Pater Thomas Fässler OSB, der Initiant der Festschrift. (Bild:Rosmarie Schärer/swiss-cath.ch)

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Vor 500 Jahren: Kloster Einsiedeln auf des Messers Schneide

Das Jahr 1526 ist ein wichtiges Datum in der Geschichte des Klosters Einsiedeln. Hätte die Schwyzer Obrigkeit nicht eigenmächtig gegen Kaiser und Papst gehandelt, wäre die Benediktinerabtei wohl untergegangen. Die Hintergründe, die zu dieser entscheidenden Tat führten, beleuchten verschiedene Beiträge in der Festschrift «1526 – Ende oder Wende?», die gestern in Einsiedeln vorgestellt wurde.

Im Jahre 1526 bestand die Gemeinschaft der Benediktinerabtei Einsiedeln nur noch aus einem einzigen Mönch – dem 86-jährigen Abt Konrad III. von Hohenrechberg. «Man musste kein Prophet sein, um zu sagen: Das Kloster geht seinem Ende entgegen», so Pater Thomas Fässler bei der Vernissage der Festschrift «1526 – Ende oder Wende?». Dass das Kloster nicht unterging, sondern im Gegenteil ein Aufblühen erlebte, verdankte es der Schwyzer Obrigkeit und dem Kloster St. Gallen. So waren an der Vernissage in Einsiedeln, am Hochfest Mariä Aufnahme in den Himmel, zahlreiche Vertreter der Schwyzer Regierung und des Bistums St. Gallen anwesend sowie der Apostolische Nuntius in der Schweiz und Liechtenstein, Dr. Martin Krebs.

Das Kloster Einsiedeln im Bann der Reformation
Aktuell gehören 39 Mönche zur Benediktinerabtei Einsiedeln. Doch im 15. Jahrhundert bestand die Gemeinschaft lediglich aus drei bis sechs Mönchen. Dies hatte mit dem Adelsprivileg zu tun: Aufgenommen wurde nur, wer adelig war. Während das Kloster St. Gallen die Zeichen der Zeit erkannte und das Adelsprivileg aufgab, liessen sich die Einsiedler Mönche dieses noch 1463 von Papst Pius II. bestätigen. Auch ihren durch Einkünfte aus Pfründe privilegierten Lebensstandard wollten sie nicht aufgeben – die manuelle Arbeit überliessen sie Angestellten. Wegen des aufkommenden Wallfahrtswesens holten sie sogenannte Leutpriester zur Betreuung der Pilger – dies sollte sich als fatal erweisen. Einer dieser Leutpriester war Huldrych Zwingli, der 1516 nach Einsiedeln kam. Seine Gedanken machte sich der Benediktiner Diebold von Geroldseck zu eigen, sodass sich dieser 1525 der Reformation in Zürich anschloss – der damals 85-jährige Abt verblieb als letzter Mönch im Kloster Einsiedeln. Da die Reichsabtei Einsiedeln direkt dem Kaiser und als exemte Abtei direkt dem Papst unterstellt war, hätten diese beiden reagieren müssen, doch das taten sie nicht.

«Es ist nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn Zwingli im berühmten Wallfahrtsort weiter gepredigt hätte», gab Dr. André Holenstein, ehemaliger Professor für Ältere Schweizer Geschichte in Bern und Autor eines Beitrages der Festschrift, in seiner Ansprache zu bedenken. Auch andere Leutpriester priesen in Einsiedeln die neue Lehre an. Und in der Kollaturpfarrei des Klosters Einsiedeln in Burg bei Stein am Rhein predigte der Leutpriester Johannes Oechsli Ideen der Reformation. Josef Amberg, zuständiger eidgenössischer Landvogt im Thurgau, sah sich zum Eingreifen gezwungen, da die Tagsatzung die Ausbreitung der neuen Lehre untersagt hatte. Er liess Oechsli verhaften, was schlussendlich am 18./19. Juli 1524 den Sturm auf das Kloster Ittingen auslöste.
 


Die Schwyzer Obrigkeit greift ein
Beunruhigt durch die Vorgänge in Einsiedeln selbst wie auch in der fernen Pfarrei entschied sich die Schwyzer Obrigkeit, zu handeln. Auch finanzielle Gründe spielten mit: Nicht auszudenken, wenn das Kloster Einsiedeln nach dem Tod des Abtes in den Besitz der Reformation überginge. Der nach Zürich abgewanderte Einsiedlermönch Diebold von Geroldseck beanspruchte bereits die Einnahmen des Klosters aus dem Zürcher Gebiet – die Befürchtungen waren also realistisch.

