Diese sogenannte vorpianische Ordnung war nicht nostalgisch, nicht irregulär, nicht chaotisch. Sie war tief katholisch, naturrechtlich fundiert, organisch gewachsen und kirchenrechtlich präzise. Sie verband geistliche Einheit mit regionaler Vielfalt, rituelle Universalität mit liturgischer Fülle, päpstliche Autorität mit subsidiärer Verantwortung.
Kurz: Sie war ein föderales Kirchenmodell – und sie funktionierte. Heute, da die Kirche an vielen Orten entweder administrativer Überformalisierung oder progressivem Strukturalismus erliegt, lohnt die Rückbesinnung auf diesen vergessenen «Normalzustand». Nicht aus Romantik – sondern weil sie Antworten liefert, wo moderne Ansätze scheitern.
Über Jahrhunderte galt ein Prinzip der katholischen Tradition: Was die untere Ebene leisten kann, darf die obere nicht an sich reissen. Dieses sog. Subsidiaritätsprinzip war rechtlich verankert und entsprang dem katholischen Menschenbild, das personale Verantwortung und Gemeinschaft betont.
Die vorpianische Kirchenverfassung bedeutete reiche liturgische Vielfalt, von römischem bis ambrosianischem Ritus und monastischen Formen. Einheit bestand in der Wahrheit, nicht in Uniformität. Klöster und Orden waren autonome Rechtspersonen mit eigenem Vermögen, Gerichtsbarkeit und Wirtschaftskraft. Sie schufen die grossen sozialen, kulturellen und spirituellen Werke Europas.
Die Zentralisierung der Kirche im 19. Jahrhundert war eine Verteidigungsstrategie gegen den Druck der aufkommenden, sich absolut setzenden säkularen Nationalstaaten. Insbesondere das erste vatikanische Konzil und der aufkeimende Ultramontanismus beflügelten diese Entwicklung. Manch ein Katholik empfand in diesen Reformen eine Weiterentwicklung der Kirche in die neue Epoche: Das 19. Jahrhundert war bekanntlich geprägt von konfessionellen Auseinandersetzungen und dem zunehmenden staatlichen Übergriff auf kirchliche Güter im Zuge fortschreitender Säkularisierung. Doch sie führte auch zur Auflösung lokaler und ordensrechtlicher Autonomie. Die Eingliederung der Orden in das Korsett des territorialen Diözesanbischofs und der nationalstaatlichen Struktur brachte entscheidende Nachteile mit sich: Erbrachten in früheren Zeiten die Orden kulturelle und wirtschaftliche Höchstleistungen, verkamen sie nun zu reinen Erfüllungsgehilfen für das staatliche Bildungs- und Erziehungswesen ohne Hoheit über Immobilien und Finanzen.
Erst die Eliminierung der dezentralen Struktur machte postkonziliare Radikalreformen ohne lokalen Widerstand möglich. Mit dem Verlust regionaler und ordensrechtlicher Selbständigkeit entstanden Verwundbarkeit und Reformmonokultur. Einige Beispiele dafür aus der pianischen Zeit sind die Einführung des kodifizierten Kirchenrechts, die Brevierreform, die Reform der Karwochenliturgie sowie die Rubrikenreform: Alle diese Reformen setzten berechtigte Anliegen um, jedoch schossen sie im Nachhinein betrachtet zum Teil deutlich über ihr ursprüngliches Ziel hinaus, da sie einerseits top-down vom Heiligen Stuhl verordnet wurden und andererseits auch einige bedenkliche theologische Neuerungen mit sich brachten.
Die Altkatholiken kritisierten den römischen Zentralismus, besassen jedoch kein naturrechtliches und theologisches Fundament zur echten kirchlichen Subsidiarität. Das Ergebnis war Anpassung an staatliche und zeitgeistige Logik statt katholischer Autonomie und folglich der Gang in die theologische Bedeutungslosigkeit. In der Schweiz war ihr Pendant, die christkatholische Kirche, von Anfang an ein Prestigeprojekt des neugegründeten freisinnigen Bundesstaates, eine obrigkeitlich geförderte «Los von Rom» Bewegung.
Die Kirche braucht keine Bürokratie und keinen kirchenparlamentarischen Aktivismus, sondern eine Rückkehr zu ihrer föderalen Tradition. Die Zukunft liegt in sakramentaler, subsidiärer und naturrechtlicher Ordnung, nicht in technokratischen Strukturen.
Die Kirche verlor ihre föderale Resilienz – und damit ihren natürlichen Schutz gegen unorganische Reformen. Wenn sie wieder blühen will, muss sie nicht Neues erfinden, sondern das wiederentdecken, was sie einst war: föderal, organisch, sakramental, naturrechtlich, vielfältig und tief katholisch. Die Beispiele der Migrantengemeinden, der Altritualisten, der Neocharismatiker, aber auch des Opus Dei und der damit verbundenen Laieninitiativen sind ein sanftes Flämmchen im feuchten Holz: Hoffen wir, dass sie das Charisma der Kirche wieder zu neuer Glut entfachen können!
Gastkommentare spiegeln die Auffassungen ihrer Autorinnen und Autoren wider.
Kommentare und Antworten
Bemerkungen :
Übrigens, Bernhard Botte und Louis Bouyer haben das "2. Hochgebet" des Novus Ordo an einem Nachmittag in Trastevere in Rom erfunden und zusammen geschrieben. Es hat keine echte Tradition. Sie haben einfach in einem Restaurant sich etwas einfallen lassen. Und das soll jetzt verbindlich sein.
Mehr Subsidiarität ist eine gute Idee. Summorum Pontificum hat dem Priester selbst das Recht eingestanden, von seiner Weihevollmacht Gebrauch zu machen.