesdienst der Freikirche. Und sie begannen, zu Hause zu wiederholen, was sie in der Messe gehört hatten. «Das Katholische war plötzlich überall Thema», erinnert sich Sarah. «Ich habe immer mehr verstanden und konnte auch immer mehr für mich in Anspruch nehmen, z. B. katholisches Radio zu hören.» Eines Tages, beim Spazieren, kam der Zeitpunkt, wo sie Gott sagen konnte: «Herr, hol mich nach Hause.» Als sie Heiko ihren Entscheid mitteilte, war er im ersten Moment sprachlos. «Es hat mich kalt erwischt», erinnert er sich lachend. Er war schon länger zu diesem Schritt bereit, wollte ihn aber nicht ohne seine Frau machen.

Die Ältesten der Freikirche reagierten wie erwartet. «Es war ein Bemühen da, uns nicht zu verurteilen.» Doch sie fragten auch nicht nach, warum Sarah und Heiko diesen Schritt wagten. Mit der Aufnahme in die Katholische Kirche ging es dann sehr schnell, denn der Pfarrer merkte, dass sich Heiko und Sarah bereits intensiv mit dem katholischen Glauben auseinandergesetzt hatten. «In der Theorie sind wir gut, aber die Praxis müssen wir noch vertiefen», erklären die beiden mit einem Lachen.

Sarah ist beeindruckt, wie im katholischen Glauben und besonders in der Liturgie das Alte und das Neue Testament ineinandergreifen. Für sie waren es bisher zwei unabhängige Teile. Heiko begann, den Katechismus zu lesen und stellte fest, dass er das meiste bereits glaubte. «Doch mein Verständnis hat sich erweitert und vieles machte jetzt Sinn.» Ihr Standardspruch ist aktuell: «Eigentlich ganz logisch.» Vieles ist nicht nur für sie klar geworden – auch ihre beiden Kinder verstehen Zusammenhänge, die schwierig zu erklären sind. «Bis zu diesem Zeitpunkt dachte ich, dass eine Heilige Messe nicht kindergerecht ist. Es ist faszinierend, wie unsere Kinder alles mit offenen Armen aufnehmen.» Die beiden Buben wollten dann auch getauft werden.

Die Firmung in der Kathedrale in Chur haben sie als wunderschön erlebt: «Endlich waren wir zu Hause.»

Das Gebetsleben der jungen Familie hat sich verstärkt. In der Freikirche wird mehrheitlich frei gebetet, was das Beten schwieriger gestaltete, erklären Sarah und Heiko. Sie versuchen, wenigstens einen Rosenkranz täglich zu beten. Inzwischen möchten auch die Kinder mitbeten. «Wir gehen es langsam an und beten jeweils ein Gesätz mit ihnen.» Der Besuch der Heiligen Messe gehört auch zum Familienalltag. «Wir finden es megacool, dass man auch unter der Woche in die Messe gehen kann», erklärt Sarah begeistert. In der Freikirche ist nur sonntags Gottesdienst, der Raum ist sonst meist abgeschlossen. «Das geniesse ich: dass die Kirchen offen sind, dass heilige Messen gefeiert werden und die Möglichkeit der Anbetung besteht.» Das Gebetsleben ist nicht nur intensiver, sondern auch ganzheitlicher geworden. «Das Gebet durchdringt den Alltag.» Mit dem Kreuzzeichen am Morgen in den Tag starten, alles, was einem begegnet, mit Jesus zu verbinden. «Es geht nicht mehr darum, dass das Leiden weggebetet werden muss. Als Christen ertragen wir es zur grösseren Ehre Gottes.» Und Sarah ergänzt: «Schön ist, dass wir das Leiden in der Messe übergeben können.»

Der katholische Glaube ist intensiver und fordert mehr. «Doch der im Alltag gelebte Glaube bereichert unsere Beziehung zu Gott.

 


[1] «Unser Weg nach Rom» von Scott und Kimberly Hahn. Christiana Verlag 2016, 8. Auflage, 204 Seiten, ISBN 978-3-7171-1069-9, (Originaltitel: Rome Sweet Home, Our Journey to Catholicism)

 


Rosmarie Schärer
swiss-cath.ch

E-Mail

Rosmarie Schärer studierte Theologie und Latein in Freiburg i. Ü. Nach mehreren Jahren in der Pastoral absolvierte sie eine Ausbildung zur Journalistin.


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Bemerkungen :

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    Sabrina Stegerer 18.05.2026 um 17:43

    Eine Schwalbe macht noch keinen Frühling, Herr Bonnemain. So kann es nicht weitergehen.

    • user
      Martin Meier-Schnüriger 23.05.2026 um 13:01
      Doch, gerade so muss es weitergehen! Menschen, die aus freiem Willen und überzeugt von der Schönheit und der Wahrheit unseres katholischen Glaubens in den Schoss der Kirche heimkehren, vermögen am ehesten, unsere Schweizer Bischöfe auf ihre eigentlichen Pflichten aufmerksam zu machen.
  • user
    Anna Lena Sager 18.05.2026 um 17:29
    "In die katholische Kirche kann man nicht konvertieren, man kann nur heim kommen."

    So habe ich es einmal gelesen. Gerne bete ich für die Familie. Alles Gute und Gottes reichen Segen.

    Man soll sich nicht ablenken lassen von Skandalen sondern die überlieferte heilige Messe lieben lernen.
  • user
    Claudio Tessari 18.05.2026 um 11:21
    Welcome Home. Solche Früchte des Apostolats sind Lichtblicke, in einer oft dunkel wirkenden Kirche in der Schweiz. Doch lassen wir uns nicht entmutigen. Solche Familien, werden die Zukunft der Kirche sein. Eifrige fromme Katholiken, welche für Jesus und seine Kirche brennen. Und durch solche Bekehrungen zeigt uns der Heilige Geist, er wirkt auch in unserem Land.

    Ave Christus Rex
    Ave Maria
  • user
    Dr. theol. Emil Hobi, kath. Priester 18.05.2026 um 09:08
    Grosse Freude ist da! Herzlich willkommen, liebe Schwester und lieber Bruder, in der Kirche der Apostel; jener Kirche, die uns von Jerusalem und über den Bischof von Rom - den Nachfolger des Hl. Petrus -, das Evangelium von Jesus Christus brachte! Wer von einer „Freikirche“ zu uns kommt, bringt fast immer ein wertvolles Erbe des bewussten Christusglaubens und einer hohen Schriftkenntnis mit ein.