Zur Zeit Jesu waren die Strukturen der Kirche noch überschaubar. Darstellung des Letzten Abendmahls in der Lateranbasilika, Rom. © swiss-cath.ch

Kommentar

Vor­pia­ni­sche sub­si­diäre Kir­chen­struk­tur – vor­wärts zu den Wurzeln?

Die inner­kirch­li­chen Debat­ten unse­rer Zeit krei­sen oft um Zen­tra­lis­mus und Syn­oda­li­tät, um Rom und Region, um Macht­fra­gen. Doch in die­sen Dis­kus­sio­nen bleibt etwas Ent­schei­den­des meist unaus­ge­spro­chen: die kirch­li­che Struk­tur, wie sie vor den gros­sen Zen­tra­li­sie­rungs­schü­ben des spä­ten 19. und frü­hen 20. Jahr­hun­derts existierte.

Diese sogenannte vorpianische Ordnung war nicht nostalgisch, nicht irregulär, nicht chaotisch. Sie war tief katholisch, naturrechtlich fundiert, organisch gewachsen und kirchenrechtlich präzise. Sie verband geistliche Einheit mit regionaler Vielfalt, rituelle Universalität mit liturgischer Fülle, päpstliche Autorität mit subsidiärer Verantwortung.
Kurz: Sie war ein föderales Kirchenmodell – und sie funktionierte. Heute, da die Kirche an vielen Orten entweder administrativer Überformalisierung oder progressivem Strukturalismus erliegt, lohnt die Rückbesinnung auf diesen vergessenen «Normalzustand». Nicht aus Romantik – sondern weil sie Antworten liefert, wo moderne Ansätze scheitern.
Über Jahrhunderte galt ein Prinzip der katholischen Tradition: Was die untere Ebene leisten kann, darf die obere nicht an sich reissen. Dieses sog. Subsidiaritätsprinzip war rechtlich verankert und entsprang dem katholischen Menschenbild, das personale Verantwortung und Gemeinschaft betont.

Die vorpianische Kirchenverfassung bedeutete reiche liturgische Vielfalt, von römischem bis ambrosianischem Ritus und monastischen Formen. Einheit bestand in der Wahrheit, nicht in Uniformität. Klöster und Orden waren autonome Rechtspersonen mit eigenem Vermögen, Gerichtsbarkeit und Wirtschaftskraft. Sie schufen die grossen sozialen, kulturellen und spirituellen Werke Europas.

Die Zentralisierung der Kirche im 19. Jahrhundert war eine Verteidigungsstrategie gegen den Druck der aufkommenden, sich absolut setzenden säkularen Nationalstaaten. Insbesondere das erste vatikanische Konzil und der aufkeimende Ultramontanismus beflügelten diese Entwicklung. Manch ein Katholik empfand in diesen Reformen eine Weiterentwicklung der Kirche in die neue Epoche: Das 19. Jahrhundert war bekanntlich geprägt von konfessionellen Auseinandersetzungen und dem zunehmenden staatlichen Übergriff auf kirchliche Güter im Zuge fortschreitender Säkularisierung. Doch sie führte auch zur Auflösung lokaler und ordensrechtlicher Autonomie. Die Eingliederung der Orden in das Korsett des territorialen Diözesanbischofs und der nationalstaatlichen Struktur brachte entscheidende Nachteile mit sich: Erbrachten in früheren Zeiten die Orden kulturelle und wirtschaftliche Höchstleistungen, verkamen sie nun zu reinen Erfüllungsgehilfen für das staatliche Bildungs- und Erziehungswesen ohne Hoheit über Immobilien und Finanzen.

Erst die Eliminierung der dezentralen Struktur machte postkonziliare Radikalreformen ohne lokalen Widerstand möglich. Mit dem Verlust regionaler und ordensrechtlicher Selbständigkeit entstanden Verwundbarkeit und Reformmonokultur. Einige Beispiele dafür aus der pianischen Zeit sind die Einführung des kodifizierten Kirchenrechts, die Brevierreform, die Reform der Karwochenliturgie sowie die Rubrikenreform: Alle diese Reformen setzten berechtigte Anliegen um, jedoch schossen sie im Nachhinein betrachtet zum Teil deutlich über ihr ursprüngliches Ziel hinaus, da sie einerseits top-down vom Heiligen Stuhl verordnet wurden und andererseits auch einige bedenkliche theologische Neuerungen mit sich brachten.

Die Altkatholiken kritisierten den römischen Zentralismus, besassen jedoch kein naturrechtliches und theologisches Fundament zur echten kirchlichen Subsidiarität. Das Ergebnis war Anpassung an staatliche und zeitgeistige Logik statt katholischer Autonomie und folglich der Gang in die theologische Bedeutungslosigkeit. In der Schweiz war ihr Pendant, die christkatholische Kirche, von Anfang an ein Prestigeprojekt des neugegründeten freisinnigen Bundesstaates, eine obrigkeitlich geförderte «Los von Rom» Bewegung.

Die Kirche braucht keine Bürokratie und keinen kirchenparlamentarischen Aktivismus, sondern eine Rückkehr zu ihrer föderalen Tradition. Die Zukunft liegt in sakramentaler, subsidiärer und naturrechtlicher Ordnung, nicht in technokratischen Strukturen.

