Es ist dem heiligen Bonaventura (1221–1274) zu verdanken, dass wir im deutschsprachigen Raum jeweils am 2. Juli das Fest «Mariä Heimsuchung» feiern.[1] Im Römischen Generalkalender ist das Fest seit der Liturgiereform 1969 auf den 29. Mai festgelegt. Eigentlich ein sinnvolleres Datum – vor der Geburt des Johannes des Täufers am 24. Juni –, doch in unserer Gegend war das Fest so tief in der Volksfrömmigkeit verankert, dass man das Datum unverändert liess.
«Erste eucharistische Prozession»
Das Lukasevangelium berichtet im ersten Kapitel über das Geschehen rund um Elisabeth, die im hohen Alter nach dem Willen Gottes noch schwanger wird. Im nächsten Absatz beschreibt der Evangelist, wie eine Jungfrau Besuch von einem Engel erhält, der ihr die Botschaft Gottes überbringt, dass sie durch das Wirken des Heiligen Geistes mit dem Sohn Gottes schwanger werde. Während Elisabeth ihre eigentlich unmögliche Schwangerschaft nur als Geschenk Gottes annehmen kann, gibt Maria ihr explizites Einverständnis zu ihrer eigentlich ebenso unmöglichen Schwangerschaft.
In der «Heimsuchung Mariä» begegnen sich nun diese beiden Frauen und ihre ungeborenen Kinder. Auf den ersten Blick eine unscheinbare Szene. Maria hat vom Engel Gabriel gehört, dass Elisabeth im hohen Alter noch schwanger geworden ist und «eilt» zu ihr, um ihr in dieser Zeit beizustehen. Es ist eine beschwerliche Reise durch ein Gebiet, in dem das Reisen gefährlich ist, doch Maria hat keine Angst: Der Herr ist im wahrsten Sinne des Wortes mit ihr – er ist in ihr. Papst Benedikt XVI. hat in einer Ansprache deshalb diese Reise Mariens zu Elisabeth als die «erste eucharistische Prozession» bezeichnet.[2]
Bereits Papst Johannes Paul II. sprach von Maria als «Tabernakel». Er betonte in seiner Enzyklika «Ecclesia de eucharistia», dass die Eucharistie in Kontinuität zur Menschwerdung stehe. «Bei der Verkündigung empfing Maria den göttlichen Sohn, auch seinen wahren Leib und sein wahres Blut, und nahm in sich das vorweg, was sich in gewissem Mass auf sakramentale Weise in jedem Gläubigen ereignet, der unter den Zeichen von Brot und Wein den Leib und das Blut des Herrn empfängt.» Es bestehe deshalb eine «tiefgehende Analogie» zwischen dem «Fiat» Mariens (Mir geschehe nach deinem Wort) und unserem «Amen» beim Kommunionempfang. Von Maria wurde verlangt zu glauben, dass sie als Jungfrau durch das Wirken des Heiligen Geistes den Sohn Gottes empfing. «In Fortführung des Glaubens der Jungfrau wird von uns verlangt zu glauben, dass derselbe Jesus, der Sohn Gottes und der Sohn Mariens, im eucharistischen Mysterium unter den Zeichen von Brot und Wein mit seinem ganzen gott-menschlichen Sein gegenwärtig wird» (55).
Den Herrn zu den anderen tragen
Der ungeborene Johannes nimmt die Gegenwart Christi in Maria wahr und hüpft vor Freude. Er kommt schon im Mutterleib seine Aufgabe nach, die Menschen zu Jesus zu führen, dem erwarteten Messias, der das Heil bringen wird. So jubelt seine Mutter Elisabeth, vom Geist erfüllt, Maria zu: «Gesegnet bist du unter den Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes.» Und sie stellt die Frage: «Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?» Heute wissen wir die Antwort: Jesus Christus kommt zu allen Menschen, die offen sind für ihn und sein Wort. «Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn einer meine Stimme hört und die Tür öffnet, bei dem werde ich eintreten und Mahl mit ihm halten und er mit mir» (Offb 3,20).
Maria ihrerseits übt zum ersten Mal ihr Rolle als Mittlerin zwischen Gott und den Menschen aus und verweist in ihrer Antwort auf den barmherzigen Gott, der sein Volk nicht vergessen hat und ihm nun den versprochenen Erlöser schenkt:
«Meine Seele preist die Grösse des Herrn und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter. Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter. Denn der Mächtige hat Grosses an mir getan und sein Name ist heilig. Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht über alle, die ihn fürchten. Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind; er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen. Er nimmt sich seines Knechtes Israel an und denkt an sein Erbarmen, das er unsern Vätern verheissen hat, Abraham und seinen Nachkommen auf ewig» (Lk 1,46–55).
Die Worte der beiden Frauen hallen bis heute nach: Die Begrüssung Marias durch Elisabeth wiederholen wir im «Gegrüssest seist du, Maria»; den Lobgesang Mariens (Magnifikat) erneuert die Kirche täglich in ihrem Abendlob (Vesper).
Elisabeth hilft uns dabei, das Staunen über das Handeln Gott neu zu lernen, der sich für unsere Erlösung klein gemacht hat, ja sogar für uns gestorben ist. Marias Handeln ist uns Vorbild im täglichen Leben: Offene Augen für die Not unserer Mitmenschen haben und ihnen durch unser Handeln Christus bringen. Papst Benedikt XVI. hat dies wunderbar in Worte gefasst: «Ja, Jesus empfangen und ihn zu den anderen zu tragen, das ist die wahre Freude des Christen! Liebe Brüder und Schwestern, folgen wir Maria, und ahmen wir sie nach, ihre tief eucharistische Gesinnung, und unser ganzes Leben kann ein ‹Magnificat›, ein Lobpreis Gottes, werden.»[3]
[1] Am ersten Tag nach Abschluss der (heute nicht mehr gefeierten) Oktav des Festes der Geburt Johannes’ des Täufers (24. Juni).
[2] Ansprache zum Abschluss des Marienmonats in der Lourdes-Grotte in den Vatikanischen Gärten am 31. Mai 2005.
[3] Ebd.
Kommentare und Antworten
Sei der Erste, der kommentiert