Die wenigen Quellen überliefern weder Wiboradas Geburtsjahr noch ihren Geburtsort. Sie stammte aus einem adligen Thurgauer Geschlecht und verbrachte ihre Kindheit auf einer Burg im Bistum Konstanz.
Von ihrem Leben berichten zwei Vitae. Die erste verfasste der St. Galler Mönch Ekkehard I. (910–973). Ekkehard wurde gemäss eigenen Angaben durch das Büssergewand Wiboradas von einer Krankheit geheilt. Er hatte zuvor versprochen, eine Vita über ihr Leben zu verfassen, sollte er wieder gesund werden.
Die zweite Vita wurde um 1075 niedergeschrieben. Der Autor gibt an, ein Mönch namens Herimannus zu sein. Die Vita enthält die älteste Darstellung von Wiborada. Die Heilige wird mit einem Buch und einer Hellebarde abgebildet – Letztere wurde aber erst im 13. Jahrhundert erfunden.
Vom frommen Kind …
Gemäss den Überlieferungen war Wiborada (Wiberat) bereits als Kind sehr fromm und tugendhaft. Zum Vorbild wurde ihr die kleinere Schwester, die lieber im Gebet Gott um Erlösung vom Erdendasein bat, statt mit den anderen Kindern zu spielen. Nach dem Tod ihres Vaters pflegte sie ihre kranke Mutter. Beide Lebensbeschreibungen erzählen, dass sich Wiborada entschloss, ihrem Bruder zu dienen, der als Priester in St. Gallen tätig war. Sie schickte ihm Kleider und fertigte Einbände für die liturgischen Bücher an. Er machte sie im Gegenzug mit den Texten der Psalmen vertraut. Die Legende weiss zu berichten, dass er nach dem 49. Psalm damit aufhörte. Erst als ihn eine Erscheinung an seine Pflicht erinnerte, brachte er ihr den 50. Psalm bei. Die weiteren 100 Psalmen lernte die junge Frau mithilfe des Heiligen Geistes kennen. Mit ihrem Bruder unternahm sie auch eine Wallfahrt nach Rom. Ob sich ihre Berufung allmählich entwickelte oder sie ein Berufungserlebnis hatte, wie dies in der Vita von Herimannus beschrieben wird, ist unklar.
… zur geschätzten Ratgeberin …
Wiborada reiste mit zwei Dienerinnen nach St. Gallen und lebte bei St. Georgen vier Jahre ein Leben in strenger Askese. Eine solche Vorbereitungszeit war für Reklusinnen vorgeschrieben.
Exkurs: Reklusen lebten in einer Zelle oder einem kleinen Haus, das an eine Kirche angebaut war, damit er oder sie durch ein Fenster die Messe mitfeiern und die Kommunion empfangen konnte. Die Klause hatte auf der gegenüberliegenden Seite ein weiteres Fenster. Dieses diente der Luft- und Lichtzufuhr; durch dieses empfing der Rekluse resp. die Reklusin das Lebensnotwendige oder konnte sich mit Ratsuchenden unterhalten.
Im Jahr 916 wurde Wiborada bei der Kirche St. Mangen in St. Gallen inkludiert. Zu dieser Zeit war ihr Bruder Hitto Priester der Kirche. Sie wurde zur geschätzten Ratgeberin für den Klerus, den Adel und das Volk.
… zur Märtyrerin
Seit dem 9. Jahrhundert drangen immer wieder ungarische Reiterhorden in das Donaubecken ein. Von 899 an und besonders zwischen 909 und 933 stiessen sie bis nach Frankreich und Apulien vor. 910 fiel Abt Gozpert von Rheinau im Kampf gegen sie, 917 kam vermutlich Bischof Rudolf II bei der Plünderung Basels ums Leben. 926 überfielen die Ungarn St. Gallen. Erst der Sieg von Kaiser Otto I. am 10. August 955 auf dem Lechfeld bei Augsburg setzte den verheerenden Ungarneinfällen ein Ende.
Wiborada hatte bereits im Juni 925 eine Vision des bevorstehenden Ungareneinfall und ihres Märtyrertodes. Sie riet in der Folge Abt Engilbert, die Bibliothek auf die Reichenau in Sicherheit zu bringen und für die Mönche eine Fluchtburg an der Sitter (Gemeinde Häggenschwil) zu errichten. Als nun 926 die Ankunft der Ungaren gemeldet wurde, konnten die Mönche rechtzeitig fliehen. Trotz des Drängens von Abt Engilbert blieb Wiborada in ihrer Zelle. Die Plünderer steckten die Kirche in Brand und versuchten dies auch mit der Zelle. Wie durch ein Wunder erlosch das Feuer aber wieder. So stiegen sie über das Dach ein und erschlugen Wiborada mit drei Axtschlägen. Das Datum ihres Martyriums, der 1. Mai 926, trugen die Mönche in ihr Professbuch ein. Die «Annales Sangallenses maiores» überliefern den 2. Mai als Wiboradas Todestag, ein Datum, das in vielen Quellen übernommen wurde. Diese falsche Datierung geht vermutlich auf die Vita von Ekkehard I. zurück. Er schreibt, dass Wiborada beim Überfall schwer verletzt wurde und erst am nächsten Tag starb.
Nach der Beisetzung Wiboradas geschahen viele Wunder. Die Überlieferung erwähnt unter anderem ein Licht am Grab von Wiborada, das vom Himmel her angezündet wurde, und mehrere Heilungen am Grab der Märtyrerin oder durch Reliquien.
Beide Lebensbeschreibungen überliefern, dass bereits ab 927, dem Jahr nach Wiboradas Tod, ihr Todestag feierlich begangen wurde. 1047 wurde Wiborada – wohl auf Wunsch von Kaiser Heinrich III. und seiner Gattin Agnes von Poitou – von Papst Clemens II. heiliggesprochen. Vermutlich aus Rücksicht auf das Walburga-Fest am 1. Mai legte man als Gedenktag den 2. Mai fest.
Sowohl in St. Georgen als auch bei St. Mangen lebten bis 1509 Reklusinnen. Am 27. Februar 1528 wurde im Zuge des vom Stadtrat angeordneten Bildersturms das Grab von Wiborada zerstört. Ihre Gebeine gelten seitdem als verschollen. Die an die Kirche St. Mangen angebaute Wiboradakapelle wurde zur Bibliothek umfunktioniert und im Jahr 1774 abgerissen.
Wiborada geriet später – im Gegensatz zu Gallus und Otmar – als dritte St. Galler Stadtheilige immer mehr in Vergessenheit und wurde erst vor einigen Jahren «wiederentdeckt». Dieses Jahr feiert St. Gallen den 1100. Todestag der Heiligen mit vielen Veranstaltungen.
Die Heilige Wiborada ist die Schutzpatronin der Pfarrhaushälterinnen, Köchinnen, Bibliotheken und Bücherfreunde und des Bistums St. Gallen.
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