Kardinal Aron Jean-Marie Lustiger 1993. (Bild: © European Union, 2026, CC BY 4.0 via Wikimedia Commons)

Weltkirche

Vor 100 Jah­ren gebo­ren: Kar­di­nal Lus­ti­ger — Brü­cken­bauer zwi­schen Juden und Christen

Den einen zu jüdisch, den ande­ren zu katho­lisch: Aron Jean-​Marie Kar­di­nal Lus­ti­ger ver­einte Wel­ten in sich, die in der Geschichte schmerz­haft gegen­sätz­lich waren. Er lebte in bei­den Wel­ten und half, Brü­cken zu bauen.

Die Pariser Kathedrale Notre-Dame und ihr Vorplatz waren zum Bersten voll, als sie Kardinal Lustiger zu Grabe trugen. Es war ausgerechnet das Kaddisch, das den Auftakt machte zur Trauerfeier für einen Kardinal, der mit seinem Anderssein aneckte – und es zelebrierte.

Aron Jean-Marie Lustiger, geboren als Jude, konvertiert zum Katholizismus und immer Jude geblieben, wäre am 17. September 100 Jahre alt geworden.

Kampf für die öffentliche Präsenz der Kirche
«Jude wie Jesus Christus, Pole wie unser Papst und Franzose wie wir alle», charakterisierte die französische römisch-katholische Zeitung «La Croix» Aron Jean-Marie Lustiger, als Papst Johannes Paul II. den Pariser Pfarrer 1979 zum Bischof von Orleans ernannte. Es war der Auftakt einer schnellen kirchlichen Karriere.

412 Tage nach seiner Bischofsweihe trat Lustiger ein Amt an, das er bis zu seinem alters- und krankheitsbedingten Rückzug im Februar 2005 innehaben sollte: die Leitung des Erzbistums Paris. Auf den Tag genau zwei Jahre später, am 2. Februar 1983, nahm der Papst Erzbischof Lustiger ins Kardinalskollegium auf.

Er galt als enger Vertrauter und Freund des polnischen Papstes, als dessen potenzieller Nachfolger er zwischenzeitlich im Gespräch war. Die ihn kannten, beschreiben auch seine Charakterzüge als nicht ohne Widerspruch. Autoritär soll er gewesen sein und impulsiv, charismatisch, aber ein «Bulldozer», ein grossartiger Redner ohne Prunk und Pomp und seiner Zeit irgendwie voraus. In Sachen kirchlicher Lehre und Liturgie aber war er kompromisslos, konservativ wie das Kirchenoberhaupt seiner Zeit.

In einer zunehmend säkularen Moderne kämpfte er für die Präsenz der Religion im öffentlichen Raum. Er initiierte den Bau mehrerer neuer Kirchen und gründete als katholische Stimme in der säkularen Gesellschaft Frankreichs einen katholischen TV- und Radio-Sender. Das Christentum und der Gottesbezug in der Verfassung der EU waren für ihn eine Frage der europäischen Identität.

Der Horror von Auschwitz
Aron Jean-Marie Lustiger wurde als Franzose geboren – unfreiwillig. Seine Eltern, Strickwarenhändler im oberschlesischen Bendzin, waren vor dem osteuropäischen Antisemitismus geflohen. Der Horror der Nazis sollte sie auch in Paris nicht verschonen – und zu einer schwer vernarbenden Wunde im Leben des späteren Kardinals werden.

Im September 1942 wurde seine Mutter ins französische Abschiebelager Drancy deportiert. Einige Monate später starb sie wie Arons Grossmutter, weitere Familienangehörige und Millionen andere im Gas von Auschwitz. Mehr als 30 Familienangehörige wurden in nationalsozialistischen Vernichtungslagern getötet.

Aron Jean-Marie Lustiger überlebte im Internat, als Arbeiter in einer Kleinstadt und schliesslich in einer von Jesuiten geführten Landwirtschaftsschule.

«In Paris gibt es Grabsteine, die an zwei Mitglieder meiner Familie erinnern. Aber hier, in der Gedenkstätte für die Holocaust-Opfer Yad Vashem, sind die Namen aller Familienangehörigen verzeichnet, die ich verloren habe», sagte er 1995 bei einem Israelbesuch, der seinerzeit für bittere Kontroversen sorgte.