Dass sich die Schwyzer Obrigkeit für das Kloster einsetzte, war nicht selbstverständlich, wie der Schwyzer Landammann Sandro Patierno in seinem Grusswort erklärte, denn die Beziehungen zwischen den beiden Grössen erlebten immer Spannungen durch Streitigkeiten über Landnutzung oder Vogteien. «Das Kloster Einsiedeln war wie ein Staat im Staat.» Zugleich war die Abtei ein grosser wirtschaftlicher Faktor für Schwyz.

Es war dann vor allem der oben erwähnte Josef Amberg, Landvogt im Thurgau, der die Sache in die Hand nahm. Er bat den Abt des Klosters St. Gallen, ihnen den Dekan des Klosters, Ludwig Blarer, «auszuleihen». Am 15. August 1526, dem Patrozinium des Klosters, setzten die Schwyzer Ludwig Blarer offiziell als Abt von Einsiedeln ein – gerade noch rechtzeitig: Zwei Wochen später starb Altabt Konrad III. von Hohenrechberg.

Die offizielle Einsetzung durch Kaiser und Papst liess auf sich warten, hatten die Schwyzer doch eigenmächtig gehandelt. In den Gebieten der Reformation wurde die Kirche verstaatlicht – Papst Clemens VII. musste befürchten, dass das eigenmächtige Handeln der katholischen Schwyzer ein erster Schritt in die Reformation war. Erst im Juli 1532 erfolgte die Anerkennung von Abt Ludwig durch Kaiser Karl V., ein Jahr später, am 26. April 1533, die langersehnte Erwählung zum Abt durch Clemens VII.
 


Festschrift beleuchtet die Hintergründe
Die 14 Beiträge der Festschrift gehen nicht nur dem «Was», sondern auch dem «Warum» dieses Ereignisses nach. «Die Schwyzer Intervention von 1526 im Kloster Einsiedeln im Kontext der eidgenössischen Krise der 1520er Jahre», «Die Bedeutung Einsiedelns für die Eidgenossenschaft – vor und nach 1526», «Rivalität und Koexistenz. Ein Überblick über die zwiespältige Geschichte zwischen Schwyz und dem Kloster Einsiedeln» oder «Beziehung zwischen den Klöstern Einsiedeln und St. Gallen», so die Titel einiger der spannenden Beiträge von insgesamt 14 Autorinnen und Autoren, darunter die beiden Einsiedler Mönche Pater Meinrad M. Hötzel und Pater Thomas Fässler, der Herausgeber der Festschrift.

Prof. tit. Thomas Lau arbeitete in seinem Beitrag die Wichtigkeit des Wallfahrtsortes Einsiedeln heraus, der über die Eidgenossenschaft hinaus ausstrahlte. Die Zentralitätsfunktion von Einsiedeln beruhte «nicht auf eigenen ökonomischen, militärischen oder politischen Ressourcen, sondern auf der Kontrolle über eine privilegierte spirituelle Dienstleistung». Die Abtei diente aber auch als Ort des Austausches: Immer wieder wurden Rechtstage und Tagsatzungen abgehalten. Und nicht zuletzt war das Kloster als Gläubiger wie als Schuldner ein wichtiger Teil des eidgenössischen Kreditmarktes. In seiner geschichtlichen Analyse der Ereignisse weist Prof. Lau überraschend auch auf einen geistlichen Aspekt hin: Ludwig Blarer war nicht durch eine Wahl Abt geworden, «wodurch ein zentrales sakrales Element in seiner Berufung fehlt, war doch der Wahlakt ein geheiligter, durch entsprechende Riten aus dem Profanen herausgehobener Handlungsrahmen, in dem Gottes Hand selber wirken konnte» (S. 230/231).