Die Kirche verlor ihre föderale Resilienz – und damit ihren natürlichen Schutz gegen unorganische Reformen. Wenn sie wieder blühen will, muss sie nicht Neues erfinden, sondern das wiederentdecken, was sie einst war: föderal, organisch, sakramental, naturrechtlich, vielfältig und tief katholisch. Die Beispiele der Migrantengemeinden, der Altritualisten, der Neocharismatiker, aber auch des Opus Dei und der damit verbundenen Laieninitiativen sind ein sanftes Flämmchen im feuchten Holz: Hoffen wir, dass sie das Charisma der Kirche wieder zu neuer Glut entfachen können!

Gastkommentare spiegeln die Auffassungen ihrer Autorinnen und Autoren wider.


Alexander Schmid

BSc in Wirtschaftsrecht und Vorstandsmitglied des Vereins «Vera fides».


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Bemerkungen :

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    Josef Köchle 10.11.2025 um 11:09
    Was heute in den katholischen Medien angeboten wird, ist ja zum Teil wirklich katastrophal und war in der erwähnten früheren Zeit undenkbar. Die neue Liturgie sollte man aber annehmen. Sie kann durchaus ordentlich gefeiert werden.
    • user
      Knut Ellers 11.11.2025 um 18:43
      Zahlreiche Studien haben bewiesen, dass die neue Liturgie schwerwiegende Mängel aufweist. Sie meinen, die neue Liturgie kann durchaus ordentlich gefeiert werden. Ich meine, dass das so gut wie nirgendwo gemacht wird. Stefan Heid hat in "Altar und Kirche" gezeigt, dass man NIE zum Volk hin die Messe gefeiert hat. Viele Rubriken in der neuen Liturgie verschleiern die Realpräsenz. Fehlende Kniebeugen, dann die Handkommunion. Ich persönlich pflichte der Priesterbruderschaft St Pius X bei, wenn sie sagt, dass die neue Liturgie kein katholischer Gottesdienst ist. Das ist bestenfalls ein ökumenisch-evangelischer Mischmasch. Tut mir Leid. Einfach zu behaupten, "Sie kann durchaus ordentlich gefeiert werden" ist einfach eine Behauptung, die der Realität nicht standhält. Siehe Novus Ordo Queer Messen etc.
  • user
    Martin Meier-Schnüriger 08.11.2025 um 13:01
    Sie sagen es selbst: Die Zentralisierung war eine Verteidigungsstrategie. Schaut man sich heute im deutschsprachigen Raum um, lässt sich ein Föderalismus in kirchlichen Angelegenheiten leider nicht verwirklichen, denn die Einheit in der Wahrheit, von der Sie sprechen, ist verloren gegangen. Was z.B. der so genannte "Synodale Weg" in Deutschland will, ist nichts anderes als eine völlig anders geartete Kirche, in der es keine verbindliche Wahrheit mehr gibt, sondern der Relativismus herrscht. Natürlich braucht Rom nicht jedes kleinste Detail zu regeln, aber in den entscheidenden Dingen, wie etwa in der Liturgie und in der Glaubenslehre, ist es gut beraten, die Einheit einzufordern und notfalls auch durchzusetzen.
    • user
      Joseph Laurentin 09.11.2025 um 10:53
      Sie schreiben, in der Liturgie müsse Rom Einheit einfordern. Ja, die Priester sollen sich selbstverständlich an die gültigen liturgischen Vorgaben halten – an die Texte und den ehrfürchtigen Vollzug der Messe. Aber: Einheit darf nicht bedeuten, dass nur der Novus Ordo als einzig legitime Form gelten soll. Die Einheit der Kirche gründet im Glauben, nicht in liturgischer Uniformität. In der vorpianischen Zeit bestand eine reiche Vielfalt: Neben dem römischen Ritus gab es den ambrosianischen in Mailand, den mozarabischen in Toledo, den gallikanischen in Frankreich und zahlreiche monastische Riten wie bei den Karthäusern oder Dominikanern. Diese Vielfalt war kein Zeichen der Zersplitterung, sondern Ausdruck einer lebendigen katholischen Weite. Schon Pius V. erlaubte nach Trient (1570) alle älteren Riten weiter, solange sie denselben Glauben ausdrückten. Erst seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil erleben wir eine neue Engstirnigkeit. Mit der Liturgiereform wurde der Novus Ordo Missae eingeführt. Ironischerweise führte diese Reform, die angeblich „Vielfalt und Teilhabe“ fördern wollte, zu einer faktischen Vereinheitlichung, weil fast überall nur noch der neue Ritus zugelassen wurde – während ältere Formen stark eingeschränkt oder verboten wurden.
      • user
        Nina Wagner 09.11.2025 um 19:50
        Vielen Dank für diese Beiträge.

        Übrigens, Bernhard Botte und Louis Bouyer haben das "2. Hochgebet" des Novus Ordo an einem Nachmittag in Trastevere in Rom erfunden und zusammen geschrieben. Es hat keine echte Tradition. Sie haben einfach in einem Restaurant sich etwas einfallen lassen. Und das soll jetzt verbindlich sein.

        Mehr Subsidiarität ist eine gute Idee. Summorum Pontificum hat dem Priester selbst das Recht eingestanden, von seiner Weihevollmacht Gebrauch zu machen.