Gegen die Eltern für Christus
Als seine Mutter für ihr Jüdischsein hingerichtet wurde, war Aron bereits Christ. 1940, im Alter von 14 Jahren, liess er sich wie seine jüngere Schwester Arlette taufen – trotz der Vorbehalte der Eltern. Später kam es zu einer zweijährigen Sendepause zwischen Vater und Sohn, als Aron nach Kriegsende seinen Willen kundtat, Priester zu werden.

Für den Kardinal waren Christ-Sein und Jude-Sein kein Widerspruch, sondern eine Art Erfüllung. «Ich bin als Jude geboren. Ich habe den Namen meines väterlichen Grossvaters bekommen, Aron. Durch den Glauben und die Taufe Christ geworden, bleibe ich jüdisch, wie die Apostel jüdisch geblieben sind.»

Die Inschrift zu seinem jüdisch-christlichen Erbe auf der Gedenktafel in Notre-Dame verfasste Lustiger selbst. Das Kaddisch, vorgetragen am Sarg von seinem jüdischen Cousin Arno, entsprach seinem Wunsch nach einer Verbindung von jüdischer Herkunft und christlichem Glauben.

Brückenbauen zwischen Juden und Christen
Zeit seines kirchlichen Lebens diente Aron Jean-Marie Lustiger seine Doppelidentität als Pfeiler jener Brücke, die er zwischen Juden und Christen baute.

Skepsis und Kritik, die der jüdische Kardinal anfangs von beiden Seiten für sein Engagement für eine Annäherung und gegen Antisemitismus erntete, wichen mit der Zeit einem tiefen Respekt auch auf internationaler Ebene.

Es war seine Vermittlung, die 1993 eine Krise um ein Karmelitinnenkloster löste, das sich 1984 in einem ehemaligen Zyklon-B-Lager am Konzentrationslager Auschwitz niedergelassen hatte. Kardinal Lustiger konnte Johannes Paul II. davon überzeugen, den Ordensfrauen einen anderen Ort zuzuweisen.

Zum Auschwitz-Gedenken entsandt
Im Januar 2005 vertrat er Johannes Paul II. bei den Gedenkfeiern zum 60. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz.

Der Papst habe ihn geschickt, «auch um die Schoa-Opfer und das jüdische Volk zu ehren», erklärte Kardinal Lustigers Cousin Arno, der seinerseits beim Gedenken im deutschen Bundestag die deutsche Politik aufforderte, gegen Neonazis und Rechtsradikale konsequenter und härter vorzugehen.

Am 5. August 2007 starb Kardinal Jean-Marie Lustiger im Alter von 80 Jahren. Jüdische und christliche Trauergebete umgaben den Sarg eines Mannes, der bis zum Schluss manchen Katholiken zu jüdisch und manchen Juden zu katholisch war. Er füllte diese Zwischenwelt mit Einzigartigkeit.


KNA/Redaktion


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Bemerkungen :