Ebenso interessant der Beitrag von Schwester Dr. Michaela Puzicha OSB. Angesichts der vielen älter werdenden Konvente und der damit verbundenen Zukunftsängste arbeitet sie die Aspekte der Hoffnung aus der Benediktsregel heraus, die sich übrigens auch mit «Scheitern» auseinandersetzt. Der heilige Benedikt beendete seine Regel mit dem Wort «Pervenies» – Du wirst ankommen, was man gemäss Sr. Michaela Puzicha auch mit «Du wirst durch-kommen» übersetzen könnte. Ein Hoffnungswort, von dem sich jeder einzelne Bruder, jede einzelne Schwester angesprochen fühlen darf.

Dr. André Holenstein dankte Pater Thomas am Ende seiner Ansprache für die geleistete Arbeit bei der Erstellung der Festschrift und merkte dazu mit einem Augenzwinkern an: «Man sieht hier, wie effizient monastische Disziplin ist.»

Das Kloster Einsiedeln überlebte nicht nur dank der Intervention der Schwyzer Obrigkeit. Es brauchte auch den Mut von Abt Ludwig, das Adelsprivileg auslaufen zu lassen und die in den Wirren der Reformation in Einsiedeln gestrandeten Mitglieder anderer Klöster aufzunehmen. Und es brauchte das unglaubliche Charisma seines Nachfolgers, Abt Joachim Eichhorn: Unter ihm gab es genug Nachwuchs, damit die Mönche die Wallfahrt selbst betreuen sowie eigene Lehrer für die Klosterschule stellen konnten. Auch die finanziellen Schwierigkeiten des Klosters bekam er in den Griff. Mit ihm begann das wirkliche Aufblühen der Benediktinerabtei Einsiedeln.

«Ein Blick auf die Ereignisse von 1526 und die weitere Entwicklung des Klosters Einsiedeln kann deshalb auch heute Mut machen. Er erinnert daran, dass Hoffnung, Vertrauen und die stete Bereitschaft zu einem Neuanfang Kräfte sind, die in der Regel des heiligen Benedikt grundgelegt sind und deshalb wesentlich zum benediktinischen Leben gehören» (Pater Thomas Fässler in seinem Beitrag «Zusammenfassung»).

Ohne Schwyz gäbe es das Kloster Einsiedeln heute nicht mehr in dieser Form, ohne das Kloster Einsiedeln wäre auch der Kanton Schwyz ein anderer, resümierte der Schwyzer Landammann Sandro Patierno. «Das Feuer des heiligen Meinrad brennt heute noch. Das ist das Entscheidende.»

«Ich bin dankbar, bin ich nicht als Abt allein im Kloster», gestand Abt Urban mit einem Schmunzeln in seinem Schlusswort. Er sei dankbar für seine Mitbrüder, die mit ihm zusammen eine Gemeinschaft bilden. Mit Blick auf die Ereignisse des Jahres 1526 meinte er: «Es braucht manchmal Demut, sich helfen zu lassen.» Er weitete die Dankbarkeit über das Fortbestehen des Klosters auf die Schweiz aus. «Wir sollten als Gesellschaft dankbar sein und uns einbringen.» Und Abt Urban lenkte den Blick auf das nächste Jubiläum, welches die Gemeinschaft bereits 2034 feiern darf: 1100 Jahre seit der Gründung der benediktinischen Gemeinschaft 934.

Die Vernissage wurde vom «Ensemble Miroir de Musique» mit Musik aus der Zeit um 1526 eindrücklich und stimmig begleitet.
 

1526 – Ende oder Wende? Wie das Kloster Einsiedeln zu neuer Blüte fand, (Thomas Fässler Hg.). EOS-Verlag, Erzabtei St. Ottilien 2026, 448 Seiten, ISBN 978-3-8306-8336-0, Fr. 27.– Link
Inhaltsverzeichnis der Festschrift  Link


Rosmarie Schärer
swiss-cath.ch

E-Mail

Rosmarie Schärer studierte Theologie und Latein in Freiburg i. Ü. Nach mehreren Jahren in der Pastoral absolvierte sie eine Ausbildung zur Journalistin.


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Bemerkungen :

  • Johanna-Jessica OFS 21.08.2026 um 13:31
    Beim Betrachten der Geschichte unserer Hl. Mutter Kirche ist wunderbar ersichtlich, dass sie voll von solchen "kleinen" Wundern ist. Wie schön, ist uns das Kloster Einsiedeln erhalten geblieben! Dort verweilen zu dürfen ist für mich immer ein besonderes Highlight.