  • user
    Dr. theol. Emil Hobi, kath. Priester 17.09.2026 um 20:04
    So wie die Apostel, die ersten Jüngerinnen und Jünger, die Hl. Jungfrau Maria und der Völkerapostel Paulus voll und ganz jüdisch und zugleich christlich gewesen sind, so wie man das Bürgerrecht eines Landes hat und zugleich Katholik sein kann, so war auch Aaron Jean-Marie Lustiger ab 14 voll und ganz Jude und Katholik. Wie ist das möglich?
    Die beiden Hauptunterschiede zwischen dem universal-katholischen Christentum und dem national-heutigen hillelitischen Judentum bestehen vor allem darin, dass erstens das gegenwärtige Judentum den Messias erst noch erwartet und das katholische und „orthodoxe“ Christentum ihn schon in Jesus Christus als den verheissenen absoluten Heilsbringer angenommen hat; und dass zweitens die von Jesus gegründete katholische Kirche alle Menschen, gleich welchem Volke sie angehören, gemäss seinem Auftrag in das Neue Bundesvolk einlädt (vgl. Mt 28,16-20). Zur Zeit Jesu gab es bis zum Untergang des Tempels (70 n. Chr.) streng genommen recht verschiedene Judentümer; die Historiker sprechen von „Judaismen“. Bis zu seinem Kreuzestode sammelte und berief der Rabbi Jesus von Nazaret mit dem sog. Apostelkreis und den Jüngern eine Gruppe abgestuft um sich, welcher er auch klar eine hierarchisch-ekklesiale Struktur und Beauftragungen gab. Diese verstand sich - vor allem nach den eindrücklichen Oster- und Pfingstereignissen - als das neue Bundesvolk mit inkludierend universalem Charakter für alle Völker, unter dem auferstandenen Messias Jesus Christus: In die christliche Kirche traten ab dem Pfingstfeste Männer und Frauen durch die Taufe ein; die Beschneidung von Männern und Knaben hatte in ihr ab dem Apostelkonzil (ca. 49 n. Chr.) auch unter dem heidenchristlichen Zustrom immer weniger Bedeutung und von der Einhaltung der 613 menschengemachten Schriftgelehrtenregeln hatte sich schon Jesus distanziert. Erst etwa zwanzig Jahre später definierten pharisäische Schriftgelehrte und die Überlebenden des Sanhedrin auf der Synode von Jamnia (70-90 n. Chr.) ihr damals neues hillelitisches Judentum. Dies war nach dem Untergang des Tempels mit seiner Tempel-Priesterschaft für jene jüdischen Männer und Frauen, die sich dem schon bestehenden Christentum nicht angeschlossen hatten, auch nötig geworden. Aus den damals 6000 bis 7000 Pharisäern in Palästina mit ihren Familien hatte sich schon vorher eine Anzahl dem Christentum angeschlossen (vgl. Apg 6,7). Sie sahen wohl gemäss Paulus in der christlichen Kirche, den neuen und eigentlichen, sichtbaren Tempel Gottes (vgl. Berger, Klaus: Kommentar zum Neuen Testament, 436). Eine der gemeinsamen Grundlagen bildeten die Tora und andere atl. Schriften. Das Neue Testament der Christenheit entstand dann schon im 1. Jh. n. Chr. in der Lebensnähe zu Jesus und den Aposteln, und momentan rücken dessen Schriften chronolgisch noch näher an die Lebenszeit Jesu, während die Mischna, die Tosefta, der Babylonische und Jerusalemer Talmud weitgehend lange nach dem NT geschrieben wurden. Auch religionswissenschaftliche Forschungen von ausserhalb des Christentums verweisen darauf, dass das Christentum im 1. Jh. nicht eine Absplitterung des Judentums darstellt, sondern sich etwa gleichzeitig mit der heutigen Form des Judentums entfaltet hatte: „Man muss sich von der alten Vorstellung lösen, Judentum und Christentum als Mutter- und Tochter-Religion zu verstehen“ (siehe Michel, Kai / Schaik, Carel van: Das Tagebuch der Menschheit, 19. Da genau genommen nun aber die Jerusalemer Urkirche vor Jamnia entstand, ist sie m. E. sogar mit ihrer universal-missionarischen Ausrichtung älter und näher an den Schlüssel-Verheissungen des AT, welche gerade auch real eine kommende absolute Heilsbringer-Gestalt für alle Völker ankündigten. Durch den „Tat-Beweis“ der ganzheitlichen Auferstehung und die Pfingstereignisse eröffnete Jesus aus Nazaret seiner begreiflicherweise skeptischen Jüngerschaft den Glauben, dass er wahrer Gott und wahrer Mensch, also im Vollsinne der verheissene Messias und Gottes Sohn ist. Erst um 67 n. Chr. verliessen die Christinnen und Christen Jerusalem und den Tempel, indem sie mit ihren Presbytern (Priestern) und ihrem Bischof (episkopus) - angesichts des schon von Jesus angekündigten Untergangs - auf die östliche Jordanseite in das Gebiet um Pella zogen. Bis dahin beteten sie wohl noch im Tempelvorhof, opferten aber keine Tiere mehr. Übrigens diese tieropferkritische Haltung teilte das Urchristentum mit den Propheten und dem entstehenden Hillelitismus. Beim Christentum waren Tieropfer schon deshalb radikal abgeschafft, weil jede Hl. Messe die unblutige Vergegenwärtigung des einzigartigen blutigen Kreuzesopfers Jesu Christi ist; und Tieropfer zu unserer Erlösung daher unsinnig wären. Judentum und Christentum stehen sich meist näher, als sie denken. Der Irrlehrer und reiche Reeder Marcion musste auch deshalb um 144 n. Chr. von der römischen Kirche ausgeschlossen werden, weil er antijudaistisch das AT verwarf; die marcionitische Gemeinschaft blühte vorerst auf und existierte noch bis ins 5. Jh. Judentum und Christentum stehen sich jedenfalls näher als sie denken.